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04.10.10Leser-Kommentare

Freiwillige Micropayments: Flattr belohnt Meinung vor Qualität und Aufwand

Seit über einem halben Jahr wird der Micropaymentdienst Flattr nun eifrig in der deutschsprachigen Blogosphäre eingesetzt. Immer deutlicher wird: Nutzer belohnen über Flattr primär Meinung und Kreativität, weniger Aufwand und Tiefe von Inhalten.

 

Während des Verfassens meiner Analyse über die Eigenheit des Social-Web-Schwarms, nicht immer der beste Qualitätsindikator für Inhalte im Netz zu sein, spielte ich kurz mit dem Gedanken, auch Flattr in meine Beobachtung mit einzubeziehen. Allerdings entschied ich mich dagegen, denn selbst wenn es einen Zusammenhang zwischen der Tweet-, Like- und Flattr-Bereitschaft gäbe, so spielt die Anzahl von Flattr-Klicks momentan bei Diensten zur Aggregation von im Web populären Inhalten noch keine Rolle.

Ein aktueller Blogeintrag der taz veranlasst mich aber dazu, dass Thema nun doch noch einmal aufzugreifen: diesmal nicht aus der Perspektive der Social-News-Aggregatoren, sondern in Hinsicht auf Flattr und dessen Fähigkeit, eine nachhaltige Lösung zu bieten, um Onlineinhalte im Web (teilweise) refinanzieren zu können.

In meinem Beitrag stellte ich fest, dass das beste Social-Media-Potenzial häufig die Inhalte besitzen, in die am wenigsten Arbeit gesteckt wurde. Natürlich ist dies absichtlich überspitzt und ich mache an anderer Stelle auch deutlich, dass dies nicht heißt, dass qualitativer Content (= interessanter Content, in dessen Erstellung viel Zeit investiert wurde) nicht auch fleißig bei Twitter und Facebook weiterempfohlen wird. Unterstreichen will ich mit dieser Aussagen jedoch die Tatsache, dass eben auch ein Posting, das in seiner Anfertigung nicht mehr als 15 Minuten in Anspruch genommen hat, zum meistgelesenen Artikel in der Twittersphäre avancieren kann.

Interessanterweise zieht die taz im erwähnten Blogbeitrag ein sehr ähnliches Fazit, allerdings nicht im Hinblick auf die "Sharability" ihrer Artikel, sondern auf die Bereitschaft der Nutzer, sich für Texte mit einem Flattr-Klick zu bedanken - die taz gehört zu den wenigen etablierten Zeitungsmarken, die bisher mit dem schwedischen Service experimentieren. Die taz stellt fest:

 

"Bei der Auswertung der Leser-Klicks zeigt sich, dass die besthonorierten Artikel weiterhin nicht die sind, die den meisten Aufwand mit sich bringen, besonders investigativ sind oder besonders tiefgehend. Spitzenreiter war im September ein Interview mit zwei Kleingewerbetreibenden aus Hamburg-Ottensen, das in der Nord-Lokalausgabe der taz erschien und in dem die beiden erklären, warum sie in ihren Geschäften die BILD-Zeitung nicht mehr verkaufen. Der Text wurde 318-mal geflattert und brachte 132,94 Euro ein – er ist damit mit großem Abstand der bestgeflatterte taz-Text aller Zeiten."

Ein Blick auf die von Carta erhobenen Charts der meistgeflatterten Beiträge aus dem deutschsprachigen Raum im September offenbart ebenfalls, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem offensichtlich investierten Aufwand zur Erstellung eines Textes und dessen Popularität bei Flattr gibt.

Zwar rangieren auch einige Veröffentlichungen in den Flattr-Charts, die augenscheinlich viel Zeit und Muße gekostet haben - so beispielsweise "Die Debattenkultur bei Zeit Online und Sueddeutsche.de – ein Vergleich" - Meinungslastige Kurz-Postings wie "Das BKA, die Zugriffs-Entzugs-Behörde", "Mit Googles Riesenfröschen durch Raum & Zeit" oder "Der Wert der Bildung: 1,39 €" überwiegen jedoch, erhielten in einem Monat Flattr-Klicks im dreistelligen Bereich und platzieren sich ganz oben in den Flattr-Charts. Die Toplisten aus den Vormonaten zeichnen ein ähnliches Bild.

Wo liegt nun das Problem? Kommen kurze, knackige Beiträge grundsätzlich besser an als lange, komplexe und tief in die Materie einsteigende? Sind Blogger und Journalisten Schuld, weil sie zu wenig Zeit in ihre Inhalte investieren und zu oft ihre eigene Meinung publizieren? Ist Flattr nicht strikt genug, was Regeln betrifft, welche Inhalte überhaupt mit einem Flattr-Button versehen werden dürfen? Nein, nein und nein.

Das Problem, sofern man es als solches bezeichnen möchte, sind - wie schon beim Thema der Social News - wir alle, also die User selbst: Denn Flattr-Nutzer belohnen - so verdeutlichen es die Erkenntnis der taz sowie das Flattr-Ranking von Carta - Meinung und Kreativität, aber nicht notgedrungen Aufwand, Tiefe und Informationsgehalt, sprich Qualität. Natürlich kann ein meinungsstarker, kompakter Blogpost auch als qualitativ hochwertig wahrgenommen werden - offensichtlich wird Meinung jedoch höher gewichtet als Aufwand und Qualität, denn sonst sähen die Flattr-Charts anders aus.

Die oben verlinkten Beispiele zeigen, worauf es ankommt: Die jeweilige Zielgruppe muss sich emotional angesprochen fühlen. Das geschieht in der Regel durch starke Meinungen, mit denen sich die Leser identifizieren können, nicht durch langwierige Analysen zu Themen, die zwar wichtig, aber kaum geeignet für den virtuellen Stammtisch sind. Da machen sich pointierte Posts zu Zensurvorwürfen, Medienpannen oder politischen Entgleisungen sehr viel besser. Im Extremfall reicht das fast kommentarlose Abbilden eines Screenshots, um die Stimmungslage der Leserschaft einzufangen und sie zu einem spontanen "Danke" über Flattr zu veranlassen.

