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26.03.14

Gegenrede: Warum lineares Fernsehen sterben wird

Befürworter des linearen Fernsehens verteidigen eigentlich nicht das einem festen Zeitplan folgende TV-Programm an sich, sondern die hohe Bequemlichkeit und den Entspannungsfaktor des Konsums. Sobald On-Demand-Dienste in diesen Punkten gleichziehen, ist das Ende des linearen Fernsehens besiegelt.

Fernsehen

"Das lineare Fernsehen wird sich verändern, aber sterben wird es nie", so die Prognose meines Kollegen Jürgen Vielmeier. Ich widerspreche ihm. Ich bin überzeugt davon, dass lineares Fernsehen innerhalb der nächsten zehn Jahre komplett verschwinden wird.

Jürgen macht seine Aussage an persönlichen Erfahrungen mit On-Demand-Services fest, bei denen ihm schnell die Ideen für anzuschauende Sendungen ausgingen. Zudem fehle ihm das Massengefühl, das entsteht, wenn Millionen gleichzeitig das Selbe gucken. Auch würden ihm lineare Fernsehsender dabei helfen, Trends zu entdecken und auf Themenbereiche zu stoßen, die er sonst nicht mitbekommen hätte. Das sind alles valide Gründe. Ich bin aber der Meinung, dass diese Eigenschaften auch ohne lineares TV Bestand behalten können. Meiner Ansicht nach liegt der Irrtum der Anhänger von linearem Fernsehen darin, die Vorteile des Live-TVs mit dem Medium, das diese Vorteile aktuell befriedigt, gleichzusetzen. Was ich damit meine, wird am besten an einem Gedankenspiel deutlich, welches ich gerne ins Feld führe, wenn es um die Frage technologischer Evolution geht: Wie würden wir Fernsehen konzipieren, wenn dies bis heute nicht existiert hätte und wir es jetzt erfinden müssten?!

Ich bin überzeugt davon, dass niemand mit dem Vorschlag Gehör fände, ein von einer Redaktion erstelltes lineares Einheitsprogramm zu entwickeln, das Millionen Menschen vorgesetzt wird und persönlichen Präferenzen, Interessen und Terminpläne ignoriert. Stattdessen würde die Maßgabe eher sein, dass Individuen mit geringstem Aufwand die Inhalte zu sehen bekommen, die sie zu einem spezifischen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort am ehesten interessieren. Eine Art Programm, das die Gedanken und Stimmungslagen der Nutzer lesen und ihnen ihre Wünsche sozusagen von den Lippen ablesen kann. Ein Angebot, das zwar aktiv auf die On-Demand-Anweisungen hört, aber gleichzeitig auch ein müheloses, stimulierendes "Lean-Back"-Erlebnis bietet.

Wenn regelmäßige TV-Konsumenten das klassische Fernsehen verteidigen, dann verteidigen sie eigentlich den hohen Bequemlichkeitsfaktor des minimale mentale Kosten beinhaltenden Zappens und Sich-Berieseln-Lassens, nicht das an einen festen Zeitplan gebundene "One-Size-Fits-All"-Programm der Sender. Viele Leute wollen sich nach einem anstrengenden Tag einfach nur noch aufs Sofa fallen lassen, den Power-Knopf der Mattscheibe betätigen und maximal nur noch so viel Muskel- und Gehirnkraft investieren, wie notwendig ist, um auf der Fernbedienung die Sender zu wechseln.

Aktuell erfüllt das lineare Fernsehen dieses Bedürfnis noch am besten. Doch für mich besteht kein Zweifel daran, dass die Qualität der Personalisierung sowie die Vereinfachung der Benutzeroberfläche von On-Demand-Angeboten in den nächsten Jahren derartig weit voranschreitet, dass diese in puncto Lean-Back-Erlebnis ARD, RTL und ProSieben in nichts mehr nachstehen werden. Es ist auch vorstellbar, dass Netflix, Watchever , Maxdome (zu ProSiebenSat1. gehörend) und Co gewisse Aspekte des linearen Fernsehens simulieren werden, etwa an TV-Sender erinnernde Kanäle anbieten, deren Inhalte dann jedoch im Laufe der Zeit aus den Präferenzen der Nutzer lernen und gelegentlich bei diesen nachfragen, ob sie anstelle von Inhalt X lieber in Programm Y reinschnuppern möchten. Und natürlich werden auch Live-Events irgendwann bei Webservices Einzug halten. Alles andere wäre eine große Überraschung. Ich würde mich zudem nicht wundern, wenn die Medienkonzerne der TV-Landschaft nicht ihrerseits an digitalen Hybriden aus linearem und On-Demand-Programm tüfteln. Mit Blick auf den neuen internetbasierten Wettbewerb wären sie dumm, einen solchen Schritt nicht zu gehen.

Lineares Fernsehen, das individuelle Lebenssituationen und Ansprüche der Zuschauer ignoriert, ist ein veraltetes Konzept, das nur deshalb noch keinen signifikanten Niedergang erleben musste, weil der von Menschen hochgeschätzte Zurücklehnen-und-Füße-hoch-Faktor bislang von keinem Online-Rivalen vollständig nachgebildet werden konnte. In einer nicht mehr allzu fernen Zukunft aber wird es möglich sein, auf der Couch Platz zu nehmen und mit zwei oder drei Gesten (oder ausgesprochenen Worten) ein hochpersonalisiertes, zeitplanunabhängiges Vollprogramm abzurufen, das Zuschauer bestens kennt und auch ohne explizite Instruktionen ihrerseits in der Lage ist, ihnen die Bewegtbildinhalte zu servieren, die sie sich gerade wünschen.

Mit anderen Worten: Ja, das lineare Fernsehen wird sich verändern. Und zwar so sehr, dass das "linear" ganz aus dem Begriff gestrichen werden muss. /mw

(Foto: Watching TV, Shutterstock)

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