<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

20.01.14

Gated Communities: Was umzäunte Wohngebiete mit der globalen Internetüberwachung zu tun haben

fotolia.de bumannfotolia.de bumann

Internet- und Bürgerrechtsaktivisten kämpfen gegen die weltweite Überwachung. Doch Millionen Menschen verzichten lieber auf Privatsphäre und Bewegungsfreiheit anstatt auf Sicherheit, wie in vielen Ländern boomende umzäunte Wohngebiete zeigen.

In der anhaltenden Debatte über die weltweite Überwachung von Internetnutzern wird stets ein Bild von Bürgern gezeichnet, die dem Treiben von Regierungen und Geheimdiensten vollständig ausgeliefert sind. Zurecht, denn abgesehen von Hardcore-Verschlüsselern und Post-Privacy-Anhängern, die ihr Leben für alle komplett transparent machen und damit NSA & Co den Informationsvorsprung wegnehmen, hat der Großteil der am modernen Alltagsgeschehen teilnehmenden Bevölkerung keine realistische Möglichkeit, sich der Überwachung zu entziehen. Andererseits steht die Frage im Raum, was Menschen wählen würden, hätten sie tatsächlich die Wahl. Freiheit oder Sicherheit? Anonymität oder staatlich erzwungene Transparenz? Das Ergebnis der Bundestagswahl oder repräsentative Umfragen liefern zumindest Indizien dafür, dass die Entscheidung für die breite Masse nicht so eindeutig ausfällt, wie sich Überwachungsgegner das wünschen.

Sucht man etwas genauer, findet man sogar einen von Menschen explizit gewählte Entschluss pro Überwachungsgesellschaft. Sie nennt sich "Gated Community", zu Deutsch umzäuntes Wohngebiet, und sie ist ein wachsender Trend in vielen Ländern dieser Erde. Allein in den USA wohnen nach Schätzungen sechs bis neun Millionen Menschen in Anlagen, die sie durch ein Zugangstor, Wächter, Zäune und Mauern vor den als bedrohlich wahrgenommenen Zuständen der "Außenwelt" schützen. Besonders populär sind Gated Communities in den Megametropolen Südamerikas, wo sich der enorme Kontrast zwischen Arm und Reich in einer Explosion der Kriminalitätsrate niederschlägt und viele Angehörige der Ober- und Mittelschicht dazu bewegt, "Zuflucht" in durch meterhohe Stacheldrahtzäune abgeschirmten Vorstädten zu suchen. Eine der bekanntesten Gated Communities auf dem Kontinent ist Alphaville in São Paulo. Das bereits in den 70er Jahren begonnene Projekt umfasst heute 33 eingezäunte Wohnkomplexe, in denen zehntausende Menschen leben. Rund 2.300 Unternehmen und elf Schulen beziehungsweise Universitäten sind ebenfalls dort angesiedelt. Ein Sicherheitsdienst mit über 1.100 Mitgliedern sorgt dafür, dass die Vorstellung der Alphaville-Bewohner von einer friedlichen Idylle durch nichts gestört wird.

Ein Dokumentarfilm (bei YouTube zu finden) gibt Einblicke in das Leben der Bewohner von Alphaville. Menschen, die freiwillig in eine künstliche Sicherheitsblase eingezogen sind, bei denen der Blick über die naheliegenden Favelas nur durch eine fünf Meter hohe, durch Kameras ins Visier genommene Mauer versperrt wird. Einige Szenen des Filmes lassen unweigerlich Assoziationen mit einem Gefängnis aufkommen - die in der nächsten Sekunde durch die Tatsache verdrängt werden, dass die Bewohner von Alphaville viel Geld dafür bezahlen, die Mauer von der Innenseite anschauen zu dürfen. Die in Alphaville anzutreffende junge Generation lebt teilweise vom ersten Lebensjahr an in dem Areal. Die wirkliche Welt da draußen, im hektischen, lauten und von Kriminalität geplagten São Paulo wirkt auf sie wie ein Alptraum.

Was es in Alphaville nicht gibt, ist Anonymität. Jeder kennt jeden, wer das Eingangstor passieren möchte, muss Fingerabdrücke hinterlassen. Den Überwachungskameras entgeht nichts. Wer gegen die Regeln verstößt, riskiert unweigerlich sein Aufenthaltsrecht innerhalb der Satellitenstadt. Die Folge: Ein signifikanter Konformitätszwang. Ein Leben wie in Dörfern oder Kleinstädten, nur mit dem Unterschied, dass physische Mauern und eine technische Sicherheitsinfrastruktur das korrekte Verhalten der Anwohner "unterstützen". Die allerdings - so das von der Dokumentation gezeichnete Bild - halten diesen Preis für angemessen. Nicht die Türen abschließen zu müssen, auch nachts bedenkenlos mit dem Hund rausgehen zu können und keine Furcht davor zu haben, plötzlich in den Lauf einer Pistole zu blicken, rechtfertigt in ihren Augen die Aufgabe der Bewegungsfreiheit und persönlichen Integrität, die eine solche Gated Community zwangsläufig mit sich bringt.

Das Beispiel der Gated Communities belegt: Um ihre physische Unversehrtheit und ihr unmittelbares Wohlbefinden zu erhöhen, sind Millionen Menschen dazu bereit, massive Einschränkungen ihrer persönlichen Freiheit in anderen Bereichen des Lebens in Kauf zu nehmen. Die Parallelen zur globalen Überwachung durch Geheimdienste und der fehlenden Opposition der breiten Masse gegen diese Praktiken sind erschreckend. Es ist deshalb zu befürchten, dass vom Volk niemals eine hinreichend große Gegenwehr zu erwarten ist, um die Überwacher zum Maßhalten bei ihren Handlungen zu bewegen. Denn die kurzfristigen Vorzüge des Versprechens von mehr Sicherheit sind zu verlockend und zu unmittelbar spürbar, um dabei zu einem klaren Schluss contra weitflächiger Überwachung zu kommen. Von daher obliegt es realistischerweise den Einzelnen, die notwendigen Debatten auszulösen und den politischen Druck zu generieren, der schließlich Grenzen setzt. Menschen wie Edward Snowden. /mw

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer