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20.12.08Leser-Kommentare

Fußball: Wie das Internet die Fankultur verändert

Kartenverkauf über Blogs, virtuelle Fan-Zeitschriften im Internet: Unser Gastautor und Fußball-Enthusiast Stefan Heinrich über Web 2.0 und Ballsport.

Autsch: Gladbach gegen Hannover 96 (Keystone)Der gemeine Fußballfan hat während der 90 Minuten im Stadion genau eine Gemeinsamkeit: Die Liebe zum eigenen Verein. Es ist völlig egal, wer der Nebenmann ist oder was er im richtigen Leben macht: Ob er Butter oder Margarine mag, Stadionwurst oder Bulette, Astra oder Becks – es zählt einzig und allein die gemeinsame Zuneigung zum Verein. Sicher, im Laufe der Jahre entstanden in den Fankurven dieser Republik auch Bekanntschaften oder Freundschaften, schließlich bevorzugt der Mensch als Gewohnheitstier einen bestimmten Block in der Kurve und da lernt man sich zwangsweise im Verlauf der Heimspiele eben kennen. Da wusste man schon mal Bescheid über Max Mustermann und sein Leben neben dem Fußball. Einige Fans wurden sogar dank ihrer dauernden Anwesenheit, in der Fußball-Fachsprache auch „34er“ genannt, zu Persönlichkeiten und vom Rest der Kurve verehrt, für einige wurde sogar eigens ein Fangesang erfunden. Alles in allem ist der Fan in der Kurve aber ein anonymes Wesen – ein Teil der großen wabernden Masse eben.

Liebe Fußballfans: Diese Zeiten sind endgültig vorbei! Ihr seid der gläserne Fan, nichts bleibt mehr über euch geheim. Die ganze Kurve weiß über euch und euer Leben Bescheid, und ihr erfahrt es zuletzt! Und wem habt ihr das zu verdanken? Natürlich dem Internet! Schuld daran ist nicht das Web 2.0, die Social Communities und diversen Maildienste, nein, der Übeltäter ist die so genannte Blogosphäre. Ein Blog ist, einfach gesagt, ein Online-Tagebuch. Mit Hilfe zahlreicher Anbieter kann jeder, auch diejenigen, die mit Computer und Internet sonst wenig gemein haben, eine solche Seite einrichten. Dort kann man dann, wie auch im Tagebuch der analogen Welt, seinen Senf zu allem und jedem abgeben – ungekürzt und unzensiert.

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Surft man zum Beispiel durch die Blogosphäre des Hamburger Sport Vereins, landet man natürlich auf diversen Seiten, die sich mit dem sportlichen Aspekt der Bundesliga, ihren Spielern und den Fans auseinandersetzen. Aber es gibt auch andere Blogs! Dort nämlich erfährt der klatschinteressierte Fußballfan alles über die Lebens-, Ess- und Liebesgewohnheiten der anderen HSV-Anhänger in der Kurve. Ein Autor beschreibt einen geschätzten Radius von 25 Metern um ihn herum, was ungefähr dem ganzen Block 25B der Nordkurve entspricht. „Lieschen Müller“ habe, so liest man dort, „etwas mit einem Fan, der zwar eine Dauerkarte, die aber im Sitzplatzbereich hat“. Und „Kalle Koslowski“ ist nach dem letzten Auswärtsspiel doch tatsächlich mit seinem nagelneuen 3er BMW gegen den Baum gefahren, und das, trotz herber Auswärtsschlappe, „in angetrunkenem Zustand“. So geht das immer weiter, tagelang könnte man sich da über Nichtigkeiten aus der Welt der HSV-Fans informieren – aber wen interessiert das eigentlich.

Trainer unter Dauerbeobachtung

Die Blogs bedrohen aber nicht nur die heile Welt der Fans, auch das vogelfreie Leben der Aktiven hat sich mit der Flut der digitalen Tagebücher radikal verändert. Während ein strauchelnder Trainer in vergangenen Zeiten zumindest nur einmal die Woche die Schmähgesänge der Fans ertragen musste, so wird er dank der Blogs nun während der ganzen Woche nicht nur von den Journalisten, sondern auch von den Fans attackiert. Ein aufmerksamer Blogger hat schon mal mit seinem begeisternden Eintrag einen Profi überführt, der bis in die frühen Morgenstunden die Niederlage der eigenen Mannschaft in der örtlichen Disko feierte.

Ernst wurde es im Fall des Journalisten und Bloggers Jens Weinreich. Der Freie Journalist hatte im November auf seiner Seite einen Artikel eingestellt, indem es um die zentrale Vermarktung der Bundesliga Fernseh-Rechte ging. Dabei hatte der Berliner Journalist den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger als „unglaublichen Demagogen“ bezeichnet, wodurch sich dieser verunglimpft fühlte und vor Gericht zog. Die Fußball-Blogosphäre ist also nicht nur ein ungezwungenes „Wer-mit-Wem?“ und „Ballack-ist-der-Beste“, Aussagen in der digitalen Öffentlichkeit können mitunter eine politische Eigendynamik entwickeln.

