<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

24.01.08

Folgen der WRC-07 für den Rundfunk: Was bleibt von der "digitalen Dividende"?

Die World Radiocommunication Conference (WRC) findet alle zwei bis vier Jahre statt. Auf der WRC-07 vom 22. Oktober bis 16. November 2007 sollte unter anderem die "Digitale Dividende", durch die Digitalisierung des terrestrischen Fernsehens freigewordene Frequenzkapazität, an die Mobilfunkunternehmen verhökert werden. Wie ist dies ausgegangen?

Bild

Veranstaltung im Institut für Rundfunktechnik (IRT) in München-Freimann, rechts: Jan Outters (Bild: W.D.Roth)

Auf einer WRC wird von den Fernmeldeverwaltungen der verschiedenen Staaten weltweit die Verteilung aller Funkfrequenzen beginnend im noch kaum strahlenden KHz-Bereich (Audio) bis hinauf zu 3000 GHz, 3 THz, den Terahertz-Strahlen, dem fernen Infrarot, diskutiert und gegebenenfalls neu verteilt. Große Sorge machten sich die Rundfunkanstalten dabei um eine Neuvergabe des UHF-TV-Spektrums an Mobilfunkinteressenten. Sind sie noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen?

 

Während im Kurzwellenbereich eine weltweite Koordinierung der Frequenzzuweisungen unumgänglich ist, da andernfalls massive Störungen zu erwarten wären, erscheint dies in den höheren Frequenzbändern weniger wichtig. Doch angesichts internationaler Im- und Exporte und dem Bedürfnis der Hersteller, nicht für jedes Land eigene Geräte herstellen zu müssen, von Problemen in Grenznähe ganz zu schweigen, ist auch im GHz-Bereich eine Frequenzkoordination sinnvoll.

Auch die Orbitalpositionen von Satelliten und die Frequenzzuteilungen an diese sind Teil der Verhandlungen, da eine Satellitenabstrahlung natürlich mit der terrestrischen Nutzung desselben Frequenzbands kollidieren kann.

Die WRC-07 dauerte ganze vier Wochen, manche Sitzungen liefen 30 Stunden am Stück und verlangten von den Teilnehmern eine gewaltige Kondition, wie Jan Outters vom Institut für Rundfunktechnik (IRT) in München-Freimann zu berichten wusste. Für den Rundfunk waren bei der WRC-07 folgende Tagespunkte relevant:

  • Löschung alter Fußnoten zu Zuweisungen von Mobilfunk im VHF-Rundfunkband III (174?230 MHz)
  • Erdbeobachtungssatelliten, Radioastronomie und Weltraumforschung bei 10 GHz - das Band wird auch für drahtlose Kamerazuspielungen eingesetzt
  • Mobilfunkzuweisungen aus dem heutigen UHF-Rundfunkband IV und V (470?862 MHz): die umstrittene "Digitale Dividende"
  • Neue Radionavigationssysteme im Bereich ab 108 MHz bis zu 6 GHz
  • Broadcast-Satelliten (BSS) im Bereich 620?720 MHz
  • Satellitenkoordinierung im L-Band (High Orbiting Satellites - geostationäre Satelliten, z.B. für Worldspace Digitalradio), das auch für terrestrischen Digitalrundfunk (DAB) genutzt wird.
  • Neukoordinierung des Kurzwellenbands von 4?10 MHz, um Frequenzen zur parallelen Einführung von DRM (Digital Radio Mondiale) zu haben und Rundfunksendungen außerhalb der ausgewiesenen Rundfunkbänder einstellen zu können
  • Allgemeine Wünsche, das Spektrum z.B. für UWB (Ultrawideband-Kurzstreckenfunk) flexibler verschiedenen Diensten zuordnen zu können
  • Tagesordnungspunkte der nächsten WRC in 2011, insbesondere zum UHF-Rundfunkband 470?862 MHz

Insgesamt sollte Mobilfunk - womit nicht der typische nichtöffentliche Behörden- und Betriebsfunk, sondern Mobiltelefone in GSM und UMTS sowie Wimax gemeint sind, ebenso wie Fernsteuerungen und Ähnliches - in folgenden Bändern angesiedelt werden:

  • 410?430 MHz
  • 440?470 MHz
  • 470?862 MHz
  • 2300?2400 MHz
  • 2700?2900 MHz
  • 3400?4200 MHz
  • 4400?4990 MHz

470?862 MHz ist das heutige UHF-Fernsehband IV/V. Würde es beschnitten, so sind für DVB-T weniger Bedeckungen möglich und es gäbe auch Probleme für die drahtlosen Mikrofonanlagen, die in den Lücken zwischen den UHF-Fernsehkanälen untergebracht sind.

Dabei war die Mehrheit der Staaten dafür, es bei der heutigen UHF-Frequenzzuweisung zu lassen: Zunächst 21, ab der 3. Konferenzwoche 33 CEPT-Länder waren dieser Meinung, ebenso Russland, Asien und die arabischen Länder. Nur Afrika wollte den Bereich 802?862 MHz dem Mobilfunk zuweisen und die amerikanischen Staaten mit 7 von 25 Ländern den Bereich 698?806 MHz.

Als Ergebnis stehen nun die in Deutschland bislang nur digital genutzten TV-Kanäle ab 60 bzw. 64 zur Disposition, die traditionellen bislang analog genutzten UHF-Frequenzen unterhalb von Kanal 60 sind nicht gefährdet.

Eine DVB-T-Bedeckung kann so allerdings verloren gehen, die speziell für mobile Dienste wie DVB-H genutzt werden sollte und die Koordinationen der RRC06 (Regional Radiocommunications Conference) sind teilweise hinfällig. Zudem sind die drahtlosen Mikrofone gerade in diesem Bereich angesiedelt, weil dort bislang nur TV-Füllsender untergebracht waren, keine Grundnetzsender.

Bild

So wirklich vertragen sich UMTS und DVB-T nicht, auch nicht in getrennten, doch benachbarten Kanälen...

Da jedes Land die Nutzung dieser Kanäle für sich entscheiden kann, gibt es an den Grenzen Probleme. UMTS wird von DVB-T-Signalen deutlich beeinträchtigt, eine praktisch sinnvolle Nutzung der TV-Kanäle 60?69 für Mobiltelefonie ist damit kaum möglich, die Radien einer störungsfreien Netzversorgung um eine Basisstation sinken mit den notwendigen Störabständen in der Praxis um den Faktor 20!

Zudem werden inzwischen auch DVB-T-HDTV-Bedeckungen geplant, die natürlich mehr Frequenzen brauchen: in Frankreich eine landesweite und eine zweite mit etwa 35% Abdeckung in den Ballungszentren. Umgekehrt würde der DVB-T-Empfang natürlich auch durch UMTS gestört, was dann zu besonders ärgerlichen, sporadischen Aussetzern führe. Die Spiegelkanäle sind dabei ein Problem, die 9 MHz höher liegen.

Vom Tisch ist die Satellitenzuteilung von 620?720 MHz. Diese stammt noch von den alten russischen Gorizont-TV-Satelliten, deren Zuteilung auch bestehen bleibt, doch ist die Wellenlänge für vernünftige moderne TV-Satelliten zu lang und die Bandbreite zu gering, um wirklich von Interesse zu sein, zumal eine Mehrfachbelegung auf vielen Orbitalpositionen wie bei den Satelliten im Ku-Band aufgrund unzureichender Richtwirkungen der Empfangsantennen nicht möglich wäre.

Ein französisches Konsortium hatte hier Nutzungspläne, ließ diese jedoch zur Erleichterung der anderen Länder fallen. Es wäre sonst terrestrisch eine bis zu achtfach höhere Sendleistung erforderlich geworden, um die heutige Versorgung aufrecht zu erhalten.

Bild

Das obere Ende des UHF-TV-Bands auch für Satellitenausstrahlungen zu nutzen, wäre problematisch geworden.

Im Kurzwellenbereich 4?10 MHz sollte der Rundfunk etwa 300 kHz mehr Bandbreite erhalten, dies wurde abgelehnt.

Die neuen Radionavigationssysteme sollen konkret im Bereich 108?112 MHz eingeführt werden. Dieser gehört zum Flugfunk, von dem der Rundfunk im oberen UKW-Band immer schon einen großen Störabstand halten musste. Nachteilige Einwirkungen auf den Rundfunk sind eher nicht zu befürchten, bis zur WRC-11 werden genauere Studien ausgearbeitet.

Das Band I (47?68 MHz bzw. ursprünglich 41?68 MHz), dessen Nutzung für Analog-TV ausläuft, ist dagegen kein Thema der WRC-07 gewesen: Das Fell des Bären ist hier längst verteilt, in Deutschland wird ein kleiner Ausschnitt an die Funkamateure gehen, der Rest ans Militär. Der Rundfunk hat kein Interesse mehr: Die Empfangsantennen sind zu groß, die Überreichweiten, die aber im Gegensatz zur Kurzwelle nur sporadisch auftreten, sowie Störungen durch die heute weit zahlreicheren elektrischen und elektronischen Geräte machen das Band für die Rundfunkversorgung uninteressant, auch wenn hier mit der kleinsten Sendeleistung theoretisch die größte Reichweite erzielbar ist. Auch eine einst diskutierte DAB-Belegung wurde früh verworfen, DVB-T im Band I ist in Europa kein Thema.

Übrigens ist auch der freiwillige Tausch der ARD, die DVB-T-Frequenzen im Band III für DAB freizugeben, wenn dafür Frequenzen aus dem Band IV oder V zur Verfügung gestellt werden, durch die zunehmenden Störungen seitens Computern und anderer Elektronik bedingt und nicht nur durch das Problem der größeren Antennen: Die Ursachen von Aussetzern bei DVB-T sind für den Zuschauer wesentlich schwieriger zu erkennen als bei Analog-Radio oder -Fernsehen und das UHF-Band trotz höherer notwendiger Sendeleistungen und stärkerer Inhouse-Dämpfung in der Praxis für den DVB-T-Empfang auch mit Zimmerantennen besser geeignet: Das Problem des Mehrwegempfangs ist ja bei DVB-T geringer als beim ständig von "Geisterbildern" geplagten Analog-TV.

Es bleibt zu hoffen, daß die Rundfunkanstalten, nachdem sie nun doch mit geringen Verlusten davongekommen sind, das aggressive Vordringen ins Internet zum Jahrtausendwechsel, das sie viele Symphatien gekostet hat, in jener Form endgültig ad acta legen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer