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08.06.11Leser-Kommentare

Frauenmangel in der Internet- und Startup-Branche: Von Gründerinnen und Rollenbildern

Über die Frage, wieso es in der Web- und Startupwelt so wenig Frauen in entscheidenden Positionen gibt, lässt sich vortrefflich diskutieren. Ein wichtiger Punkt, nämlich die stetige Präsenz wenig in Frage gestellter Rollenbilder, fällt dabei gerne unter den Tisch.

 

Flickr/Safety Neal, CC-Lizenz

Der Internetbranche mangelt es an weiblichen Gründern sowie an Frauen in Schlüsselpositionen. Dieses Dilemma haben wir in den letzten Monaten bereits einige Male beleuchtet. Die Webwelt wird von Männer gestaltet, obwohl auf Nutzerseite ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis herrscht. Dass durch den Frauenmangel Potenzial, Know-how und Kreativität ungenutzt bleiben - mit direkten wirtschaftlichen Folgen - ist eindeutig.

Janka Schmeißer von der auf das Onlinegeschäft spezialisierten Personalagentur i-potentials hat bei Gründerszene in einem Gastbeitrag die Problematik abermals aufgegriffen und fasst einige mögliche Gründe für die geringe Startup-Affinität von Frauen kompakt zusammen.

Einen von ihr erwähnten Aspekt möchte ich an dieser Stelle noch einmal ganz besonders hervorheben, da ich glaube, dass er von vielen bewusst oder unbewusst verdrängt wird:Die Frage nach der gesellschaftlich anerkannten Rollenverteilung, besonders in Hinsicht auf die Kindererziehung. Als jemand, der nun insgesamt seit über fünf Jahren in Schweden lebt, denke ich, hier mit einer Perspektive von außerhalb Denkanstöße geben zu können.

Die nordischen Länder besitzen die größte Chancengleichheit

Schweden ist bekanntlich eines der Länder, das hinsichtlich der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau am weitesten vorangekommen ist. Während zwar auch in dem skandinavischen Land noch lange keine absolute Chancengleichheit herrscht, so rangiert es laut Weltwirtschaftsforum global immerhin auf dem vierten Platz  - hinter Island, Norwegen und Finnland. Deutschland landet auf dem 13. Rang (von 134 untersuchten Ländern).

Die nordischen Ländern zeichnen sich demnach vor allem dadurch aus, dass viele Frauen arbeiten, durch geringe Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern, gute Aufstiegschancen für Frauen sowie durch höhere Geburtenraten als in anderen Wirtschaftsnationen.

Abwesenheit von traditionellen Rollenbildern

Einflussfaktoren hierauf gibt es zahlreiche. Einen ganz wesentlichen stellt meines Erachtens nach das vergleichsweise gering ausgeprägte Rollenverständnis in Hinsicht auf die Geschlechter dar. In Stockholm, wo ich wohne, ist es tabu, Individuen aufgrund ihres Geschlechtes zu sehr in bestimmte, traditionelle Rollenmuster zu pressen. Ich weiß nicht, wann die in der Vergangenheit sicher auch in Schweden existente Vorstellung verschwand, dass der Mann arbeiten geht und die Frau den Haushalt schmeißt und sich um die Kinder kümmert, aber heutzutage ist er im Vergleich zu anderen Ländern - und definitiv zum deutschsprachigen Raum - weitgehend ausgerottet.

Die Folge: Es gilt zumindest im öffentlichen Diskurs als Selbstverständlichkeit, dass sich Mutter und Vater die Arbeit mit dem Kind teilen. Gerade in den Großstädten finden sich nur sehr wenige Frauen, die für sich eine klassische, mit einer längeren Auszeit und damit einem Karrierebruch verbundene Mutterrolle reklamieren.

Deutschland wird subtile Rollenmuster nicht los

Mittlerweile fällt mir bei jeder meiner Reisen nach Deutschland auf, wie sehr hierzulande die traditionelle Arbeitsaufteilung Frau = Mutter und Mann = Karriere in den Köpfen noch präsent ist. Das Gefährliche daran ist, dass sie eher subtil vorgetragen wird. Das fängt bei Werbespots an, in denen der Mann beim Autohändler einen Kleinwagen für die Frau kauft, und endet bei der von den Medien gerne als Vorbild propagierten "Powerfrau", der man doch großen Respekt zollen solle, weil sie Job, Haushalt und Kindererziehung gleichzeitig handhabt.

