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22.04.08Leser-Kommentare

Florian Rötzer: Mein Alpha Romeo!

Der Deutsche Online-Journalismus wäre ohne Telepolis kaum denkbar. Nur leider verliert sich auch Chef Rötzer, der Alphajournalist des New-Media-Zeitalters, bisweilen im Zahlen- und Faktenwirrwarr.

Mir ist es verhältnismäßig egal, ob jemand meine politische Positionen teilt. Davon hängt Sympathie nicht ab. So gingen mir die steilen Thesen eines Matthias Bröckers zu Nine-Eleven am Mors vorbei, unterhaltsam waren seine Telepolis-Artikel allemal. So wie ein dicker Abenteuerroman von Sir John Retcliffe, der wiederum ein ultrakonservativer Kotzbrocken aus dem 19. Jahrhundert war, aber ganz ähnlich wie Bröckers vollgestopft mit hanebüchener Weltverschwörung. Was in meinen Augen bei beiden verzeihlich ist, denn sie können schreiben: der rechte Retcliffe wie auch der linke Matthias Bröckers. Und darum geht es letztlich im Buchstabengewerbe.

Bekanntlich ist das Portal Telepolis aus dem Heise-Verlag das Flaggschiff des deutschen Online-Journalismus. Als virtuelle Artikelabwurfstelle für schreibende Nerds und andere Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine vertritt Telepolis eine geopolitisch antihegemoniale und innenpolitisch eine dezidiert altliberale Position, so in etwa, als wäre ein Gerhart Baum noch immer für Datenschutzfragen zuständig. Politisch ist Telepolis mir daher recht sympathisch.

Grimme-Preise und andere Auszeichnungen zieren inzwischen den Pokalschrank im Vereinslokal, wo Florian Rötzer seiner Mannschaft präsidiert. Er ist damit gewissermaßen der 'Alphajournalist des New-Media-Zeitalters' in der deutschen Online-Diaspora. Nur schreibt er inzwischen oft so – dass ich lange zögerte, ob ich das Verb 'schreiben' verwenden sollte, oder doch lieber 'gestalten'. Jedenfalls lehrte er mich und meine langjährige Lesetreue bei Telepolis die Tugend des Erduldens. Einige Beispiele:

 

"Steiler und anhaltender Anstieg der Selbstmordanschläge seit 2001"

Mit dieser kühnen Headline eröffnet der Chef der Telestädter seinen bis dato letzten großen Rundumschlag voll antimilitaristischer und US-kritischer Zahlenakrobatik. Wobei ich als metaphorisch geschulter Mensch mir einen 'steilen und anhaltenden Anstieg' ungefähr so vorstelle wie die Schweizer Rigi-Bahn, wenn sie ächzend die Felsenhänge hinaufschnauft. Nicht so bei Rötzer:

 

"Weltweit haben Selbstmordattentäter im letzten Jahr 658 Anschläge ausgeführt. Im Kern steht weiterhin der Irak und in Afghanistan, wo es 542 Anschläge gab. Die ... Zahlen stammen von "US-Regierungsexperten" und belegen, dass damit mehr als doppelt so viele Selbstmordanschläge stattfanden als in jedem der letzten 25 Jahre."

Während in diesem explosiven Tohuwabohu aus Irak und 'in' Afghanistan also allein im letzten Jahr die Zahl der autopulverisierten Ultramuslime um das Doppelte nach oben geschnellt sein soll, waren es in JEDEM der letzten 25 Jahre nur halb so viele. Adam Riese, hilf - damit ich jetzt über den großen Zahlengestalter nichts Falsches verkünde: Wir hätten also 25 Jahre lang einen komplett linearen Verlauf gehabt, dessen Steigung lange der topfebenen ungarischen Puszta glich, während dann plötzlich ein einziger 'Ausreißer' im Jahr 2007 wie eine Feuerwerksrakete nach oben gezischt sei. Ein rechter Winkel, das völlige Gegenteil des 'anhaltenden Anstiegs' aus der Headline ...

Dass er dabei eine mathematische Sachlage sprachlich nur aushilfsweise abzubilden vermag, das schreibe ich der ausgeprägten stilistischen Experimentierlust Florian Rötzers zu, die auch in anderen Sprachzusammenhängen zu manieristischen Kreationen führt, wie bei diesem 'sich' im folgenden Fall:

 

"Am 18. April 1983 ... hat sich endgültig das Zeitalter der Autobombe mit einem gewaltigen Schlag eröffnet".

Dunnerschlag! Unter einer Ära tun wir's längst nicht mehr - und bei uns in der Nachbarschaft hat sich auch gerade ein Supermarkt selbst eröffnet!

Der zitierte Artikel - mit welchem Begriff ich Rötzers Kompilation diverser amerikanischer Quellen zu einem nahrhaften Pichelsteiner Topf mal bezeichnen möchte - der endet nach geschätzten 5.000 Zeichen irgendwo im Nirgendwo: Der Text verzettelt sich einfach nach hinten hin wie eine auslaufende Klopapierrolle. Der Leser weiß zwar nicht recht, was er jetzt wieso, weshalb und mit welchem Ergebnis gelesen hat, außer dass es mal wieder 'gegen Bush' ging. Wer sich aber auf eine Pointe oder Schlussfolgerung gespitzt hat, auf eine Lesebelohnung, der wird enttäuscht: Er steht mit einem letzten Fetzen indirekter Rede und einem ratlosem 'Und nu?' recht dumm in der publizistischen Landschaft herum und schluckt trocken angesichts der großen Bleiwüste ringsum.

Ich bin übrigens der Letzte, der etwas gegen die hauseigene Telepolis-Kritik an der Regierung Bush einzuwenden hätte: Je früher der Texaner geht, desto besser für die Welt. Man sollte seine Kritik aber so vortragen, dass man ernst genommen werden kann. Rötzer scheint das anders zu sehen. Hier konstatiert er im bislang letzten seiner Artikel eine neue Perfidität der US-Regierung:

 

"Um die Abkehr von der Militärpolitik unter Clintons Präsidentschaft deutlich zu machen, wurde noch im Januar 2003 vom Pentagon mitgeteilt, dass man 1993 eröffnete 'Institute for Peacekeeping' der U.S. Army schließen werde."

Die zweite Perfidität dieses verbrecherischen Regimes folgt unmittelbar gegenläufig auf dem Fuß:

 

"Allerdings schien man doch schnell bereut zu haben, das Peacekeeping Institute geschlossen zu haben ... Also ... eröffnete man schließlich das Institut schon im Dezember 2003 ... wieder ...".

Kurzum - die US-Regierung, die kann einfach machen, was sie will, unser magisch begabter Terrier mit der untrüglichen Witterung für verborgene Uncle-Sam-Schweinereien, der durchschaut mit seiner Kristallkugel alle Tricks und hängt der Bush-Administration wie ein Frettchen an den Hacken. Ideologie nennt man so etwas wohl.

Anderes, zum Beispiel nahezu alles aus Rötzers astronomischer Sternensaga, klingt für mich dagegen 'directly from Babelfish':

 

"Gefunden haben die Wissenschaftler auch mit dem Instrument, dass am Rande der Gaseruptionen auf der Sonnenoberfläche, kenntlich als helle Regionen, die durch Magnetfelder geformt werden, heißes Gas in hohen Geschwindigkeiten entweicht."

Kurzum - so gern ich andere Autoren bei Telepolis lese, allen voran den Burkhard Schröder - so wagt sich so tief decolletiert doch allein der Florian Rötzer in die Öffentlichkeit. Nur zu ihm entbrennt mein polemisches Herz daher in wahrhafter Liebe: Für mich ist er der Alpha Romeo des Online-Bereichs!

Trotzdem sollte es möglich sein, auch Chefredakteuren, die zur Kollerkommunikation neigen, einen Lektor an die Seite zu stellen. Sonst schnappt ihn jemand mit einer noch deftigeren Liebeserklärung mir noch vor der Nase weg. Und der Online-Journalismus würde weiterhin nicht ernst genommen ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Bernd

    23.04.08 (00:14:02)

    Redaktion: Kommentar gelöscht

  • Der Wobbler

    23.04.08 (08:32:32)

    Redaktion: Kommentar gelöscht

  • Peter Sennhauser

    23.04.08 (08:33:39)

    Hier standen zwei Kommentare, die wir so nicht dulden konnten und aus dem Verkehr gezogen haben.

    Es gibt einen ganz eindeutigen Unterschied zwischen der Kritik an der Tätigkeit von Personen, die im öffentlichen Interesse stehen, und persönlichen Angriffen, Beschimpfungen und Unterstellungen.

    Wir wünschen uns an dieser Stelle eine sachliche Diskussion. Schüsse aus dem Hinterhalt gegen Dritte werden wir nicht akzeptieren.

  • Contra-Bernd

    23.04.08 (08:40:43)

    Inhaltliche Kritik ist das eine, sich über das Aussehen derart auszulassen, das ist das Letzte.

  • Klaus Jarchow

    23.04.08 (09:49:08)

    Mich irritiert etwas anderes: Weniger das Persönliche und 'Stylische', auch nicht die pharmazeutischen Vorlieben, sondern das Medienpolitische, das sich in diesem Fall an einer Person festmachen muss, weil die als Chef nun mal alle Verantwortung trägt. Diese Verantwortung gibt's zur Chefrolle gratis hinzu. Auf lange Haare oder kurze Haare kommt es hingegen nicht an, es geht um den Kopf darunter. Zur Sache: Telepolis ist nicht irgendein Portal im deutschen Internet, es ist eine 'Institution', selbst wenn mir technisch manches inzwischen aus Jim Knopfs Pionierzeiten herzustammen scheint. Wer auch immer 'Old Media' und 'New Media' in interessierter Absicht vergleichen möchte, bspw. weil er die geschundenen Seelen der Zellulosefraktion erfreuen will, der begibt sich mit seinen explosiven Gedanken in den Online-Tempel von 'Telepolis' wie mit brennender Fackel in eine Pulverkammer. Das stinkt wiederum mir, der ich ja im Netz schreibe und dadurch dem üblichen 'Mitgefangen, Mitgehangen' unterliege. Man kann in meinen Augen das nervtötende Offline-Verleger-Gehupe vom 'modernen Qualitätsjournalismus' nicht mit einem 'alternativen Quantitätsjournalismus' kontern, der sich um Redaktion und Korrektur so selten wie möglich kümmert. Telepolis trägt Verantwortung, sie sind nicht irgendwer ...

  • arbiter

    23.04.08 (11:24:42)

    Als Telepolis-Nichtuser habe ich in der Diskussion hier eigentlich nichts zu suchen. Wenn aber gleich zwei Beiträge dem Radiergummi anheim fallen, lockt Neugier. Nicht auf die Reihe bekomme ich, wo es in dem sehr polemischen Jarchow-Feature um "Aussehen" geht. Freilich läßt sich am besten über Polemik polemisieren. Zu beunruhigen ist ihre Aufgabe. Zu verletzen ist ihr verboten. Durch die gesellschaftspolitische Diskussion geistert das Zerrbild vom "verantwortlichen Staatsbürger", und durch eine journalistische Kaste der Anspruch, solche Verantwortung dem Bürger abnehmen zu müssen. Franz Rötzer "Verantwortung" ins Stammbuch zu schreiben ist ungefähr so sinnvoll, wie -um im Bild zu bleiben- den Alfa Romeo-Chauffeur für alle bundesweiten Verkehrsunfälle in Haft zu nehmen. Sich davon dann auch noch persönlich mitverhaftet zu fühlen, zielt in die Richtung eines elitären Betroffenheitsjournalismus, der zur Glaubwürdigkeitskrise des Metiers nicht unwesentlich beiträgt. Frust ist legitim. Letztlich aber ist jeder seines Frustes Schmied. Dafür Alpha Romeo die Schuld in die Schuhe zu schieben, erinnert an Alf: immer den Blick auf die Katze!

  • Peter Sennhauser

    23.04.08 (11:53:02)

    @Arbiter: der Kommentar von "Contra-Bernd" bezieht sich auf den zwischenzeitlich gelöschten Kommentar und nicht auf Klaus' Beitrag.

  • Der Wobbler

    24.04.08 (08:34:46)

    Nun, es ist nicht jedem gegeben, bei diesem Thema so sachlich zu blieben wie Klaus. Bitte um Entschuldigung, wenn ich die Grenzen des hie Üblichen übertreten hatte - bin die "Netiquette" (kann man zugegeben eigentlich nicht so nennen) bei Heise gewohnt, an der der Besprochene durchaus mit schuldig ist. Rötzer ist m.E. - selbst von Klaus - völlig überschätzt. Lebt von der Kreativität seiner teils wirklich guten Autoren, während seine eigenen Texte leider da schon lange nicht mehr rankommen, weil er da auf Quantität und Rant statt Qualität und Köpfchen setzt. Und so recht er mit der Ablehnung der Regierung Bush auch hat, das kann man einfach nicht 10x die Woche schreiben, das hat dann keinen Nährwert mehr. Zumal es auch irgendwo feige ist, denn da kann einem als Schreiber (oder Zeichner!) nichts passieren, während ein falscher Satz über Schröder oder Koch oder eine Karikatur, und man hat ein Problem. Und richtig schreiben können, das ist für jemand, der genau dafür bezahlt wird, m.E. eine Grundvorraussetzung. Wie soll Rötzer denn als Chef seine Mitarbeiter korrigieren, wenn er es selbst nicht kann? Ich käme ja auch nicht auf die Idee, als Journalist anzuheuern, ich mache zuviele Fehler. Oder ist das 68er-Denke? "Jeder schreibt, wie er Bock hat!"?? Damit will ich's dann aber bewenden lassen, denn sonst bekommt Klaus noch Ärger, weil er diese ach so edle Ikone des deutschen Online-Journalisms gegruschelt hat. Ich gehe mit seiner Einstellung Journalisten gegenüber nicht immer konform, es gibt auch gute, aber bei den Alfa-Tierchen (auch wenn sie wie beim Alfa Romeo Rostlauben mit Zuverlässigkeitsproblemen sind - bevor ich jetzt wieder gelöscht werde: ich spreche von dem italienischen "Auto"!) sind schon so manche "Individuen" dabei.

  • Leeonardo Kopp

    22.05.08 (13:29:08)

    Erinntert mich an meine "Telepolis-ist-meine-Informationsgrundlage" Zeit. Damals hatte sich im - sagen wir bewegten - Forum halbwegs der Begriff: "gerötzert" bzw. "hingerötzert" etabliert. Aber unterhaltsam ist er allemal.

  • StefanSpiess

    05.06.08 (02:35:09)

    Jetzt hatte ich ja schon lange nicht mehr so gelacht. Dass ich aber auch noch über eine solch wunderbare Realsatire lachen durfte - Danke. :D Der Begriff "hingerötzert" rundet schliesslich den Lesegenuss ab. ;)

  • Guido Alexander Waldenmeier

    29.03.09 (19:45:55)

    Alle von Euch Online Jornalisten waren vor Jahren Besser Ihr produziert nur noch Mainstream Web 2 Daily bla bla für die Mobilfunk Generation. Die auf schnelle Sensations Meldungen aus ist. Ich verfolge das seit Jahren auf Heise Telepolis Schade !

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