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26.03.14Leser-Kommentare

Gegenrede: Warum lineares Fernsehen sterben wird

Befürworter des linearen Fernsehens verteidigen eigentlich nicht das einem festen Zeitplan folgende TV-Programm an sich, sondern die hohe Bequemlichkeit und den Entspannungsfaktor des Konsums. Sobald On-Demand-Dienste in diesen Punkten gleichziehen, ist das Ende des linearen Fernsehens besiegelt.

Fernsehen

"Das lineare Fernsehen wird sich verändern, aber sterben wird es nie", so die Prognose meines Kollegen Jürgen Vielmeier. Ich widerspreche ihm. Ich bin überzeugt davon, dass lineares Fernsehen innerhalb der nächsten zehn Jahre komplett verschwinden wird.

Jürgen macht seine Aussage an persönlichen Erfahrungen mit On-Demand-Services fest, bei denen ihm schnell die Ideen für anzuschauende Sendungen ausgingen. Zudem fehle ihm das Massengefühl, das entsteht, wenn Millionen gleichzeitig das Selbe gucken. Auch würden ihm lineare Fernsehsender dabei helfen, Trends zu entdecken und auf Themenbereiche zu stoßen, die er sonst nicht mitbekommen hätte. Das sind alles valide Gründe. Ich bin aber der Meinung, dass diese Eigenschaften auch ohne lineares TV Bestand behalten können. Meiner Ansicht nach liegt der Irrtum der Anhänger von linearem Fernsehen darin, die Vorteile des Live-TVs mit dem Medium, das diese Vorteile aktuell befriedigt, gleichzusetzen. Was ich damit meine, wird am besten an einem Gedankenspiel deutlich, welches ich gerne ins Feld führe, wenn es um die Frage technologischer Evolution geht: Wie würden wir Fernsehen konzipieren, wenn dies bis heute nicht existiert hätte und wir es jetzt erfinden müssten?!

Ich bin überzeugt davon, dass niemand mit dem Vorschlag Gehör fände, ein von einer Redaktion erstelltes lineares Einheitsprogramm zu entwickeln, das Millionen Menschen vorgesetzt wird und persönlichen Präferenzen, Interessen und Terminpläne ignoriert. Stattdessen würde die Maßgabe eher sein, dass Individuen mit geringstem Aufwand die Inhalte zu sehen bekommen, die sie zu einem spezifischen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort am ehesten interessieren. Eine Art Programm, das die Gedanken und Stimmungslagen der Nutzer lesen und ihnen ihre Wünsche sozusagen von den Lippen ablesen kann. Ein Angebot, das zwar aktiv auf die On-Demand-Anweisungen hört, aber gleichzeitig auch ein müheloses, stimulierendes "Lean-Back"-Erlebnis bietet.

Wenn regelmäßige TV-Konsumenten das klassische Fernsehen verteidigen, dann verteidigen sie eigentlich den hohen Bequemlichkeitsfaktor des minimale mentale Kosten beinhaltenden Zappens und Sich-Berieseln-Lassens, nicht das an einen festen Zeitplan gebundene "One-Size-Fits-All"-Programm der Sender. Viele Leute wollen sich nach einem anstrengenden Tag einfach nur noch aufs Sofa fallen lassen, den Power-Knopf der Mattscheibe betätigen und maximal nur noch so viel Muskel- und Gehirnkraft investieren, wie notwendig ist, um auf der Fernbedienung die Sender zu wechseln.

Aktuell erfüllt das lineare Fernsehen dieses Bedürfnis noch am besten. Doch für mich besteht kein Zweifel daran, dass die Qualität der Personalisierung sowie die Vereinfachung der Benutzeroberfläche von On-Demand-Angeboten in den nächsten Jahren derartig weit voranschreitet, dass diese in puncto Lean-Back-Erlebnis ARD, RTL und ProSieben in nichts mehr nachstehen werden. Es ist auch vorstellbar, dass Netflix, Watchever, Maxdome (zu ProSiebenSat1. gehörend) und Co gewisse Aspekte des linearen Fernsehens simulieren werden, etwa an TV-Sender erinnernde Kanäle anbieten, deren Inhalte dann jedoch im Laufe der Zeit aus den Präferenzen der Nutzer lernen und gelegentlich bei diesen nachfragen, ob sie anstelle von Inhalt X lieber in Programm Y reinschnuppern möchten. Und natürlich werden auch Live-Events irgendwann bei Webservices Einzug halten. Alles andere wäre eine große Überraschung. Ich würde mich zudem nicht wundern, wenn die Medienkonzerne der TV-Landschaft nicht ihrerseits an digitalen Hybriden aus linearem und On-Demand-Programm tüfteln. Mit Blick auf den neuen internetbasierten Wettbewerb wären sie dumm, einen solchen Schritt nicht zu gehen.