Ich behaupte nicht, dass es dieses Phänomen nicht auch in Nordeuropa noch gibt. Tatsache ist aber, dass der Konsens, Kindererziehung und Heim seien die Aufgabe beider Elternteile, deutlich weiter in den Alltag vorgedrungen ist als im deutschen Raum. Das belegen auch die Zahlen:

Laut Statistischem Bundesamt bezogen im Jahr 2009 96 Prozent der Mütter das Elterngeld, aber nur 23,6 Prozent der Väter - und drei Viertel davon nur für maximal zwei Monate. Auch in Schweden erhalten Frauen das dortige Äquivalent "Föräldrapenning" deutlich länger als Männer (nur 21 Prozent der Tage entfallen auf Väter), aber immerhin nimmt ein Großteil der Väter diese Möglichkeit wenigstens temporär in Anspruch: Immerhin 44 Prozent derjenigen, die in Schweden Elterngeld beziehen, sind Männer (Quelle, übersetzt).

Mehr Freiheit zur Selbstverwirklichung und Mut zum Risiko zulassen

Warum ist es in Hinblick auf das Ziel einer größeren "Diversity" im Startup- und Internetumfeld erstrebenswert, konservative Rollenmuster auch in den Köpfen aufzubrechen und Heim und Kind als eine Aufgabe anzusehen, für die Mann und Frau gleichermaßen verantwortlich sein sollten? Die Antwort hierauf ist einfach:

Jobs im Webbereich, gerade wenn man selbst gründet, sind arbeitsintensiv, kennen keine oder nur geringe Work-Life-Balance und erfordern häufig eine gesunde Portion Mut zum Risiko. Solange die meisten Frauen jedoch wissen, dass sie früher oder später vor dem berühmten Kind-oder-Karriere-Dilemma stehen werden, ist klar, dass dies die Entscheidung pro Gründung bzw. pro Startup-Stress nicht unbedingt positiv beeinflusst. In einem Szenario, in dem wir Kinder (abgesehen von der Schwangerschaft und Geburt) nicht automatisch als Aufgabe der Mutter ansehen, entstünde für viele Frauen deutlich mehr Freiheit zur Selbstverwirklichung und Raum für ambitionierte, auch mit Risiko behaftete Projekte.

Die Ursache behandeln, nicht die Symptome

Nun würde eine Demontage der latent vorhandenen Geschlechterstereotypen sicherlich nicht schlagartig zu einer Schar von weiblichen Unternehmern führen. Unterschiedliche Interessenlagen und Lebensziele werden weiterhin existieren. Zudem ist das Rollenverständnis (über das ich mir nicht einmal bewusst war, solange ich in Deutschland gelebt habe) tief in uns verankert und wurde (nach meinem Eindruck) nicht nur von Männern, sondern auch von vielen Frauen ganz einfach akzeptiert (oder zähneknirschend hingenommen).

Dennoch würde ein gesamtgesellschaftlicher Akt zur Eliminierung einiger das Zukunfts- und Entwicklungspotenzial hemmenden Klischees und Rollenbilder die notwendige Grundlage dafür schaffen, dass mehr Frauen ihre Ideen in die Tat umsetzen, Wagnisse eingehen und in Entscheiderpositionen vordringen können.

Frauen nicht mehr gedanklich nach Hause schicken

Solange wir als Gesellschaft also Mütter pro Kind gedanklich für mindestens zwei Jahre nach Hause schicken, können wir noch so viele Analysen über die Abwesenheit von Frauen in bestimmten Positionen und Branchen anstellen und daraus Maßnahmen ableiten. Es wäre nur eine Linderung der Symptome, aber keine Behandlung der Ursachen.

Im Jahr 2009 verdienten Frauen in Deutschland für gleiche Arbeit im Durchschnitt 23,2 Prozent weniger als Männer (Schweden schneidet mit 16,0 Prozent auch gar nicht so gut ab). Solange derartige Unterschiede herrschen, muss die Vorstellung einer vollständigen Aufteilung bei der Kindererziehung Utopie bleiben - denn so entsteht Familien mit jedem Monat, in dem die Frau arbeiten geht und der Mann mit dem Kind zu Hause bleibt, ein echter finanzieller Nachteil.

Hier sollte also unbedingt auf eine Schließung dieser Lücke hingearbeitet werden (die ja auch pikanterweise wieder teilweise aus der Vorstellung resultiert, dass Frauen ja irgendwann mit Kindern zu Hause sein müssen, während Männer durcharbeiten und damit die Firma weiter voranbringen könnten). Parallel muss ein Bewusstsein für diese Problematik geschaffen werden - die sich womöglich nur schwer identifizieren lässt, wenn man nicht den direkten Vergleich mit einer anderen Nation anstellt, die hier schon weiter ist. Sonst kommt es leicht zu dem Irrglaube, ein Land mit einer Frau an der Spitze der Politik müsse doch automatisch eine totale Chancengleichheit bieten.

Ich hoffe, mit diesem Artikel einen Beitrag zur Schaffung dieses Bewusstseins geleistet zu haben. Über Kommentare und Meinungen freue ich mich.

(Foto: Flickr/Safety Neal, CC-Lizenz)

Kommentare

  • hathead

    08.06.11 (09:10:28)

    Schön, dass Du Dich so ausführlich mit diesem Thema befasst. Meine Beobachtung, aus Sicht eines Großstädters der in Deutschland lebt ist allerdings eine etwas andere. Ich kenne verhältnismäßig viele Existenzgründerinnen. Einige davon habe ich selbst dazu ermutigt. Dabei kommt es mir gelegentlich eher so vor, als läge das Problem weniger beim Rollenverständnis der Männer, als eher bei den Frauen. Zwei echte Zitate der letzen Monate: "Ja, ich verdiene 150.000 Euro um Jahr. Trotzdem will ich lieber von einem Millionär geheiratet werden und mich um die Kinder kümmern" "Ich bin jetzt 25. Wenn ich bis 30 kein Kind habe auf das ich aufpassen kann, würde mich das wohl eher unglücklich machen. Soll der Mann doch arbeiten gehen." Diese Liste ließe sich ins endlose fortführen. Ich würde eine Frau nie "gedanklich nach Hause schicken". Sie tun es häufig selbst. Das hat aber nicht nur was mit dem Rollenverständnis zu tun, sondern mit einem viel weiblicheren Problem: dem immerwährenden mangelnden Selbstbewusstsein. Darüber hinaus gibt es einen viel wichtigeren Punkt als irgendwelche Rollenklischees: Dieses alberne Sicherheitsbedürfnis und die Erwartung, dass man von irgendwem unterstützt werden muss. In Deutschland glaubt offenbar jeder ihm stünde irgendetwas zu. Sei es der Arbeitsplatz oder die Rente, oder die Wohnung. Leute, mal ehrlich: wenn ihr glaubt, dass eine Festanstellung in der Ihr Euch um nichts kümmern müsst ein erstrebenswertes Ziel ist, kann das ein Vernünftiger Mensch nur für bemitleidenswert halten.

  • Martin Weigert

    08.06.11 (09:14:18)

    Erwähne ich irgendwo, dass ich mich beim Rollenverständnis nur auf die Männer beziehe? Zumindest war das nicht meine Intention. Definitiv betrifft es beide Seiten. Es wird so von Anfang an auch in der Gesellschaft "sozialisiert". Frauen wachsen mit dem Gedankenbild auf, dass sie in bestimmten Punkten schlechteren Voraussetzungen hätten, weil sie ja für das Kinderkriegen verantwortlich sind. Ergo: Ich bin da ganz bei dir. Aber man muss schauen, warum sich Frauen zum Teil sogar "selbst nach Hause schicken". Weil sie dies von vorn herein so gewählt haben, oder weil sie mit der gesellschaftlich verbreiteten Vorstellung aufwachsen, dass sie dies tun müssen?! Deswegen sind diese subtilen Vermittlungen der alten Rollenbilder ja imo so gefährlich. Weil man sie kaum wahrnimmt und weil sie entsprechend auch nur wenig kritisiert oder attackiert werden.

