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21.11.12 09:53

, von Jürgen Vielmeier

Foodsharing startet: Der schwierige Versuch, die Welt mit einer Tauschbörse für Lebensmittel zu bereichern

Einen ehrenwerteren Ansatz kann es eigentlich gar nicht geben: Zwei Filmemacher drehen einen Dokumentarfilm über die Verschwendung von Nahrungsmitteln und beschließen daraufhin, das dargestellte Problem mit einer Tauschbörse für Lebensmittel selbst zu lösen. Foodsharing ging in dieser Woche in die offene Beta-Phase. Das Projekt wird es nicht leicht haben.

Kollaborativer Konsum ist ein Trend, der noch in den Kinderschuhen steckt. Die Gundidee: Jeder kauft nicht alles immer neu, sondern greift auf bereits vorhandene Dinge zurück. Das kann bedeuten, sich eine Säge vom Nachbarn auszuleihen oder sich bei eBay einen gebrauchten Fernseher statt im Fachgeschäft oder im Online-Shop einen neuen zu kaufen. Valentin Thurn, Regisseur des Dokumentarfilms "Taste the Waste" und Sebastian Engbrocks, der die Social-Media-Kampagne des Films verantwortete, haben sich mit Foodsharing dem Thema Ernährung angenommen. Wir haben das Konzept im Oktober vorgestellt; in dieser Woche fiel der Startschuss für die offene Beta-Phase von Foodsharing.Auf Foodsharing kann nun jeder für andere auf einer Plattform auflisten, was er noch an einwandfreien Lebensmitteln zu Hause hat. Hintergrund ist, dass laut Recherchen für "Taste the Waste" 50 Prozent aller Lebensmittel weggeworfen werden, bevor sie überhaupt den Kunden erreichen. Entsprechend des kurzfristigen Starts sind die die Angebote auf Foodsharing noch sehr spärlich gesät. Aktuell verfügbar sind etwa drei Soßenwürfel in Gütersloh, ein Kilo Orangen in Hamburg oder zwei Bio-Zitronen in Berlin.

Ohne die kritische Masse bleibt es nur eine schöne Idee

Die Beispiele verraten bereits, dass Foodsharing gleich vor mehreren Herausforderungen steht: Bis die kritische Masse erreicht ist, kann das Prinzip, Essen zu teilen, überhaupt nur bei nicht schnell verderblichen Lebensmitteln funktionieren. Knackpunkt dürfte sein, den faulen Durchschnittsbürger dazu zu bewegen, seine überschüssigen Lebensmittel einzeln aufzulisten und online zu stellen. Notwendig ist außerdem nicht weniger als ein Umdenken in der Bevölkerung. Anderen Menschen die eigenen Lebensmittel anzubieten, ohne etwas dafür als Gegenleistung zu erhalten, wird nicht jedem Konsumenten direkt einleuchten. Noch größer dürfte die Hemmschwelle sein, Essensgeschenke von fremden Leuten anzunehmen.

Die Angebote auf Foodsharing lassen sich nach Ort, Art des Lebensmittels, Datum der Veröffentlichung und Verfallsdatum sortieren. Was derzeit noch fehlt, ist eine Suchfunktion. Die integrierte Google Map zeigt im Augenblick keine Essenskörbe an, wenn man nah heranzoomt. Für Köln werden auf der Karte zwar vier verfügbare Körbe angezeigt, man kann diese aber auf der Karte nicht aufrufen, und bei der Sortierung nach Köln findet sich statt vier Angeboten tatsächlich nur eines.

Die Foodsharing-Macher sind für konstruktive Vorschläge offen und werden sicherlich im Laufe der Beta-Phase noch nachbessern. Die große Frage ist: Wird das funktionieren? Damit die Idee ein Erfolg und nicht schon nach wenigen Wochen wieder vergessen wird, müssen Tausende mitmachen. Ich halte das für schwierig, wenn ich mir überlege, dass viele Menschen von den sozialen Medien bereits derart überfüttert sind, dass sie nicht einmal einen Satz verfassen, um eine interessante Statusmeldung zu kommentieren. Es wird schwer sein, sie dazu zu motivieren, ihre verfügbaren Lebensmittel zu veröffentlichen, zumal kein finanzieller Anreiz besteht, das zu tun. Foodsharing ist für alle Beteiligten kostenlos. Geld lässt sich damit nicht verdienen.

