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10.03.14

Fortgesetzter Wachstumsmotor oder destruktive Kraft: Über die Frage, was Technologie mit der Welt macht

Bislang wurden technische Sprünge stets von Volkswirtschaften zur Maximierung von Wohlbefinden und Wohlstand genutzt. Heute mehren sich die Stimmen derjenigen, die in Frage stellen, dass weiterhin die effektivste Problemlösung auch die wünschenswerteste ist.

60sWir reisen ins Jahr 1964 in eine beliebige westdeutsche Großstadt. Das Wirtschaftswunder lässt blühende Landschaften entstehen und den Wohlstand der Bevölkerung rasant anwachsen. In den Flaniermeilen reihen sich Geschäfte aneinander, voll mit Konsumgütern, von denen Bürger zwei Dekaden zuvor nur träumen konnten. Musik erwirbt man im Plattenshop, Lektüre zum Versinken und Entspannen im Buchladen, und auch sonst existieren Spezialgeschäfte für alle nur erdenklichen Interessen und Notwendigkeiten. Das ein oder andere Kaufhaus bietet sogar alles unter einem Dach an. Der Boom sorgt für eine explosionsartige Zunahme der Arbeitsplätze. Weil sich nur wenige Prozesse effektiv automatisieren lassen, avancieren Handel, Service, Gastronomie und Produktion zu Jobmaschinen. Wer mit Verwandten, Freunden oder Kollegen in anderen Orten kommunizieren möchte und es sich leisten kann, nutzt das mit hohen Gebühren verbundene Telefon. Ansonsten ist der Brief das ideale Mittel zur Kommunikation über längere Entfernungen.

Die Verfahren, die vor 50 Jahren zum Einsatz kamen, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu stillen, stellten die jeweils bestmöglichen und effektivsten Lösungen dar. Und das galt eigentlich schon immer. Zumindest in der jüngeren Menschheitsgeschichte wurde das jeweils technologisch und logistisch Praktikable stets vollständig ausgeschöpft, um Wirtschaft und Gesellschaft voranzubringen. Die Herangehensweise, die zu einem beliebigen Zeitpunkt die besten Ergebnisse zur Lösung eines spezifischen Sachverhalts, Problems oder Bedürfnisses versprach, kam auch - zumeist begleitet von gewissen politischen und rechtlichen Regulierungen zur Verhindung ungewollter Nebenwirkungen - zum Einsatz. Man könnte es so ausdrücken: Die beste, sinnvollste und von aktuellsten technischen Innovationen Gebrauch machende Methode zur Ausführung einer beliebigen Konsum-, Wertschöpfungs- oder Kommunikationsfunktion galt auch als die gesamtgesellschaftlich attraktivste. Neue Möglichkeiten vs veraltete Systeme 

Bewegen wir uns zurück in die Gegenwart. Die beschriebenen Systeme existieren noch immer. Nach wie vor laden Geschäfte zum Shopping ein, weiterhin lassen sich Medieninhalte wie Musik oder Literatur auf physischen Trägern erwerben, und noch immer können Bürger kostenpflichtige Telefonate führen oder Briefe verschicken. Doch im Gegensatz zur Ära des Wirtschaftswunders handelt es sich nicht mehr länger um die objektiv betrachtet optimalsten Verfahren zur Befriedigung der zugrundeliegenden Bedürfnisse.

Mittlerweile erlauben Onlineshops das bequeme Einkaufen von zu Hause. Dabei entfällt zwar der Charme des Schaufensterbummels und der Vorteil, Erworbenes sofort in den Händen zu halten. Dafür profitieren Konsumenten aber von einem schier unbegrenzten Angebot, dem Wegfall von Schließzeiten, transparenten Produktinformationen dank Bewertungen und Preisvergleichsportalen, sowie unschlagbar niedrigen Preisen. Und anstatt dass Zehntausende Geschäfte auf gut Glück bezogene Waren über Wochen oder Monate ungenutzt zur Schau stellen und auf Käufer hoffen, fungieren riesige Logistiklager an strategisch wichtigen Punkten als zentrale Dreh- und Angelkreuze für den Warenversand. Diese können dank ausgeklügelter Datenanalyseverfahren genau vorhersagen, wann welche Produkte am ehesten bestellt werden, und die Menge an von Konsumenten nicht gekauften Staubfängern minimieren. Mit einigen Ausnahmen wie der eher einem Unterhaltungsprogramm ähnelnden, von Kaffee, Kuchen und viel Geplauder begleiteten ausgiebigen Shoppingtour am Samstag ist der zentralisierte, nachfrageorientierte E-Commerce dem stationären Handel ganz einfach haushoch überlegen.

Gleiches gilt für den Bezug von Medien. Zwar schätzen manche Konsumenten nach wie vor die haptischen Aspekte eines Printbuches oder die Eignung von Tonträgern oder DVDs als emotional aufgeladene Wohnungsdeko. Letztlich lässt sich aber nur schwer dagegen argumentieren, dass der orts- und zeitunabhängige digitale Zugriff auf viele Millionen Songs, E-Books oder Filme im Vergleich zu den Verfahren der physischen Beschaffung in der Mehrzahl der Nachfrageszenarien die weitaus bessere Methode ist.

Auch die Kommunikationslandschaft hat sich massiv gewandelt. Briefe und mit hohen Gebühren belegte Telefongespräche werden heute nur noch von Romantikern, Offlinern und Personen genutzt, die vor vielen Dekaden erlernte Gewohnheiten nicht ablegen möchten. E-Mail, Textnachrichten, VoIP und soziale Netzwerke haben sämtliche Barrieren für den Austausch mit anderen eingerissen. Dank Smartphone lässt sich zu jeder Zeit, von überall, mit jedem Menschen an jedem Ort der Welt quasi kostenfrei Kontakt aufnehmen.

Waren 1964 Kaufhäuser und stationäre Geschäfte, Schallplatten, Printbücher, Briefe sowie Ferngespräche die für breite Masse optimalsten, modernsten Mittel, um die jeweiligen Zwecke zu erfüllen, so sind es 2014 Onlinehandel, digitales Medienstreaming sowie ständig mit dem Internet verbundene, mit Chat-Apps und sozialen Netzwerks ausgestattete Smartphones.

Widerstand gegen das, was am besten funktioniert

Doch diese neuen, den Nutzen des technischen Fortschritts aus Verbrauchersicht maximierende Problemlöser sehen sich mit einer wachsenden Opposition konfrontiert. Zwar eigenen sie sich für die beschriebenen Anwendungsfälle weitaus mehr als jedes andere Verfahren zuvor. Doch sie erzwingen gleichzeitig einen radikalen, temporär mit großer Unsicherheit verbundenen Wandel der gesamten Funktionsweise und Ordnung unserer heutigen Welt. Massenarbeitslosigkeit nach sich ziehende Automatisierung bislang von Menschen erledigter Tätigkeiten, die Schaffung gläserner Bürger durch die Überwachung der digitalen Kommunikation, eine zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich (in der westlichen Welt), eine unzureichende Entlohnung kreativer Arbeit als Folge des cloudbasierten Flatrate-Medienkonsums sowie psychosoziale Probleme wie Internet- und Smartphone-Sucht sind einige der kritischent Nebeneffekte, die besonders häufig moniert werden. Jeder einzelne Aspekt lässt sich ausgiebig erörtern, debattieren und hinterfragen, was an dieser Stelle allerdings nicht geschehen soll. Festzuhalten ist, dass aggregiert nahezu jeder Mensch in irgendeiner Form von den vermuteten negativen Kurzzeit- und Langzeitauswirkungen des technischen Fortschritts tangiert wird, dass jeder Mensch von der Digitalisierung parallel in vielerlei Hinsicht profitiert, und dass es eine wachsende Zahl an kritischen Stimmen gibt, die der Ansicht sind, die Nachteile der Entwicklung würden stärker ins Gewicht fallen als die Vorteile; darunter Politiker, Intellektuelle, Verleger, Datenschützer, Gewerkschafter, Sozialverbände, Wissenschaftler, Psychologen, Künstler und viele mehr.

Gesellschaftlicher Fortschritt oder Destruktion?

Einmal außer Acht gelassen, dass der technischen Fortschritt kein Wunschkonzert ist, dessen Evolution sich beliebig steuern lässt, so zeichnen sich zwei grundsätzliche Marschrichtungen ab, die wir von hier an beschreiten können:

1. Wir verabschieden uns von der Vorstellung, dass die Möglichkeiten, die uns durch jüngste technologische Sprünge zur Befriedigung kommerzieller und kommunikativer Bedürfnisse an die Hand gegeben werden, die im Gesamtkontext attraktivste Option darstellen. Stattdessen würden wir zur Abwicklung alltäglicher Vorgänge und Transaktionen zwischen Bürgern, Unternehmen und Behörden auf weniger effiziente und effektive Verfahren setzen. An die Stelle der Optimierung der Problemlösung und Bedürfnisbefriedigung tritt die Optimierung der gesamtgesellschaftlichen Verträglichkeit dieser Prozesse; etwa in Form staatlicher Subventionierung des stationären Handels oder der Sanktionierung des Robotereinsatzes, um Arbeitsplätze und Innenstädte zu retten, auf Kosten des Konsumentenvorteils und der Aussicht auf neue, besser geeignete Strukturen in der Zukunft.

2. Wir bleiben der Prämisse treu, dass das massentauglich technisch Machbare in der Summe bisherigen Strukturen und Ansätzen überlegen ist und ultimativ den größten Mehrwert für die Allgemeinheit liefert. In diesem Zusammenhang akzeptieren wir, dass ein weitreichender Umbau von Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Sozialsystemen erforderlich ist, um mit den kurz- und mittelfristigen Konsequenzen des technischen Fortschritts umgehen zu können - etwa durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, eine Bereitschaft zur fundamentalen Neukonzeption von Wertschöpfungsprozessen und die kompromisslose Einschränkung der Arbeit von Geheimdiensten.

Am Ende steht die Frage, ob Technologie wie bisher in der Lage sein wird, das Gemeinwohl zu verbessern, oder ob sie uns in eine Ära der Destruktion führt. Die sichere Antwort erhalten wir leider erst in der Zukunft, wenn wir zurückblicken. /mw

(Foto: Flickr/labormikroCC BY-SA 2.0)

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