Lineares Fernsehen, das individuelle Lebenssituationen und Ansprüche der Zuschauer ignoriert, ist ein veraltetes Konzept, das nur deshalb noch keinen signifikanten Niedergang erleben musste, weil der von Menschen hochgeschätzte Zurücklehnen-und-Füße-hoch-Faktor bislang von keinem Online-Rivalen vollständig nachgebildet werden konnte. In einer nicht mehr allzu fernen Zukunft aber wird es möglich sein, auf der Couch Platz zu nehmen und mit zwei oder drei Gesten (oder ausgesprochenen Worten) ein hochpersonalisiertes, zeitplanunabhängiges Vollprogramm abzurufen, das Zuschauer bestens kennt und auch ohne explizite Instruktionen ihrerseits in der Lage ist, ihnen die Bewegtbildinhalte zu servieren, die sie sich gerade wünschen.

Mit anderen Worten: Ja, das lineare Fernsehen wird sich verändern. Und zwar so sehr, dass das "linear" ganz aus dem Begriff gestrichen werden muss. /mw

(Foto: Watching TV, Shutterstock)

Kommentare

  • Thomas Landgraeber

    26.03.14 (11:50:38)

    Ich arbeite seit 34 Jahren in der Film- und TV-Produktion. Der Artikel stellt vieles richtig dar. Der TV-Konsum wird sich drastisch verändern, keine Frage, doch das "lineare Fernsehen" wird in den nächsten 10 Jahren mit Sicherheit NICHT verschwinden. Aller Voraussicht nach wird es uns sogar noch mindestens 30-40 Jahre erhalten bleiben. Allerdings wird es sich stark verändern und auf seine Vorteile konzentrieren müssen, um als Massenmedium neben den in Zukunft noch zahlreicher werdenden Darreichungsformen zu bestehen. Just my 2c.

  • Sven

    26.03.14 (14:24:27)

    Wenn ich mir den aktuellen Medienkonsum der U20er in meinem Umfeld anschaue, stelle ich fest, dass das Fernsehen für sie eine Art Fremdwort geworden ist. Wenn diese jungen Leute in ihre erste eigene Wohnung ziehen, dann interessiert es sie nicht ob und welcher Fernsehanschluss dort verfügbar ist. Warum auch? Alle für sie relevanten Sendungen, Filme usw... sind im Internet zu finden. Dabei spielt es keine Rolle ob legal oder illegal. Das ist die erste Generation, die komplett ohne Fernsehen in seiner klassischen Form lebt. Sie haben es nie gebraucht und sie werden es auch nicht brauchen. Mittelfristig muss sich das Fernsehen verändern. Langfristig hat es ausgedient.

  • Johannes Mirus

    26.03.14 (16:07:35)

    Absolut richtig. Wir können uns über den Zeitrahmen unterhalten (zehn Jahre sind schnell vergangen), aber die grundsätzliche Richtung der Entwicklung ist deutlich sichtbar. Es gibt sogar Beweise, dass es nicht am Medium liegt, wenn Massen erreicht werden. Das eine Beispiel sind die zahlreichen amerikanischen Serien, über die man sich mit seinen Freunden austauscht, obwohl sie noch gar nicht im deutschen Fernsehen liefen. Breaking Bad oder How I Met Your Mother waren bereits Hits, als sie noch nicht synchronisiert vorlagen. Das andere Beispiel ist der Baumgartner-Sprung. Zur gleichen Zeit versammelte sich ein Millionenpublikum vor den Bildschirmen – vor den Bildschirmen ihrer Computer, auf denen YouTube lief. Massen zur gleichen Zeit ohne Fernsehen erreichen? Kein Problem, wenn man es richtig anstellt. Es ist also keine theoretische Frage mehr, wie das lineare, gerätegebundene Fernsehen ausstirbt, denn der Prozess ist schon längst im Gange.

