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30.07.08Leser-Kommentare

Fundgrube Blogs: Sauberer Themenklau

Zusammen sind sie stark: Wie alte Medien und Blogs miteinander auskommen können und eine neue Arbeitsteilung die Feindseligkeit zwischen Bloggern und Journalisten ersetzen kann.

Hier geht\&#039;s raus (Bild Revers, Creative-Commons-Lizenz)Wie alte Medien bei der Themenfindung und Recherche von Blogs profitieren können, haben wir am Fall Bankhofer bereits gezeigt. Aber wie genau kann eine neue Arbeitsteilung in Zukunft funktionieren?

Vor allem altmediale Redaktionen bräuchten eine Zusatzfunktion, die sich als Watchblog in Gegenrichtung bezeichnen ließe. Sie würden nicht den Altmedien die eigenen Fehler aufs Brot schmieren, sondern in den Schwarm hinein beobachten – also vice versa zu dem, was üblicherweise als Watchblog bezeichnet wird. Als Beispiel hier einige derzeit unterbelichtete Themen, die in den Blogs zwar abgehandelt werden, die aber auf dem Redaktionsmarkt noch gar nicht recht vorhanden sind. Hier könnte jede Zeitung via Watchblog passende Anregungen aufgreifen – ob Frauenzeitschrift oder Politmagazin, ob Wirtschaftsdienst oder Tageszeitung – und sich mit Hilfe dieser Vorarbeit aus der Blogosphäre konturierter 'profilieren':

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Zu trivial? Schon gelesen? Es hat mich keine fünf Minuten gekostet, diese drei Themen frisch aus Bloghausen mal eben aufzutun, die allesamt mit ein wenig Zusatzrecherche auch für Artikel in Holzhausen gut wären. So könnte es endlos weitergehen mit Themen, die mit Sicherheit mehr 'Impact' machen würden als das Wiederaufwärmen der durchschnittlichen dpa-Meldung, die doch sowieso alle haben. In Bloghausen liegen die neuen Themen buchstäblich auf der Straße.

Natürlich geht dieser Themenklau nur gut, wenn die Altmedien säuberlich auf ihre Quelle verlinken, wie in diesem vorbildlichen Zeit-Artikel, den ich im ersten Teil meines Textes erwähnte. So wie man dpa vor einen Text stellt, sollte der Name eines Blogs – wie jeder Quelle – immer auch Erwähnung finden. Die Zeit des journalistischen Geheimwissens, meist ja nur ein simples Gewusst-wo oder ein dickes Telefonbuch, ist mit dem Web 2.0 vorüber. Auf die beschriebene Art aber würde sich allmählich eine Kooperation zwischen Journalisten und Bloggern einstellen, statt des ewigen Gegiftels heute.

Mir fällt zur Illustration eines solchen Beobachters der Beobachter der Thomas Knüwer auf seinem Posten ein, der als Person in der Blogosphäre einerseits völlig akzeptiert ist, die er zugleich durch eigene Beiträge wesentlich bereichert, wo er dann wiederum aber auch als Träger des Markenzeichens Handelsblatt gilt. Für das er seit längerem schon als Transmitter von Sachverhalten aus der Blogosphäre heraus fungiert. Mit einer solchen oder einer ähnlichen Struktur wäre eine nützliche Ergänzung zwischen alten und neuen Medien problemlos möglich. Statt bloß der üblichen Tickermeldungen flössen die Nachrichten dann gleich aus zwei Kanälen in die darbenden Redaktionen hinein. Es müssten – personell unterbesetzt, wie Redaktionen heute zumeist sind – dann nicht mehr alle dasselbe schreiben. Zeitungen bekämen wieder ein Gesicht.

Dazu aber müsste diese Funktion jemand übernehmen, der Erfahrung und zugleich eine gewisse Empathie für das Neue besitzt, für alles, was sich jenseits von Druckerschwärze und Pressekonferenz tut. Diese Aufgabe entweder dem unbeleckten Praktikanten zu übertragen - 'der ist zwar jung und kann noch nicht schreiben, aber er kennt sich - hmmpfff! - mit diesem neumod'schen Dünnpfiff ja aus' - oder aber dem vorurteilsbeladenen Redaktionsfossil - 'das Internet ist eine einzige Schlangengrube voller Idiotae, Kinderschänder, Unmoral, Analphabeten und Verbalterroristen' - das wird nicht hinhauen. Solche Figuren auf einem solchen Beobachtungsposten zu platzieren, das dürfte eher den gegenteiligen Effekt hervorrufen. Nämlich Lachanfälle in Bloghausen ...

