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22.10.14Leser-Kommentare

Gelangweilt trotz Smartphones: Keine Panik, die Wiederentdeckung der Ruhe kommt ganz von alleine

Während Aussteiger die rar gewordene Langeweile als seltenes Gut preisen und Medienjunkies die Dauerbeschallung durch Smartphones beklagen, ließe sich beiden Lagern auch schlicht zu mehr Geduld raten: Einfach abwarten, die Ruhe kommt ganz von selbst.

Alleinsein muss nicht schrecklich sein. Alleinsein muss nicht schrecklich sein.

In meinem letzten Urlaub verbrachte ich zwei Nächte in einem Kloster. Ich würde nun gerne erzählen, dass ich dort zu Gott oder innerer Ruhe gefunden hätte. Dem war aber leider nicht so.

Vielleicht lag es schlicht daran, dass das Kloster sich mehr als Touristenherberge verstand. Es hing kein Kreuz über meiner Zimmertür, keine Bibel befand sich in der Nachttischschublade. An der Rezeption bot man mir eine WLAN-Flatrate für 4 Euro am Tag an. Im Erdgeschoss lockte ein fantastisches Restaurant Menschen von nah und fern mit regionalen Spezialitäten zu erschwinglichen Preisen und ließ auch abends keine echte Einsamkeit aufkommen. Der einzige Mönch, den ich dort tatsächlich antraf, war im Café der Klosteranlage gerade an der dreigruppigen Espressomaschine damit beschäftigt, dem Mann vor mir in der Schlange seinen Vanilla Latte mit aufgeschäumter Sojamilch zu kredenzen. Nichts vermisst und nichts verpasst

Kurz: Es war nicht das Kloster, das man sich ausmalt, wenn man nach innerer Einkehr sucht. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass es in einer wunderschönen, ruhigen Berglandschaft gelegen war, in der ich schon deswegen lieber wandern als ins Internet gehen wollte. Vielleicht haben auch der schlechte Empfang und die teure WLAN-Flatrate zu meiner Entscheidung beigetragen. Aber ich entschloss mich schließlich, 48 Stunden lang offline zu gehen und statt dessen die Natur zu genießen.

Und zwei Erkenntnisse gewann ich daraus dann doch: Zum einen vergingen diese 48 Stunden wie im Fluge und selbst für einen Internet- und Smartphone-Junkie wie mich ohne größere Entzugserscheinungen. Zum anderen, und das finde ich viel interessanter, stellte ich nach diesen zwei Tagen erstaunt fest: Ich hatte nichts verpasst. Nichts, nichts, nichts, nichts, nichts. Auf Facebook hatten die gleichen selbstverliebten Leute über ihren langweiligen Alltag schwadroniert und um Likes gebettelt. In der Technikwelt war mal wieder ein neues, noch größeres Smartphone erschienen. In den Krisenherden der Welt herrschte immer noch Mord und Totschlag, und niemand, der etwas dagegen hätte unternehmen können, tat es. Auf WhatsApp schickte man sich in den Gruppen, in die ich hinein geraten war, lustige Bilder und Videos hin und her. Und diverse Medien berichteten darüber, dass meine Landsleute immer noch zu wenig internetaffin seien und in Rückstand zu internetaffineren Ländern geraten könnten, passte man nicht auf. Du lieber Himmel!

Wir dachten, das hätten wir hinter uns

Im Alltag interessiere ich mich auch für diese Themen, bin von Berufs Wegen sogar dazu angehalten, darüber zu berichten. Aber in diesem Moment war mir zum ersten Mal so richtig langweilig, obwohl ich ein Smartphone dabei und im Prinzip genug zu lesen hatte.

Urlaub im Kloster: Nicht so ruhig, wie es scheint Urlaub im Kloster: Nicht so ruhig, wie es scheint

Genau das sollte eigentlich nicht mehr vorkommen, seit die mobile Revolution die Langeweile offiziell getötet hat. Smartphone, Phablet oder Tablet für unterwegs haben dafür zu sorgen, dass wir immer mit unseren Freunden kommunizieren können, dass wir stets frische Nachrichten erhalten, dass wir mit Spielen und dem Neuesten aus sozialen Netzwerken unterhalten werden. Wenn aber alle Spiele gespielt sind, die Freunde nichts mehr zu erzählen haben und in der Welt nichts Neues mehr passiert, dann. Ja, was dann?

