<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

07.06.08Leser-Kommentare

"Feuchtgebiete": Roche im Rausch

Der Blick von außen: Die New York Times berichtet über Charlotte Roches "Feuchtgebiete". Angela Merkel, Heidi Klum und Lady Bitch Ray sind auch dabei ...

Charlotte Roche auf der \&quot;Berlinale\&quot; 2007: In der Amazon-Bestsellerliste. Weltweit.  (Bild Keystone/Markus Schreiber)Deutschland ist gespalten: Einerseits gucken Millionen Heidi Klums (spindeldürr und formstabil) absolut keimfreie Topmodel-Seifenoper und feiern die perfekte Enthaarung, den makellosen Teint und die totale Kontrolle über den Körper. Andererseits ist Charlotte Roche (keine Angst vor Sekreten) mit ihrem Buch "Feuchtgebieten" umfassend erfolgreich: Nationale Debatte angezettelt. Bald 700.000 Bücher verkauft. Auf der weltweiten Bestsellerliste von Amazon gelandet (als einziges deutschsprachiges Buch). Lesetour bis in die bayerische Provinz (Eintritt erst ab 18 Jahre). Englische Übersetzung besiegelt (erscheint nächstes Jahr als "Wetlands").

Die New York Times berichtet nun über die Debatte – mit einem umfassenden Artikel. Charlotte Roche, Eva Herman, Lady Bitch Ray, Heidi Klum, Alice Schwarzer, Ingrid Kolb und Angela Merkel, alle, alle kommen vor im grundsätzlichen Abriss über Frontverläufe, Koalitionen und Emanzipationsrückstände im alten Europa. Was für eine Debatte:

The subject has struck a nerve here, catching a wave of popular interest in renewing the debate over women?s roles and image in society.

With its female chancellor, Angela Merkel, and progressive reputation, Germany would hardly seem to be thirsting for such a discussion. Yet, Germany has an old-fashioned tendency to expect women to choose between careers and motherhood rather than trying to accommodate both.

New York Times: "Germany Abuzz at Racy Novel of Sex and Hygiene".

Der recht unentschlossene Artikel führt zur kulturellen Bewertung Alice Schwarzer ins Feld, die mal wieder sagen darf, was sie eben so sagt: Feminismus und Porno, das habe schon der Playboy probiert. In den 70er Jahren. Junge Menschen hingegen, eine 28-jährige Psychologin und Besucher von Roches Lesetour, zeigen sich begeistert über die gebrochenen Tabus. Ach.

Das trockene Fazit des Artikels: Ein lokaler Veranstalter freut sich. Roche in der Kleinstadt. Ü-18-Veranstaltung. Ü-25-Euro Eintritt pro Person.

Was für eine Erkenntnis! Das Feuilleton hier strampelt sich einen ab und bei der NY Times bleibt hängen: Sex sells.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • arbiter

    07.06.08 (19:09:49)

    Irgendwas macht man(n) als Mann anscheinend immer falsch! Lebt man(n) in Deutschland und findet man(n) die von der NYT zitierten Damen insgesamt very uncool, hält man(n) den Hype um feuchte Biotope für ein Phänomen jährlicher Krötenwanderung. Ein merkwürdiges Land: erst Kehlmann, dan Kerkeling, jetzt Roche, alles Bestseller und irgendwie steigerungsfähig. Sexuelle Neugier, vielleicht doch nur Voyeurismus? In der Tat, Sex sells. Aber eigentlich ist Liebe die bessere Sache. Nur sagt den Damen das niemand. Dafür erst 18 werden und 25 Euro Eintritt zahlen? Man(n) hat gelernt, sich zu beherrschen! Warum Feuilleton hierzulande sich darüber so abstrampelt, ist so wenig nachvollziehbar, weil eigentlich Roche samt Werk nichts für dasselbe hergibt, es sei denn den Gedanken der Rache für allerhand nach hier gelangte US-Seller. Ob Amerika mit Charlotte Roche glücklicher wird?

  • Wolf-Dieter Roth

    08.06.08 (06:56:26)

    Amerika schätzt ja auch "German Scheiße Movies", um South Park zu zitieren. Da haben wir wohl unseren Ruf ohnehin weg. Und da viele Amerikaner noch oberflächlicher Hypes nachlaufen als die Deutschen schon, könnte sich das Roche-Buch - zumal ja nicht von einer Deutschen, sondern einer Engländerin - durchaus gut verkaufen. Man kann es mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen. Einerseits muß man in D wohl ein Fernsehmensch sein, um Bücher in nennenswerten Mengen zu verkaufen, ob nun Fritz Pleitens Gänge nach Canossa Kurdistan, die Roche, der Kerkerling, die Herman. Alles "as seen on TV", wie der Ami sagen würde. Wobei diese Fernsehtypen dann ja noch auf unsereins neidisch sind - mein Buch über Datenübertragung im Amateurfunk wurde ja von Fritz Pleitgen bis aufs Messer bekämpft, als ob irgendwer, der das kauft, deshalb einen Pleitgen-Schmöker mehr oder weniger kaufen würde... Und andererseits ist es eine Ausnahme von der Regel,d aß in D eigentlich nur amerikanische Bücher gekauft werden. Weil die Verleger viel besser damit fahren, in den USA oder dem restlichen englischen Sprachraum bereits gut gelaufene Bücher billig ins Deutsche zu übersetzen und dann den US- bzw. UK-Autoren nur wenige % Nachdruckrechte zahlen zu müssen, als deutsche Autoren zu evrlegen, denen sie ein reguläres Honorar zahlen müßten und wo sie das Risiko tragen müßten, daß der Roman sich dann nicht verkauft. Das weiß man halt bei Harry Potter schon, daß der sich verkauft wie geschnitten Papier....

  • arbiter

    08.06.08 (11:16:23)

    Hat natürlich den Vorteil, Roche kann die "Übersetzung" selbst besorgen, hat den zweiten Vorteil, daß alles wg. Urheberrechten und Bezahlung derselben im anglo-amerikanischen Rahmen bleibt. Risiko für Bücher, nur für einen einzigen Titel, trägt auch hierzulande kein Verleger mehr. Und die klein aber fein Verlage sind mausetote Mitläufer im Börsenverein, chancenlos. Die Schein- und View-Prominenz in der BRD liefert natürlich den Rest. Gibt Verleger, die sich regelrecht darauf spezialisieren und damit brüsten, nur Autoren zu verlegen, die über den Boulevard bereits einen gewissen Ruf haben, ganz gleich welchen. Erst neulich durfte ich dann einem Verleger-Autoren-Gespräch besonderer Freude lauschen: "Wenn Sie auf solch sprachlich-literarisch hohem Niveau schreiben, kann ich das nicht veröffentlichen", lautete der nette Bescheid an einen Schriftsteller. Wenn das Standard für den Buchmarkt wird, welche Sprache erwarten wir dann noch von den Tagesmedien? Pleit[g]en als Teil des Medienestabishment geht nie nach Canossa, ist immer auf der Seite der Besserwisser. Das United-fruit-compagnie-System der gekauften Kompetenz funktioniert nicht nur für Banenrepubliken und Gutachterunwesen oder Sportreporter, sondern selbstredend im US-Ableger BRD besonders, fängt schließlich mit B wie Banane an. Sobald irgendwer seine Interessen bedroht sieht, läßt er seinen Kettenhund von der Leine. Wenn der zufällig zur TV-Prominenz gehört, um so besser klappt das mit dem Biotopschutz für Pfründe. @ WOLF-DIETER ROTH: Sehr fachspezifisch, Ihr Werk, oder von allgemeinem Interesse für auch einen IT-Trottel wie mich im täglichen Kampf mit dem BT (Blechtrottel)?

  • Wolf-Dieter Roth

    08.06.08 (11:49:06)

    @arbiter: Das Packet-Radio-Buch ist speziell für Leute, die Datenübertragung im Amateurfunk als Hobby machen möchten. Von daher ist Pleitgens Klage dagegen ja so absurd gewesen. Totaler IT-Freak muß man aber nicht sein, es ist schon dazu da, Neulinge an die Materie ranzuführen. Gibt es allerdings nur noch bei mir, der Verlag hat es aus dem Sortiment genommen und eingestampft nach all dem Tumult, die hatten Angst, irgendwann selbst evrklagt zu werden. Problem war wohl auch, daß der Richter nicht begreifen wollte, daß der amerikanische Begriff "Packet Radio" nun wirklich nichts mit Rundfunk zu tun hat, "Police Radio" ist ja auch nicht heiße Musik für Polizeibeamte, sondern schlicht Polizeifunk. Selbst in D folglch nicht GEZ-pflichtig. Ansonsten habe ich Fotobücher geschrieben und eins über all den Abmahnärger - naturgemäß, nach dem, was ich erlebt habe. Einem TV-Promi wird keins davon gefährlich. Und ein Geschäft sind Bücher für Normalmenschen auch nicht. Aber recht neidintensiv.

  • arbiter

    08.06.08 (12:50:25)

    @ WOLF-Dieter ROTH: Photobücher `schreiben´ist natürlich gut! Bildband oder Anleitung? Für Autoren sind Bücher schon lange eher Zuschußgeschäft. Spitzweg hat seinen `Armen Poeten´ schließlich textlich bei Goethe abgekupfert. Außerdem, man übt gelegentlich selbst. Das zu vertiefen, ist aber dieser Blog wohl nicht das richtige Forum? Wird sich wohl anderer Weg und Gelegenheit finden, möchte ich annehmen.

