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09.10.08

Finanzkrise: Was die Krise für die Startup-Finanzierung bedeutet

Börsen im Sinkflug, Ladehemmung im Kreditsystem, drohende weltweite Rezession: Inzwischen ist längst klar, dass auch die Internetbranche von der aktuellen Wirtschaftskrise nicht verschont bleiben wird. Aber was heisst das für die Zukunft des Sektors, insbesondere für Startups, die Kapital suchen? Wie sollte man sich als Jungunternehmer jetzt verhalten?

(Bild: Keystone)Veteranen des Dot-Com-Crashs haben in diesen Tagen ein Deja-Vu-Erlebnis nach dem anderen. Schon 2000/2001 fielen die Börsenkurse dramatisch, und schon damals gaben Politiker und Analysten tapfer Wird-schon-nicht-so-schlimm-Durchhalteparolen heraus. Viele glaubten nicht, dass die Probleme im Finanzmarkt auf die Realwirtschaft durchschlagen würden. Und schon damals dachten viele in der Internetbranche, dass es natürlich vielleicht die anderen (unseriösen!) Firmen verdientermassen treffen werde, aber natürlich niemals das eigene, hervorragend positionierte Unternehmen. Kapital für gute Unternehmen wird es immer geben, hörte man damals. Das alles stellte sich als falsch heraus, und die ähnlich gelagerten Hoffnungen werden auch diesmal wohl leider müssig sein.

Die Finanzkrise, die wir gerade erleben, ist um vieles schlimmer und fundamentaler als der Crash vor sieben Jahren, der auf einige Branchen konzentriert und darum relativ begrenzt war. Die Auswirkungen auf die Realwirtschaft werden schon jetzt klar: Nicht nur Banken sind in grossen Schwierigkeiten, auch Autohersteller und andere Industriefirmen fahren bereits ihre Produktion massiv zurück. Kein Wunder: Wenn sich kaum noch jemand Geld leihen kann, wird insbesondere die extrem auf Kredit gebaute amerikanische Wirtschaft leiden, und in der Folge auch der Rest der vernetzen globalen Wirtschaft.

Zu den Opfern dieser Entwicklung werden auch schon bald Startups gehören, insbesondere diejenigen, die jetzt nach Startkapital suchen. Zwar ist im Unterschied zum Dot-Com-Crash diesmal die Internetbranche nur indirekt betroffen, aber die Gefahr für kapitalsuchende Jungunternehmen kommt mit Macht aus zwei Richtungen.

Verschlechterte Geschäftsaussichten für alle, auch für Web-Startups

Die nächsten Jahre werden auch für Unternehmen im Internetsektor ziemlich hart werden. Und weil dadurch das gesamte Wachstum des Sektors sich deutlich verlangsamen wird, werden auch neue Unternehmen sich schwer damit tun, an Geld zu kommen. Wenn die Investoren mit weniger Wachstum rechnen, wird automatisch jeder optimistische Businessplan sehr viel kritischer betrachtet.

Es gibt kaum ein Businessmodell, das von der Wirtschaftskrise nicht betroffen ist: Wer an Unternehmenskunden verkauft, wird mit einem deutlich verschlechterten Investitionsklima leben müssen. Entscheidungsprozesse bei den Kunden werden länger dauern, und die Preissensitivität wird deutlich höher sein.

Wer sein Produkt an Konsumenten oder Freelancer verkauft, hat vielleicht in einigen Nischen noch eher Glück, schliesslich trifft eine Krise nicht alle gleich. Aber Wirtschaftskrisen schlagen den meisten Konsumenten aufs Gemüt, und da sehen möglicherweise plötzlich auch ein paar Euro im Monat für einen Webdienst nach einer eigentlich verzichtbaren Ausgabe aus.

Fast mit Sicherheit wird es am schlimmsten diejenigen Unternehmen treffen, die voll auf Werbeeinnahmen setzen. Die Vorhersagen für die Werbebranche werden laufend zurückgefahren. Zenith Optimedia beispielsweise sagt in einer neuen Prognose ein Wachstum des globalen Werbemarktes von noch 4.0% voraus. Vor einigen Monaten ging man noch von 6.6% aus. Im riesigen amerikanischen Markt soll das Wachstum gar nur noch 1.6% betragen, und nächstes Jahr soll das alles noch schlimmer werden. Auch die Onlinewerbung bleibt nicht verschont. Hier geht man noch von (immerhin satten) 16.9% Wachstum aus, was aber im Vergleich zu den guten Zeiten in den letzten Jahren mit jeweils fast 25% Wachstum nicht mehr berühmt ist. Und man kann darauf wetten, dass diese Vorhersagen noch weiter zurückgehen werden. Wie immer sind solche Prognosen eher lautes Pfeifen im gruseligen Wald als eine schonungslos realistische Schätzung. Konkret: Im zweiten Quartal 2008 gingen die Online-Werbeumsätze bereits erstmals seit vier Jahren im Vergleich zum vorhergehenden Quartal leicht zurück, und der Rest des Jahres wird sicher nicht besser.

Klar, viele Werbekunden werden weiterhin den Online-Kanal in ihren Marketingbudgets stärker gewichten. Aber Businesspläne, die auf ein 30-prozentiges Wachstum pro Jahr in der Internetwerbung setzen, werden plötzlich nicht mehr aufgehen. Und das sind, bewusst oder unbewusst, die meisten Businesspläne im Consumer Web.

VCs in Schwierigkeiten?

Auch auf der Seite der Geldgeber wird es langsam eng. Die Venture Capitalists trauern schon lange den goldenen Zeiten in den späten neunziger Jahren nach, aber was jetzt bevorsteht, wird nochmals deutlich unerfreulicher werden. Und wenn VCs leiden, ist das automatisch auch für die Startups schlecht. Es wird immer schwieriger werden, überhaupt an ein VC-Investment zu kommen, und die Konditionen werden in den nächsten Jahren deutlich schlechter sein.

Schon jetzt machen die meisten VC-Firmen faktisch nur noch Folgeinvestitionen in ihre bestehenden Portfoliounternehmen. Das sagt zwar keiner offen, denn man will ja nicht einen attraktiven Deal verlieren, falls der doch mal noch auftauchen sollte. Aber wenn man mit Leuten im Silicon Valley oder anderen VC-Zentren spricht, sagen einem alle das gleiche: Der Markt für frisches VC-Geld ist praktisch geschlossen.

Dafür gibt es drei Gründe:

Erstens haben die VCs einen hohen Anreiz, primär ihre bestehenden Investments zu schützen. In harten Zeiten brauchen diese schon bestehenden Unternehmen länger fremdes Geld, und darum bereiten sich die VCs darauf vor, ihre Portfoliounternehmen länger als erwartet durchfüttern zu müssen.

Zweitens ist der Exit-Markt praktisch komplett zusammengebrochen. VCs wollen ihre Startups nach ein paar Jahren wieder loswerden, entweder per Börsengang oder über einen Verkauf an ein anderes Unternehmen. Beides ist im Moment aber extrem schwierig geworden. In den letzten sechs Monaten gab es an den amerikanischen Börsen gerade einen einzigen Börsengang eines VC-finanzierten Unternehmens (das Hostingunternehmen Rackspace), und der war ein grosser Flop. Für den Rest des Jahres und realistischerweise wohl für die nächsten 18 Monate rechnet kaum jemand mit einer Erholung. Das ist das schlechteste IPO-Klima der letzten dreissig Jahre. Und bei den Akquisitionen sieht es nicht besser aus: Auch grosse Firmen müssen sparen, und der Zugang zu geliehenem Kapital für Firmenkäufe ist schwieriger denn je. Ohne Aussichten auf attraktive Exits wollen VCs aber nicht investieren.

Drittens: VC-Firmen kriegen das Kapital, das sie investieren, vorwiegend von Pensionskassen, Stiftungen, Hedgefunds und reichen Individuen. All diese Gruppen sind durch die Finanzmarktprobleme stark unter Druck, in einzelnen Fällen bis hin zur Zahlungsunfähigkeit. Nun muss man wissen, dass diese Investoren einem VC-Fund die Gelder nicht auf Vorrat überweisen. Wenn ein VC-Fund z.B. 300 Mio. Dollar schwer ist, bezieht sich das nur auf die Zusage dieser Geldgeber, dass sie bei Bedarf dieses Kapital einschiessen werden. Wirklich angefordert wird das Geld erst, wenn es gebraucht wird. Wenn diese Investoren jetzt aber plötzlich in Liquiditätsengpässe geraten, kann es sein, dass die VC-Firma nicht mehr an ihr Geld kommt und damit auch keine Investments machen kann. Dieser Extremfall ist zwar bisher selten, und die VC-Branche bestreitet auch heftig, dass das jemals vorkommt. Aber andere Quellen berichten bereits von solchen Zahlungsverzügen, die durchaus noch weiter zunehmen könnten.

Alles sieht danach aus, als ob die VC-Branche dieses Jahr erstmals seit 2003 deutlich schrumpfen wird. Und das ist für Startups eine schlechte Nachricht.

Was tun, wenn man Geld braucht?

Praktisch jeder Experte sagt inzwischen voraus, dass das Finanzierungsklima für Startups in den nächsten 2-3 Jahren massiv härter sein wird -- aus den oben genannten Gründen. Was soll man da als Jungunternehmer mit Finanzierungsbedürfnissen machen?

1. Andere Finanzquellen suchen

Wer nicht gerade etliche Millionen an Startkapital braucht, sollte primär auf Business Angels, also vermögende Privatinvestoren setzen. Die werden von den Börsenstürzen zwar auch finanziell gebeutelt, aber haben meistens einen längeren Atem als VCs. Zudem gibt es einige recht verschwiegene Private-Equity-Fonds, die auch gelegentlich Startupfinanzierung machen. Nur: Wunder sollte man im Moment keine erwarten. Auch Angels sind viel vorsichtiger geworden und werden deutlich attraktivere Konditionen (d.h. z.B. niedrigere Firmenbewertungen) erwarten als noch vor der Krise.

Bei einer Bank braucht man im Moment wohl gar nicht erst anzuklopfen, die haben andere Probleme. Aber es gibt andere Institutionen, staatlich und privat, die Mittel für Startups beisteuern können. Hier muss man als Jungunternehmer seine Hausaufgaben machen und herausfinden, welche Quellen in der jeweiligen Region zur Verfügung stehen. Startup-Portale wie foerderland.de oder venturelab.ch sind da oft ein guter Einstiegspunkt.

2. Auf attraktive Segmente setzen, möglichst bald Umsatz machen

Businesspläne nach dem Motto "Das Businessmodell überlegen wir uns dann später" sind definitiv out. Mal auf Verdacht eine grosse Plattform zu bauen, ohne genau zu wissen, wo die Umsätze herkommen sollen, kann man vorerst vergessen. Anders gesagt: Twitter-Klone und dergleichen werden wir nicht mehr viele sehen.

In Krisenzeiten sollte ein Startup eine klare Vorstellung davon haben, wie man in 6 bis spätestens 12 Monaten nach der Gründung zu Umsatz kommen kann. Profitabilität in dieser Zeit zu erreichen, ist je nach Thema zwar deutlich schwieriger, aber ein grosser Teil der Kosten sollte durch Umsatz zu decken sein, sonst hat man ein echtes Problem.

