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11.06.14Leser-Kommentare

Fußball-Weltmeisterschaft 2014: Meine erste WM ohne TV-Anschluss

Die Zeiten, in denen man eine Fußball-Weltmeisterschaft nur mit einem Fernsehanschluss ernsthaft verfolgen konnte, sind vorbei: Schnelle Leitungen und leistungsfähige, legale Streamingdienste ermöglichen auch "Cord Cuttern" vollen Fußballgenuss. Mit einigen Einschränkungen.

FußballDie Fußballweltmeisterschaft 2014 steht vor der Tür. Für mich bedeutet sie dieses Mal ein Novum: Erstmals steht mir während der gesamten Laufzeit des Turniers kein linearer Fernsehanschluss zur Verfügung, um die Spiele anzuschauen. Vor zwölf Jahren wäre das einer kleinen Katastrophe gleichgekommen (sofern man es für angemessen hält, für die fehlende Möglichkeit zum Fußballgucken diesen drastischen Begriff zu verwenden). Glücklicherweise haben sich die Vorzeichen geändert und als ausschließlich über eine Internetverbindung verfügender Nutzer ist man nicht mehr darauf angewiesen, über schlechte Leitungen und obskure Peer-to-Peer-Dienste verpixelte Live-Streams chinesischer TV-Sender anzuschauen. Mittlerweile gibt es in Deutschland mit Zattoo, Couchfunk und Magine gleich drei legale Anbieter, die das Live-Programm von ARD und ZDF und damit alle Spiele auf Desktops und mobile Geräte streamen - speziell bei Zattoo und Magine auch in guter Qualität. Couchfunk greift auf den frei verfügbaren, qualitativ meist mittelmäßigen Webstream der Sender zu. Diese Streams können als weitere Alternative auch über die browserbasierten Mediatheken von ARD und ZDF abgerufen werden.

Wer sich wie ich gerade außerhalb der deutschen Landesgrenzen sowie außerhalb des TV-Streaming-Paradieses Schweiz mit seiner Vielzahl an Anbietern aufhält, muss auch nicht verzagen: Ein VPN-Service schafft Abhilfe. Mein Favorit ist CyberGhost. Bei PureVPN, StrongVPN und HideMyAss lassen sich ebenfalls deutsche IP-Adressen beziehen (von mir nicht getestet).

Auch wenn man bei Onlinestreams grundsätzlich nicht mit spitzenmäßiger HD-Auflösung rechnen sollte, so ist der Online-Zugriff auf Übertragungen im Gegensatz zu einst kein größeres Risikounterfangen mehr.

Gewisse Sorgen mache ich mir dagegen über Verzögerungen. Wie das Schweizer TV-Magazin Kassensturz jüngst in einem Vergleich beleuchtete, kommt es bei der IP-basierten Übertragung des Fernsehsignals zu nicht unwesentlichen Verzögerungen. So müssen sich Zattoo-Nutzer (in der Alpenrepublik) im Vergleich zum Fernsehkonsum über DVB-T ganze 28 Sekunden gedulden, bis ihr Stream den entsprechenden Punkt im Programm ausliefert. Beim in Deutschland nicht verfügbaren Rivalen Wilmaa lag die Verzögerung sogar bei 51 Sekunden.

Im TV-Alltag, bei Nachrichten, Serien oder Filmen, spielt ein solcher Unterschied zwischen den Bezugswegen keine große Rolle. Bei Massenereignissen mit Live-Charakter aber sieht dies anders aus: Wenn plötzlich alle Nachbarn jubeln, man selbst aber gerade erst die Anfänge eines vielversprechend aussehenden Konters auf dem Bildschirm verfolgt, dann kann einem dies schon ein bisschen den Spaß verderben. Selbst wer in der Einöde lebt oder von Fußballmuffeln umgeben ist, muss beim Streamingkonsum aufpassen: Ein Blick in die Twitter-Timeline genügt, um Torjubel oder kollektive Trauer mitzubekommen, deren Auslöser im eigenen Heim erst 30 Sekunden später über die IP-basierte Mattscheibe flimmert. Apropos Twitter: Wie zur WM vor vier Jahren sollten sich Nutzer ohne Fußballinteresse auf einige harte Wochen einstellen.

Letztlich handelt es sich bei den Abstrichen in puncto Simultaneffekt freilich nur um ein Luxusprobelm, welches nicht die Freude darüber verderben sollte, dass Menschen im Fußballfieber zu einem großen Wettkampf wie der WM nicht mehr auf einen linearen Fernsehanschluss angewiesen sind. Was dem Fußballspaß nun noch im Wege stehen könnte, ist die Gefahr einer Überlastung der Netze oder eine irgendwie geartete Machtdemonstration der Telekommunikationskonzerne, die das erwartungsgemäß massive Streamingaufkommen nutzen könnten, um auf die angebliche Notwendigkeit eines Zwei-Klassen-Internets hinzuweisen.

Wie heutzutage bei jedem Großevent von internationaler Bedeutung ist bei den Spielen mit neuen Rekorden beim globalen Datenverkehr zu rechnen. Wenn am Sonntag, den 13. Juli, gegen Mitternacht der Weltmeister feststeht, werden wir um einige Erkenntnisse über die Verfassung der weltweiten Internet-Infrastruktur reicher sein. /mw

Foto: Finger touching blank tablet computer screen in front of soccer field, Shutterstock

Kommentare

  • Dario

    11.06.14 (15:40:10)

    Für mich persönlich ist die Zeitverzögerung ein absolutes No-Go und der TV-Anschluss oder DVB-T daher (derzeit noch) konkurrenzlos. Unabhängig davon, ob Jubelschreie mir ein Tor vorweg nehmen. Allein der Gedanke, hintendran zu hängen, behagt mir nicht.

  • Matthias

    13.06.14 (14:57:59)

    Mir hat beim gestrigen WM-Eröffnungsspiel Zattoo das Fußballdasein gerettet, während mein TV-Receiver rumgemuckt hat. Ohne Zattoo wäre ich minutenlang bild- und tonlos geblieben. Welch eine 'Katastrophe' wäre das gewesen... ;)

  • RS

    23.06.14 (16:27:14)

    Hallo Martin, hast du dir die ARD bzw. ARD-App auch einmal angeschaut? Meine Erfahrungen sind, dass diese von der Qualität deutlich besser sind als der Livestream von Zattoo. http://kabel-blog.de/wp-content/uploads/2014/05/zattoo-zdf-app.jpg Daher empfehle ich zum Fußball schauen auf jeden Fall die Programme. Die Zeitverzögerung finde ich allerdings auch sehr extrem. Hier ist Zattoo wiederrum besser als die Hauseigenen Programme. Ich würde daher Spiele von Deutschland wohl nie gestreamt schauen wollen! Bei allen anderen ist mir die Verzögerung relativ egal, denn da höre ich wenig Jubelschreie ;)

  • John Weinstein

    23.06.14 (20:14:58)

    Hallo, ich habe die beiden Apps getestet und muss sagen, dass die Qualität besser ist als von Zattoo. Zettoo hat auch größere Verzögerung, als ZDF oder ARD. Somit kann man durch die Apps fast gleich mitjubeln, wenn die Tore in Echtzeit fallen. Bei Zattoo musste man idR mehr als 10 Sek. mit Verzögerung rechnen. John

  • Martin Weigert

    23.06.14 (20:19:02)

    Danke für den Tipp werd ich mal in der Praxis ausprobieren. Tatsächlich ist die Qualität bei Zattoo nicht immer astrein.

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