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23.12.13Leser-Kommentare

Feindbild Internetwirtschaft: Hier kommen die zehn Prozent

Webfirmen lassen mit ihren technischen Innovationen in vielen Branchen keinen Stein auf dem anderen. Übergangsweise gibt es dabei einige Gewinner, aber viele Verlierer. Gesellschaftlicher Zündstoff, der in den USA verstärkt für Widerstand sorgt.

Das Internetjahr 2013 endet am Nabel der Digitalwirtschaft, in Kalifornien, mit der Zuspitzung eines Konflikts, der zwar nicht vollkommen überraschend kommt, dessen plötzliche Intensivierung aber vor zwölf Monaten nicht unbedingt absehbar war: die zunehmende Diskrepanz zwischen der vom Internetboom profitierenden Technologie-Elite und der Mehrheit der Bevölkerung.

Bislang genossen die meisten Menschen die das Leben bequemer und spannender machenden Errungenschaften und Alltagshilfen, die das Netz mit sich bringt. Doch einer wachsenden Zahl nicht in der Webwirtschaft tätiger Personen wird jetzt bewusst, dass Informationstechnologie ihren Beruf, ihre Wohnsituation und ihren Wohlstand bedroht. Eine Einsicht, die viele schmerzt und die den Nährboden für eine Auseinandersetzung bildet, die im kommenden Jahr mit großer Wahrscheinlichkeit heftige Ausmaße annehmen wird. Geeks, die ultimativen Kapitalisten

"Geeks haben sich als einige der rücksichtslosesten Kapitalisten überhaupt erwiesen", konstatierte Economist-Kolumnist Adrian Wooldridge vor einigen Wochen mit Blick auf die mächtigen Oligopole in den verschiedenen Segmenten der Onlinewirtschaft. Ihren massiven Marktkapitalisierungen stünden vergleichsweise wenige geschaffene Arbeitsplätze gegenüber. Gleichzeitig täten Google, Apple und Facebook alles, um Steuern zu vermeiden.

Gehörte der Sektor in den vergangenen Jahrzehnten zum ewigen Vorzeigeobjekt und Hoffnungsträger der US-Wirtschaft, müssen sich die Vertreter des Silicon Valley in diesen Tagen vermehrt Kritik anhören, auch aus den eigenen Reihen. In einem viel beachteten Blogbeitrag monierte der Progammierer und Blogger Alex Payne am Beispiel von Bitcoin, dass die Akteure im Valley permanent den Fehler machen, soziale und politische Probleme für technologische zu halten. Zwar werde in bestimmten Kreisen gerne das langfristige Potenzial von Bitcoin als Armutsbekämpfungsmittel und Rettungsanker für vom heutigen Finanzsystem Benachteiligte betont. In Wirklichkeit sehe das Valley in Bitcoin aber nur "ein weiteres PayPal mit dem damit verbundenen dicken Verkauf oder Börsengang".

Eine neue Kluft bildet sich

Viele in der Bay-Region beheimatete Kalifornier, die nicht selbst in der Branche arbeiten oder Firmen gründen, bekommen das Gefühl, dass die kollektiven Zugewinne durch die mittlerweile seit Jahrzehnten von den lokalen IT-Giganten erwirtschafteten Milliardenprofite ausbleiben. Im Gegenteil: Ihre Lage verschlechtert sich. Die Gentrifizierung von San Francisco, seit längerem der bevorzugte Wohnort für urbanes Leben suchende Internetmillionäre und solche, die es werden wollen, ist ein Medien-Dauerthema. Mieten und Immobilienpreise klettern auf Rekordniveaus, die Zahl der Zwangsräumungen explodiert. Ein Ende des Überschusses an potenten Wohnungssuchenden ist nicht in Sicht, denn Börsengänge und Unternehmensverkaufe produzieren am laufenden Band neue liquide Kaufinteressenten. Der jüngste IPO von Twitter soll rund 1.600 Angestellte des Microbloggingdienstes zu Millionären gemacht haben. Wenn nach einigen Monaten die Sperrfrist für den Verkauf der Aktien ausläuft, werden viele sich nach einer Immobilie umschauen.

Die Kluft, die viele Bürger in der Region zwischen sich und den von Tech-Arbeitgebern rund um die Uhr umsorgten Nerds, Geeks und Hipstern sehen, wächst. San Francisco implodiere, stellte das Kernel Magazin jüngst fest. Salon beschrieb im September im Detail den neu aufkommenden "Hass auf den Tech-Boom". Sichtbar wird dieser seit neuestem regelmäßig bei Protestaktionen gegen die berühmten Shuttlebusse, die Mitarbeiter der Internetkonzerne aus dem Großraum San Francisco ins Silicon Valley befördern. Sie sind zum Symbol der Ungleichheit zwischen zwei Welten geworden, die eigentlich niemals separate Wege gehen sollten.

Disruption ohne soziale Verantwortung

Letztlich überlagern sich zwei unterschiedliche Problematiken. Die eine ist wohnungs-, sozial- und infrastrukturpolitischer Natur. Gentrifizierungstendenzen und Wohnraummangel sind nicht spezifisch an die Internetwirtschaft gekoppelt sondern finden immer dann statt, wenn in einer Region eine Gruppe schnellen Wohlstandszuwachs erlebt und durch Zuzug zahlenmäßig wächst, während der Rest der Bevölkerung stagniert. Hier ist in erster Linie die Politik in der Pflicht, Lösungen zu finden.

Die zweite Dimension des Dilemmas aber ist unmittelbar an das Treiben der Webgiganten und junge Disruptoren geknüpft: Mit ihren Konzepten heben sie ganze Industrien aus den Angeln und verursachen so einen tatsächlichen oder zumindest befürchteten Wohlstandverlust - während es den vergleichsweise wenigen unmittelbar Involvierten immer besser geht. Da jedoch Sozial- und Gesellschaftssysteme sowie politische Strukturen noch nicht an die neue Realität einer komplett anders tickenden Wertschöpfung und Wirtschaftswelt angepasst sind, wirken die Onlinefirmen plötzlich wie sprichwörtliche Raubtierkapitalisten. Sie köderten mit ein paar nützlichen Services und Apps, nur um am Ende kräftig in die eigenen Taschen zu wirtschaften und ein Einkommensungleichgewicht mitzuverursachen, wie es in den USA seit 1920 nicht mehr vorkam. So zumindest wird jemand ihr Handeln auslegen, der auf die eine oder andere Weise negativ von den durch Technologien verursachten Umwälzungen betroffen ist.

Es wird besser - später

Bei genauer Betrachtung stellt sich die Lage freilich differenzierter dar. Denn sehr wohl kann der technische Fortschritt und der dadurch ausgelöste, tiefgehende Strukturwandel am Ende mehr Gewinner als Verlierer hervorbringen - wenn auch das restliche Regelwerk, nach denen unsere Wirtschaft und Gesellschaft funktioniert, angepasst wurde. Wir treten derzeit in eine Phase des Übergangs ein, wie es Jon Evans bei TechCrunch treffend formuliert. Es spricht viel dafür, dass das Internetzeitalter langfristig eine Bereicherung für alle darstellt. Doch der Weg dahin wird sehr holprig - nicht nur für Millionen, die durch Automatisierung, Rationalisierung und Wohnraumverdrängung in verschlechterte oder instabile Lebensverhältnisse getrieben werden - sondern auch für die Internet-Innovatoren und Cyberbrillen tragenden Weltveränderer, die sich plötzlich als Zielscheibe kollektiver Frustration sehen.

Occupy Silicon Valley

Sie solten 2014 Imagepflege betreiben und der Allgemeinheit über Suchmaschinen, soziale Netzwerke und Lieferung am selben Tag hinaus etwas zurückzugeben. Dass Steine auf Google-Busse geworfen werden, ist augenscheinlich keine gute Handhabung des Problems. Schon weil es viel besser ist, dass die Ingeniure mit dem Bus fahren als mit ihren eigenen Autos. Die Entladung von Aggressionen zeigt aber, wie die Milliardenfirmen und die durch sie herangezüchtete Klasse der Veränderungs-Profiteure es geschafft haben, die Öffentlichkeit zu spalten. Bedenkt man, dass uns die massivsten Auswirkungen der Digitaliserung noch bevorstehen - nämlich das millionenfache Ersetzen von Stellen im Dienstleistungs- und Wissensbereich durch Maschinen - ist nicht davon auszugehen, dass die Spannungen von selbst abebben. Realistischer erscheint die Bildung einer größeren Protestbewegung, analog zu den "Occupy Wallstreet"-Protesten von einst. Das wäre gefährlich für die Netzbranche, denn aktionistische, populistische Politiker auf Stimmenfang würden sich garantiert in Windeseile auf die Seite der Protestierenden stellen. Eine solche Allianz können weder Netzkonzerne noch Startups gebrauchen - und sie würde vermutlich auch den unmittelbar Betroffenen nicht helfen.