Rezeptideen, gemeinsam Kochen

Die Chancen allerdings sind groß: Gelingt es, Foodsharing zu einem Massentrend zu machen, kann die Idee über das bloße Teilen von Nahrungsmitteln hinausgehen. Man wird neue Menschen kennenlernen, mit denen man ansonsten nie gesprochen hätte. Völlig Fremde werden ausprobieren können, wie etwa die eigene selbst gemachte Marmelade bei anderen ankommt. Schon beim Lesen über verfügbare Lebensmittel können Ideen für Rezepte oder gemeinsames Kochen entstehen. Und falls man doch einen kommerziellen Gedanken dort hineinbringen möchte, so könnten Kleinbetriebe über Foodsharing mit Kostproben auf sich aufmerksam machen.

Eine interessante Lösung, wie Foodsharing die eigenen Möglichkeiten noch erweitern könnte, kommt erstaunlicherweise jüngst vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Das Projekt "Zu gut für die Tonne" wirbt mit einem Einkaufsplaner, Informationsmaterial und Rezepten von Prominenten wie dem Schauspieler Daniel Brühl oder den Fernsehköchen Christian Rach und Johan Lafer für einen sorgsameren Umgang mit Lebensmitteln. Gut verstecktes und noch nicht besonders attraktiv gemachtes Herzstück des Portals ist ein Rezeptefinder. Für noch vorhandene Lebensmittel findet das Tool mögliche Rezepte.

Das ist eine Idee, die sich auch Foodsharing zu Nutze machen kann, indem es die verfügbaren Lebensmittel in der Umgebung kombiniert und daraus Rezepte erstellt. Kooperationen mit Kochportalen wie Chefkoch oder eben der Seite des Ministeriums wären denkbar. Doch auch hier gilt: Nichts geht ohne eine kritische Masse. Gute Ideen haben es immer ein bisschen schwerer als andere. Das ändert nichts daran, dass Foodsharing ein großer Erfolg werden kann, wenn sich die Idee erst einmal herumgesprochen hat.

Link: Foodsharing

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Kommentare: Foodsharing startet: Der schwierige Versuch, die Welt mit einer Tauschbörse für Lebensmittel zu be ...

Ich mache "Foodsharing" schon ewig. Mit meinen Nachbarn. Ganz ohne App und Smartphone. Geht auch mit leicht verderblichen Lebensmitteln und man muss diese nicht noch durch die halbe Stadt transportieren. Da lernt man auch Leute kennen und findet sich u. U. zu einem gemeinsamen Kochabend zusammen. Verrückt, was?

Diese Nachricht wurde von Stefan am 21.11.12 (10:15:36) kommentiert.

Schöne Idee. :) Dazu haben wir ja das Web, damit eine gute Idee noch größer werden kann.

Diese Nachricht wurde von Jürgen Vielmeier am 21.11.12 (10:18:43) kommentiert.

Ich weiß nicht einmal ob das in der Form eine schöne Idee ist. Klar auf dem Papier klingt es nett. Man könnte aber auch erstmal damit anfangen seine Lebensmittel mit den eigenen Nachbarn im Haus zu teilen. Das Konzept von Foodsharing erschließt sich mir jedenfalls gar nicht obwohl ich es gerne gut finden würde. Vielleicht könnte es funktionieren wenn große Discounter und Lieferanten dort anbieten würden und es eine sinnvolle Möglichkeit zum verteilen der Güter geben würde. In die Richtung lässt sich sicher noch einiges machen.

Diese Nachricht wurde von crsrdmn am 21.11.12 (10:19:15) kommentiert.

Das Konzept müsste erst da ansetzen, wo groessere Mengen anfallen, nicht beim Endkunden. Firmenküchen haben z.B. oft gewisse Lebensmittel im Überschuss, oder auch Händler und der Einzelhandel. Außerdem könnte die Plattform mit mundraub kooperieren, da es um sehr verwandte Themen geht.

Diese Nachricht wurde von Andreas am 21.11.12 (10:32:52) kommentiert.

Bin ich der einzige der keinen Sinn und nachhaltigen Nutzen in dem Projekt sieht und vor allem Zukunftsrelevanz?

Diese Nachricht wurde von kwoxer am 21.11.12 (10:47:29) kommentiert.