Ist das nun schlecht? Überhaupt nicht. Aber es ist nach dem guten Start von Flattr eine ernüchternde Erkenntnis für diejenigen, die in dem Service eine eventuelle Refinanzierungsform für ihren Content sahen, aber nicht in stark emotional besetzten Nischen aktiv sind. Dort scheint Flattr bisher am besten zu funktionieren. Ob dies immer so bleiben wird, liegt in den Händen der Nutzer. Ob diese aber aus ihrer Haut können, ist offen.

P.S. Bei Blogwerk liegen die Flattr-Einnahmen relativ konstant bei rund 200 Euro monatlich, netzwertig.com trägt in etwa die Hälfte zum Flattr-Umsatz bei.

Kommentare

  • flattr-Charts

    04.10.10 (13:32:03)

    "P.S. Bei Blogwerk liegen die Flattr-Einnahmen relativ konstant bei rund 200 Euro monatlich, netzwertig.com trägt in etwa die Hälfte zum Flattr-Umsatz bei." Könntet ihr mir oder hier die genauen Einnahmenzahlen bekanntgeben? Ich würde sie gerne in meine flattr-Charts ( http://www.pooq.org/fyi/2010/10/die-flattr-charts-im-september-2010/ ) übernehmen. Im Vergleich zum letzten Monat ist die Datenlage zu den Einnahmen der Blogs nämlich leider noch relativ gering.

  • Marius Frick

    04.10.10 (13:59:00)

    Ein sehr interessanter Artikel. Wenn man etwas weiterdenkt, wird auch deutlich, warum nerzwertig.com zur Hälfte des Blogwerk-Flatter-Umsatzes beiträgt. Populistische Artikel kommen nun mal bei der Zeilklientel gut an. Ähnliches Prinzip, wie bei BILD & Co.

  • Robin

    04.10.10 (15:21:13)

    "Denn Flattr-Nutzer belohnen – so verdeutlichen es die Erkenntnis der taz sowie das Flattr-Ranking von Carta – Meinung und Kreativität, aber nicht notgedrungen Aufwand, Tiefe und Informationsgehalt, sprich Qualität." Die Qualität gibt damit an, in welchem Maße ein Produkt den bestehenden Anforderungen entspricht.(DIN: „Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale Anforderungen erfüllt“). Entsprechend ist festzustellen, dass der TAZ-Text über den Bild-Kiosk aus Sicht der Flattr-Nutzer eine sehr hohe Qualität hatte. Flattr-Nutzer flattrn, weil sie sich mehr Inhalte von diesem Zuschnitt wünschen. Es erscheint daher nachvollziehbar, dass sie gerade auch bestimmte Meinungen flattrn - weil sie den Autor darin unterstützten möchten, die Welt so zu sehen und so zu analysieren, wie auch sie es für richtig halten. Flattr zeigt auf diese Art, wie unterschiedlich die Qualitätsbegriffe von Nutzern und Journalisten teilweise eben sind.

  • Marcel Weiß

    04.10.10 (15:41:20)

    Eben. Über Qualität schreiben (und ihr Fehlen, oder fehlende Wertschätztung selbiger zu bedauern), ohne zu definieren, was man damit genau meint, ist wenig hilfreich. Letztlich ist das alles sehr viel subjektiver und weitaus weniger abtrennbar (und auch: komplexer), als es in den zwei Artikeln von Martin Weigert suggeriert wird. Auch die Gedanken-Krücke 'viel Arbeit = Qualität' hilft da kaum weiter. Mashables 100+-Toolbox-Artikel machen sicher auch viel Arbeit, sind aber deswegen nicht automatisch die Krönung der Onlinecontent-Schöpfung. (Generell ist es auch nicht sinnvoll, davon auszugehen, dass etwas die perfekte Lösung ist oder sein soll, und dann zu bedauern, dass es das nicht ist (Die Realität kann nie gegen die Utopie bestehen.). Viel interessanter ist es, reale alternative Herangehensweisen miteinander zu vergleichen und zu schauen, was wo in welcher Art besser oder schlechter funktioniert.)

  • Martin Weigert

    04.10.10 (15:50:03)

    Flattr-Nutzer flattrn, weil sie sich mehr Inhalte von diesem Zuschnitt wünschen. Stimmt. Aber genau da liegt das Problem ;) Flattr zeigt auf diese Art, wie unterschiedlich die Qualitätsbegriffe von Nutzern und Journalisten teilweise eben sind. Das impliziert, dass Nutzer, die einen kurzen Meinungspost oder ein im Netz gefundenes, stimmiges Symbolbild flattern, auf die Frage, ob es sich dabei um das handelt, was gemeinhin als "Qualitätsinhalt" bezeichnet wird, mit "ja" antworten würden. Kann man sich sicher sein, dass dies so ist? Oder wird vielleicht doch differenziert und der Flattr-Klick durchaus bewusst für die Meinung und die glückte emotionale Ansprache vergeben statt für journalistische Arbeit?

  • Martin Weigert

    04.10.10 (16:10:12)

    @ Marcel Ich habe Qualität sehr wohl objektiv zu definieren versucht. Drei Kriterien - es gäbe sicher noch viele mehr ("Aufwand, Tiefe und Informationsgehalt"). (Generell ist es auch nicht sinnvoll, davon auszugehen, dass etwas die perfekte Lösung ist oder sein soll, und dann zu bedauern, dass es das nicht ist (Die Realität kann nie gegen die Utopie bestehen.) Ich habe Flattr nie als perfekte Lösung verkauft. Wo hast du das her?