  • Jürgen Vielmeier

    26.03.14 (16:25:52)

    Komplettes Verschwinden binnen zehn Jahren?!? Die Wette gilt! :)

  • Struppi

    26.03.14 (21:03:58)

    Wo sind denn die zahlreichen Dokumentationen? Die politischen Magazine? aktuelle Satire oder Shows im Internet? Ich käme nicht auf die Idee das Fernseh durch das Internet ersetzen zu wollen, weil es die Angebote dort gar nicht gibt. Und ja, ich liebe Fernseh weil es linear ist, ich also nicht entscheiden muss was ich jetzt schauen will, sondern ich aus einer kleinen Auswahl (ca. 10 Sender) an Angeboten schnell auswählen kann. Und im zweifelsfall mache ich es aus, ich benötige keine dauerhafte Berieselung. Internet Angeboten haben nur einen kurzen Reiz, es sei denn man schaut nicht anderes als Serien und Blockbuster, für alle anderen gibt es dort nicht genug Angebote.

  • René Fischer

    26.03.14 (22:33:21)

    Gut das du diesen Artikel veröffentlicht hast. Ich habe mich mit meinem Kommentar auf Jürgens Artikel bisher zurückgehalten. Aber im Grunde wäre das meine Antwort gewesen. Aktuell fehlt es aber noch an einem einheitlichen Weg die diversen Streams auf den Hauptbildschirm zu beamen. Und damit meine ich vor allem Lösungen die von den Herstellern der Fernsehgeräte standardmäßig enthalten sind, um eine größtmögliche Verbreitung zu erzielen. Dabei sollten sie natürlich auch einfach zu bedienen sein. Erst wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, wird die Akzeptanz jenseits von technisch interessierten Personen zunehmen und die Fernssehsender werden abseits von den Mediatheken anfangen erste echte Erfahrungen mit indivduellem Content zu machen. Ob das in 10 Jahren zu schaffen ist, sehe ich aufgrund der derzeit nicht erkennbaren Lösung zur Schaffung der Grundvoraussetzungen skeptisch.

  • René Fischer

    26.03.14 (22:34:02)

    Schon mal in eine Mediathek geschaut?

  • Christoph

    26.03.14 (23:12:29)

    Der Trend geht sicher in die Richtung aber 10 Jahre ist echt ne sportliche Timeline. Bei Mediennutzung macht es Sinn, in Alterskohorten zu denken: 1984 haben 71% der 14-19 Jährigen Zeitung gelesen. Diese Leute sind heute 44-49 und in dieser Kohorte liegt der Anteil der Zeitungsleser heute auf einem ähnlichen Niveau.. Es stimmt zwar, dass viele junge Leute heute nicht mehr klassisch linear TV schauen. Der Großteil der TV-Nutzung findet aber im älteren Segment statt. Und in diesem Segment werden alte Gewohnheiten so leicht nicht abgelegt (was man zum Beispiel daran sehen kann, dass ein Großteil der Smart-TVs, die verkauft werden, gar nicht ans Internet angeschlossen werden).

  • Struppi

    27.03.14 (08:41:02)

    Natürlich, aber da muss ich suchen und wissen was ich suche. Ausserdem bieten auch nicht alle Programme Mediatheken. Zudem sind die Mediatheken auch nur die Abbildung des hier totgesagten linearen Fernseh.

  • Netz-TV

    27.03.14 (08:41:40)

    Ja! Unterschreib! :-) Der Hauptpunkt ist doch wirklich das lineares TV praktisch "zu Ende" entwickelt ist während das nichtlineare TV noch gar nicht wirklich begonnen hat. Da muss noch viel Infrastruktur von Breitband bis Prozessor auf neue Leistungsebenen wachsen. Aber technisch ist doch jetzt schon absehbar dass nichtlinear alle Vorteile des linearen TV auch bieten kann, sogar besser und das als eines von vielen Features.

  • Jürgen Vielmeier

    27.03.14 (08:59:56)

    Zu Ende entwickelt? Was bitte siehtst du da im Nachmittagsprogramm von RTL und ZDF zu Ende entwickelt? :) Da ist noch extrem viel Luft nach oben. Stell dir einen Sender mit richtig guten Dokus, TV-Serien, Spielfilmen, Shows, Nachrichten vor und ich sage dir: Das wird auch in 10 Jahren noch ankommen.