Ich sehe nur zwei Optionen für die Internetwirtschaft, um eine Eskalation zu vermeiden: Ein Rückzug in "Gated Communities", abgeschirmt von der zunehmend verfallenden Außenwelt (Die Investoren Peter Thiel und Tim Draper haben dazu jeweils eigene Ideen), oder einen konzertierten Kraftakt, um die soziale Verantwortung zu übernehmen, die damit verbunden ist, innerhalb weniger Jahre eine Gesellschaft auf den Kopf zu stellen. Die in der US-Technosphäre zahlreich vertretenen Anhänger des Libertarismus halten zwar traditionell wenig davon, die Kraft des Marktes durch externe Eingriffe zu schwächen. Doch es sieht danach aus, als würde die netzgetriebene Disruption sogar vor der von ihnen erhofften Selbstheilungskraft des Marktes nicht halt machen. Je länger die Branche dies ignoriert, desto eher schadet sie sich und allen anderen. /mw

Kommentare

  • flo

    23.12.13 (09:21:44)

    Ich hatte mich in das Thema auch am Wochenende eingelesen. Du hättest noch erwähnen können, dass diese Busse nicht nur wegen ihrer Existenz und als Symbol zum Feindbild geworden sind. Das Problem ist wohl, dass sie die öffentliche Infrastruktur in San Francisco nutzen (Busspuren, Haltestellen), aber dafür auch keinerlei Gebühren zahlen. Gleichzeitig ist es wohl eine ziemliche Zumutung mit dem Bus in SF zu fahren. Zum Thema soziale Sensibilität fand ich auch das hier interessant: http://valleywag.gawker.com/startup-stud-hates-homeless-people-ugly-girls-and-pub-1150802451

  • Alexander

    23.12.13 (14:25:03)

    Nur eine geldloses Gesellschaft nach folgenden Modell: http://www.freeworldcharter.org/de Kann die Probleme unserer Gesellschaft und Zeit lösen, alles andere ist absoluter Schwachsinn und führt nur zu weiteren Armutsbildung. Guck doch einfach mal die letzten 100 Jahre genauer an, richtig, die Armut nimmt immer schneller zu, das kann die Technologie auch nicht ändern, da sie genau das gegenteil tut, sie noch verschärfen. Das Geldsystem basiert auf gegenseitige Ausbeutung und ein solches System kann nicht gerechtigkeit schaffen, es wird immer mehr Verlierer geben, daher ist es an der Zeit das Geldsystem endlich durch etwas inteligenteres und neutrales zu ersetzen. Denkt mal drüber nach.

  • Dr. Rainer Demski

    25.12.13 (12:53:41)

    Klasse Beitrag, vielen Dank für die Denkanstöße! Allerdings sehe ich die Wurzel des Problems nicht in der Internetwirtschaft an sich. Die Effekte, die durch sie eingeleitet und bewirkt werden, sind lediglich - zugegebenermaßen etwas schnellere - Modernisierungsprozesse, wie sie die Menschheit seit Bestehen stetig erlebt hat. Grund für die Kapitalisierung ist das Finanzkapital selbst, das die Netzindustrie nutzt, um selbst zu profitieren und auf Kosten ihrer Kreativität zu wachsen. Wer die kapitalistischen Auswirkungen der Netzrevolution anprangert, muss auch den Mut haben, den globalen Kapitalismus als Konzept selbst in Frage zu stellen. Alles andere wäre halbherzig und nicht zuende gedacht. LG aus Hamburg und frohe Festtage, RD.

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