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25.05.09Leser-Kommentare

Gedankenexperimente: Offenheit vs. Kontrolle

Ein Publikationssystem nach Minitel-Art oder offen wie das Internet? Eine globale Enzyklopädie nach Wikipedia- oder Brockhausart? Obwohl die offenen Systeme zu besseren Ergebnissen führen, würden sich viele, wenn vor die Wahl in der Implementierungsphase gestellt, für die geschlosseneren Alternativen entscheiden.

Offen statt geschlossenVor ein paar Tagen hatten wir über die Bestrebungen zu Regulierung und Filterung des Netzes geschrieben und auf die dadurch entstehenden Gefahren des Wirtschaftsraumes Internet verwiesen. Ich schrieb:

Die niedrigen Markteintrittsbarrieren - nie konnte man mit so wenig Kapitaleinsatz so viele potentielle Kunden erreichen - haben die Innovationsschübe im und durch das Internet ermöglicht. Nur weil jeder, egal wie groß oder klein, die gleiche Ausgangslage hat, konnte zum Beispiel Microsoft nicht mit unfairen Mitteln abseits des Marktes die Websuche dominieren. Stattdessen setzte sich das beste Produkt durch.

Hier auch nochmal der Link zu dem lesenswerten Artikel von Cory Doctorow im Guardian zu diesem Thema.

Ebenfalls im Guardian ist vor ein paar Wochen ein Artikel erschienen, der exemplarisch sehr schön aufzeigt, wie wichtig das Offene, das scheinbar Chaotische für den Erfolg des Internets war und ist. Und wie leicht die Vorteile einer offenen Architektur ignoriert werden.

In dem Artikel wird auf zwei Lesungen von James Boyle verwiesen, in denen er zwei sehr interessante Gedankenspiele unternahm:

1. Stell dir vor, du bist in den frühen Neunzigern. Das Potential elektronischer Netzwerke wird mittlerweile einigen klar. Jetzt hat man zwei Möglichkeiten zur flächendeckenden Implementierung: Die erste Variante ist eine Version des französischen Minitel-Systems: von der Regierung kontrollierte Terminals in jeder Wohnung, auf welchen Informationen und Services von ausgesuchten Anbietern erscheinen (Nachrichten von ARD und SPON, Shopping über Quelle und OTTO, etc.).

Die andere Variante ist ein Publikationssystem, in dem jeder ohne vorherige Kontrolle alles veröffentlichen kann.

Die Frage: Für welche Variante hättest du dich entschieden?

2. Die Aufgabe lautet, die erste globale Enzyklopädie der Welt zu erschaffen. Der erste Vorschlag ist, eine große Unternehmung zu erschaffen, welche als erstes einen Herausgeberrat aus den größten Denkern der Welt bestimmt. Anschließend werden erfahrene Redakteure eingestellt, welche um Artikel von respektierten Autoritäten in deren jeweiligen Themengebieten bitten. Die eingereichten Artikel werden rigoros auf Fakten und Vollständigkeit geprüft, bevor sie veröffentlicht werden. Die Publikation wird alle fünf Jahre aktualisiert.

Die Alternative kommt von einem Typ, der vorschlägt: "Wir sollten eine Website online stellen und jeden einladen, dafür zu schreiben."

Wieder die Frage: Für welche Variante hättest du dich entschieden?

 

Ergebnis:

Boyles Punkt ist klar: Die meisten von uns hätten sich für die geschlossenen Systeme, für die Versionen Minitel und Brockhaus entschieden. Die kulturelle Agoraphobie, also die Angst vor einer offenen Gesellschaft, fasst der Guardian-Autor zusammen, führt immer dazu, dass wir die Nachteile durch Offenheit und Fehlen von Kontrolle überbewerten, und die Vorteile von Ordnung und Autorität überschätzen. Und das macht es so schwer, die Vorteile einer vernetzten Welt zu erkennen. Denn ein Mehr an Vernetzung bedeutet immer auch ein Mehr an Offenheit.

Besonders in der deutschen 'Debatte' zu Internetthemen ist besonders auffällig, wie wenige in der Lage sind, die Vor- und Nachteile einer möglichst unregulierten Architektur angemessen zu gewichten. Angesichts der Tatsache, dass die Ergebnisse von Offenheit direkt vor unserer Nase sitzen, ist das bemerkenswert.