  • Tim Augustin

    27.03.14 (09:40:11)

    Ich muss ja schon aus Prinzip dagegen sein :-) - aber, Spaß beiseite - Martin führt viele Punkte auf, die für das Ende des linearen Fernsehens sprechen. Am Ende wird es wohl ein Mittelweg sein - und bei 10 Jahren wird es auch nicht bleiben, für die Diskussion noch zwei Gedanken: - Bei der Rezeptionssituation dürfen wir nicht vergessen, dass Video-on-Demand Angebote und ihre nicht wegzudiskutierenden Vorteile auf individuell ermittelten Empfehlungen beruhen. Je nach Familiensituation ist der Bewegtbildkonsum aber eine Gemeinschaftsentscheidung und als solche mal mehr und mal weniger ein Kompromiss. Da ist die Suche im relevant Set der Fernsehsender aktuell noch wesentlich einfacher. - Punkt 2: Der Geiz :-) Ich glaube nicht daran, dass das deutsche Publikum, jahrelang daran gewöhnt, mehr oder weniger kostenfrei Bewegtbildinhalte zu konsumieren, nun fröhlich lächelnd mehrere Video on Demand Angebote abschließt, die sich im Programmangebot rudimentär unterscheiden. Meine These hier: das Medienbudget der Haushalte ist endlich und Video on Demand räubert meiner Meinung nach viel mehr im stationären Videoverleih und dürfte in absehbarer Zeit auch die Zahlen der verkauften DVDs, BlueRays etc. drücken.

  • Drucker

    27.03.14 (09:52:56)

    Immer wieder lustig, wenn man aus der eigenen Geek-Sicht die Weltgeschichte hochrechnen will ...

  • Sven

    27.03.14 (10:02:52)

    Die Mediatheken sind aktuell eine Abbildung des linearen Fernsehen aber eben nur aktuell. Schließlich produzieren Netflix, Amazon & Co. schon ihre eigenen (erfolgreichen) Inhalte. Und was das lineare Fernsehen angeht, einfache Berieselung ist auch im Netz möglich. Durch die entsprechenden Algorithmen sogar besser als im "alten" Fernsehen.

  • Netz-TV

    27.03.14 (11:08:31)

    :-) Ich meinte das, was die Nerds "Usability" nennen würden. Lineares TV kann das Programm noch verbessern, ja. Aber so verbessern, dass in der weiten Cloud nicht vieles wartet was spannender ist- nein. Nichtlineares TV kann aber zum Beispiel technisch so verbessert werden, dass es bei Bedarf lineares Fernsehen liefert- zum Beispiel mit durch Algorithmen programmierte individuelle "Kanäle" nach Zuschauerwunsch.

  • Dirk Hansen

    27.03.14 (11:25:18)

    Da wunder sich noch einer, warum die Diskussionen um die Zukunft der Medien immer so gereizt geführt werden. Das liegt auch an dieser seltsamenTodessehnsucht digitaler Propheten. Für die Segnungen der Onlinewelt werben, indem man bisherige Medienangebote ständig für tot erklärt. Klingt weder sympathisch noch zutreffend. So mobilisiert man am besten die Verteidiger von Zeitung, Film, Radio, Fernsehen … Der Grundirrtum liegt hier in der Begriffs-Vergröberung. Natürlich wird sich die technische Umgebung für das kompositorische Ereignis “Fernsehen” ändern. Aber der Streit um technokratische Begriffe wie “linear” oder “non-linear” trägt doch nichts aus. Ich hoffe sehr – gut, schon aus berufsständischem Eigennutz – dass auch künftig noch kompetente Redaktionen über inhaltliche Angebote nachdenken. Und nicht etwa nur noch der Robotplaner, der mich ständig damit konfrontiert, wie er meine Bedürfnisse verstanden zu haben glaubt.

  • Netz-TV

    27.03.14 (11:33:26)

    Keine Panik. Im Gegensatz zu den Zeitungen ist beim TV noch nicht entschieden ob beim Übergang von Linear zu Nonlinear die alten Player sterben. RTL und Prosiebensat1 kaufen sich gerade in jedes grosse YouTube Netzwerk ein, dessen sie habhaft werden können. Während Zeitungsartikel von einem Einzelnen mit wenig technischem Equipment geschrieben werden können ist gutes Fernsehen Teamarbeit von spezialisierten Profis mit teurer Ausstattung. Die sollten eigentlich auch nonlinear vorn sein.

