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06.02.13

Fortschritt: Das Ziel von Technologie muss es sein, uns glücklicher zu machen

Die zunehmende Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung lässt sich nicht aufhalten. Es lohnt sich aber, das Ziel des technologischen Fortschritts nicht aus den Augen zu verlieren: Menschen glücklicher und das Leben einfacher zu machen.

Google GlassBei vielen neuen technischen Errungenschaften lautet eine gerne von kritischen Geistern gestellte Frage: Wollen wir (als Gesellschaft) dies wirklich? Diese Reaktion suggeriert eine Wahlfreiheit, die in Wirklichkeit nicht existiert. Es liegt in der Natur des Menschen, jede nur irgendwie mögliche Erfindung zu realisieren, ungeachtet dessen, ob sie primär positive oder negative Auswirkungen auf Individuen oder die Weltbevölkerung hat. Der Informatiker und Journalist David Gelernter bezeichnet dieses Phänomen als "orwellsches Gesetz der Zukunft": "Any new technology that can be tried will be" - "jede neue Technologie, die umgesetzt werden kann, wird umgesetzt". Ein Beispiel: Als Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Atombombe geschaffen wurde, war dies augenscheinlich nicht im Interesse der Menschheit. Einige wenige Forscher und sie beauftragende Machthaber reichten jedoch aus, um die Grundlagen für eine Waffe zu legen, die heute alles Leben auf der Erde auf einen Schlag auslöschen könnte. Nicht "Ob", sondern "Wie".

Weil sich die Wünsche und Träume der Gemeinschaft nicht vollständig mit denen einzelner Individuen decken, und weil immer irgendwo irgendwann irgendein Mensch eine Technologie erschaffen wird, egal ob diese auf den ersten, zweiten oder fünften Blick für uns erstrebenswert erscheint, wäre anstatt der nicht vorhandene Entscheidungsspielräume vorgaukelnden Frage nach dem "Ob" die nach dem "Wie" viel sinnvoller. An die Stelle von "Wollen wir das?" rückt "Wie können wir diese Innovation nutzen, um Wohlstand und Lebensqualität positiv zu beeinflussen". Auf Kernwaffen als besonders schwieriges Beispiel lässt sich dies zwar kaum anwenden, sofern man nicht die Gewalt, Kriege und anderes durch Menschen verursachtes Unheil verhindernde Abschreckungsfunktion anführen möchte. Bei den meisten die Evolution der Informationstechnologie und des Internets prägenden Entwicklungen aber hilft diese Sichtweise dabei, den Fokus des menschlichen Fortschrittsstrebens nicht aus den Augen zu verlieren. Die Frage, wieso wir das alles eigentlich machen.

Wieso Fortschritt?

Meine Antwort darauf ist: um glücklicher zu werden. Das Ziel der Technologisierung, Vernetzung und Automatisierung sollte es sein, Menschen messbar glücklicher zu machen. Auch wenn aufgrund der oben beschriebenen Dynamik immer wieder Neuschöpfungen auftauchen werden, die niemanden oder nur einige wenige Leute positiv beeinflussen, so wäre es eine hilfreiche Orientierung für Forscher, Intellektuelle, Technologie-Pioniere, Startup-Gründer und alle anderen Innovatoren, ihr Streben an der Vision auszurichten, für möglichst viele Gesellschaftsteilnehmer die Lebensqualität zu verbessern. Um nicht selbst in die eingangs beschriebene Falle der Selbstillusion zu tappen, möchte ich betonen, dass niemals alle an einem Strang ziehen werden, und dass immer kurzfristig attraktiver erscheinende Motive wie Reichtum und Macht der langfristigen Schaffung einer besseren Welt mit glücklicheren Menschen im Wege stehen werden.

Einfluss von Technologie auf Glücklichsein und Zufriedenheit

Ich sehe diesen Vorschlag damit eher als gedankliches Hilfsmittel für Macher und Entscheider, die ab und an darüber nachdenken, worum sie ein bestimmtes Produkt oder Verfahren vorantreiben und warum sie diese Ausrichtung gewählt haben und nicht jene. Er ist ebenso eine Orientierung für alle Konsumenten, welche die zur Marktreife gebrachten Errungenschaften in ihren Alltag integrieren. Sich gelegentlich zu fragen, warum sie ein brandneues Produkt oder einen als revolutionär angepriesenen Dienst verwenden. Macht er sie glücklich? Geht es ihnen jetzt besser als vorher? Steigert er ihre Lebensqualität?

Wir können den technischen Fortschritt nicht aufhalten. Als Konsumenten/Nutzer können wir jedoch den neuartigen Verfahren den Vorzug zu geben, die uns glücklich machen, und die ignorieren, bei denen die negativen Auswirkungen größer sind als die positiven (was eine bewusste Auseinandersetzung mit Neuheiten und eine Offenheit für das Ausprobieren voraussetzt). Gestalter/Unternehmer wiederum können ihre Visionen hinterfragen und sich auf die Fahne schreiben, mit ihren innovativen Lösungen Konsumenten/Nutzer glücklicher machen zu wollen.

Falsches Motiv vieler Startups

Der US-Verhaltensforscher und Designer Jason Hreha stellte vor einigen Monaten Startups und führende Internetfirmen zur Rede, die von ihren Diensten gerne behaupten, "addictive" zu sein - zu Deutsch, süchtig zu machen. "Helfen wir Menschen dabei, ein besseres Leben zu führen, oder fördern wir lediglich fragwürdige Gewohnheiten und Neigungen?", so seine berechtigte Frage an die Webwirtschaft im Silicon Valley und anderswo.

Jede Errungenschaft hat zwei Seiten

Wenn mein Vorschlag vielleicht einfach klingt, Technologie stärker darauf auszurichten, uns glücklich zu machen, so ist er in der Praxis freilich schwierig umzusetzen. Denn jede Innovation hat zwei Seiten. Facebook bereichert das soziale Leben von hunderten Millionen von Menschen, verursacht aber gleichzeitig Unzufriedenheit und unerwünschte Prokrastination. Twitter informiert uns in Echtzeit über Ereignisse aus aller Welt, sorgt damit jedoch auch für nicht gekannten Stress bei Medienmachern, Unternehmen und Politikern. Mobiltelefone machen uns flexibel wie nie, schaffen aber gleichzeitig neue Abhängigkeiten und setzen uns unter Druck. 3D-Drucker machen uns unabhängiger von der industriellen Produktion, aber stellen die Gesellschaft anderweitig vor Herausforderungen. Cyberbrillen mit eingebauten Kameras bringen uns ein großes Stück näher an eine "Little Brother"-Überwachungsgesellschaft, befreien uns jedoch von dem starren Blick auf Bildschirme, die unsere Wahrnehmung der Umgebung verhindern.

Glücklichsein ist relativ

Hinzukommt, dass Zufriedenheit und Glück relative Zustände sind. Vor einigen Jahren ergab eine Studie, dass die glücklichsten Menschen der Welt auf der kleinen Pazifikinsel Vanuatu leben. In einer anderen Untersuchung jedoch erreichte Dänemark die Auszeichnung als glücklichstes Land der Erde. Wieder ein anderer Report förderte zu Tage, dass die Menschen in der Republik Somaliland im Nordteil Somalias weltweit am wenigsten negative Emotionen verspüren, gefolgt von Usbekistan und Thailand. Während sich die Ergebnisse also teilweise widersprechen, wird deutlich, dass Wohlstand und Zugang zu modernen, den Alltag erleichternden Technologien allein kein Garant für das Glücklichsein darstellen. Gleiches gilt bekanntlich für exorbitanten Reichtum.

Dass also Google-Gründer Sergey Brin mit seiner 3D-Brille Google Glass per se glücklicher sein muss als ein Einwohner von Vanuatu - einem Land mit einer durchschnittlichen Säuglingssterblichkeit von 5,4 Prozent, einer Lebenserwartung von 62,85 Jahren und 26 Prozent Analphabeten (laut Wikipedia) - wäre daher ein gewagtes Urteil.

Insofern ist dieser Text vor allem eines: Ein Appell, die Technologie nicht als Selbstzweck zu sehen, sondern als Werkzeug, um uns ein bessers Leben zu bescheren.

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