Freisein ohne Smartphone?

Dann würden Kulturpessimisten dazu raten, das Smartphone feierlich zu entsorgen und endlich wieder frei zu sein. Nichts tun und durch Langeweile wieder zu Kreativität finden. Dazu riet etwa Christina Eickhorn in einem Blogbeitrag vor einigen Jahren. In einer eigens aufgelegten Broschüre "Die Wiederentdeckung der Langeweile" rät die Evangelische Gesellschaft Stuttgart (eva) zu dem Experiment, eine Woche lang auf Medien zu verzichten. Statt dessen wird dem Nachwuchs dazu geraten, zum Beispiel ein Buch zu lesen oder zu malen. Aber ist das nicht auch irgendwie Medienkonsum, nur auf nichtelektronischer Art? Und sind das nicht auch bloß alternative Langeweile-Killer?

Zurück in Arbeitswelt und Alltag versuchte ich ein Wochenende lang, mein Smartphone zu Hause zu lassen – und sah mich am Ende mit Problemen konfrontiert. Freunde beschwerten sich, dass sie mich per WhatsApp nicht erreichen konnten. Ich interessierte mich für die neuesten Fußballergebnisse, war aber nicht in der Lage sie abzurufen. Dinge unterwegs nicht googeln zu können, für die ich mich spontan interessierte, schien mir auch keine Bereicherung zu sein. Und schlussendlich (ja auch das ist möglich) geriet ich in eine Gesellschaft, in der jeder nur mit seinem Smartphone herumspielte, ich deswegen niemanden zum Reden hatte – und mich schrecklich langweilte. Und aus der Erfahrung heraus kann ich mit Fug und Recht behaupten: Nein, Langeweile ist auch heute noch kein erstrebenswerter Zustand.

Schlimmer als Langeweile selbst: die Angst davor

Doch für noch schlimmer, als hin und wieder mit seinen Gedanken ganz alleine zu sein, halte ich ein Phänomen, das seit einigen Jahren grassiert, seit Smartphones überall Einzug gehalten haben: die Angst vor der Langeweile. Seit wir im Prinzip alle Möglichkeiten haben, die elendige Langeweile zu vertreiben, haben wir praktisch auch kein Recht mehr darauf, eine Sekunde lang einmal nichts zu tun. Wir haben panische Angst davor, dass uns langweilig werden oder wir für langweilig gehalten werden könnten. Deswegen unternehmen wir alles, damit es nicht dazu kommt.

Die Auswirkungen sind bekannt: Wer Wem langweilig ist, der zückt das Smartphone meist auch ganz unverhohlen in einer Gruppe, die ihm auf den ersten Blick langweilig erscheint. Oft genug unternimmt man dabei gar nicht mehr erst den Versuch, etwas daran zu ändern. Das Smartphone ist ja der beste Freund und immer da. Selbst bei Sportveranstaltungen im Amateur- oder Profibereich sind Zuschauer zu beobachten, die sich mehr auf ihr Mobiltelefon als das Spiel ihres Vereins oder ihrer Mitspieler konzentrieren. Besonders kollegial ist das nicht. Einige Fanverbände sind deswegen gegen eine Versorgung ihrer Fußballstadien mit WLAN. Die Leute, so ihre Meinung, sollten sich lieber wieder auf das eigentliche Geschehen konzentrieren.

Langeweile macht uns redselig

Ich behaupte aber aus der oben genannten Erfahrung heraus: Das wird sowieso passieren. Wenn uns das Smartphone zu langweilig wird, dann interessieren wir uns wieder für das, was um uns herum geschieht. Das dürfte eben dieses Basketballspiel sein, das wir gerade noch mit dem Smartphone aufnehmen und an unsere sozialen Netze schicken wollten, bis wir uns fragen: warum und für wen eigentlich? Und es dürften eben diese Personen sein, mit denen wir für einen Abend, ein Wochenende oder ein paar Stunden zusammengewürfelt wurden. Wenn wir nicht wissen, was wir sagen wollen, dann haben wir entweder die Möglichkeit uns zu verkriechen und früh nach Hause zu gehen oder wieder mit Menschen zu reden. Wenn wir nicht wissen, wie das gehen soll, dann werden praktisch veranlagte Menschen sich eher nach Gesprächstechniken umsehen, als gar nichts mehr zu sagen. Vielleicht sogar im Notfall unterwegs mit dem Smartphone und der Hilfe von Google.

