<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

29.03.10

Freies Internet: Das iPad ist keine Bedrohung

In wenigen Tagen beginnt der Verkauf des iPad - zunächst in den USA, zwei bis drei Wochen danach auch in Europa. Dieses Ereignis wird - genau wie die Produktvorstellung vor einem Monat - in der Netzwelt zu widerstreitenden Emotionen führen.

Von Markus Breuer

Heilbringer oder Teufel? Steve Jobs mit iPad (Keystone/AP/ Paul Sakuma)

Das iPad kommt: Am Samstag liefert Apple die ersten Geräte aus. Die einen freuen sich schon heute darauf, die neue Art des Umgangs mit einem Computer (und dem Internet) dann endlich selbst austesten zu können. Die anderen würden am liebsten auf die Barrikaden gehen: Weil sie im iPad eine weitere Attacke auf das "Freie Internet" sehen.

Eins ist jedenfalls klar: Folgenlos wird diese Markteinführung nicht bleiben. Der unter den "Digirati" aktuell vermutlich am kontroversesten diskutierte Trend - und das iPad ist hier nur die Speerspitze einer Bewegung, die mit den Smartphones schon ordentlich Fahrt aufgenommen hat - ist die Ver-Appisierung des Webs.

Nach dem großen Erfolg des iPhones und Apples App Store geht die Angst vor Walled Gardens um, abgeschlossenen Gärten im Internet, in denen die Gerätehersteller und Plattformbetreiber bis ins Detail kontrollieren, welche Inhalte mit welchen Anwendungen konsumiert werden.

Kritiker sprechen von Zensur, Gängelung, Enteignung der Anwender und befürchten, dass die Betreiber zu nahezu omnipotenten Big Brothers in ihren Gärten werden.

Geschürt werden solche Befürchtungen unter anderem durch die rigide Eingangskontrolle im App-Store von Apple, durch Amazons Rückholaktion bereits gekaufter Bücher von den Kindle-Lesern seiner Kunden und ähnlichen Ereignissen.

Andere Kritiker bemängeln, dass mit den Miniaturprogrammen für mobile Endgeräte das Internet wieder proprietär wird: Viele Funktionalitäten, die in den vergangenen Jahren in Form von Websites bereit gestellt wurden - die mit nahezu jedem Browser auf nahezu jedem Gerät genutzt werden können - kommen auf einmal als Mini-Programme daher, die nur auf genau einer Gerätefamilie laufen (Apple, Blackberry, Android, Microsoft, Palm ...)

Diese Entwicklung macht das Leben übrigens auch für Unternehmen, die Inhalte auf mobilen Plattformen bereitstellen wollen, nicht wirklich leichter. Statt diese Inhalte im einigermaßen standardisierten Web bereit zu stellen, müssen sie nun ein halbes Dutzend Programme für die unterschiedlichen Plattformen entwickeln (lassen) und diese dauerhaft pflegen und aktualisieren.

Andere Inhalte-Anbieter (unter anderem die Verleger) freuen sich zwar einerseits über die neue Möglichkeit, Inhalte über den App-Store kostenpflichtig anbieten zu können. Andererseits sind sie besorgt, dass Apple ihn über seine proprietären und kontrollierten Distributionskanäle die Kontrolle über die Kundenbeziehung entzieht und auch in anderen Märkten eine ähnlich starke Position einnimmt wie im Musikmarkt.

Hat Apple mit den Apps also eine Büchse der Pandora geöffnet und gewollt oder ungewollt das Ende des freien Internets eingeläutet - was von jedem freiheitsliebenden Onliner bekämpft werden muss?

Ich denke nicht ... und ich denke, das lässt sich sogar nachvollziehbar begründen :)

iPhone Apps sind (auch) eine Modeerscheinung

Ein ganz wichtiger Grund, warum ich mir über die aktuelle Sintflut von Apps keine wirklich große Sorge mache, ist die Tatsache, dass Apps eine Modeerscheinung sind. Durch den großen Erfolg des iPhones und den extrem hohen Coolness-Faktor des Produkts ist (war?) es für viele Unternehmen und Organisationen eine Zeit lang "irgendwie cool", eine eigene App zu entwickeln und seinen Kunden/Lesern/Partnern anzubieten. Dieser Hype hat aber seinen Zenit bald erreicht, wenn nicht gar schon überschritten. So langsam bemerken Anwender, dass es nicht wirklich so extrem praktisch ist, für jede kleine Spielerei extra eine App downzuloaden und immer wieder einmal zu aktualisieren. Das fällt insbesondere dann auf, wenn die gebotene Funktionalität kaum (oder gar nicht) größer ist als die einer kleinen Website. Die heutige Generation von Smartphones (iPhone und iPad eingeschlossen) verfügt auch nicht wirklich über brauchbare Möglichkeiten, mehr als zwei, drei Dutzend Apps zu verwalten.

Auf der Gegenseite bemerken viele Anbieter, dass die Tatsache der Verfügbarkeit einer iPhone App keine bundesweit beachtete Pressemitteilung mehr ergibt. Und sie bemerken auch, dass viele ihrer Kunden gar kein iPhone besitzen und deshalb eine Android-, Palm-, Blackberry-, Ovi- oder Microsoft-Applikation zusätzlich sinnvoll wäre. Und nun wird die Geschichte kompliziert.

Sobald der Coolness-Faktor der Apps abgeebbt ist, werden kaufmännische Abwägungen zügig wieder einen größeren Stellenwert bekommen. Und dann wird "eine App" nicht immer erste Wahl sein.

Web-Applikationen werden wieder interessanter

Wer sich die Situation nüchtern betrachtet, wird rasch die gute alte (neue) Website als eine interessante Alternative entdecken. Das gilt umso mehr, wenn man sich einmal genau anschaut, was eine Web-Applikation auf einem guten Browser heute leisten kann. Einige dieser Anwendungen sind - bis auf die Tatsache, dass am oberen Bildschirmrand eine Adresszeile steht - kaum von einer "echten App" zu unterscheiden. Mobile Browser auf WebKit-Basis - und grundsätzlich das kommende HTML5 - sind tatsächliche eine sehr mächtige Plattform für die Entwicklung interaktiver Applikationen - und bieten Zugang zu allen wichtigen Features der mobilen Endgeräte (Location, Bewegungssensoren etc.) Googles GMail ist ein exzellentes Beispiel dafür. Dessen Web-Frontend für das iPhone ist in mancher Hinsicht besser als der eingebaute Email-Client.

Ich will damit nicht sagen, dass es keine Funktionalitäten gibt, die man nicht viel besser als App umsetzen kann. Da gibt es tatsächlich viele. Irgendwann wird JavaScript zu langsam, und der umgebende Browser schränkt zu sehr ein. Das gilt für Games, das gilt für Augmented-Reality-Anwendungen, das gilt für anspruchsvolle Productivity-Apps und vieles mehr. Aber die überwiegende Mehrzahl der heute verfügbaren Apps ließe sich genauso gut und (unter Nutzung der neuesten Browser-Generationen) genauso sexy im Web umsetzen. Und da das auf Dauer deutlich kostengünstiger ist, habe ich wenig Zweifel daran, dass das auch passieren wird - in unterschiedlichen Varianten.

Tatsächlich kann ich Unternehmen, die Applikationen und Services für das mobile Internet planen (und das wird in Kürze das größte Territorium des Internets sein), nur raten, ihre Strategie sehr sorgfältig zu entwickeln. Es gibt gute Gründe für die Entwicklung proprietärer Apps, aber auch gute Gründe für die Nutzung des mobilen Webs (auf HTML-Basis). Und es gibt clevere Möglichkeiten, seine Inhalte und Services plattformneutral im Netz zu halten und über kleine, schlanke, unaufwendig zu entwickelnde Apps auf einer Vielzahl von Plattformen anbiete zu können.

