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06.01.12

Funkzentralen im Kampf gegen myTaxi: Der ungeliebte Eindringling

myTaxi aus Hamburg vermittelt Taxifahrern Fahrgäste über das Smartphone. Einigen Funkzentralen schmeckt das gar nicht. Bei der Abwehr des Eindringlings kommen fragwürdige Maßnahmen zum Einsatz.

 

In fast fünf Jahren des Bloggens habe ich viel gelernt. Eine Fähigkeit, die sich im Laufe der Zeit immer stärker ausprägt, ist die Beurteilung der Validität von Kommentaren. Wer tausende unterschiedliche Leserkommentare zu Gesicht bekommt und moderiert, der entwickelt einen sechsten Sinn dafür, Spam, gezielte Diskreditierungen und sonstige zwielichtige, einer eigenen Agenda folgende Kommentare innerhalb von Sekunden zu identifizieren.

So fiel mir in letzter Zeit eine ungewöhnlich große Zahl an kritischen Kommentaren zu myTaxi auf, einem aus Hamburg stammenden Dienst, mit dem sich Taxis per Smartphone bestellen lassen. Zwei Mal berichteten wir bisher ausführlicher über das expansive Startup (hier und hier). Besonders unterhalb des Beitrags "Callcenter adé: Wie die Taxi-Branche auf myTaxi reagiert" häufen sich die angeblichen Beschwerden über die App.

Da ich selbst äußerst selten mit dem Taxi fahre, kann ich persönlich nur wenig über die Zuverlässigkeit des Dienstes sagen. Weil myTaxi in den 14 Städten, in denen es bisher verfügbar ist, jeweils teilnehmende Taxifahrer akquirieren muss, sollte damit gerechnet werden, dass speziell in den noch nicht sehr lange bearbeiteten Regionen zum Zeitpunkt der Bestellung über die App mitunter kein Fahrer in der unmittelbaren Umgebung verfügbar ist.

Dass es daher nicht nur zufriedene Anwender der App gibt, erscheint offensichtlich und gehört zu den Herausforderungen des myTaxi-Ansatzes. Die Bewertungen im App Store allerdings zeigen angesichts von insgesamt 2209 Reviews mit durchschnittlich 4 von 5 möglichen Sternen, dass die Taxi-App im Allgemeinen gut bei der Nutzerschaft ankommt.

Bei den erwähnen fragwürdigen Kommentaren stechen besonders die Parallelen im inhaltlichen Aufbau und der Struktur ins Auge: Eine kurze, harsche Kritik an der Funktionsweise von myTaxi oder eine Empfehlung der Konkurrenz, gepaart mit einem Namen, der jeweils nicht mit der nur für die netzwertig.com-Redaktion sichtbaren E-Mail-Adresse übereinstimmt. Diese endet zumeist auf @gmx.de.

Zum Vergrößern klickenEin in Wordpress möglicher Abgleich der IP-Adressen der Kommentatoren bringt Klarheit: In sechs Fällen wurde von der gleichen IP in teils heftiger Form gegen myTaxi Stellung genommen, aber jeweils unter Vorgabe einer anderen Identität. Dreimal geschah dies mitten in der Nacht, was das ohnehin kaum glaubwürdige Argument, es könnte sich rein zufällig um unterschiedliche Mitarbeiter eines Großunternehmens handeln, als Antwortoption noch unwahrscheinlicher macht.

Ausgehend von meiner bisherigen Erfahrung im Umgang mit Reaktionen auf polarisierende Artikel besteht für mich keinen Zweifel daran, dass hier ein Wettbewerber von myTaxi versucht, das aufstrebende Unternehmen von der Elbe in Misskredit zu bringen. Ein Motiv dafür gibt es allemal: Da bei myTaxi Fahrer Bestellungen über ihr Smartphone direkt von den Fahrgästen erhalten, werden Taxizentralen als bisher fest etablierte Mittler überflüssig.

Gefälschte Kommentar mit dem Ziel, ein schlechtes Licht auf den "Eindringling" aus dem Internet zu werfen, sind auch nicht das erste fragwürdige Geschäftsgebaren einzelner Anbieter der Taxibranche im Kampf gegen den neuen Kontrahenten: In Wien, dem ersten myTaxi-Markt außerhalb Deutschlands, sollen zwei Funkzentralen Drückermethoden eingesetzt haben, um Taxiunternehmen vom Einsatz von myTaxi abzubringen. Die Aussage von Leopold Müllner, Geschäftsführer der Wiener Taxizentrale 40100, "Wer auf den Markt kommt, wird wieder verdrängt. Gegen uns hat noch keiner gewonnen" lässt erahnen, mit welch harten Bandagen im Taximarkt gekämpft wird. Laut myTaxi-Pressesprecherin Friederike Mewes üben auch in Deutschland einige Funkzentralen Druck auf Fahrer aus, die mit dem Einsatz von myTaxi liebäugeln.

In vielen Segmenten der Wirtschaft sorgt die Digitalisierung für eine bisher nicht gekannte Disruption und den rasanten Bedeutungsverlust von Mittlern. Diese reagieren auf unterschiedliche, jedoch selten auf für sie langfristig sinnvolle Weise. Die Taxibranche scheint dabei zu den Sektoren zu gehören, in denen disruptive Unternehmen ein besonders dickes Fell benötigen.

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