  • Torsten Williamson-Fuchs

    27.03.14 (13:33:31)

    Viele sehen jetzt schon nicht mehr "linear". Ein Beispiel: gestern Abend lief auf ZDF Neo die "Preview" (ts ts) der für Freitagabend programmierten Folge von "Letzte Spur Bln". Doch bereits am Nachmittag war die Folge in der Mediathek abrufbar. Die Pre-Preview sozusagen... allerdings werden vermutlich am Freitagabend erst Millionen (ältere) Mitbürger ihren Krimi sehen. Und ein Hashtag wird insertiert, damit das Stammpublikum twittern kann (ich lache mich kaputt).

  • jan krone

    27.03.14 (14:35:04)

    hallo martin, am ende (nach dem eingehen des tv zugunsten von vod) könnte es sogar so sein, dass "schlaue" geister darauf kommen können, den nutzern von av-inhalten so etwas wie lineares fernsehen anzubieten, weil das publikum (das in summe das fernsehen, linear oder delinear, überwiegend als nebenbeschäftigung, nicht als hauptbeschäftigung betrachtet, es also als "nicht so wichtig" hierarchisiert in seinen sozialen alltag integriert) mehr lebens- oder meinetwegen freizeit in die aktive suche nach der stimmung genehmen programminhalten investieren muss, als man dafür eigentlich verwenden möchte. die hauptnutzungszeit für av-inhalte liegt zwischen dem frühen abend und 22h. zieht man hier suchkosten in höhe von durchschnittlich 20 min ab, kann das schnell zur frustration gedeihen. du beschreibst es ja selber: der vorteil des tv ist die bequemlichkeit und das vermeiden von transaktionskosten, die ein aktives suchverhalten nun einmal beinhaltet. das ist der vorteil passiver mediennutzung. die natur des menschen hinsichtlich seiner kommunikations- und entspannungsbedürfnisse hat der medienwandel nicht verändert. im gegenteil: die digitalisierung der kommunikation orientiert sich viel stärker an den bedürfnissen des menschen. der dramatische blick auf die jungen zielgruppen und deren kommunikations- und mediennutzungsverhalten ist der ausdruck ängstlicher midager, abgehängt zu werden und nicht mehr cool zu sein. auch teens und twens reden nicht so gerne über "uncoole" mediennutzung, was nicht heißt, dass sie sie nicht betreiben. meine erfahrungen mit kohorten von hunderten teens und twens bestätigt eigentlich nur die forschungsergebnisse der KIM-, JIM- und FIM-studien des swr-forschungsdiensten sowie der medienrepertoire-forschung des hans-bredow-instituts (stichworte sozialisation, zugang, lebensphasen, zeitrestriktionen). kinder und jugendliche waren im übrigen noch nie "viel-seher". aus vielen guten gründen. aber immer schon "viel-kommunizier". ich sehe es also eher in graduellen verschiebungen zwischen linearität und delinearität. vod-nutzungszeit nimmt rasch zu. das liegt vor allem am einfachen zugang und der lieferbaren qualität im verhältnis zum gang zur videothek. ich stelle deiner vermutung folgende entgegen: es ist eine frage der (nächsten) zeit, wann vod-player (nicht solche, die bereits lineares tv betreiben) lineare tv-programme anbieten werden. jan

  • Christoph

    27.03.14 (23:30:06)

    ja, z.B. das, was Putpat macht, kommt für den Nutzer ja heute schon so ziemlich wie lineares Musik-TV daher.

  • Martin Weigert

    28.03.14 (02:06:22)

    @ Jan Krone Das sehe ich wie im Artikel beschrieben auch so: "Es ist auch vorstellbar, dass Netflix, Watchever, Maxdome (zu ProSiebenSat1. gehörend) und Co gewisse Aspekte des linearen Fernsehens simulieren werden, etwa an TV-Sender erinnernde Kanäle anbieten, deren Inhalte dann jedoch im Laufe der Zeit aus den Präferenzen der Nutzer lernen und gelegentlich bei diesen nachfragen, ob sie anstelle von Inhalt X lieber in Programm Y reinschnuppern möchten. "

  • Martin Weigert

    28.03.14 (02:08:39)

    Immer wieder lustig, wenn man die Geek-Sicht als Geek-Sicht diskreditiert und es dadurch verpasst, die Zeichen der Zeit zu sehen. Haben wir in den letzten 20 Jahren oft genug erlebt.