Ich habe den eingangs erwähnten Film "Taste The Waste" im Kino gesehen und fand ihn genial. Die Foodsharing-Seite hingegen ist allerdings ein schönes Beispiel, wie man es NICHT machen sollte. Wie Kwoxer sehe ich keinen Sinn darin. Kurzfristig könnte ich mir da eher vorstellen, dass Supermärkte vor Ladenschluss verderbliche Ware gratis abgeben. Leute, die voll im Berufs- und auch Freizeitleben stehen, können ihre Einkaufszeiten in der Regel nicht so flexibel regeln, sondern müssen dann einkaufen, wenn sie gerade Zeit haben, sind auch nicht knapp bei Kasse und zahlen sowieso den angeschlagenen Preis. Leute, die wenig Geld haben, haben in der Regel Zeit, um bei ihrem Einkaufszeitpunkt flexibel zu sein, z. B. Bettler, Arbeitslose, Senioren ... Die gehen einfach kurz vor Ladenschluss und greifen dann die Ware ab, die sonst eh im Müll gelandet wäre. Langfristig sollte das (längst überfällige) Ziel sein, unser Wirtschaftssystem an die aktuelle Marktübersättigung anzupassen. Wenn massenhaft Essen weggeworfen wird, sind offensichtlich immer noch zu viele Leute in der Lebensmittelbranche am Arbeiten. Diese Stellen könnte man streichen und in chronisch unterfinanzierte Branchen investieren, deren Arbeiten aber nicht automatisierbar ist, z. B. die Kultur- und Kreativ-Industrie. DJ Nameless

Diese Nachricht wurde von DJ Nameless am 21.11.12 (23:03:37) kommentiert.

den pessimismus kann ich hier nicht teilen. ich freue mich, dass foodsharing endlich los geht und hoffe auf zahlreiche teilnehmer. ich denke allerdings auch, dass die sinnvollste anwendung in etwas größeren mengen als dem halben brot, das man nicht mehr aufessen möchte oder dem zu groß gekochten eintopf liegt. läden, die selbst entscheiden können, was mit ihren produkten geschieht, wie bäckereien, fleischereien, bioläden zum beispiel. in foodsharing werden sich hoffentlich auf öffentlichen plätzen und in parks stehende obstbäume wiederfinden. schön wären auch bauern, die nach der ernte ihre felder angeben, so dass man dort übrig gebliebene früchte, die von den erntemaschinen nicht erfasst wurden holen kann (ist zumindest bei uns in ostwestfalen bei einigen bauern seit jahrhunderte üblich). ich werde heute abend mal alle backzutaten und ähnlichen nahrungsmittel eingeben, die lang haltbar und seit einer ernährungsumstellung für mich tabu sind.

Diese Nachricht wurde von Alex Kahl am 22.11.12 (16:02:45) kommentiert.

Halbgare Idee finde ich, da gebe ich den Vorrednern Recht. Bei Supermärkten würde das Sinn machen, aber ob die Lust haben, sich systematisch ihr Geschäft kaputt zu machen? Da wird doch zumindest ein Teil der Kundschaft auf die kostenlosen Lebensmittel umsteigen. Egal, ob man die Bereitschaft zu geben nun aufwertet, indem man die Eingabe erleichtert (Scannen von Barcodes z.B.), die Motivation erhöht (Badges z.B.) oder sich Services angliedern, die für Endgeld die Waren von x Stellen abholen und bei einem Besteller vorbeibringen - noch sinnvoller wäre es ja daran zu arbeiten, dass weniger gekauft wird, sprich nur das, was man auch tatsächlich essen will. Dann wird auch weniger produziert und weggeschmissen.

Diese Nachricht wurde von Karsten am 22.11.12 (18:20:05) kommentiert.

Kann den Pessimismus hier auch nicht teilen. Klar. Gerade ist es in der Beta-Phase und noch sehr wenig los. Der Sinn ist doch zum Beispiel, dass man kurz vor einem Urlaub feststellt, dass der Kühlschrank noch viel zu voll ist und dann etwas abgeben kann. Oder es gab wieder nur ein 2 kg Netz Zwiebeln und man braucht auch in den nächsten 4 Wochen nur 500g davon. Dann stellt man das ein und ein Nachbar kann sich das abholen. Das wäre zwar auch jetzt schon möglich, aber man klingelt doch nicht im ganzen Haus und fragt wer die Reste haben will. Meines Wissens nach will die biocompany da auch mitmachen. Dann wird es wirklich Realität, dass Waren direkt im Supermarkt abgeholt werden können.

