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14.06.13

foursquare: Von der Welt verschmäht, von Türken geliebt

Die Türken sind verrückt nach sozialen Netzwerken. Diese Begeisterung führt dazu, dass sich selbst der von den meisten Nutzern weltweit verschmähte Locationdienst foursquare in dem Land am Bosporus großer Beliebtheit erfreut.

foursquareDa ich die Woche wie berichtet in Istanbul verbrachte, habe ich natürlich meine Beobachtungen angestellt, was die Nutzung von Onlinediensten und Social Networks angeht. Dass Türken eine besondere Leidenschaft für Services zur Kommunikation und Interaktion haben, zeigte sich schon vor einigen Jahren, als Facebook innerhalb kürzester Zeit und früher als in den meisten anderen Nationen Europas einen Großteil der Internetbevölkerung anzog und sogar Friendfeed einen kleinen Erfolgsmoment erlebte. Derzeit ist die Türkei das Land mit den sechstmeisten aktiven Facebook-Anwendern der Welt. Anders als etwa Nutzer in Deutschland gelten Türken als regelrechte "Oversharer". Nur User in Saudi Arabien, Indien, Indonesien und Südkorea behaupten von sich, noch mehr Content im Netz mit anderen zu teilen.

Dass Türken sich liebend gerne vernetzen, konnte ich schnell selbst erleben. Mehrfach fragten mich Menschen schon nach einer oberflächlichen, kurzen Konversation in beliebigen Alltagssituationen, ob ich auch bei Facebook sei. Ein derartiges Interesse an einem digitalen Kontaktaustausch ist mir bisher noch nicht begegnet. Wer bei Google.com "Why do tu" in das Suchfeld eintippt, erhält als obersten Vorschlag der Instant-Suche den Satz "Why do turkish people add me on facebook". Es ging also nicht nur mir so. googleturk

Wirklich überrascht bin ich aber von der enormen Popularität von foursquare in der Türkei. Der Location- und Empfehlungsdienst aus New York schafft es wie im März erläutert nicht, den endgültigen Durchbruch und eine ähnliche Verbreitung unter Otto-Normal-Nutzern zu erzielen wie andere führende Social-Web-Plattformen. Doch diese Aussage gilt nicht für die Türkei. Denn hier hat sich die App zum Einchecken, Entdecken von Locations und Vernetzen mit Freunden zu einem echten Massenphänomen entwickelt. Das merkt man daran, dass in fast jedem noch so kleinen Café in Istanbul parallel auch andere Personen bei foursquare eingecheckt haben. Besonders beeindruckend ist dieser Tage die Zahl der parallel im Gezi Park eingecheckten Anwender. Am Mittwochabend waren es über 1.300 Personen (leider habe ich es versäumt, einen Screenshot anzufertigen). Ich bezweifle stark, dass ein derartiger Rekordwert in Deutschland überhaupt schon irgendwann einmal erreicht wurde. Gemäß einer Anekdote, die ich hörte, sollen bereits einmal bei einem türkischen Fußballspiel 5.000 Personen gleichzeitig über foursquare eingecheckt gewesen sein.

Google Trends bestätigt die besondere Beliebtheit des US-Startups in der Türkei: Nur in Indonesien wird bei Google häufiger nach foursquare gesucht. Diese beiden Länder mit zusammen über 300 Millionen Einwohnern stellen augenscheinlich einen nicht geringen Anteil der aktiven foursquare-Anwenderschaft. Im gesamten deutschsprachigen Raum kommt die App auf nur geschätzte 500.000 Anwender und spielt auch in der Statistik von Google Trends keine Rolle.

Googe Trends

Hasan Yalcinkaya, Gründer des in Istanbul beheimateten Cloud-Streaming-Dienstes put.io, hat eine interessante Erklärung für die massenhafte Verbreitung von foursquare in dem Land am Bosporus: Türkische Männer würden den Dienst seiner Beobachtung nach zur Kontaktaufnahme mit Frauen verwenden. Sie schaue im Location-Profil, wer gleichzeitig am selben Ort eingecheckt ist und versuche dann, mit ihnen zusagenden Damen auf digitalen Wegen einen ersten Kontakt herzustellen (meist finden sich auf foursquare-Profilen Links zu Facebook- und Twitter), um sie anschließend eventuell in Person anzusprechen. foursquare als Flirting-App? Warum nicht. Auch das würde hierzulande aber kaum funktionieren, weil meist nur wenige oder gar keine anderen foursquare-User an einem Ort eingecheckt sind - mit Ausnahme von größeren öffentlichen Plätzen, Bahnhöfen und Flughäfen, wo aber der Effekt nicht der gleiche wäre.

Es ist immer wieder faszinierend, welchen Einfluss kulturelle Gegebenheiten auf die Adaption und den Erfolg von sozialen Netzwerken haben, und wie manche Länder äußerst fruchtbaren Boden für neue Formen der netzgestützten Interaktion zwischen Menschen bieten, während Personen in anderen Regionen schlicht keine Lust haben, sich mehr als notwendig virtuell auszutauschen. Das Beispiel foursquare zeigt aber auch, dass es letztlich für den ganz großen Durchbruch nicht ausreicht, in Ländern mit besonders kommunikationsfreudigen und networking-begeisterten Menschen viele Anhänger zu finden. Man könnte es also auch so sehen: US-amerikanische Social-Web-Anbieter, die es schaffen, schwierige Märkte wie Deutschland zu knacken, besitzen die besten Aussichten auf den ganz großen Hit. WhatsApp wäre ein solcher Kandidat. /mw

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