  • alva

    08.06.11 (10:40:33)

    Ich habe meine Zweifel, dass Rollenbilder nicht auch in Schweden ihre Wirkung haben: Der Arbeitsmarkt in Schweden gehört zu den am stärksten segregierten in Europa - und solange junge Frauen und Männer ihre Berufswahl nicht auf die 'üblichen', ihren Geschlechterrollen vermeintlich zugeschriebenen Berufe beschränken, sind da noch immer Rollenstereotype am Werk. Und damit bleibt die, vor allen Dingen wirtschaftliche, Ungleichheit zwischen Männer und Frauen bestehen.

  • Martin Weigert

    08.06.11 (10:43:47)

    Ich denke ich habe im Artikel deutlich gemacht, dass auch Schweden (oder ein anderes nordisches Land) nicht das Maß aller Dinge darstellt, sondern "lediglich" den meisten anderen Ländern (und u.a. Deutschland) voraus ist. Kannst du das hier "der Arbeitsmarkt in Schweden gehört zu den am stärksten segregierten in Europa"? noch etwas ausführen? Was meinst du damit bzw auf welche Quelle beziehst du dich?

  • Stephanie Hanel

    08.06.11 (11:50:33)

    Ich kann den Autor des Artikels nur bestätigen: das Problem sind die Gedanken und die daraus resultierenden, oftmals automatischen Handlungen. Ich bin seit 1998 selbstständig und habe mich nach jeder "Kinderpause" wieder neu um Aufträge bemühen müssen - beim ersten Kind gab es diese Pause kaum. Zum einen, weil ich meinen Job liebe, zum anderen aber auch aus Sorge darüber, den Anschluss zu verpassen. Beim zweiten habe ich mir eine Pause gegönnt (wusste ja schon was für eine nervenaufreibende Sache das ist, alles unter einen Hut zu bringen) und konnte kaum fassen, wie schwierig es war, wieder "einzusteigen". Und zwar nicht aus fachlichen Gründen, sondern aus dem im Artikel genannten Grund: alle hatten mich abgeschrieben, Frauen und Männer. Erst als ich wieder einen größeren Auftrag hatte, zogen auch die anderen allmählich nach. Während dieser Phase hatte ich hinreichend Zeit nachzudenken und zu beobachten und habe viele Frauen erlebt, die aus dieser Sackgasse nicht mehr in ihren eigentlichen Beruf zurückfanden. Die, die es wieder geschafft haben, waren eindeutig in der Minderheit. Also ich sehe mich jetzt mal als Beispiel dafür, dass es auch Frauen gibt, die wie ich bei ihrer Berufswahl und ihrem Einstieg in die Arbeitswelt nicht darüber nachdenken, wie es weitergeht, sondern tatsächlich einfach loslegen, dann aber voll ausgebremst werden. Ich würde das nicht als Entschuldigung dafür nehmen, es nicht immer wieder "trotzdem" zu versuchen, aber dass da ein paar Frauen auf der Strecke bleiben ist nicht wirklich verwunderlich.

  • emma

    08.06.11 (12:08:06)