  • mspro

    04.10.10 (16:17:08)

    Grundsätzlich kann ich der Analyse zustimmen. Das ist mir auch sehr aufgefallen, zum Beispiel mein dahingeotztes Telekombashing ist mir angesichts des Flattrerfolgs fast peinlich. Aber etwas anderes finde ich viel wichtiger: Wer lange dabei ist und konstant Qualität abliefert sahnt überdurchschnittlich gut ab. Siehe Tim Pritlove. Und da scheint sich irgendwie noch etwas anderes Bild festzusetzen. Kann es sein, dass ausgerechnet in diesem schnelllebigen Medium Konstanz eine wichtige Maßgabe ist. Die Blogsphäre ist ca. 5 Jahre alt. Wenn man sich insgesamt die Community und den Zuspruch der Leute die seit 10 oder 15 Jahren massiv online unterwegs sind anguckt (vor allem CCC-Umfeld), dann wirken die Gratifikationen der Erregungsposts geradezu unbedeutend.

  • Martin Weigert

    04.10.10 (16:52:36)

    Ulrike Langer kam zu einem ähnlichen Schluss wie du. "Es gibt eine Art “rückwirkende Dankbarkeit” bei Flattr. Blogger wie Stefan Niggemeier, die schon seit Jahren konstant hohe Qualität liefern und Debatten anregen, werden von ihren Stammnutzern offenbar auch sozusagen für ihr “Lebenswerk” belohnt."

  • Marcel Weiß

    04.10.10 (17:18:00)

    @Martin Weigert: Mein Punkt war, dass man Qualität in diesem Zusammenhang nicht umfänglich objektiv feststellen kann. Wie definierst Du Tiefe und Informationsgehalt? Du führst weiter schwammige Bezeichnungen ein, um den schwammigen Qualitätsbegriff zu konkretisieren. 'Tiefe' lässt sich gar nicht ohne weiteres definieren. 'Informationsgehalt' ebenso, ist außerdem abhängig vom Wissen, das der Leser mitbringt. Und Aufwand hat wie gesagt keine direkte Korrelation mit 'Qualität', nicht einmal unbedingt mit Umfang. Ein Beispiel: Den meisten Seth-Godin-Posts würde ich subjektiv mehr Qualität zusprechen als den meisten mashable-Posts. Und das selbst oder gerade dann, wenn Godin im Aphorismus-Modus ist. Wie soll das denn objektiv messbar sein? (Um noch weiter zu gehen: Wie soll das auf einer Skala verortet werden?) Generell glaube ich auch, dass man mit "Qualität" nicht den alleinigen Grund trifft, der zum Flattern anregt. Nicht zuletzt, weil sich jeder etwas anderes hier unter 'Qualität' vorstellt. Und auch, weil Flattr auch verstärkt aus Vorauszahlung für Künftiges wirkt. Das alles mag wie Haarspalterei erscheinen, es ist aber wichtig für Prämisse und die daraus folgenden Aussagen zu Social News und Flattr, ob man glaubt, dass es eine objektive Qualität für journalistische Inhalte gibt oder nicht. Und wenn man nicht an eine objektiv feststellbare Qualität glaubt, wird die Erkenntnis auch trivial, dass in keinem System die 'besten' Inhalte kontinuierlich oben stehen, auch nicht in den 'neuen' Systemen. Weil es nicht 'die besten Inhalte' gibt. Flattr bildet nahezu perfekt, weil nahezu transaktionskostenfrei die Nachfrage für die Schnittmenge Flattruser/Nutzer von Inhalten des Produzenten XY ab. Nicht mehr, nicht weniger. "Aber es ist nach dem guten Start von Flattr eine ernüchternde Erkenntnis für diejenigen, die in dem Service eine eventuelle Refinanzierungsform für ihren Content sahen, aber nicht in stark emotional besetzten Nischen aktiv sind. Dort scheint Flattr bisher am besten zu funktionieren. Ob dies immer so bleiben wird, liegt in den Händen der Nutzer. Ob diese aber aus ihrer Haut können, ist offen." Hier zäumst Du wieder das Pferd von hinten auf, und siehst die Bringschuld bei den Nutzern, die sich nicht so verhalten, wie du es erwartest, so wie bei der Adblocker-Debatte. Ich glaube, dass das zu einem guten Teil aus der falschen Prämisse kommt, die man nochmal überdenken könnte.

  • Martin Weigert

    05.10.10 (01:48:09)

    Qualität ist zum Teil subjektiv, es gibt in der gebildeten Internetklasse (= momentene Flattr-Nutzer) aber durchaus einen Konsens für das, was Qualität ist. Das franst dann zwar nach allen Seiten aus, aber jetzt auf der Tatsache herumzureiten, Qualität sei nur subjektiv, halte ich für falsch. Die FAZ z.B. wird allgemein als Qualitätszeitung bezeichnet, niemand würde darüber streiten, ob das nicht etwa subjektiv sei (Qualität bedeutet nicht, dass jeder die Inhalte interessant finden muss). Ein BMW oder Audi wird allgemein als Qualitätsauto angesehen, egal ob er ab und an eine Panne hat oder optisch nicht jedem zusagt usw usw Hier zäumst Du wieder das Pferd von hinten auf, und siehst die Bringschuld bei den Nutzern, die sich nicht so verhalten, wie du es erwartest, so wie bei der Adblocker-Debatte. Das hättest du so gern, weil es so perfekt in dein schwarz-weiß-Denkmuster passen würde ("ich hier, die Person mit der anderen Meinung weit weg auf der anderen Seite"). Ich sehe überhaupt keine Bringschuld bei den Nutzern. Denn dann wäre mein Schluss "Die Leser müssen anders Flattrn". Doch ich bezweifle wie erwähnt, dass es dazu kommt. Deshalb ist mein Schluss: Für die Refinanzierung von bestimmten Inhalten wird Flattr wahrscheinlich doch nicht gut funktionieren. Was Seth Godin macht, ist kein Journalismus (das heftet er sich auch nicht an). Er betreibt Selbstvermarktung mit klugen, kurzgefassten Weisheiten und Beobachtungen. Ich würde hier durchaus eine Grenze ziehen, selbst wenn das, was er von sich gibt, häufig interessant und stimmig ist. Noch mal als Fazit: Flattr incentiviert bestimmte Arten von Inhalten, aber nach bisherigem Stand nicht das gesamte Spektrum an Onlineinhalten - und tendenziell nicht die Inhalte, die vom Ersteller besonders viel Aufwand und geistige Anstrengung erfordern (damit haben wir die Mashable-Listen dann auch schön ausgeklammert). Das ist nicht dramatisch, aber eine Entwicklung, die Contentersteller berücksichtigen sollten.