  • Struppi

    28.03.14 (08:26:59)

    Wo kann man sich im Internet mit informativen Inhalten berieseln lassen? Das stimmt doch einfach nicht. Von den "erfolgreichen" Inhalten habe ich noch nichts gehört. Aber das ist ja auch nicht das, was ich am Fernseh schätze, dass dort "erfolgreiche" Inhalte gezeigt werden. Ich kann aus den Sendern wie Phoenx, Arte, 3Sat, die dritten, Tagesschau24 mir informative Inhalte aussuchen. Und für diese Sendern gibt es keine "nicht linearen" Angebote. D.h. alle die nicht Mainstream Serien, Filme schauen wollen, fallen in dieser Zukunfsvision raus. Zumal auch nicht jeder eine Superbreitband Anbindung hat - noch so eine Annahme die als Selbstverständlichkeit angenommen wird - ich hab DSL 2000.

  • Michael

    28.03.14 (11:24:36)

    Das lineare Fernsehen wird schon ebensowenig wie das Radio nicht verschwinden, weil es Ereignisse, Livesituationen wie einmalige und regelmäßige Shows, Talks, Diskussionen, Nachrichten, Nachrichtenmagazine wie Tagesthemen zu feststehenden, gemeinsamen Terminen ausstrahlt. Das Social Web wie Twitter bezieht einen großen Reiz aus solcher gemeinsamen zeitgleichen Aufnahme von Fernsehsendungen wie etwa Tatort, Shows, Talks, Events, Sport usw. Das Fernsehen wird noch viel mehr als das Radio weiter als Livemedium bestehen, weil es mit seiner Bildübertragung schlicht Livegeschehen überträgt. Warum sollten Menschen wegen Mediathekenabruf zukünftig auf diesen großen Mehrwert verzichten wollen? Die Unsinnigkeit solcher Prognosen liegt meiner Meinung in der unbedingten, unflexiblen, totalitären, quasi weltbeglückenden, alleinseligmachenden Bewertung neuer Technologien. Neue Technologien ergänzen die alten häufig, aber heben sie nicht in jedem Fall zwangsläufig auf. Das neue Abruffernsehen muß das alte lineare Fernsehen in diesem Fall nicht zwangsläufg ausschließen, sondern wird es ergänzen und seinen Wert erhöhen. Die Verbindung aus linearem und Mediathekenfernsehen stellt wegen des Ereignischarakters von ersterem einen viel höheren Wert dar, als bloße Mediatheken. Nur mit Mediatheken verlöre das Fernsehen seinen Charakter als Ereignismedium und als Übertragungskanal von Ereignissen in Gesellschaft, Politik, Entertainment, Sport.

  • Struppi

    28.03.14 (15:19:03)

    Mir fällt dazu noch ein, dass Anfang der 80'er auch das Ende des TV angebrochen schien. Überall spriesten Videotheken aus dem Boden und für manche war das das Ende des linearen TV (auch wenn man es damals nicht so nannte). Die Crux ist aber, dass viele glauben ihr Verhalten ist das was alle machen. In wirklichkeit ist es aber anders und die Anzahl der Fernsehprogramme explodierte. Ich kann mir kaum einen anderen Konsum vorstellen als "linear". Wenn eine gute Serie einmal die Woche kommt, freue ich mich darauf. Leider werden heute alle Serien abgenudelt bis zum geht nicht mehr und im Internet kriegt man sie auch. Seitdem ist Serien anschauen für mich nicht mehr interessant. Denn ich kann mich nicht mehr darauf freuen. Und so geht es wohl noch vielen Millionen, die Fernseh schauen, um sich überraschen zu lassen. Die Anderen werden die neuen Wege nutzen. Und sicher werden das auch viele machen, wie damals in den Videotheken. Aber Videotheken gibt es kaum noch, das Fernseh immer noch.

  • Martin Weigert

    28.03.14 (16:33:32)

    Ich sehe kein Problem damit, einzelne Live-Ereignisse in ein On-Demand-Angebot zu integrieren. Per Push-Nachricht auf dein Endgerät wirst du bequem darüber informiert, dass in 5 Minuten das Länderspiel beginnt. Ich vermeide außerdem den Begriff "Mediatheken", weil der schnell Assoziationen zum heutigen Stand der technischen Entwicklung mit sich bringt, die dann zu dem Irrtum führen, dass das lineare Fernsehen ja für immer unersetzbar sei, weil die Mediatheken dessen Aufgaben nicht erfüllen können. Ja, heute ist das so. In einigen Jahren aber kann die Sache ganz anders aussehen.