Denn unseren mobilen Begleiter für immer wegzulegen, halte ich für den falschen Weg. Wir sollten lernen, mit dem Smartphone zu leben ohne uns dahinter zu verstecken. Aber wie ich mich selbst und meine Mitmenschen so kenne, würde ich da sagen: Keine Eile, das wird so oder so passieren, wenn uns mit unseren Smartphones erst einmal langweilig wird. Und um das zu erkennen – lohnt sich vielleicht doch mal ein Besuch im Kloster-Café mit einem schmackhaften Vanilla Latte.

Kommentare

  • Michael

    22.10.14 (08:25:23)

    Word, der ganze Twitter- und anderer Netzwerk"dreck" war nur deswegen relativ lange interessant, weil ziemlich neu. Mittlerweile nervt mich der ganze Informations- und Kommunikationsüberfluss zunehmend, der ja großteils nur Geschwätz ist und ich konzentriere mich wieder auf eigentliche Dinge und Ziele, die mich interessieren und gucke nur noch sporadisch drauf. Wegschmeißen tue ich deswegen auch Twitter nicht, man guckt halt nur noch gelegentlich mal drauf, es ist kein Muß mehr. Wohl eine Sache der Gewöhnung an den Informations- und Kommunikationsüberfluss, der mehr Masse (Quantität) als Substanz hat.

  • Andreas

    22.10.14 (10:16:15)

    Bleibt die Frage: Wo war dieses Kloster?

  • Carsten

    22.10.14 (12:02:11)

    @Andreas: Wo ist dieses Kloster? Den Bildern zufolge ist es das Santuari de Santa Maria de Lluc auf Mallorca: –> http://de.wikipedia.org/wiki/Santuari_de_Lluc

  • Jürgen Vielmeier

    22.10.14 (12:29:46)

    Ja, ist Lluc.

  • Carsten

    22.10.14 (12:35:05)

    @Andreas: Wenn Du zusätzlich Jürgens Twitteraccount (@leidartikel) bei geosocialfootprint.com auf seine mit Geo-Informationen bestückten und hinterlassenen Tweets scannst, siehst Du zusätzlich, dass er sich in besagtem Kloster auf Mallorca am 28. Sept. 2014 gegen 18:32 Uhr Ortszeit mit dem Hashtag #rtl zur TV-Premiere von Marvel’s “The Avengers” geäußert hat. ;)

  • Jutta

    22.10.14 (12:35:26)

    Wo ist das Kloster???

  • Jürgen Vielmeier

    22.10.14 (12:41:05)

    Das Netz weiß alles über mich. ;) Stimmt allerdings nicht so ganz: The Avengers habe ich 1-2 Tage vor dem Klosteraufenthalt in einem Hotel am Strand gesehen. Im Kloster war ich wirklich nicht nur offline, sondern habe auch kein TV oder sonstige Medien konsumiert. Ehrenwort.

  • Carsten

    22.10.14 (12:55:57)

    @Jürgen: Sehr löblich! :)

  • Carsten

    22.10.14 (14:44:16)

    @Jutta: Siehe meine Antwort (3) im Thread.

  • Janix

    01.11.14 (09:47:51)

    Ich bin schon so entspannt, dass ich meine Newsletter jeweils am Stück lese und das hier erst jetzt sehe. :) 4 Euro pro Tag ist jetzt aber kein Wucher, das dürfte das dortige Bier wohl auch gekostet haben, oder? Und mehr als zwei Tage offline ist doch auch immer noch machbar. ... Vielleicht bin ich jetzt aber auch beeinflusst von einem frisch gelesenen Geschenkbuch, worin mir "100 Dinge, die Du tun kannst, statt aufs Handy zu starren" oder so ähnlich aufgelistet wurden. :)

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