Das Dümmste, was ein Unternehmen in der aktuellen Situation tun könnte, wäre, sich mit hohen Entwicklungsaufwänden an eine Plattform zu binden, egal, ob sie von Apple, Google, Microsoft, RIM oder Nokia betrieben wird.

Wettbewerb macht Kontrolle schwierig

Ein anderer Grund, warum Apple dauerhaft keine wirkliche Gefahr für die "freie Meinungsäußerung" im Internet sein kann - wenn Steve Jobs das will, was ich stark bezweifle - ist die Tatsache, dass Apple kein Monopol auf die Distribution von Inhalten und Services im mobile Web hat und haben wird. Dass das von einigen anders empfunden wird, hat mit erfolgreicher PR und dem Unterschied zwischen Hype und Realität zu tun.

Zwar war das iPhone in vieler Hinsicht ein Riesenerfolg, hat einen interessanten Marktanteil in einem (kleinen) Segment mobiler Endgeräte und dient als Role-Model für eine ganze Generation von mobilen Telefonen. (Und ich habe wenig Zweifel, dass uns beim iPad eine ähnliche Entwicklung bevorsteht.) Das ändert aber nichts daran, dass die überwältigende Mehrzahl der mobilen Endgeräte nicht von Apple hergestellt wird. Selbst im noch kleinen Marktsegment der Smartphones hat Apple einen "ordentlichen", aber keinesfalls dominierenden Marktanteil.

Und so langsam gelingt es den Wettbewerbern mit einem zeitlos erfolgreichen Mix aus Imitation und Innovation, veritable Alternativen zu entwickeln, die dafür sorgen werden, das Apples Marktanteil nicht in den Himmel wachsen wird. Android, die neueste Blackberry-Generation, Palm und anscheinend auch das neue Windows Mobile 7 holen bei den Endgeräten deutlich auf, und die aktuellen Patentrechts-Scharmützel werden daran nichts ändern können. Der nächste Schritt sind die "Stores". Bislang ist es zwar keinem Wettbewerber gelungen, ein ähnlich benutzerfreundliches Ökosystem zu schaffen, wie es Apple mit iTunes/iPhone/AppStore und den zugrunde liegenden Lizenzvereinbarungen gelungen ist. Aber die Wettbewerber werden kontinuierlich besser. Auch Microsoft sollte man nicht zu früh auszählen. Der Firma gelingt es üblicherweise, im dritten oder vierten Anlauf richtig gute Lösungen zu entwickeln.

Was das mit Kontrolle zu tun hat? Alles! Jeder dieser Wettbewerber kann selbstverständlich versuchen, auf "seiner" Plattform Kontrolle auszuüben. Diese wird aber - solange die Plattform kein Monopol hat - niemals global sein können. Kein Hersteller wird in der Lage sein, den Zugang der Konsumenten zu unliebsamen Inhalten und Services zu verhindern. Und die Anbieter von Inhalten und Services werden die Wahl haben: sie werden sich entscheiden können, welchen Einfluss des Plattformbetreibers sie akzeptieren, welche Revenue-Sharing-Modelle in ihr Geschäftsmodell passen und welche nicht. Und, wenn eine andere Plattform die Wünsche der Anwender und die Geschäftsinteressen der Anbieter besser trifft als iTunes - wird Apple das Nachsehen haben und/oder sich anpassen. Tatsächlich glaube ich an eine mehr oder weniger friedliche Koexistenz ganz unterschiedlicher Ökosysteme, die teilweise extrem laissez-faire sein werden und teilweise rigiden Kontrollen unterliegen. Beides hat seine Vor- und Nachteile.

Also ... ich freue mich auf das iPad und die nächste Ära des Umgangs mit Computern, die es einläutet. Und ich halte die Nachrichten vom Tod des freien Internets für deutlich übertrieben.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer