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13.08.10

Flattr: Alles ist möglich

Der soziale Micropaymentdienst Flattr hat einen optimalen Start hingelegt. Eine Bilanz und ein Ausblick.

 

Seit ungefähr einem halben Jahr befindet sich der soziale Micropaymentdienst Flattr nun im Netz. Anfang Februar stellten wir das Startup aus dem südschwedischen Malmö zum ersten Mal vor. Damals hatte Flattr gerade die geschlossene Beta-Phase für Freunde und Bekannte des Gründer-Duos Peter Sunde und Linus Olsson gestartet. Ende April wurden erste Invites an interessierte User verschickt, Flattr zu testen.

Seit Mittwochabend steht der Service wie berichtet allen Nutzern zur Verfügung, eine Einladung ist nicht mehr notwendig. Zurückblickend auf die vergangenen sechs Monate lässt sich konstatieren, dass Flattr bisher alles richtig gemacht und in kurzer Zeit etwas potenziell Revolutionäres aufgebaut hat.

Ende Juli bezifferte Peter Sunde im Interview mit netzpolitik.org die Anzahl der Mitglieder auf 25.000 - und das trotz Invite-Only-Status. Besonders erfolgreich lief es bisher laut Sunde in Deutschland, wo neben den etablierten journalistischen Marken taz.de und freitag.de mittlerweile kaum noch ein Blog zu finden ist, das nicht den grünen Flattr-Button eingebunden hat. Auch was die mit dem Dienst generierten Umsätze betrifft, scheinen positive Erfahrungen und Überraschungen zu überwiegen.

Warum gerade Deutschland zum erfolgreichsten Flattr-Land aufgestiegen ist, dazu hatte Sunde im Interview mit netzpolitk.org keine klare Antwort - bevorzugt behandelt hätte man kein Land. Eventuell sei es auf das Interesse der Deutschen an neuen Technologien zurückzuführen, mutmaßte er - aber das würde ich doch sehr bestimmt ausschließen wollen!

In den letzten Wochen kam es jedoch auch verstärkt zu Erwähnungen in den für eine globale Verbreitung wichtigen englischsprachigen Tech-Blogs wie TechCrunch, TechDirt (das Flattr auch eingebunden hat) sowie ReadWriteWeb . Anders als im deutschsprachigen Raum scheinen Blogs in den USA zwar nicht sofort im großen Stil auf den Flattr-Zug aufzuspringen, aber sofern der Dienst sein bisheriges Innovationstempo beibehält, sind weitere Artikel und damit Aufmerksamkeit auch auf der andere Seite des Atlantiks garantiert. Die Kooperation mit WikiLeaks dürfte dabei auch nicht schaden.

Mit der Öffnung für alle hat Flattr auch eine Facebook- und Twitter-Integration sowie eine Facebook-App gelauncht, um das Empfehlen von mit einem Flattr-Klick belohnten Inhalten im Social Web zu erleichtern. Auch an der Finalisierung der API für externe Partner arbeitet Flattr, momentan wird diese von einer handvoll Sites getestet.

In meinen Augen hätte sich Flattr bisher kaum besser entwickeln können. Anfangs war ich skeptisch, für einen Dienst, der primär davon lebt, dass Nutzer ihm Geld geben (welches er dann verteilt), auf das Konzept der geschlossenen Beta-Phase zu setzen. Zwar weiß man nicht, wie Flattr sich entwickelt hätte, wäre der Service von Anfang an für alle verfügbar gewesen, aber es liegt auf der Hand, dass die Taktik dem Startup nicht geschadet hat.

Zumal, wie Peter Sunde gerne betont, einfach eine große Sorgfalt und Vorsicht geboten ist angesichts der Tatsache, dass Flattr das Geld seiner Nutzer verwaltet. Insofern sah das Flattr-Team wohl ohnehin keine Alternative zum kontrollierten Zulauf unter Einsatz eines Invite-Mechanismus.