Gegen die PR-Seuche hingegen, um auf den Anfang zurückzukommen, die sich immer weiter in den Sendeformaten und Textspalten ausbreitet, werden die Altmedien schon allein vorgehen müssen. Sonst kommt es stets von Neuem zu solchen Enthüllungen wie im Fall Bankhofer, die nun mal nicht gut fürs Image sind. Ohne mehr 'redaktionellen Eigenanteil' werden sie der 'interessierten Kommunikation' niemals Herr werden, denn - Herr Montgomery möge mir die ökonomische Ketzerei verzeihen - 'Content is no beef' ...

Natürlich bezieht sich mein Modell einer verbesserten Kooperation zwischen Blogs und alten Medien nur auf die Genese von Nachrichten oder Unterhaltung, also auf die Produkte jeder medialen Veranstaltung. Wo und wie dabei das nötige Kleingeld fließen soll, das weiß ich derzeit eben so wenig wie sonst jemand, der sich mit dem unaufhaltsamen Medienwandel befasst. Alte Feindschaften sind dabei jedoch ganz gewiss so unnötig wie ein PR-betriebenes Frühstücksmagazin ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Stefan

    30.07.08 (11:39:28)

    Bei dem von Ihnen angesprochenen Thema Quellenangaben, habe ich v.a. die Erfahrung gemacht, dass Gratiszeitungen ungern einen Blog als Quelle angeben und somit lieber ganz darauf verzichten. Schade.

  • XiongShui

    30.07.08 (11:53:15)

    Im psychologischen Bereich nennt man so etwas Supervision. Man trägt Erkanntes in der Gruppe, möglichst in Anwesenheit eines Aussenseiters, zusammen und kommt so zu neuen Erkenntnissen. Die beschriebene Situation wäre ein Ideal, doch woher sollen die netzaffinen Journalisten, bzw. printaffinen Blogger kommen, die die Mittlerposition übernehmen sollen - und vor allem welcher Verleger gibt dafür Geld aus?

  • XiongShui

    30.07.08 (13:16:15)

    Pardon, ich vergaß noch: Das Bankhofer- Beispiel halte ich für ein schlechtes, weil es doch eher die Boulevard- und Yellow- Press- Leser anspricht (hier habe ich mich ausführlich damit befasst). Da wurde nur um des eigenen Interesses willen aus einer Mücke ein Elefant gemacht.

  • Klaus Jarchow

    30.07.08 (13:20:03)

    @ Stefan: Solche Journalisten sitzen ihren eigenen Leimruten auf: Dadurch, dass sie Blogs ständig überall als 'unprofessionell' ausschreien, können sie die Zuarbeit auch nicht vernünftig kennzeichnen und nutzen, ohne selbst und ihrer eigenen Propaganda gemäß 'unprofessionell' zu wirken: 'Das ist der Fluch der bösen Tat, dass sie stets fortwirkend Böses muss bewirken ...'. @ Xiongshui: Es ist meine Überzeugung, dass eine Geschichte sich künftig auf mehrere Medien verteilen kann, organisiert und zusammengehalten durch Permalinks. 'Exklusiv' und andere Old-Media-Adjektive wird man dann wohl in der Pfeife rauchen ...

  • XiongShui

    30.07.08 (15:08:32)

    @ Klaus Jarchow: Früher entstanden um die Exklusivartikel eine ganze Reihe Metaartikel. Heute läßt sich mit dem Zeitstempel feststellen, wer der "Erste" war, der die Geschichte brachte, da ändert sich nicht viel (außer das der elitäre Anspruch der Exklusivität wegfällt). Aber es sind eben die Chancen des Internets, daß man eine Geschichte genuin aus vielen Blickwinkeln betrachtet angeboten bekommen kann, wenn alle sauber verlinken. Dann muss man nicht in einer Redaktion mühsam Pro und Contra zusammensuchen. Viele werden auch erst lernen müssen gegenteilige Meinungen auszuhalten. Ihr Vorschlag hat auch einen weiteren Vorteil: man kann im Netz natürlich nach Meinungen (und Meldungen) suchen, die einem in den Kram passen und sich so ein realitätsfernes Bild der Wirklichkeit malen. Das wird in diesem Modell schwieriger: durch die vernetzte Arbeit am Thema kommen selbstverständlich auch Sichtweisen ins Blickfeld, die der Eine oder Andere lieber ausblenden möchte.

  • Klaus Jarchow

    31.07.08 (08:33:42)

    @ Xiongshui: Auf diese 'Multiperspektivität' wird es dank der Permalinks wohl hinauslaufen. Was wiederum allen Ideologen Schwierigkeiten machen dürfte, die zusehen müssen, wie die Leser ihrem 'Meinungskäfig' entlaufen, ob der nun 'Bayernkurier' oder 'Neues Deutschland' hieß. Und vielen Lesern bereitet es sicherlich auch Probleme, weil die Selbstgewissheit dahin ist, wenn man mehr als eine Meinung kontaktiert, wenn man wirklich mal 'souverän' sein soll und selbst entscheiden muss. Die Toleranz wird notwendigerweise wachsen ...

  • XiongShui

    31.07.08 (09:40:04)

    ;-) Eben, daß beherrschende Thema der Zeit lautet Angst (dazu habe ich vor einiger Zeit mal was geschrieben). Die Menschen werden durch Globalisierung und Internet gezwungen, "erwachsen" zu werden. Das behagt den Meisten ganz und garnicht, weil sie damit ihre Gewissheiten verlieren. Plötzlich müssen sie selbst Standpunkte finden und verteidigen, für viele fatal...

  • Thinkabout

    31.07.08 (16:59:29)

    @Xiongshui: Und sie müssen Ihre Zeit noch besser oder endlich nutzen: Das wird ganz schön anstrengend, sich eine Meinung zu bilden...

  • XiongShui

    31.07.08 (17:40:47)

    @THINKABOUT: Die Spannung, das Lebendigsein, das Abenteuer des Lebens müsste doch allemal diese Anstrengung wert sein. ;-)

  • Thinkabout

    31.07.08 (21:14:04)

    @Xiongshui Tja, da können wir zwei jetzt weiter diskutieren, wie zwei Romantiker, die sich über die Schönheit der Frauen unterhalten.

  • ThomasK

    01.08.08 (17:07:13)

    Das lustige ist, dass es sogar einen Schlag Romantiker gibt, die, wenn sie nur halbwegs in Fahrt kommen und über die Schönheit (sowie Risiken und Nebenwirkungen) der holden Weiblichkeit diskutieren, damit via User generated Content und Kontextsensitivität nicht mal so billige Artikel als textliche Werbeeinblendung zur Folge haben. Ads als eine ganz eigene Form von Situationskomik. :-) ----- Es gibt sogar kostenlose Zeitungen, die sich nicht an Blogs bedienen und einen gar nicht mal so kleinen Anteil an redaktionellem Inhalt haben. (da, wo ich PrePress bin z.B.). Klar - 100% Anteil ist einfach utopisch, da es speziell bei Sonderseiten wie z.B. "Haus und Garten" sogar für den Leser Sinn macht, auf PR zurück zu greifen. In kleineren Städten passiert schlicht und ergreifend zu wenig Aktuelles, was dort speziell gerechtfertigt unterzubringen wäre. Nur reine Anzeigenfriedhöfe geht auch nicht - also garniert man mit PR. Dazu kommt, dass eine Zeitung, die auch gelesen wird, ohnehin nicht wenig Futter zugesendet bekommt - allem voran von Vereinen, Pressestellen und diversen Bürgern mit starkem Mitteilungsbedürfnis. Stichwort "Leserbrief" (auch das Format gibt es noch...). Pfiffige Redakteure klauen nicht aus Blogs sondern provozieren Leserreaktionen mit Glossen. Themen rund um Erziehung, Bildung und Nachwuchs eigenen sich nach meiner Erfahrung am besten... Zeitung machen mit Kreativität Herz statt Zwischenablage und Hasskappe! (dann freut sich auch die Druckvorstufe über den Unterhaltungswert... nicht immer aber immer wieder)

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