  • Michael

    29.03.14 (11:01:34)

    Es geht ja beim Ereignischarakter des Fernsehens nicht nur um Fussballspiele. Das lineare Fernsehen ist selbst ein ständiges Ereignis, mit vielfältigsten Magazinen, Fimen, internationalen und regionalen Nachrichten, Liveberichterstattungen, Shows usw. eine zentrale Institution der ständigen Widerspiegelung von Ereignissen und damit selbst ein Geschehen, eine "Zentrale" von Ereignissen. Das lineare Fernsehen hat eine eigene Kultur, eigene Kulturatmosphäre von Gewohnheiten bis in das Leben der Menschen hinein geschaffen. Das lineare Fernsehen ist quasi seit Jahrzehnten ein Zentrum der Freizeitbeschäftigung und des Medienkonsums - eine integrierte nacheinander und in einander ablaufende (Medien-) Kultur aus verschiedendsten Ereignissen von Nachrichten, Entertainment, Sport usw., Das lineare Fernsehen ist eine jahrzehntealte Kultur- und Medieninstitution und -Autorität in sich. Seinen Untergang halte ich deswegen für absurd. Hinzu kommt, Onlineabruf von Medieninhalten übers Internet ist wegen dessen Interaktivität bisher nicht der allerstabilste. Da hakt allein im Computer, in den Datenverbindungen und Netzen mal immer wieder was, bis hin zu vereinzelten Ausfällen. Da steht man dann zum Fussballspiel da und hat plötzlich keine stabile Netzverbindung. Soll heißen, das Internet ist für reines Abruffernsehen auch technisch längst noch nicht reif genug, müßte dafür wegen der Explosion an Datenmassen an allgemeinen Kapazitäten quasi zum Supernetz vermehrfacht werden. Das Fernsehen sendet hingegen allein stur und stabil auf einer eigenen hochstabilen Sender-Infrastruktur, robust wie ein Russenpanzer. Es ist deshalb vorerst auch absurd, neben der Kulturinstitution des laufenden Fernsehens diese hochentwickelte, stabile technische Sende/r-Infrastruktur aufzugeben. Wenn ein so zentrales Medium wie das lineare Fernsehen untergehen sollte, dann allenfalls überflüssig wie die abgestoßene vertrocknete Haut einer neuen Pflanze. Diese neue Pflanze ist bisher weder technisch noch kulturell auch nur in Ansätzen, auch nicht in zehn Jahren erkennbar. Wir sprechen uns vielleicht wieder in zehn Jahren.

  • Michael

    29.07.14 (13:15:02)

    Noch ein kleiner Nachtrag dazu: Die weitere Entwicklung des Fernsehens und der Mediatheken ist natürlich relativ ungewiss. Im Moment halte ich sie noch mehr als schon Betriebssysteme immer noch in einem vergleichsweisen Urzeit-Anfangsstadium, was die strukturierte systematische und treffgenaue Organisation und Aufbereitung von Medieninhalten angeht. Gut möglich, dass Mediatheken hierin in einigen Jahren viel besser und zielgenauer sind. Ungezieltes lineares Fernsehen (und Radio) hat nichtsdestotrotz auch weiterhin Vorteile. Wie gesagt den Ereignischarakter einer etablierten Medieninstitution, sowie das der unbeabsichtigten Beeinflussung und Überraschung wie beim Flanieren und Stöbern anderswo aus der Filter-Bubble heraus, auch in Zeitungen oder Onlinenews. Wer sich etwa für Wissens- und Kulturthemen interessiert, braucht sich nur die Bildungssender arte, ARD-alpha, Phoenix, 3sat bei mir noch joiz zum Zappen zusammenlegen, plus sechs öffentlich-rechtliche Digitalkanäle, plus zwei private Nachrichtensender N24 und n-tv plus etliche Regionalsender + Unmengen von Radiosendern und hat damit rund um die Uhr immer Wissensprogramm auf mindestens über zehn Kanälen, auf denen garantiert fast immer irgendwas Interessantes läuft, und sei es nur zur Unterhaltung bei stupiden Beschäftigungen nebenbei.

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