  • Wolf-Dieter Roth

    08.06.08 (13:37:27)

    @Arbiter: Anleitung. Siehe Amazon oder Wikipedia oder fokussiert.com ;-) Naja, vielleicht gips ja irgendwann bei Blogwerk noch einen Kulturblog, aber wie schon richtig erkannt, das Thema ist nicht so wirklich lukrativ...das allerdings hat es mit dem journalistischen Schreiben gemeinsam...

  • Florian Steglich

    08.06.08 (16:45:02)

    Einerseits muß man in D wohl ein Fernsehmensch sein, um Bücher in nennenswerten Mengen zu verkaufen, [...] Naja. Cornelia Funke, Andrea Schenkel, Daniel Kehlmann, Walter Moers, «Pascal Mercier», «Iny Lorentz», Bernhard Schlink?

  • arbiter

    08.06.08 (20:16:46)

    @ Florian Steglich: Na ja, Jugendbuch-Masse, 2 nachkondtruierte Kriminalstories, Montage zweier Lebensläufe durch einen Philosophieprofessor, Kinderbücher mit Erwachsenendurchstich zur Grotesken als Lebensstil, noch ein Roman-tisierender Philosoph, Annemarie Silenko-Verschnitt und ein mit Literaturpreisen behangener Juraprofessor, der Erfolg scheint jedem Recht zu geben, wenn Umsatz Erfolgskriterium ist. Und alle wurden und werden recht ordentlich vermarktet. Die Kasse stimmt. Jeder Autor wünscht sich unabhängig von seiner Qualität solche Erfolge. Und den Autorinnen und Autoren sei besonders der kommerzielle Erfolg gegönnt. Bei der/dem einen oder anderen stellt sich die Frage nach dem persönlichen Anspruch, dem von Kritik und Feuilleton behaupteten Anspruch und demjenigen Anspruch, der an Literatur schlechthin gestellt werden darf. Sicher, für letzteren klaffen die überlieferte Auffassung und die an Vermarktungskriterien orientierte modernere Bewertungsmethode weit auseinander. Na ja, und dann noch ein Anspruch an literarisches Schreiben und/oder gar Kultur. Das gäbe hier eine verdammt lange Diskussion, obwohl doch das Thema eigentlich der Roche-Rausch ist.

  • Florian Steglich

    09.06.08 (00:25:48)

    » arbiter: Sicher, die Frage nach der Qualität ist eine andere. Aber sie alle verkaufen «Bücher in nennenswerten Mengen» (und sind keine Amerikaner), nur das wollte ich einwerfen.

  • Frank

    09.06.08 (01:14:51)

    Klasse Einwurf. Und so gehaltvoll dazu.

  • arbiter

    09.06.08 (02:59:56)

    Auch Charlotte Roche (keine deutsche Autorin) verkauft in nennenswerten Mengen. Qualität? Soll hier der Irrtum der Fliegen am Kuhfladen aufgewärmt werden? Irgendwie muß es ja einen Grund haben, daß Roche nicht zuerst in Muttersprache ihre "Feuchtgebiete" publiziert. Und die alte Tante NYT weiß auch nicht so recht, was sie mit dem Sumpf anfangen soll und bemüht die alte Tante Alice. Irgendwie eiern alle herum und keiner sagt einfach: Bäh, so`n Dreck muß ich nicht haben, lesen auch nicht. Jeder scheint Angst zu haben, einen Trend, einen Hype zu verpassen. Jeder fürchtet sich davor, von der Hühnerleiter eines diktierten Mainstream zu fallen, das Gesicht zu verlieren. Dann gibt es da noch sogenannte Bestseller von genobelten AutorInnen, `Literatur´ die man nicht selten gelangweilt aus der Hand legt, was man selbstverständlich nur hinter vorgehaltener Hand eingesteht. Erworben hat man davon manches auch eben nur wegen des Namens des Verfassers und/oder des Geweses, das man um den Titel gemacht hat. Trägt man also auch noch lemmingehaft zur Umsatzsteigerung bei. So oder so also ein im Grunde verlogener Umgang mit Text und Literatur. Warum soll das ausgerechnet bei Roche anders sein?! Verpflichte das dazu, das Buch zu akzeptieren, zu mögen, gar zu lesen?

  • Oger Willbemsen

    18.07.08 (20:51:55)

    Ich denke, viel wichtiger als eine englische Übersetzung ist eine sexuelle! Natürlich ins männliche. Zu finden ist diese unter schwanzgebiete.wordpress.com Mit freundlichen Grüßen, Oger Willbemsen, Schwanzpoet.

  • Michael Petrikowski

    12.01.09 (16:36:43)

    Wir können ekliger! - Die Antwort auf „Feuchtgebiete“ Trockenzonen - Wenn Männer aufhören sich zu waschen von Charles Roch Erscheint am 1. Februar 2009 bei Carlsen

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer