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28.07.08Kommentieren

Fundgrube Internet: Journalisten entdecken das Netz

Und sie bewegen sich doch aufeinander zu: Was uns der Fall Bankhofer über das Verhältnis zwischen Bloggern und Journalisten zeigt. Entsteht eine neue Arbeitsteilung?

Melisse: Nur echt ohne Klosterfrau (Bild iStockphoto.com)Eindeutig waren es zunächst einige Blogger, die – angelockt von der Bankhofer?schen Königs-Artischocke – einem strengen Melissenduft nachgingen und die konkreten Auswirkungen von Beraterverträgen mit Wort, Bild und YouTube illustrierten. Zu nennen sind hier vor allem drei Blogs – die Gesundheitsblogger der Stationären Aufnahme, Lanus Heul nicht - sag was! und das Gemeinschaftsblog für exitorientierte Unternehmensmeldungen namens BooCompany. Zu diesen Blogs, die untereinander zum Teil auch personell verflochten sind, kamen etliche andere Blogs hinzu, die wertvolle Kärrnerarbeit leisteten – ich nenne hier stellvertretend nur das Blog Plazeboalarm auf ScienceBlogs, wo man die Idee hatte, einfach mal in Apotheken zu gehen, um zu gucken, was man denn bekommt, wenn man nach der wirkungsmächtigen Klostermelisse des Herrn Bankhofer fragt.

So muss man sich die 'Schwarmintelligenz' der Blogosphäre in der Realität vorstellen:

Blogs als hochkooperative und kollektive Nachrichtenausbauorganisationen, solange, bis diese sich zur Story verdichtet haben. Die dann allerdings oft hyperverlinkt und auf mehrere Mikromedien verteilt existiert. Die Presse reagierte nach Bankhofers Kündigung durch den WDR nur teilweise reflexhaft. Natürlich gab es unbelehrbare Medien, für welche die ?Anonymität? der Blogger die einzige Sensation blieb. Sie griffen damit in der Rolle von Gehilfen gewissermaßen Bankhofers Argumentation auf, der - unisono mit seiner Agentur - als erstes über ?anonyme Heckenschützen? aus den tiefen des Internet lamentierte:

Holiczki droht den anonymen Bloggern: ?Wenn das weitergeht, werden wir dagegen vorgehen.? Bankhofer selbst kündigt im Gespräch mit stern.de rechtliche Schritte an. Er sagt: ?Mein Anwalt ist noch ein paar Tage im Urlaub. Dann wird er sich der Sache annehmen müssen.?

Und der betroffene WDR schaffte es sogar, in seiner ersten Meldung ganz ohne die Wörter Blog oder Internet auszukommen. Die Süddeutsche wiederum wusste nur zu vermelden, dass irgendwann ein Experte schon behauptet hätte, dass dieser Bankhofer komisch riecht ?

Während an anderen Tagen jetzt die Häme und der Spot aus der Blogosphäre meterhoch über einer zahnlosen Journaille zusammengeschwappt wären, gerade unter dem frischen Eindruck des Spiegel-Artikels, war man in den Threads diesmal auffällig bemüht, den Ball flach zu halten, nicht wie üblich auf den groben Klotz des polemischen Spiegel-Artikels einen noch gröberen Keil zu setzen:

"Ich finde, auch dem WDR gebührt es an Respekt für diese mutige Entscheidung, die ich so nie und nimmer erwartet hätte. Nein, dies meine ich ohne jede Ironie! Angesichts von Skandalen ganz anderer Dimension in diesem Land, die locker-flockig ausgesessen oder unter den Tisch gekehrt wurden und werden, finde ich eine solche Reaktion schon ausserordentlich erstaunlich."

Wirklich umgehauen hat mich dann aber dieser Zeit-Artikel von Johannes Kuhn zum bewussten Thema:

Blogger stürzen ARD-Gesundheitsguru

Hierin liegt für mich eine Relevanz der Causa Bankhofer - im Auftreten neuer querverweisender Nachrichtenformate, die sich kollektiv zu etwas Neuem verdichten können. Denn die kollektive Story, der Hypertext, ist stets größer als die unimediale Geschichte.

Noch wichtiger in meinen Augen aber ist jene Arbeitsteilung, die sich im Umgang mit ?Netzbewohnern? zunehmend andeutet. Denn funktionell treten Blogs in meinen Augen überhaupt nicht in direkte Konkurrenz zu den klassischen redaktionellen Formaten. Die ?Bankhofer-Story? war ja keinesfalls schon ?kaputt? dadurch, dass die Blogger sie als erste hatten.

Verlierer waren vielmehr diejenigen Altmedien, die sie als letzte hinüber in den altmedialen Raum transmittierten. Die Blogs waren somit keine konkurrierende zweite Zeitung, sie waren nur eine Art Ergänzung zu dpa und anderen Nachrichtenagenturen. Und auch zwischen denen und den Blogs wäre wiederum eine sinnvolle Arbeitsteilung problemlos möglich.

Das unermüdliche Emporhubern von redaktionellem Rohstoff betreiben andererseits auch die ?100.000 Augen des Internet?, jene Masse an Köpfen, wo dem einen dies komisch vorkommt, wo der andere sich an jenes erinnert, der dritte einfach mal Birnen mit Holzköpfen vergleicht und der vierte es endlich wissen will – während die meisten davon an Orten zu finden sind, wo kaum ein Journalist jemals hinkommen wird. Auch dort kommt Material für ?Stories? zusammen, das alle Kriterien der Relevanz erfüllt – und das gelesen wird.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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