  • Nerddeutschland

    05.10.10 (02:30:01)

    "Stark emotional besetzte Nischen" Sehr treffend. Die Toplist vom September ist da eindeutig: ein Rant gegen die Bild, einer gegen die Telekom, einer gegen die "Holzwirtschaft",...etc. Vieles davon "dankbare" Themen an denen man sich gut austoben kann, und man sich gleichzeitig einer hohen Zustimmungsrate sicher sein kann. Was gern geliked wird, wird auch gern geflattrt. Warum sollten im Netz auch andere Regeln gelten, als am Kiosk oder im TV: Gossip gewinnt! Und: in der gezielten Abwertung steckt offensichtlich allgemein mehr Zuschauer/Leser- Potenzial als in der Zustimmung! Ein Vergleich mit Scripted Reality wäre bei vielen Top-Flattrs nicht unangemessen: So wie sich der unsichere TV-Zuschauer im Heim der Hartz4-Familie daran "aufrichten" kann, dass es anderen "ja noch schlechter geht", so kann sich der Nichtzeitungsleser dadurch selbst bestätigen, wenn er z.B. bei Stefan Niggemeier "Falsche Freunde" flattrt. Wird hier das "Lebenswerk" honoriert? Oder die Meinung? Die Qualität dieses Artikels ist es jedenfalls nicht! Ich halte "Falsche Freunde" für sehr passend. Zum einen weil er thematisch zu deiner These passt (Emotional+Nische+in diesem Fall noch sogar als Schmankerl einen der dankbarsten Kriegsschauplätze im Web überhaupt -Online vs. Print- on top), zum anderen, weil eine andere Relation deutlich wird: die 200€, die man durch Flattr bei blogwerk im Monat generiert, durch Artikel die nicht selten einen hohen Rechercheaufwand mit sich bringen, und oft einen Erkenntnisgewinn(z.B Selbstmanagement des Newsstream, als USP von netzwertig genannt), also einen konkreten Nutzen bieten, werden in der Summe weniger honoriert, als eine handvoll Artikel eines Medienjournalisten, der zwar eine begnadete Schreibe hat, aber speziell in dem genannten Blogeintrag einfach nur eh schon vorhandene Ressentiments einer bestimmten Leserschaft bedient. Vielleicht ist er sich dessen noch nicht einmal bewusst? Die Menge fühlt sich in ihrer Negativhaltung (Springer= böse, Faz=erzonsvertiv, ach und irgendwie insgesamt eh alles Scheisse) bestätigt, kommentiert und und flattrt auch deshalb gern. Unter dem Schutz des angesehenen Dachs von Deutschlands Medienjournalisten No.1 kann man sich gemütlich austoben. Ein solches Setting trifft man sonst nur in der Blogbar an, wenn die Social-Media-Ketzer ihrem Meister nach dem Mund reden. Der Meyer hat dabei jedoch wenigstens soviel Klasse, dass er nur Leute auf seiner Augenhöhe tackled, und dass er sich seine Schmäh nicht auch noch in Form von Micropayments vergüten lässt! Dieses Beispiel steht dem Konsum von Scripted Reality oder von Dieter Bohlen-Shows in nichts nach: Abwerten, und kleinen Geistern dadurch eine Selbstbestätigung verschaffen. Dass das heutzutage unter dem Sammelbegriff "Unterhaltung" mitfirmiert und gesellschaftliche Akzetanz findet, ändert nichts an der trivialen Motivation des Publikums, die ich hier ganz klar unterstelle: immer drauf auf die Holzmedien. "Die verstehens ja eh nicht." Das gilt sicher nicht für alle Inhalte die "topgeflattrt" werden, aber ich setze hier gezielt eine Spitze! Oben genanntes Beispiel hat mich nämlich derart beschäftigt: nach dem ersten Lesen war ich begeistert. Ich habe mir eins gegrinst, und für mich gedacht "Nette Watsche, bravo." Hätte ich glatt aus einem Impuls heraus geflattrt. Am nächsten Tag hatte sich mein Bild, bzw. meine Zustimmung zu diesem Artikel geändert. Ich habe mir die "Mühe" gemacht, mal die beiden betreffenden Herren Kilz und Neumann zu recherchieren: zwei ältere Herren in den späten 60ern. Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, sei es bei meinem Vater, Schwiegervater, Onkel, meinen alten Chef, alle in vergleichbarem Alter, und mir anschaue wie es in diesem Alter mit der grundsätzlichen Bereitschaft zur Veränderung aussieht, mit der Offenheit für Neues, sei es beruflich oder privat, dann "geht da mal mehr mal weniger". Im Mittel aber eher weniger. So ist das halt. Scheint also ein altersbedingtes Phänomen zu sein, dass man nicht mehr so "mitkommt", nicht mehr so flexibel ist, und das man sich auch gern mal in eine Abwehrhaltung oder Restauration flüchtet, selbst wenn man sich dabei selbst schadet. Ist das nicht nachvollziehbar, nicht menschlich? Kann man da nicht mal großzügig sein? Muss man da beleidigt die "Grätsche" auspacken? Wie werde ich mit Ende 60 mit dem NextBigThing nach dem Internet umgehen können, wenn das meinen ganzen bisherigen beruflichen Lebensweg auf den Kopf stellt? Wie wird Herr Niggemeier in diesem Alter darauf reagieren? Wird er es dann noch schaffen das berufsjugendliche Chamäleon zu geben, das sich schnell anpasst, oder aber wird er auch der von Metternich, der Restaurator sein, der das "alte" Internet retten werden will, und sich darin verrennt, obwohl ihn die Zeit längst eingeholt hat? Wird er sich dann nicht auch evtl. einen jüngeren Kollegen