Bedenken sollte man auch, dass sich Flattr in einem Umfeld etablieren konnte, dass wie die deutsche Blogosphäre zwar einerseits sehr heterogen ist, andererseits aber von einer kritischen Grundhaltung geprägt wird und sehr sensibel auf bestimmte Fehltritte reagiert. Hier die Sympathien der Mehrzahl der Teilnehmer zu gewinnen, ist eine Leistung für sich.

Bestätigt fühle ich mich in meiner Präferenz für Flattr gegenüber dem Konkurrenten Kachingle. Von der von Peter Sunde mitbegründeten Torrent-Suchmaschine (früher auch Torrent-Tracker) The Pirate Bay kann man zwar halten, was man will. Von dieser "Vergangenheit" profitiert Sunde jedoch durch ein großes Netzwerk, globale Kontakte und die grundsätzliche Zuneigung bestimmter Anwendergruppen. Gerade in den schwierigen Anfangstagen, in denen es darum geht, schnell eine kritische Masse an Nutzern zu erreichen, ist dies ein entscheidender Vorteil.

Für Flattr geht es nun um zwei Dinge: Einerseits muss das Unternehmen dafür sorgen, auch solche Nutzer zur Zahlung eines monatlichen Obolus zu überreden, die selbst kein Site im Netz betreiben und mit Flattr nicht ihr Einkommen aufbessern wollen. Ohne dass mittelfristig die Mehrzahl der Flattr-Anwender gibt, statt zu nehmen, wird das Modell des Dienstes kaum bestehen können.

Außerdem stellt sich die Frage, wie die zukünftige strategische und funktionelle Entwicklung von Flattr aussehen könnte und wie sich die spannende Idee der freiwilligen Zahlungen weiter ausbauen lässt. Wer ein bisschen Fantasie hat, dem fallen sicher schnell Anwendungsszenarien abseits des Flatterns von Websites ein. Leander Wattig beispielsweise sinniert in einem Blogbeitrag über die Möglichkeit, auch Orte flattern zu können, um so auf Spenden angewiesene Einrichtungen und Objekte (z.B. Denkmäler, Museen) zu unterstützen.

Schon heute ist die Suche nach dem Flattr-Button und der Klick darauf für mich eine Art Reflex, sobald ich irgendwo im Netz einen tollen Artikel lese, für den ich mich bedanken möchte. Je mehr das Flattern bei Usern zu einem selbstverständlichen Verhaltensmuster wird, desto sinnvoller kann es sein, ihnen diese Aktion auch außerhalb des Internets zu ermöglichen.

Eine Herausforderung für Flattr wird es sein, mit zunehmendem Wachstum Fettnäpfchen zu vermeiden und die meinungs- sowie lautstarke Kernnutzerschaft nicht vor den Kopf zu stoßen. Trotz aller guten Intentionen und dem glaubhaften Ziel des Dienstes, den Long Tail und damit die Vielseitigkeit von Meinungen und Inhalten im Netz zu unterstützen, ist Flattr ein gewinnorientiertes Unternehmen (derzeit behält es 10 Prozent der Umsätze ein) mit Investoren. Und spätestens seit Google wissen wir, dass auch eine noch so gut gemeinte Unternehmensphilosophie nicht davor schützt, Kompromisse eingehen zu müssen und sich Kratzer am Firmenimage einzuhandeln.

Es ist daher aus Nutzersicht klug, dies im Hinterkopf zu behalten. Dadurch verhindert man, die eigenen Erwartungen an Flattr auf ein für den Dienst unerreichbares Niveau zu heben. Das würde früher oder später zwangsläufig zu einer Enttäuschung führen.

In jedem Fall freue ich mich über den gelungenen Start von Flattr, an dem ein Großteil der deutschen Blogosphäre Anteil hat. Gelingt Flattr der internationale Durchbruch, wäre dies nach formspring.me bereits der zweite nicht-deutsche Service innerhalb von neun Monaten, der nach einem Erfolg im deutschsprachigen Raum zu einem globalen Phänomen wird. Irgendwie scheint uns das leichter zu fallen, als hiesige Anbieter den notwendigen Schub für eine globale Laufbahn zu geben.

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