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07.04.14Leser-Kommentare

Frontlinie im Kampf um die Netzneutralität: Niemand braucht die "Spezialdienste" der Netzbetreiber

Der Neid auf die erfolgreichen Internetfirmen bringt die Netzbetreiber dazu, unter dem Vorwand von Innovation "Spezialdienste" als neue Erlösquellen anbieten zu wollen. Doch diese braucht niemand.

internetDas vom EU-Parlament verabschiedete Regulierungspaket für Telekommunikationsanbieter ist, wie kommentiert, ein Grund zur Freude für Anhänger eines freien Internets. Gerade die klare Unterstützung der Durchsetzung von Prinzipien zur Sicherung der Netzneutralität stellt eine gute Nachricht für Bürger sowie die gesamte Internetwirtschaft dar. Allerdings existiert im Verordnungsentwurf in dieser Frage noch eine entscheidende Lücke , wie die Netzaktivisten des Vereins Digitale Gesellschaft monieren: Sie räumt es Zugangsbetreibern ein, sogenannte "Spezialdienste" anzubieten - ohne genau zu definieren, was in diese Kategorie fällt und unter welchen Voraussetzungen diese angeboten werden dürfen. Zwar schließe die Verordnung eine Drosselung oder Blockierung des offenen Internets zugunsten dieser Spezialdienste aus, dennoch bestehe weiterhin die Gefahr eines "Zwei-Klassen-Netzes", weil einzelne Onlineservices gemäß der aktuellen Regulierung als kostenpflichtige Spezialangebote aus dem offenen Netz ausgegliedert werden könnten.

Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird die Thematik der "Spezialdienste" die Öffentlichkeit und Politik noch einige Zeit beschäftigen. Immerhin verläuft hier nun die Frontlinie zwischen den Vorkämpfern der Netzneutralität und den Providern, die bestrebt sind, abseits der von Verbrauchern gezahlten Gebühren für die Bereitstellung des Internetzugangs neue Erlösquellen zu erschließen. Genau genommen geht es also um die uralte Frage, welche Aufgaben Netzbetreiber übernehmen sollen. Die Vorstellungen hierüber unterscheiden sich markant. Der Selbsterhaltungstrieb der Netzbetreiber

Schon seit Jahren sorgen sich die Zugangsanbieter darüber, nach dem endgültigen Wegfall des minutenbasierten Festnetz- und Mobiltelefoniegeschäfts zu der berühmt-berüchtigten "dummen Leitung" ("Dumb Pipe") degradiert zu werden. In diesem Szenario würden sie jeden Monat von den Kunden die Gebühr für den stationären und/oder mobilen Internetzugang kassieren und ihnen dafür je nach Tarif eine bestimmte Geschwindigkeit zuteilen, mit der User Daten durch die Leitungen schicken und empfangen können.

Die Netzbetreiber fremdeln mit diesem Gedanken, denn die Bereitstellung einer derartig fokussierten Dienstleistung würde ihnen Spielraum bei der wirtschaftlichen Expansion nehmen und sie wahrscheinlich auf einen drastischen organisatorischen und administrativen Schrumpfkurs schicken. Die Firmen versuchen deshalb schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb, ihre eigene Bedeutung als die Internetnutzung mitgestaltender Mittler künstlich zu stärken, indem sie selbst zu Diensteanbietern mutieren oder aber existierende Dienste wie Facebook, WhatsApp oder Spotify dazu bewegen, Kooperationen einzugehen. Beide Ansätze gehören zu den oben beschriebenen Spezialangeboten.

Das Märchen von Innovation

Die Telekommunikationsbranche tut gerne so, als liefere sie mit derartigen Services besondere Innovation, die Verbraucher über das offene Internet sonst nicht bekämen. Doch das ist ein Märchen. In Wirklichkeit bieten diese Spezialdienste nichts, was User nicht auch im offenen Netz finden. In der Regel sind reine Onlineanbieter zudem viel besser darin, sich auf die Wünsche der Anwender einzustellen, weil sie mit Produkten überzeugen müssen, anstatt Verbraucher durch Bündelung, hartnäckige Verkäufer und undurchsichtige Tarifmodelle in Spezialdienste zu locken.