als Argumentations-Vehikel heranholen, um diesen im Sinne seiner Haltung "benutzen" zu können? WIR hier wissen nicht, wie wir UNS verhalten würden, wenn ein vergleichbarer Wandel im fortgeschrittenen Alter einmal auf uns zukommen würde!Würden WIR mit der Entwickung schritthalten können, mit neuer Technik, die wir nicht verstehen? Sich als "Opfer" und gleichsam als "Beschützer" und EinMannWatchblog der "Bloggerszene" hinzustellen, und die betreffenden Herren ohne jedes Verständnis, ohne eine Ironie, oder ein Augenzwinkern ("Der Kilz, der alte Fuchs, lobt mich hier über den Klee und benutzt mich gleichsam, clever.") anzuprangern, das erschien mir im Nachklang eher schal und schäbig. Dieses "Verheizen" ist einfach nur kleinkariert. Ebenso schäbig erschien mir auf den zweiten Blick, dass er sich nicht wirklich die Mühe machte, den dankbaren Mob, der seine Kommentarleiste im Anschluss bevölkerte, ordentlich zu moderieren. Hier wurde sich -überwiegend- gern und unkommentiert genüsslich ausgelassen, so dass der Artikel dadurch zusätzlich noch einen extra negativen Spin bekommen hat. Um das klarzustellen: es geht mir nicht um den Inhalt als solchen. Wäre hier z.B. Christoph Keese der Widerpart gewesen, hätte ich gesagt, "der ist ca. gleiches Baujahr, der schiesst selbst immer scharf, der kann das ab, dem braucht man keine Lücke zu lassen um sein Gesicht zu wahren, der wird schon selbst angemessen darauf reagieren. In diesem Fall wäre mir aber ein bisschen mehr Respekt lieber gewesen, etwas Verständnis, etwas weniger Biss, etwas Milde. Zum einen um den Gegenübern die Möglichkeit zu geben, das Gesicht wahren zu können, zum anderen um die Gelegenheit zu nutzen, den eigenen Lesern an diesem Beispiel zu vermitteln, wie schwer der Strukturwandel im Mediengeschäft für die ältere Generation denn offensichtlich sein kann. Eine bessere Gelegenheit kann man ja kaum haben. Stattdessen wird geschmollt und böse "abgrechnet"! Chance vertan. Inhaltlich hätte sich das nichts genommen, er hätte Größe gezeigt, und noch den eigenen Lesern einen Erkenntnisgewinn mit auf den Weg geben können. Aber das ist leider nicht populär. Lieber lässt er offensichtlich einem kindlich-naiven Frust,motiviert durch das sich "Benutztfühlen", freien Lauf, und haut zwei ältere Herren einfach voll in die Pfanne, die einfach... ja was denn eigentlich? Ach so, die offentsichtlich den "Change" nicht hinbekommen. Die johlende Crowd flattrt ihn dafür dankbar! Das Bashing geht vor. Dass jeder in seinem Berufsalltag irgendwann mal "genutst" wird, man vorgeschoben wird, oder dass sich jemand anderes mit der eigenen Leistung schmückt, das man damit auch gelassen umgehen kann, weil es Alltag ist,Wirklichkeit, das scheint ihm nicht bewusst zu sein. Es reicht ihm vielmehr offensichtlich als Grund aus, um voll vom Leder zu ziehen. Bravo! Wer spricht da eigentlich? Der Medienjournalist Herr Niggemeier oder der gekränkte, "benutzte" kleine Stefan? Bekäme ich den "Change" mit 67 Jahren noch hin? Ich weiss es nicht. Weiss Herr Niggemeier es, wie es in dem Alter für ihn sein wird? Nein! Das ist also meine Haltung zu diesem vermeintlichen "Top"-Artikel: Erst Top, dann Flop, dann sogar Fremdscham. Der Clou ist dabei: Ich bin am Anfang, nach erstmaligem Lesen aber auch darauf reingefallen, habe mich von der schmissigen Schreibe einlullen lassen, ohne über den eigenen Teller zu schauen. Der Reisser lockte mich, ich bin diesem Rant voll auf den Leim gegangen. Erst auf den zweiten Blick fiel mir auf, dass der Artikel nichts taugt. Offensichtlich muss ich selbst erst noch lernen mit Flattr umzugehen, der Dienst ist ja noch relativ jung. Scheint etwas wie beim Apple Appstore zu sein: die Kunst besteht darin, zu erkennen, dass Kleinbeträge in der Summe auch "Mist machen", und dass man schaut, eben nicht alles und jedes aus spontaner Skandal-Neugier, Angstmache oder einem anderen direkten Impuls "mitzunehmen" oder -in diesem Fall- zu honorieren. Und flattr zielt ja wie der Appstore auf den Impuls ab. KLICKMICH! Ein zweiter Blick lohnt sich also. Wenn mir in Zukunft ein Artikel am nächsten Tag immer noch gefällt, dann schau ich nochmal vorbei, der Flattr-Button wird ja nicht verschwunden sein... Eventuell haben andere ja auch schon negative Erfahrungen gemacht, dass sich Ihre Haltung einfach geändert hat,und sie es entsprechend schon einmal bereut haben, einen Artikel geflattrt zu haben. Wenn dem so ist, ändert sich vielleicht auch mal irgendwann das Nutzerverhalten, so dass der Dienst zukünftig nicht nur die auf den ersten Blick gefälligen Reisser nach oben spült. Eine Alternative wäre es auch, wenn es eine UnFlattr-Funktion geben würde, die dem Nutzer für einen gewissen Zeitraum die Möglichkeit gibt, seine Zahlung wieder rückgängig zu machen. Skandalnudeln, die sich vielleicht in der Nachbeschau nur als Blender entpuppen, könnte man somit abstrafen. Der Qualität wäre das sicherlich dienlich.

  • Nerddeutschland

    05.10.10 (02:32:30)

    "Das ist mir auch sehr aufgefallen, zum Beispiel mein dahingeotztes Telekombashing ist mir angesichts des Flattrerfolgs fast peinlich." CHAPEAU!

  • Martin Weigert

    05.10.10 (02:42:04)

    Na da hat sich ja was angestaut bei dir ;) Ich hoffe, du vergibst mir, dass ich dir nicht in der Länge antworte, wie es ein ausführlicher Kommentar wie deiner eigentlich erfordert. Nur so viel: Ich hoffe, du hast deine Meinung auch bei ihm in den Kommentaren kundgetan. Damit er sie auch zu Gesicht bekommt und zumindest die Möglichkeit erhält, sich zu äußern (was ich fair fände). Auch will ich vermeiden, dass das hier zu einer Neiddebatte wird. Ich gönne allen ihre Flattr-Umsätze - der User ist der, der klickt, er ist "in control". Das hier ist imo eine sehr wichtige Aussage: die Kunst besteht darin, zu erkennen, dass Kleinbeträge in der Summe auch “Mist machen”, und dass man schaut, eben nicht alles und jedes aus spontaner Skandal-Neugier, Angstmache oder einem anderen direkten Impuls “mitzunehmen” oder -in diesem Fall- zu honorieren. Auch ich muss das noch mehr verinnerlichen. Eine Unflattr-Funktion wäre in der Tat recht nützlich. Es ist auch mir schon mehrmals passiert, dass ich im Eifer des Gefechts geflattert und es kurz danach bereut habe.

  • Tino Maurus

    05.10.10 (09:58:36)

    Ich würde das nicht zu schwarz sehen. Blogger X bekommt gute Flattr-Einnahmen für einen kurzen Meinungssplitter ohne großen Rechercheaufwand - das gleicht aber vielleicht den langen, gut recherchierten Artikel aus, den er zwei Wochen vorher geschrieben hat und für den er weniger oder nichts bekommen hat. Letztendlich gibt es doch häufig sowas wie einen internen Ausgleich - so eine Art Quersubventionierung.

  • Gregor Keuschnig

    05.10.10 (10:27:41)

    Das beschriebene Phänomen ist m. E. kein spezifisches Flattr- oder "Internet"-Problem. Generell reüssiert man mit vermeintlich populärer Meinung überall im Journalismus. Auch die Journalisten, die als besonders integer oder investigativ gelten, entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Meinungsführer einer bestimmten Klientel und/oder Interessengruppe bzw. reden dem Zeitgeist nach dem Mund. Das ist bei Bloggern oder Onlinejournalisten nicht anders: Belohnt (mit Klickzahlen, zuspruch und von mir aus auch Geld) wird Gesinnung - nicht Qualität. Es ist eine Illusion, dass ein hervorragend aufbereites Gegenargument innerhalb einer Diskussion vom Andersdenkenden belohnt wird. Es wird - zumindest was Online angeht - meiner Beobachtung nach gar nicht erst zur Kenntnis genommen.

  • Jeeves

    05.10.10 (10:29:15)

    "Nutzer belohnen über Flattr primär Meinung und Kreativität, weniger Aufwand und Tiefe von Inhalten." Willkommen in der schlichten, realen, doofen, banalen Welt. Allerdings: "Kreativität"? Das glaub' ich nicht. Es ist wohl zum größten Teil: ich bin mit der Meinung, mit der Tendenz des Gebotenen einverstanden und das (also meine eigene Meinung) will ich "belohnen".

  • vtaktuell

    05.10.10 (11:01:56)

    Bloggen kann meiner Meinung nach ohnehin nur als Mischfinanzierung funktionieren, und zwar auf mindestens zwei Ebenen. Einmal hat Tino ja bereits angemerkt, dass ein vielgeflatterter Beitrag ohne großen Rechercheaufwand die weniger geflatterte Reportage oder den "Leitartikel" mitfinanzieren muss. Aber Mischfinanzierung bedeutet natürlich auch, dass Flattr Blogger nie auch nur annähernd auf ein ähnliches Verdienstniveau heben können wird wie selbst schlecht bezahlte Print-Journalisten. Es kann ein kleiner Baustein sein, aber damit sich das Bloggen wenigstens halbwegs trägt, müssen andere Geldquellen erschlossen werden. Sponsoren, Unterstützerkreise, Werbung, Shops, Kooperationen mit etablierten Medien sind denkbare Möglichkeiten. Und schließlich gibt es noch die dritte Mischfinanzierungsebene: Kein Blogger wird auf absehbare Zeit von seinem Blog leben können, sondern wird sein Geld vor allem mit einem "ehrlichen Beruf" verdienen müssen.

  • VonFernSeher

    05.10.10 (12:36:54)

    Diese Diskrepanz, die man genauso ablesen kann, wenn man die Kriterien wie Martin Weigert anlegt, wurde aber hier für mich nur bestätigt. Ich habe mir schon öfters Blogs, die ich zu dem jeweiligen Zeitpunkt praktisch durchgängig gelesen habe, auf die Verteilung der Kommentare hin angeguckt. Die Verteilung tritt auch hier in völliger Unabhängigkeit von Textlänge, nötiger Recherche, Aufbereitungsaufwand (Interviews, Grafiken, Diagramme, Fotos) und journalistischer Regeltreue auf. Vielmehr hat man eine gute Chance, wenn man seine Artikel in einer Art tendenziös schreibt, dass der Widerspruch oder Zuspruch aus einer gewissen Ecke vorprogrammiert ist. Da sich (Teil meiner Beobachtung) die Anzahl der Pings und Trackbacks auch in etwa proportional zu der der Kommentare verhält, ist das erhöhte Flattr-Aufkommen ja dann fast eine logische Folge. M.M.n. liegt das stark an der emotionalen Betrachtungsweise der Leser, die mehr und schneller reagieren, wenn ein Beitrag ihre Ansichten berührt. Und Flattr setzt ja auch auf den Impuls, direkt nach dem Lesen eines Textes zu entscheiden, was er mir wert ist. Das war auch schon zu Newsgroupzeiten so und übrigens, bevor wieder jemand damit anfängt, auch in anderssprachigen Medien. Wenn man in einer Newsgroup Aufmerksamkeit auf seine Mitteilung ziehen wollte, hat man sich einfach in einer unangemessenen positiven oder negativen Art über einen Meinungsführer in der Gruppe geäußert. Zack, Baum hat 100 neue Antworten. Ich persönlich fand und finde das schade, aber man soll ja nicht von sich auf andere schließen.

  • incontinence

    05.10.10 (13:19:02)

    @12 Da wünscht man sich doch eine Gesinnung von guter Qualität ... ;) Und: Die meisten Menschen (auch Journalisten) wollen lieber mehr von demselben (mehr Qualität oder mehr Gesinnung, je nach dem). Am liebsten kurz und griffig auf den Punkt gebracht. Wegen des für jeden guten Gefühls der Bestätigung der eigenen Sichtweise und der aus dieser Sichtweise oder Erkenntnis gefolgerten bisherigen und zukünftigen eigenen Lebensentscheidungen! Überzeugende Gegenargumente, die unsere Weltsicht eventuell verändern könnten, bereiten in der Regel Schmerzen. Das gilt sicherlich auch im Netz ... Eine Frage beschäftigt mich zudem: Sind "Altherrenversteher" so etwas ähnliches wie "Beckenrandschwimmer"?

  • VonFernSeher

    05.10.10 (13:33:06)

    Es gibt die miesen Kneipen, in denen sich die immer gleichen Leute an die immer gleichen Tische setzen und sich gegenseitig den Bauch pinseln. Und dann gibt es diese schwarzen Löcher, die mich magisch anziehen; die sind meistens nicht so wohnlich, aber dafür kann man dort an jedem Tisch über etwas anderes philosophieren und sich richtig schön die Ansichten um die Ohren hauen. Und wenn man mal nichts zu sagen hat, beschäftigt man sich mit seinem Getränk oder geht an den nächsten Tisch. Und da trifft man allerarten, von der Schaumkrone bis zur Bodensubbel. Den besseren Umsatz macht unter Umständen die erste, die zweite ist aber Stadtgespräch und Kult. Für mich persönlich sieht die Blogosphäre nicht viel anders aus, bloß leider ohne Zapfhahn.

  • Nerddeutschland

    05.10.10 (15:14:17)

    "Flattr-Nutzer flattrn, weil sie sich mehr Inhalte von diesem Zuschnitt wünschen. Es erscheint daher nachvollziehbar, dass sie gerade auch bestimmte Meinungen flattrn – weil sie den Autor darin unterstützten möchten, die Welt so zu sehen und so zu analysieren, wie auch sie es für richtig halten." Deshalb knechtet Herr Michal also so gern seine eigentlich längst schon totgerittenen Alt-68er-Mythen in die Neuzeit: mögen sie nun auf den neuen digitalen Weiden ihr Gnadenbrot finden, und vielleicht auch noch ein paar regelmässige Besucher, die dann artig streicheln. Und während ihr jüngster Klepper, der SpOn-Kraken-Gaul dank guter Pflege nochmal so richtig Fleisch auf die Knochen bekommen soll, ist diese Rasse in anderen Tierparks längst dem Abdecker übergeben und zu Bioseife und Pferdesalami verarbeitet worden. Da laufen dann Mustangs friedlich neben Shetlands und isländischen Brauereipferden. Die Besucher schätzen die Vielfalt und freuen sich, dass sie sich ihr Lieblingstier selbst aussuchen können, dass man ihnen das auch zugesteht, und dabei nicht versucht Ihnen latent Ihre Entscheidungkompetenz abzusprechen, und man Ihnen dabei mit erhobenem Zeigefinger Angst zu machen versucht. In anderen Parks wissen die Besucher längst wer und was sie sind, und würden herzlich darüber lachen, wenn Ihnen der Tierpfleger versuchen würde durch eine konstruierte Korrelation aus Reichweite und Meinungsmacht einen Schrecken einzujagen. Naja, jeder reitet halt das Pferd mit dem er am besten zurecht kommt. Und wichtig ist doch eh nur, dass die Besucher die Pacht irgendwie sicherstellen.

  • Martin Weigert

    05.10.10 (16:06:36)

    Danke für die rege Beteiligung! Ich glaube, es hilft, sich die Tragweite einer einzelnen Geste ins Gedächtnis zu rufen: Facebook Like: Geringe Tragweite, nur ein Klick, wenig erzwungene Aufmerksamkeit anderer. Tweet: Größere Tragweite, mehr als ein Klick, mehr erzwungene Aufmerksamkeit anderer. Flattr: Finanzielle Transaktion (Beurteilung der Tragweite ist hier wohl sehr subjektiv, je nach Flattr-Budget), nur ein Klick, keine erzwungene Aufmerksamkeit anderer. Ich versuche durchaus, mich in meinen "Bedankungen" danach zu richten. Je nach Inhalt eignet sich eine andere Geste.

  • Martin Weigert

    05.10.10 (16:18:32)

    Pragmatische Sichtweise. Wäre möglich...

  • hiro

    06.10.10 (08:03:05)

    Jetzt mal ehrlich - überrascht jemanden dieses Ergebnis? Unterscheidet sich hier in irgendeiner Form Online- von Offline-Welt, wenn man mal darüber nachdenkt, welches die meistverkaufte "Zeitung" an den Kiosken ist? Auch wenn der Beitrag sicher ganz toll recherchiert ist: Aus meiner Sicht ist der Neuigkeitsgehalt doch eher gering.

  • Felix

    06.10.10 (10:04:05)

    Viele Menschen bilden sich gerne eine Meinung aus Meinungen anderer die sich die Mühe gemacht haben, zu recherchieren, zu hinterfragen, neugierig zu sein. Dieser Artikel spricht - wie ich finde - genau dieses "Fehlverhalten" erstgenannter an. Es wäre daher schön, weniger Meinungsumfragen zu haben, dafür mehr Wissensumfragen. Vielleicht würden die - mit Verlaub - Faulen umdenken. Btw.: Würde Flattr im heise.de-Forum oder überhaupt in Blog-Kommentaren zum Einsatz kommen, wäre das für den einen oder anderen Poster sicherlich lukrativ.

  • Christopher

    07.10.10 (09:46:22)

    Der Artikel deckt sich weitestgehend mit meinen Flattr-Erfahrungen. Ich bin v.a. im Softwarebereich tätig und mir fällt auf, dass frei verfügbare Softwareprojekte bei Flattr sehr selten angeklickt werden. Das Softwareentwickler oft eine nur sehr kleine Zielgruppe ansprechen ist mir klar. Ich selbst habe eine Extension für TYPO3 erstellt, welche den bekannten Flattr- Button automatisch in das CMS einbindet. Obwohl die Extension bereits mehrere Male heruntergeladen wurde, wurde sie noch kein einziges Mal geflattert. Vor dem Hintergrund, dass vermutlich fast jeder der die Extension herunterlädt auch Flattr nutzt, ist dies doch sehr widersprüchlich. Gerade deshalb sehen viele, genau wie ich, Flattr eher als ein interessantes Experiment und nicht als eine Möglichkeit zur Refinanzierung ihrer Projekte. Die Idee von Flattr mag bei einfachen Inhalten für die breite Masse annähernd funktionieren, nicht jedoch bei "Nischenprodukten".

  • Paddy

    07.10.10 (15:57:45)

    Christopher: Gerade deshalb sehen viele, genau wie ich, Flattr eher als ein interessantes Experiment und nicht als eine Möglichkeit zur Refinanzierung ihrer Projekte. Da bin ich der gleichen Meinung, zumindest in der Testphase von Flattr. Und der Dienst kostet halt auch nichts, von daher ist jede Einkunft ja erst mal zusätzlich (gut bis es Blogs/Projekte gibt, die explizit für Flattr-Klicks gegründet wurden). Ändern könnten sich die Verhältnisse, wenn weitere Funktionen wie automatisierte Flattr-Abo-Klicks (bitte! bald!) dazu kommen, diese würden von aktuellen und reißerischen Posts/Artikeln weg eher geschätzte Blogs/Projekte als Solches Klicks verschaffen. Aber auch wenn sich der derzeit ja doch sehr eingeschränkte Nutzerkreis (aktiv & passiv) erweitert wird sich auch die Streuung der Klicks erhöhen. denn manchmal habe ich beim Lesen der Flattr-Top-Listen das Gefühl, dass alle Flattr-Klicker 100% die gleichen Seiten ansurfen wie ich. Kurz zur Definition des Qualitäts-Begriffs: es mag sinnvoll sein Qualität so zu definieren wie du es getan hast (man sieht das ja an der interessanten Diskussion hier), aber sie greift eben zu kurz. Denn in der Pressewelt hat es sich schon immer gelohnt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und die richtigen Fragen zu stellen. Und den Wetterbericht von letzter Woche kann man kaum einem mehr verkaufen, egal wie aufwendig aufbereitet... OK genug schräge Beispiele...

  • naraesk

    07.10.10 (20:28:36)

    Es ist ja immer wieder zu lesen, auch in diesem Artikel, dass bei Flattr nur nach Meinung und nicht nach Qualität oder Aufwand. Das das so ist, liegt auf der Hand und ist einfach nachvollziehbar. Aber ist es denn bei den Printmedien anders? Wer die taz liest, liest sie, da ihm die links-grüne-alternative Ausrichtung der taz zusagt. Der FAZ- Leser liest sie, weil sie eine politisch konservative, wirtschaftlich liberale Zeitung ist. Kaum einer wird die taz lesen, weil er sie für qualitativ hochwertiger hält als die FAZ - beides sind seriöse Tageszeitungen. Die Meinung entscheidet, welche von beiden Zeitungen gekauft wird. Und auch die Bild kauft niemand wegen der inhaltlichen Qualität. ;)

  • Martin Weigert

    08.10.10 (04:20:34)

    Stimmt wohl. Der Unterschied liegt darin, dass bei Flattr die Vergütung an einzelne Artikel gekoppelt ist, bei den Printmedien bezahlt man für das Bündel. Womöglich sähen gedruckte Zeitungen ganz anders aus, hätte man die Möglichkeit, einzelne Artikel zu flattern.

  • Armin

    08.10.10 (13:07:51)

    Die Blogsphäre ist ca. 5 Jahre alt. Huh? Ich dachte immer der ganze Kram mit dem Bloggen haette so um 2000 angefangen und haette sich so um 2001-2003 schon ganz gut ausgebreitet?

  • Sean Kollak

    15.10.10 (17:42:08)

    Hi Martin, vielleicht liegt die Belohnung von Meinung in dem System selbst begründet? Habe mal beschrieben, wie ich mir ein soziales Bezahlsystem für qualitative Inhalte vorstelle, die unter einer freien Lizenz stehen. Deine Meinung würde mich interessieren.

  • Martin Weigert

    16.10.10 (13:55:19)

    Damit kommen wir zurück zu der wohl sehr komplexen Fragen, was Qualität ist. Und was nicht ;)

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