    Vielen Dank für Ihren wunderbaren Artikel. Er veranschaulicht auf einfache und verständliche Weise wo die Probleme liegen – ohne Vorurteile oder Klischees unnötig in den Vordergrund zu rücken. Ich bin der Meinung, dass wir uns in einem Teufelskreis befinden. Das liegt zum einen an den fehlenden (bzw. sehr wenigen) weiblichen Vorbildern/Gründerinnen, die daraus anhaltende Dominanz der Männer und des doch für viele Frauen einfachen und immer wieder gewählten Weges von Kind und Heim. Es gestaltet sich sehr schwierig diesen Kreis zu durchbrechen – für Frauen als auch Männer. Ich möchte meine ganz persönlichen Erfahrungen schildern: Ich bin selbst Gründerin. Außer mir befinden sich nur männliche Gründer mit ihm Team. Männer und Frauen denken anders, kommunizieren anders und finden andere Wege zum Ziel. (Ich wähle bewusst ein Schwarz-Weiß-Betrachtung um den Sachverhalt besser zu verdeutlichen.) Dies führt dazu, dass sich die Männer einig sind über den Weg zum Ziel und die Meinung der Frau irgendwo dazwischen untergeht – Mehrheit schlägt Minderheit. Das liegt zum einen daran das Männer einer männlichen Argumentation in der Regel besser folgen (können) als einer weiblichen Argumentation – gleich und gleich gesellt sich gern. Früher oder später merkt jede Frau, dass es sehr schwierig ist vor einem Haufen Männer zu stehen, deren „Sprache“ sie nicht spricht. Dann geschieht Folgendes: Entweder die Frau gleicht sich den Männern an, wird dominanter, lauter, selbstbewusster, machtbewusster, männlicher – dann wissen wir alle welche Sprüche über diese Frau verbreitet werden. Die zweite Möglichkeit: Die Frau ist sich bewusst, dass es ein sehr langer und steiniger Weg ist die richtige „Sprache“ zu erlernen. Eine Sprache bei der sie Frau bleibt, aber doch gehört wird und ihre Meinung voll und ganz einbringen kann ohne Hinweis „ach, die Frau(en) wieder...“ Und an dieser Stelle trennt sich die Spreu vom Weizen. Was machen viele Frauen jetzt? Sie bekommen Kinder und bleiben zu Hause. Ich kann die Entscheidung dieser Frauen nachvollziehen: Sie sind geprägt vom alten Rollenmuster. Ihr Partner verdient mehr und sie wissen, dass das immer so bleiben wird. Selbst aufzusteigen ist für eine Frau ungemein schwierig und fehlende weibliche Vorbilder und Mitstreiterinnen verstärken diese Situation noch. Jetzt zu der Sicht des Mannes. Nehmen wir an es ist der Partner dieser Frau, die vor der Entscheidung steht Kind und Karriere oder nur Kind. Sie erzählt ihm vielleicht seit Jahren über ihre berufliche Benachteiligung, davon dass sie nur mit Männern zusammen arbeitet die ihre Meinung oft als weiblichen Humbug abtun und davon das wieder ein Mann ihr vorgezogen wurde. Außerdem ist dem Mann auch bekannt, dass er mehr verdient als seinen Partnerin. Wieso soll er jetzt seine Frau unterstützen weiterhin Karriere zu machen und er sich gleichberechtigt oder sogar voll um das Kind kümmert? Er verdient mehr und seine Aufstiegschancen sind größer. Jeder vernünftige Mensch würde entscheiden, die Frau kümmert sich ums Kind, der Mann um seine Karriere. Das heißt die Situation die wir im Moment haben, ganz gleich ob nur bezogen auf Gründer/innen oder auf die Chancengleichheit ganz allgemein, hat sich sowohl die Frau als auch der Mann selbst geschaffen. Beide sind gleichberechtigt daran Schuld. Mit dem Finger auf das jeweils andere Geschlecht zu zeigen, ist feige und verbessert nicht die Situation. Meine Meinung: 1. Frauen die ein eigenes Unternehmen und Karriere wollen, müssen sich durchbeißen. Das bleibt uns nicht erspart. Es erfordert eine Menge Fingerspitzengefühl und viel Freude an der permanenten persönlichen Weiterentwicklung. 2. Frauen die diesen anstrengenden Weg nicht gehen wollen, sollten klar dazu stehen und nicht im Nachhinein ihr mangelndes Durchhaltevermögen auf die fehlende Chancengleichheit schieben. 3. Männer die wirklich etwas an der momentanen Situation ändern wollen, sollten selbstkritisch sein und sich fragen ob es sein kann, dass die gleichen Argumente aus dem Munde eines Mannes einfach besser für sie klingen als aus dem Munde einer Frau. Sie sollten ihr Verhalten genau beobachten. Fällt ihnen zum Beispiel auf, dass sie erst immer das Aussehen der neuen Mitarbeiter in Augenschein nehmen und nicht ihr Können? 4. Für Männer die nichts an dieser Situation ändern wollen, habe ich keinen Tipp... P.S.: Es gibt übrigens auch viele Frauen die eine weibliche Vorgesetzte weniger akzeptieren und mehr auf die Worte eines Mannes hören. Also auch die Frau sollte sich Gedanken machen, ob sie nicht innerlich doch noch immer mehr den Mann als „Rudelanführer“ akzeptiert oder sich sogar wünscht...