Diese Nachricht wurde von Wo es beginnt am 25.11.12 (16:00:24) kommentiert.

Auch wenn der Ansatz seine Schwierigkeiten haben könnte, ist er gut. Es wird viel zu viel Nahrung täglich weggeschmissen. Eine der Schwierigkeiten des Projekts könnte jedoch sein, dass sicher auch verdorbene Lebensmittel angeboten werden. Dies muss nicht absichtlich gesjchen, sondern kann durch Verpackungsschäden unauffällig geschehen. Trotzdem kann dies zu Haftungsrisiken führen. Aber für Probleme gibt es "fast" immer Lössungen. Ich wünsche diesem Projekt viel Erfolg.

Diese Nachricht wurde von Mathias Frank am 26.11.12 (09:06:05) kommentiert.

Schöne, gute Plattform. Ich hoffe sehr, dass das Projekt erfolgreich laufen wird. Vielleicht nur ein Nischen-Thema in Großstädten, aber ich glaube, dass es funktionieren kann, da es auf vielfache Art & Weise mit Leben gefüllt werden kann. Ich habe in der Beta-Phase einen ersten Praxis-Test gemacht, und werde darüber in meinem Blog berichten. Ich hoffe, dass ich dadurch einen Teil zur Bekanntheitssteigerung beitragen kann. Wenn ich mal meinen Vorrats-Raum kritisch hinterfrage, kann ich mich von zwei Dritteln des Inhalts trennen. Da sammeln sich Lebensmittel an, die da meist gelandet sind, weil ich zu hungrig eingekauft habe. Vor einem 2-3-wöchigen Urlaub geht auch meist zu viel in den Müll. Wenn die Plattform und deren Bewerbung zum Start nur einen kleinen Beitrag leisten kann, dass möglichst viele Menschen ihre Lebensmittel-Wegwerf-Verhaltensweisen hinterfragen und ändern, dann hat foodsharing.de schon viel bewirkt. Die erste Supermarkt-Kette ist ja auch schon "an Bord".

Mit Bio Company konnte der für den Dienst in Köln gegründete Verein Foodsharing.de bereits eine erste Supermarkt-Kette zur Teilnehme bewegen.
Man kann nur viel Glück wünschen. Am 12.12. geht´s ja erst richtig los.

Diese Nachricht wurde von Marcel am 07.12.12 (08:54:32) kommentiert.

Ich habe einige Kritikpunkte gelesen die besagen, dass es sich nur lohnen würde wenn große Supermarktsketten mitmachen, da diese viel mehr Lebensmittel wegwerfen als der Konsument selbst. Schon mal überlegt warum das so ist? Der Konsument verlangt eine unheimlich hohe Auswahl an Lebensmitteln, die zu jeder Zeit verfügbar sein muss. Durch eine unglaubliche Logistik karren Supermärkte diese Lebensmittel an und das davon viel weggeworfen wird ist als Verlust mit eingeplant. Würde der Konsument nicht verlangen zwischen 10.000 verschiedenen Lebensmitteln wählen zu können, die alle "perfekt" ausehen müssen, dann wäre für die Supermärkte damit auch kein Geld zu machen. Es ist also ein Umdenken des Otto Normalverbrauchers erforderlich und es bestehen gute Chancen, dass dieses durch Plattformen wie foodsharing.de gefördert wird.

Diese Nachricht wurde von Oli H. am 14.12.12 (23:19:44) kommentiert.

@Oil H.: Die Kausalkette lässt sich genau so gut anders herum aurdröseln: Nur weil der Supermarkt überhaupt so viele verschiedene Produkte anbietet (als bestes Beispiel wohl die unzähligen Varianten von Käse!)kaufen die Kunden dieses Angebot, bleibt soviel übrig und wird schlussendlich in genießbarem Zustand vernichtet. Man sieht also: Es ist die berühmte Frage nach der Henne und dem Ei. Was war zuerst?

Diese Nachricht wurde von pedro am 21.12.12 (17:33:03) kommentiert.
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