Dass die Netzbetreiber durch die regelmäßigen Verweise auf "Innovation" und die Notwendigkeit, Spielraum für die Einführung von Spezialdiensten zu haben, ihre eigene Wirklichkeit konstruieren, ist vollkommen nachvollziehbar. Vielleicht glauben sie auch tatsächlich daran, dass ernsthaftes Interesse an ihren Nebendienstleistungen besteht. Doch bedenkt man, wie abhängig die moderne Gesellschaft und Wirtschaft von der Verfügbarkeit und Freiheit des Netzes ist, erscheint es nicht vermessen, die Interessen der Allgemeinheit - also der gut 75 Prozent aller Bundesbürger, die das Internet nutzen - über die der Netzbetreiber zu stellen. Und die Allgemeinheit bekommt über das Internet bereits alles, wonach ihr ist. Vom Einklinken der Netzbetreiber zum Zwecke der eigenen Bedeutungssteigerung profitiert niemand außer den Telekommunikationsunternehmen. Aus Kundensicht ist genau der von den Netzanbietern so vehement bekämpfte Status der dummen Leitung die Ideallösung.

Häufig hört man, ohne Zusatzeinnahmen stehe der Netzausbau auf dem Spiel. Doch die Telekomfirmen machen Milliardengewinne, zudem hindert sie niemand daran, eigenständige und nicht mit dem Internetzugang verknüpfte Dienste zu konzipieren, die es mit den reinen Onlineplayern aufnehmen. Dabei hätten sie den großen Vorteil von Millionen Kunden der Muttergesellschaft, die ohne hohe Kosten mittels Marketingkampagnen erreicht werden können. Bislang verliefen derartige Unterfangen allerdings nur bedingt erfolgreich. Sollte sich mit alternativen Wegen der Netzausbau nicht refinanzieren lassen, dann müssen Konzerne und Politik über andere Herangehensweisen nachdenken. Die Verschmelzung von Internetzugang und Spezialdiensten mit den mittelfristig sehr negativen Folgen für Verbraucher sowie alle Teilnehmer des Webgeschehens ist die offensichtlich schlechteste Methode.

Die beste Innovationsförderung ist die Dumb Pipe

Die Netzbetreiber sind neidisch, dass Internetdienste Milliardenumsätze machen, von denen sie nichts sehen. Das ist der entscheidende Grund für die Versuche, die Netzneutralität aufzuheben, und er zeigt ihr abwegiges Verständnis über ihre eigene Rolle. Die Wahrheit mag ihnen nicht schmecken, hören müssen sie sie trotzdem: Die größte Innovationsförderung für die digitale Wirtschaft sind nicht "Spezialdienste" sondern Zugangsanbieter mit der Einsicht, was ihre Kunden wirklich wollen: dumme Leitungen, deren Betreiber man für reibungsloses Funktionieren und Nichteinmischen bezahlt. /mw 

Foto: computer network cables over grey background, Shutterstock

Kommentare

  • DJ Nameless

    07.04.14 (11:02:18)

    “dumme Leitungen, deren Betreiber man für reibungsloses Funktionieren und Nichteinmischen bezahlt.” Besser kann man es wohl nicht ausdrücken.

  • qwertzman

    07.04.14 (13:43:47)

    ohja! ich will nichtmal sprachdienst aka telefon aka voip dass kann ich auch selbst dazubappen. eigentlich irre dass es das hier (Google bietet das in den USA mit Fiber) garnicht gibt. oder irre ich mich? :D mhh, vielleicht sollten wir das angriff nehmen? :)

  • Martin

    22.04.14 (16:50:58)

    @quertzman da sollten wir alle mal grübbeln, warum wir so wenig konkurenz im lande haben und die verantwortung immer wieder weiter gereicht wird

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