  • Martin Weigert

    08.06.11 (12:29:50)

    Schöne Ergänzungen, danke!

  • CarolinN

    08.06.11 (15:25:26)

    Letztlich könnte man sagen: Wenn frau lieber den Kind-und-Kegel-Weg geht und nicht Karriere machen möchte, ist das ihr Problem, aber wie du schon andeutest, braucht es, um diesen Satz objektiv sagen zu können, ein aufgeklärtes Verständnis, das viele immer noch nicht haben. Ob es nun die Gene sind, die Sozialisation oder all of the above. Ein Aspekt ist sicherlich das Erlernen der erwähnten "Sprache der Männer". Aber es wäre fatal, wenn Voraussetzung für den Erfolg einer Frau in bestimmten Bereichen ist, dass sie sich verhält wie ein Mann. Ein wichtigerer Weg, dem Problem entgegenzuwirken, ist Seilschaften zu bilden. Nicht sich abschotten oder Männer im gleichen Arbeitsumfeld grundsätzlich argwöhnisch betrachten, sondern neben dem "normalen" Netzwerk auch bereit sein, gemeinsam mit anderen Frauen die Dinge anzupacken. Bei den Digital Media Women verfolgen wir ja genau den Ansatz: nicht nur reden, dass/ob/warum es uns als Frauen "schlecht" geht, sondern anpacken. Für Präsenz sorgen. Andere Frauen in der Branche ermutigen. Positive Geschichten verbreiten. Und das Ganze immer mit unseren Kompetenzen im Blick. In unserem Netzwerk versammelt sich so viel geballte Frauenpower, dass man meinen könnte, es gäbe die beschriebene Kluft gar nicht mehr. Ich empfinde das als sehr ermutigend, weil es mir regelmäßig zeigt, dass es anders geht. Und es macht mir Hoffnung, dass es sich schon ohne Zutun allmählich in eine bessere Richtung entwickelt. Aber wie ich neulich irgendwo las: Wenn die Sache mit der Gleichberechtigung weiterhin so langsam voran geht wie in den letzten Dekaden, dann brauchen wir noch ein paar hundert Jahre. Insofern danke, Martin, dass du in letzter Zeit das Thema immer wieder aufgreifst. Das ist wichtig und richtig - und wird hoffentlich nicht versanden.

  • Jenny Seul

    09.06.11 (19:03:28)

    Danke für diesen schönen Artikel. Ich selber bin dann wohl eine der Ausnahmen: Ende letzten Jahres habe ich das erste Online-Auktionshaus für junge Kunst www.startyourart.de gegründet. Bis dahin war mir die Ungleichbehandlung zwar bewusst, jedoch hatte ich sie noch nie so konkret wahrgenommen. Bis ich dann bei einem Kreditgespräch einer Bank saß und mich der Sachbearbeiter überhaupt nicht ernst genommen hat. So müssen sich Frauen in den 50er Jahren gefühlt haben. Es war schon einige Hartnäckigkeit und ein stabiles Umfeld nötig, um die Idee letzten Endes doch auf die Beine zu stellen. Und ich würde es jederzeit wieder tun! Zurück in ein Angestelltenverhältnis möchte ich wirklich nicht wieder zurück, wo es die oben beschriebenen Unverhältnismäßigkeiten in Gehaltsstruktur und Aufgabenverteilung gibt…

  • tom

    10.06.11 (13:24:28)