Neben der freien (Fußball-)Meinungsäußerung hat die Blogosphäre auch noch ganz andere Aufgaben übernommen. Da ist nämlich auch noch dieses relativ neue Problem der Eintrittkartenbeschaffung. Während man früher am Spieltag selbst am Stadion für ein paar Mark die Eintrittsberechtigung erwerben konnte, so sind heute jegliche Spiele der 1. Bundesliga bereits Wochen im Voraus ausverkauft. Neue Möglichkeit: Kartenverkauf in den Weiten der Blogosphäre. Plötzlich nennt sich Einer, der früher die Championsleague wohl mit einem Pferderennen in Verbindung gebracht hätte, stolzer Besitzer eines Tickets für die Königsklasse - weil der Freund vom Freund vom befreundeten Blogger plötzlich noch zwei druckfrische Karten zur Verfügung hatte.

Ganz praktischer Werteverfall im Netz

Menschen, die früher niemals aufeinander getroffen wären, tauschen jetzt dank Kommunikation via Blog kurz vor Anpfiff am Stadion die Karten aus. Tipps, wo es Restkarten zu kaufen gibt, werden per Blog verbreitet. Lieschen Müller, die ja bekanntlich was mit einem aus dem anderen Fanblock hat, verteilt ihre Karten über den Blog an andere weibliche Fußballfans. Vorbei die Zeiten, als man mitten in der Nacht aufstand, um die restlichen Stunden bei Wind und Regen am Kassenhäuschen zu nächtigen, damit man praktisch mit Sonnenaufgang die Karte zum Glück erstehen konnte. Ehrlich war das, bodenständig, wer hart arbeitet und sein Ziel vehement verfolgte, der war bei Anpfiff in der Kurve.

Es bleibt die Hoffnung, dass bald auch wieder die in die Kurve dürfen, die da auch wirklich hingehören. Vielleicht wird man ja in naher Zukunft die Karten aus nostalgischen Gründen wieder ausschließlich am guten alten Kassenhäuschen erwerben. Wahrscheinlich aber nicht, die virtuelle Welt hat den analogen Spaß am Fußball eben verändert.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Andreas

    21.12.08 (12:30:05)

    Oje, da haben Sie einen ganz wichtigen Punkt mißverstanden: Jens Weinreich hat nicht in seinem Blog, sondern im Blog seines Journalisten-Kollegen Oliver Fritsch (direkter-freistoss.de)den DFB-Präsidenten einen "unglaublichen Demagogen" genannt. Auch die anderen Themenbereiche bezüglich Web 2.0 wirken ... nun ja, fabuliert. Schon allein der Satz "Schuld daran ist nicht das Web 2.0, die Social Communities und diversen Maildienste, nein, der Übeltäter ist die so genannte Blogosphäre." ist mehr als unglücklich gewählt.

  • NoOneYouKnow

    22.12.08 (10:19:15)

    "Liebe Fußballfans: Diese Zeiten sind endgültig vorbei! Ihr seid der gläserne Fan, nichts bleibt mehr über euch geheim. Die ganze Kurve weiß über euch und euer Leben Bescheid, und ihr erfahrt es zuletzt! Und wem habt ihr das zu verdanken? Natürlich dem Internet!" "Die Kurve" hat sich vorher nicht für mein Privatleben interessiert und wird das auch in Zeiten des Internets nicht tun, mal von der Tatsache abgesehen, dass nichts darüber im Internet "steht". Nehmt doch bitte Blogosphäre und Co. nicht so verdammt wichtig und macht aus Einzelfällen keine Regel. Entscheidend is auf'm Platz und nicht im Netz.

  • Michael

    22.12.08 (13:43:35)

    Der Beitrag von Weinreich, der im Übrigen neben seiner Bloggertätigkeit umfangreich als freier Journalist arbeitet, stammt außerdem aus dem Sommer dieses Jahres. Toll recherchiert, Herr Heinrich. Abgesehen davon ein unterirdisch schlecht geschriebener Text. Die Blogosphäre soll nicht Teil des Web 2.0 sein (soso), ein paar umständlich verklausulierte Andeutungen über Aktivitäten in Blogs, von denen nicht ein einziges verlinkt ist, Schlussfolgerungen über das - oho - veränderte Fanverhalten, die jeder selbst schon für sich gezogen haben dürfte, totaler Bullshit über Kartenverkauf via Blogs, der den "echten" Fußballfans das Wasser abgräbt (als wenn Blogautoren über geheime Kontingente der Vereine verfügen würden, die dann nicht mehr an die Tageskasse gelangen) und zum Abschluss noch ein "Früher-war-alles-besser"-Fazit. Und: "Ein Blog ist, einfach gesagt, ein Online-Tagebuch. Mit Hilfe zahlreicher Anbieter kann jeder, auch diejenigen, die mit Computer und Internet sonst wenig gemein haben, eine solche Seite einrichten." --- okay, ganz nett erklärt, aber für wen muss man Ende 2008 noch so ausführlich darstellen? Und das noch dazu in einem Blog? Warum wird nicht auch "Minute" oder "Fußball" genauer erklärt, so zur Sicherheit? Oder ist das hier ein Zweitabdruck aus dem Dithmarschener Sonntagsboten? Das würde einiges erklären.

  • Blavont

    24.12.08 (07:07:36)

    Weil ich medienlese eigentlich so mag, finde ich es schade, dass auf diese Kommentare so gar nicht eingegangen wird. Sind es zuwenig? Denkt man, es ist die Minderheit, die sich hier kritisch äußert? Der Artikel (eigentlich beide) sind dermaßen schwach, dass man sich schon fragt, wie das mit anderen Artikeln ist, die hier so veröffentlicht werden, die man selber nicht so leicht nachprüfen bzw. einschätzen kann.

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