Der Artikel im Guardian:

» Control freaks don't get it: the web works best in a free-for-all

(Foto: Matti Mattila; CC-Lizenz)

Kommentare

  • Helge

    25.05.09 (20:41:01)

    Habe versucht, diese Pole in einer Slideshow zu illustrieren: http://www.slideshare.net/muesli/about-lions-and-ants-presentation

  • Cartagena

    25.05.09 (20:53:51)

    Nette Präsentation, Helge :-) Was die beiden Fragen angeht, da würde mich eine Eruierung in verschiedenen Ländern interessieren. Ich glaube, je nach kulturellem Raum würden da durchaus unterschiedliche Ergebnisse rauskommen. Die Deutschen hätten sich mit Sicherheit zu einer großen Mehrheit für die geschlossenen Alternativen entschieden ;-)

  • Jack

    25.05.09 (21:22:18)

    Ich denke hier lässt sich auch ein wenig ein 90-9-1 Modell anbringen. Das geschlossene Modell lässt nur die besten, die 1% rein und Content erstellen mit der Überlegung, man will die 90% raushalten, die Mist machen würden. Das offene Modell lässt alle herein - die 90% machen nach wie vor Mist. Aber beim offenen Modell ist die gebildete Mittelschicht, sind die 9% dabei. Und diese machen meiner Meinung nach den Unterschied, sofern es bei den offenen Modellen einen Kontrollmechanismus gibt, dass sich nicht schlechte Sachen der 90% durchsetzen. Beim Internet wäre der Kontrollmechanismus einfach der Markt, bei Wikipedia die Admins, die Fehler korrigieren. Und wenn es so einen Kontrollmechanismus gibt, ist das offene Modell mit den 1% sehr guten und den 9% guten dem geschlossenen Modell mit nur 1% sehr guten einfach überlegen. Hoffe das war jetzt nicht zu unverständlich gerade... @Helge nette Präsentation, auch I.D. und Evolutionstheorie ist passend! Aber wenn man es konsequent weiterdenken würde wären bei liberalen Marktradikalismus, hmmm.

  • Helge

    25.05.09 (21:31:46)

    @Jack: Zu "konsequent weiterdenken": Ich sehe das nicht als gut:böse-Vergleich, sondern als zwei Modelle, die ineinander übergreifen und beide ihre Vor- und Nachteile haben. (Letztendlich wird niemand in den Zoo gehen, um Löwen ihr hierachisches Organisationsmodell auszureden.) Zweitens darf man das Ameisen- oder Wikipedia-Modell nicht mit dem Fehlen von Regeln verwechseln. Beides, Ameisenstaaten und die Wikipedia-Community, funktionieren nur dank genau festgelegter Regeln.

  • Stefan akak @susuh

    26.05.09 (12:44:35)

    @FredWilson in 42s über den wichtigsten Erfolgsfaktor von Twitter: Offenheit in Form der API: http://www.vimeo.com/4806515 Die Schäfer werden es nie kapieren, brauche es aber auch nicht. Das Markt, das Netz werden schon dafür sorgen.

  • Oliver Springer

    26.05.09 (22:09:40)

    In einem Punkt war Minitel (oder ein Onlinedienst wie CompuServe) immerhin schon weiter: Es gab ein funktionierendes Abrechnungssystem für Bezahlinhalte. Dass Ja, die Offenheit und eine gewisse Regellosigkeit des Internets hat sehr viel bewirkt. Ich denke allerdings, dass es da eine gewisse Inkompatibilität zu den meisten Gesellschaftsordnungen gibt. Je mehr Menschen das Internet nutzen und je mehr es Teil des Lebens der Menschen wird, desto häufiger tritt diese Inkompatibilität zu Tage. Mein Lieblingsbeispiel in diesem Kontext ist der Jugendschutz: Sofern man Minderjährige nicht generell vom normalen, freien Internet aussperrt, muss man Jugendschutz eigentlich als witzlos aufgeben. Kann sich jemand von Euch vorstellen, dass man irgendwo in Europa bereit ist, das zu akzeptieren?

  • Julian Müller

    27.05.09 (02:21:41)

    @jack @oliver Ich finde den Hinweis auf Marktradikalismus hier ganz treffend und habe in den letzten Monaten selbst viel über diesen Zusammenhang nachgedacht. Ich habe nach passenden Vergleichen gesucht, bisher aber nur unzureichende gefunden. Etwa geschlossene APIs als Handelshemmnisse(z.B. Zölle). Ich denke im Übrigen im Prinzip genau das, dass im Internet ein radikaler Liberalismus (was ich sehr begrüße) herrscht, gerade auch weil die Markteintrittsschranken in vielen Bereichen noch gering sind. Und: vielleicht ist der Jugendschutz ja auch absurd. Alle Generationen, die jetzt aufwachsen, wachsen mit Hardcore-Porn auf und sind trotzdem nicht in irgendeiner Weise massenweise geschädigt. Also wozu dieses Verbot?

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