    Hinweis zum Verdienst... "Durchschnitt 23,2 Prozent weniger als Männer" diese Zahl hat keinen Nährwert, sie führt nur zu einer Scheingerechtigkeitsdebatte und großer Aufregung... Zitat Statistisches Bundesamt: "Aussagen zum Unterschied in den Verdiensten von weiblichen und männlichen Beschäftigten mit gleichem Beruf, vergleichbarer Tätigkeit und äquivalentem Bildungsabschluss sind damit nicht möglich." Aber die Interpretationen von Zahlen sind schon immer ein Problem: in meinem Bundesland Thüringen liegt die Arbeitslosigkeit höher als in den meisten westdeutschen Ländern, allerdings ist der Beschäftigungsquotient auf westdeutschem Niveau... Das hängt mit der Geschichte dieses Landes zusammen: in der DDR waren über 80% der Frauen berufstätig; nach der Wende sind die natürlich nicht alle im Haushalt verschwunden... Mit anderen Worten wenn westdeutsche Frauen den Willen bzw. die Möglichkeit hätten voll arbeiten zu gehen hätte dies Auswirkungen auf manche Statistik ;-). Im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel und der demografischen Entwicklung ist es volkswirtschaftlich geboten die Frauen in die Wirtschaft zu holen, aber ich habe die böse Vermutung, dass die Politik in der Vergangenheit bewußt den Berufseinstieg von Frauen durch strukturelle Hindernisse erschwert hat (mangelhafte Kinderbetreuungsmöglichkeiten, steuerliche Nachteile)... die DDR war Mist, auch in ihr gab es keine Gleichberechtigung (die alten Säcke im Politbüro waren fast alle Männer) aber in der Breite hatten Frauen mehr Möglichkeiten, als Ostdeutscher ärgert es mich, dass wir heute über Dinge reden, die längst als überwunden galten. Vor diesem Hintergrund glaube ich auch, dass es kein Zufall ist, dass wir eine Ostdeutsche als Regierungschefin haben. Diese Frau hat tatsächlich nicht gefragt.

  • Kathinka

    10.06.11 (14:11:43)

    Vielen Dank für das immer wieder sehr aktuelle Thema. Aber warum wird die Arbeitssituation an sich nicht in Frage gestellt? Warum ist es normal keine ausgeglichene Work-Life-Balance zu haben, keine Zeit für seine Kinder egal ob Mann oder Frau? Es geht doch nicht nur um die Zeit kurz nach der Geburt sondern darum zu erleben wie seine Kinder aufwachsen und für sie da sein zu können. Wollen das heutzutage nicht Männer ebenso wie die Frauen? Ein entweder/oder Szenario zwischen Kind und Karriere halte ich nicht für erstrebenswert. Ich selbst bin Gründerin und Mutter eines kleinen Kindes. Mein Mann hat das Erziehungsjahr gemacht und ich hatte die Gelegenheit gleich weiterzumachen und dabei zu bleiben. Aber will ich das wirklich noch ein zweites Mal? Die Anstrengung von Schwangerschaft und Geburt und dann nach acht Wochen gleich wieder im anspruchsvollen Beruf sein mit nächtlichem Schlafentzug und pumpen im Büro? Denn wie bitte macht eine Gründerin eine einjährige Babypause? Sicher gibt es genug Frauen, die sich in die Position der Mutter und Hausfrau drängen lassen, ohne es wirklich zu wollen. Was ist mit den Frauen, die einfach beides wollen Kind und Karriere? Die Situation zwingt einen oft dazu sich zu entscheiden und da sehe ich das größte Problem. Bei der Frage Kinder geht es oft nicht um Rollenbilder, sondern um die elementare Frage, wie Frauen leben möchten und was sie erleben möchten. Und ich denke eigentlich geht es den Männern genauso, nur sie reden nicht wirklich darüber.

  • Martin Weigert

    10.06.11 (14:38:03)

    @ tom Interessante Beobachtung, der DDR-Aspekt. @ Kathinka Ohne Frage, das Arbeitsklima muss sich diesbezüglich ändern - und wie du sagst, egal ob für Frau oder Mann. Meine Erfahrungen aus Schweden ist zum Beispiel, dass es i.d.R. gar kein Problem ist, wenn Mutter/Vater frühzeitig die Arbeit verlässt, weil das Kind krank geworden ist. Es wird einfach allgemein akzeptiert, und die generell Denkweise ist wohl die, dass Angestellte mehr geben und motivierter sind, wenn sie fühlen, dass sie diese Art der Freiheit besitzen.

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