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08.03.13

foursquare: Im Niemandsland zwischen Geek-App und Dienst für die Masse

Der Locationdienst foursquare befindet sich irgendwo im Niemandsland zwischen Geek-App und Massenphänomen, während jüngere mobile Apps schnell den Mainstream erobern. Das ist schade, denn nützlich ist der Service.

Kein anderer renommierter Dienst der späteren Web-2.0-Ära macht eine derartig eigenartige Entwicklung durch wie der New Yorker Locationservice foursquare. Anders als andere bekannte Internetunternehmen, die ungefähr zeitgleich an den Start gingen, befindet sich das Anfang 2009 lancierte Unternehmen seit längerem schon im Niemandsland zwischen Early-Adopter-Phänomen, also Nische, und dem Mainstream - da wo Twitter, Tumblr, Instagram, WhatsApp oder Dropbox angekommen sind. Diese Situation ist äußerst selten, verläuft der Produktlebenszyklus der meisten an Endnutzer gerichteten Webdienste und Apps doch in der Regel so, dass sie entweder trotz aller Bemühungen gar nicht erst aus der Geek-Sphäre herauskommen, oder aber diese Grenze mit schnellen Schritten Richtung Durchschnittsnutzer durchbrechen und dann exponentiell wachsen. Mit laut eigenen Angaben "über 30 Millionen registrierten Mitgliedern" ist foursquare keineswegs mehr ein kleiner Fisch. Dennoch gelingt es dem Service, der mit regelmäßigen Produktanpassungen und Funktionserweiterungen sichtlich für Anerkennung und Nutzerinteresse kämpft, auch vier Jahre nach dem Debüt in US-Städten nicht, so richtig aus dem Knick zu kommen. Schon sieben Monate nach der Lancierung wuchs Instagram so schnell wie foursquare erst nach über zwei Jahren. Heute ist der jetzt zu Facebook gehörende Fotodienst mit über 100 Millionen aktiven Mitgliedern mehr als dreimal so groß wie der Locationservice.

Die Gründe für den zögerlichen Fortschritt sind vielseitig. Zahlreiche Konkurrenten im Discovery- und Social-Bereich dürften ebenso dazugehören wie ein noch immer nicht hundertprozentig klares Alleinstellungsmerkmal. Immer wenn ich Leuten foursquare zu erklären versuche, merke ich, wie ich bei der Beschreibung zwischen "Check-Ins", "sehen wo Freunde sind", "Empfehlungen für gute Locations beziehen" und "persönliches Archiv besuchter Orte" hin- und herwechsle (den Punkt gelegentlicher Freebies spare ich mir meist in der Aufzählung). Klar, dass weniger geduldige und experimentierfreudige Menschen da schnell abwinken. Die meisten Konsumenten wollen ein (!) klares Argument, warum ein spezielles Angebot ihre Zeit und Aufmerksamkeit wert ist.

Die Vielseitigkeit von foursquare mag den Dienst vom Big Apple an der Akquisition von eher "alltäglichen" Usern hindern, für mich als treuen Nutzer allerdings ist es ein Vorteil. Denn anstatt dass ich den Service nur zur Zufriedenstellung eines Bedürfnisses einsetzen kann, bereichert er meinen mobilen Alltag gleich in mehrfacher Hinsicht. Besonders stark merke ich das gerade während meines Aufenthalts in Tokio. Durch Check-Ins an und in den den von mir besuchten Plätzen, gastronomischen Einrichtungen und Geschäften lege ich eine Art "Tagebuch" meines Aufenthalts an. Gleichzeitig sortiere ich Locations in verschiedene Listen ein, um sie später leichter wiederzufinden - was sich schon deshalb anbietet, da ich etwa bestimmte Bars aufgrund der japanischen Namen im Nachhinein nicht einfach per Namenseingabe in foursquares Suche wiederfinden kann (der Check-In ist aufgrund der Sprachbarriere häufig auch kompliziert, aber meist klappt es dann doch). Zusätzlich verwende ich häufig die Explore-Funktionalität von foursquare, um mir angesagte und populäre Locations in der Umgebung anzeigen lassen. Habe ich etwa genug von Ramen und Sushi, finde ich so schnell ein trendiges Hamburgerrestaurant. Praktisch ist auch, den ein oder anderen Check-In bei Facebook zu publizieren, wenn ich aus irgendwelchen Gründen möchte, dass meine Freunde dort davon erfahren. Lediglich die soziale Komponente von foursquare bringt mir in Tokio wenig, weil ich unter meinen Kontakten quasi niemanden habe, der sich ebenfalls hier aufhält oder in der Vergangenheit hier war. Besucht von ihnen aber künftig jemand die Stadt, dann stoßen sie vielleicht auf meine Tipps und Kommentare, die ich an verschiedenen Locations hinterlassen habe.

Die einzelnen erwähnten Elemente von foursquare sind jeweils auch bei diversen anderen Apps und Anbietern zu finden. Doch all die beschriebenen Features und Prozesse aus einer Anwendung heraus erledigen zu können, ist nicht nur bequem sondern auch effizient.

Vielleicht wächst foursquare auch deshalb vergleichsweise langsam, weil sich sein voller Nutzen erst nach und nach und mit relativ geringem Tempo entfaltet. Wer nicht gerade tausende Kontakte hat, der wird immer wieder in Gegenden kommen, in denen zumindest aus dem eigenen "Social Graph" keine Empfehlungen existieren. Allerdings zeigt meine Erfahrung: Es geht auch sehr gut ohne. foursquare eignet sich prima als Single User Utility, selbst wenn die volle Wirkung erst mit einem hinreichend großen Netzwerk zu spüren ist.

Jüngst erhielt ich zu meiner Überraschung die foursquare-Kontaktanfrage eines ganz und gar nicht sonderlich techaffinen Freundes. Kurz darauf fing er an, sich in Kommentaren darüber zu beschweren, dass er bei jedem Check-In von mir eine Push-Mitteilung auf seinem Smartphone erhält. Die Funktion, mit der sich dies deaktivieren lässt, kannte er nicht. Das Beispiel ist vielleicht symptomatisch für den Konflikt, den foursquare bewältigen muss, will es aus dem Schatten der eingangs erwähnten Smartphone-Trafficmaschinen herauskommen. foursquare muss Early Adopter und Geeks bei Laune halten - ohne die es (noch) nicht geht - aber gleichzeitig Wege finden, um sich auch bei Menschen mit eher durchschnittlichem Onlineverhalten beliebt zu machen. Ich würde mich freuen, wenn dies gelingt. Denn profitieren würde davon die gesamte foursquare-Community. /mw

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