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16.01.08Leser-Kommentare

Filmverleih auf iTunes: Wiederholt sich die Geschichte?

Die wohl erstaunlichste Ankündigung an Steve Jobs' gestriger Keynote war nicht das neue MacBook Air und auch nicht die neuen iPhone-Featues. Nein, wirklich überraschend war die Bekanntgabe, dass Apple ab sofort auf iTunes Filme verleihen wird, und zwar die Produkte aller grossen amerikanischen Filmstudios. In so einer Breite hatte das kaum jemand erwartet. Und schon seit heute sind für amerikanische Kunden eine Handvoll von Filmen per Miete zu beziehen.

 

Erstaunlich ist das darum, weil die Filmbranche ja eigentlich vorhatte, nicht die Fehler der Plattenfirmen zu wiederholen. Die hatten sich vor Jahren nämlich von Steve Jobs überreden lassen, ihre Titel bei iTunes zu verkaufen, und zwar für 99 Cents pro Stück. Damals schien das nicht als Bedrohung, weil Online-Downloads kein sehr relevantes Marktsegment waren. Inzwischen sieht das aber deutlich anders aus. Die Plattenfirmen ärgern sich zu Tode, dass sie Apple damit faktisch die Kronjuwelen der digitalen Welt (nämlich die Kontrolle der populärsten Distributionsplattform) ausgehändigt haben. Und mit Preiserhöungen ist auch nix mehr, weil Apple auf dem einfachen Standardpreis beharrt.

Und jetzt bieten trotzdem alle grossen Hollywood-Studios ihre Filme bei Apple an und geben damit ebenfalls einen grossen Teil der Kontrolle aus der Hand. Wie passt das nur zusammen? Nun, es ist wohl vor allem eine Illustration für Apples Marktmacht bei den digitalen Medien. Alle Konkurrenten -- Microsoft, Amazon, Cinema Now, Netflix, Vongo und wie sie alle heissen -- haben es nicht geschafft, die Kunden für Online-Filmdownloads zu begeistern. In den meisten Fällen war die (meist auf Windows-Rechner beschränkte) Technologie zu umständlich, die Preise waren zu hoch oder das Filmangebot zu klein. Apple hat offensichtlich vor, das gründlich zu ändern. Und die Studios wissen angesichts rückläufiger DVD-Verkäufe, dass sie im Online-Bereich unbedingt wachsen müssen. Da schien wohl ein Deal mit Steve Jobs plötzlich gar nicht mehr so negativ auszusehen.

Damit tritt Apple nun in Konkurrenz zu einer ganzen Reihe neuer Widersacher. Klassische Videotheken fürchten natürlich die neue Online-Konkurrenz durchaus zu Recht. Darum sind gestern auch die Aktien der Videothekenkette Blockbuster massiv abgeschmiert. Auch wenig Freude haben die Kabelfernsehanbieter, denn die meisten bieten mit ihren digitalen Settop-Boxen auch On-Demand-Filme an. Die kosten aber in den meisten Fällen etwas mehr als das Apple-Angebot, werden schlecht vermarktet, und typischerweise ist die Auswahl viel kleiner sowie das Userinterface grauenvoll.

Dass Apple mit den Leihfilmen auch dem bisher wenig erfolgreichen Apple TV neues Leben einhauchen will, wird eine andere Gruppe von Firmen stören: Richtig eng wird es für das Startup Vudu, das auf seiner proprietären Settopbox Mietfilme anbietet. Apple klaut mit der neuen Positionierung von Apple TV praktisch 1:1 das Konzept von Vudu, aber zu einem niedrigeren Preis. Auch DVR-Marktführer TiVo, der in Zusammenarbeit mit Amazon ähnliche Ambitionen hatte, steht nun zumindest in dieser Hinsicht mit dem Rücken an der Wand.

Apple spielt gezielt eine Kombination von Stärken aus, die so kein Konkurrent bieten kann: Dominanz bei den tragbaren Medienplayern, ein etablierter Cross-Plattform-Onlineshop für Medienprodukte, unerreichte Userinterface-Kompetenz sowie eine extrem populäre Marke mit grosser Fanbasis. Das neue Mietfilm-Angebot ist keinesfalls originell, aber wie so oft bietet Apple ein besseres Produkt als der Rest der Branche, weil man aus den Fehlern der Konkurrenz (und auch aus eigenen) gründlich gelernt hat. Dass das ganze eine ziemlich geschlossene, proprietäre und mit drakonischen DRM-Massnahmen geschützte Veranstaltung ist, muss man als Kunde aber in Kauf nehmen. Aber das ist erstens bei der Konkurrenz nicht besser und tut zweitens bei preiswertem Mieten weniger weh als bei teuren Kauf-Downloads.

Die Frage ist nur, ob die Hollywood-Studios damit endgültig ihre Ambitionen aufgeben, auf der digitalen Schiene selbst den Endkunden zu erreichen. Alle derzeit relevanten Vertriebskanäle für digitale Filme sind nicht im Besitz von Medienfirmen, sondern von Technologieunternehmen. Das ist für die Studios zwar nicht unbedingt schlechter als die Realitäten der physischen Welt, wo auch Einzelhandelsketten, Videoverleihe und Kinobetreiber den Vertrieb kontrollieren. Aber Hollywood hat eindeutig die Chance verpasst, seinen Einfluss in der digitalen Welt zu steigern.

Kommentare

  • Matthias

    18.01.08 (19:58:21)

    Spannendes Thema - dass die Filmindustrie nun den gleichen Weg wie die Musikindustrie geht, obwohl diese mit der Entwicklung der Marktdominanz Apples ja nicht gerade glücklich ist, ist wirklich sehr erstaunlich. Wenn dir ein Interview mit einem der Filmbosse irgendwo zwischen die Finger kommt (ähnlich wie das was du kürzlich mit dem Musikchef gepostet hattest) - lass uns bitte daran teilhaben. Letzlich kann man über die Denke dieser Leute nur spekulieren. Wenn wir mal den Grund "diese Leute denken nur von 12 Uhr bis Mittag" außen vor lassen, könnte die Argumentation vielleicht so lauten: Pro-Argument: Apple hat es bei Musik letztlich hinbekommen, einen weltweiten Markt für Musikdownloads überhaupt erst zu erschliessen. Da dieser Markt bei Filmen noch nicht wirklich existiert, und es offensichtlich kein Player alleine oder alle zusammen koordiniert irgendwie hinbekommen, also kein schlechter Schachzug, um die Tür für das Milliarden-Geschäft "legale Filmdownloads" endlich aufzustoßen. Im Fahrwasser dieser Entwicklung die Apple vorantreiben wird, können sich auch weitere Dienste positionieren. Contra-Argument ist klar: Apple hat den Musikmarkt für Downloads nicht nur geschaffen, sondern dominiert ihn gleich so, dass es den Interessen der Inhalteproduzenten entgegenläuft. Aaaaaber: Apple hat das ja mit einer Kombination aus genialem Marketing bzw. Markenimage und etwas Glück, aber vorallem auch mit einem genialen Gadget gemacht, der iPod ist ja eine Lifestyle/Design-Ikone. Sehr sehr respektable Leistung, andererseits schüttelt man sowas auch bei Apple nicht quartalsweise aus dem Ärmel. Und das könnte die Schwachstelle sein: ist den so eine Settop-Box vergleichbar mit einem MP3-Player? Ich meine das Ding steht neben dem Fernseher, ob es nun ein bisschen hübscher oder weniger hübsch aussieht - im Eiskaffe mit den weissen iPod-Ohrsteckern zu sitzen und lässig mit dem Daumen über dieses iPod-Rad zu fahren hat auf jeden Fall mehr Marketing-Lifestyle-Kult-Power als ein Kästchen neben dem Fernseher. Also in so einem Markt müssten doch me-too-Produkte mittelfristig eine wesentlich bessere Chance haben, signifikante Marktanteile zu gewinnen. Und damit könnte die Marktdominanz im Filmbereich deutlich schwächer Ausfallen als bei Musik, und mehr Chancen für andere Marktteilnehmer bieten und damit den Interessen der Filmindustrie letzlich mehr nützen als schaden. Aber klar ist natürlich, Apple war Plan B, letztlich hätte die Filmindustrie alles versuchen müssen, um hier die Wertschöpfungskette vertikal zu integrieren (meine Güte, was für eine Chance!!!). Und richtige Anstrengungen konnte ich keine erkennen. Also ein Armutszeugnis ist das auf jeden Fall.

  • mds

    20.01.08 (15:52:49)

    Die Geschichte wiederholt sich nicht, das zeigen die Verbindungen für den iTunes-Videodownload. Es gilt weiterhin: Wenn man bei «The Pirate Bay» Filme zu besseren Konditionen beziehen kann als über ein «legales» Angebot, läuft etwas schief …

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