Die Umsatzquellen muss man knallhart realistisch kalkulieren, die übliche rosarote Brille bei der Umsatzplanung gehört in Krisenzeiten endgültig verbannt. Faustregel: Während Wirtschaftskrisen dauert es mindestens doppelt so lang, bis man zu halb so viel Umsatz kommt, wie man mal ursprünglich dachte. Wie oben erwähnt sollte man nicht auf wundersames Wachstum von Werbeumsätzen oder Affiliate-Kommissionen setzen. Am besten ist es, ein wertschaffendes Produkt direkt an ein Kundensegment zu verkaufen, das von der Krise nicht zu sehr betroffen ist. Ein Zielmarkt, der dabei oft vergessen geht: Staatliche Organisationen. Der Staat ist nicht so unmittelbar von Konjunkturschwankungen betroffen und ist darum in Rezessionen oft ein attraktiver und zahlungskräftiger Kunde.

3. Sparsam mit dem Kapital umgehen

Die wichtigste Empfehlung ist so einfach wie uncharmant: Sparen.

Niemand weiss, wie lange diese Krise anhalten wird. Niemand weiss, ob die Bedingungen für Startupfinanzierung schon in ein paar Monaten wieder gut sein werden, oder ob wir eine jahrelange Durststrecke vor uns haben. Wie immer gilt "Hope for the best, but plan for the worst".

Wer also schon Startkapital hat, sollte das so lange wie möglich strecken. Wer noch keins hat, muss irgendwie versuchen, mit minimalsten Mitteln sein Business aufzubauen. Essentiell bei Sparübungen ist es, sehr früh damit anzufangen und nicht erst, wenn es eigentlich fast schon zu spät ist.

Konkret muss man sich fragen: Was ist der minimale Personalbestand, mit dem wir sinnvoll überleben können? Schmerzhafte Einschnitte macht man lieber früher als später. Ausserdem: Brauchen wir wirklich das schicke und teure Büro in diesem repräsentativen Technologiepark, oder kann man vielleicht auch für einige Zeit auch von irgendwo aus arbeiten, wo die Miete deutlich billiger ist? Brauchen wir wirklich diese neuen PCs mit den 24-Zoll-Monitoren? Müssen wir uns wirklich eigene Server kaufen, oder könnten wir nicht Kapazität billiger mieten, z.B. bei Amazon AWS? Wie gewinnt man am effizientesten neue Kunden? Tipp: Nicht mit Sponsoring irgendwelcher Web-Konferenzen oder anderen teuren Marketingaktionen, sondern mit direktem Verkaufen.

In guten Zeiten sind Investoren meistens beeindruckt von Firmen, die schnell und aggressiv wachsen und dafür mit Geld um sich werfen wie ein betrunkener Matrose. In Krisenzeiten ändert sich das schlagartig: Da begeistern sich plötzlich alle für Unternehmen, die mit geringen Mitteln viel erreichen. Daher kann es gut sein, dass man gerade durch Sparsamkeit Investoren überzeugen kann.

Always look on the bright side...

Wirtschaftskrisen sind nicht einfach nur unangenehm, sondern können gerade für Startups existenzbedrohend sein (und übrigens selbst für Grossbanken, die man mal für unerschütterlich hielt...). Aber andererseits sind solche Krisen gerade für Startups auch eine gute Chance. Nie kriegt man gute Mitarbeiter für bessere Konditionen, Mietverträge für billigeres Geld und Dienstleistungen zu niedrigeren Preisen.

Vor allem aber: Viele grosse Konkurrenten sind jetzt damit beschäftigt, sich gesundzuschrumpfen und einfach nur zu überleben. Ein bewegliches Startup hat da gute Chancen, sich dank Flexibilität und Einfallsreichtum im Markt zu etablieren. Viele erfolgreiche Firmen sind in schwierigen Zeiten gegründet worden und konnten sich dank ihrer krisengestählten Robustheit im nächsten Aufschwung gegen alle Konkurrenten durchsetzen. Wer als Startup eine solche Krise übersteht, gehört so oder so zu den Gewinnern.

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