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26.11.09

Fehlende Medienkompetenz: Wie aus Lehrern Schüler werden

Erstmalig in der Geschichte der Menschheit wird das klassische Muster der Wissensvermittlung auf den Kopf gestellt: Während Eltern, Lehrer und bisherige Meinungsführer in ihrer Rolle als Vermittler von Web-Wissen und digitaler Erfahrung versagen, übernehmen junge Menschen die Lehrerrolle.

TafelDer Spiegelfechter-Blog  hat sich in einer Rezension mit Frank Schirrmachers umstrittenem Buch Payback auseinandergesetzt. In diesem rechnet der Mitherausgeber der FAZ in einer fragwürdigen Rolle des Zaungasts mit dem Informationszeitalter und Internet ab.

Folgender Absatz von Spiegelfechter-Autor Jens Berger stach mir beim Lesen besonders ins Auge:

Schon in der Schule muss Medienkompetenz zum Lehrstoff gehören. Es ist mit einer Wissensgesellschaft unvereinbar, dass Kinder ohne professionelle Hilfe ins Netz gelassen werden. Aber woher soll diese Hilfe kommen? Von den Lehrern? Ein Großteil der deutschen Lehrer lebt doch selbst noch in Schirrmachers analoger Welt und kann mit dem Internet nicht umgehen. Die Eltern scheiden meist selbst als Tutoren aus, da auch sie die Instrumente nicht beherrschen. Wenn die Gesellschaft denn wirklich die Chancen nutzen will, die die digitale Vernetzung bietet, so muss zunächst eine Diskussion stattfinden, wie man Medienkompetenz vermitteln kann.

Diese extrem wichtigen Sätze muss man womöglich mehrmals lesen, um ihre Bedeutung zu erkennen: Erstmalig in der Geschichte der Menschheit erleben wir eine Situation, in der Eltern, Lehrkräfte, Entscheider und gesellschaftliche Vorbilder in ihrer Rolle als Vermittler von Wissen und Orientierung versagen.

Seit Menschengedenken läuft die Wissensweitergabe nach einem typischen Muster ab: Ältere geben ihr Wissen, ihre Erfahrung, ihre Werte an Jüngere weiter, die sich daran orientieren und ihrerseits mit dem Älterwerden lernen. Zwar geschieht es, dass ein frischgebackener Absolvent in seinem speziellen Fachgebiet über mehr Know-how verfügt als seine Eltern oder andere Personen in seinem Umfeld, doch handelt es sich dabei eben stets um Fachkompetenz, nicht um auf Lebenserfahrung basierendem Wissen über allgemeine Verhaltens- und Kommunikationsweisen.

Mit der Digitalisierung gerät diese seit jeher erprobte Art der Wissensweitergabe zumindest teilweise ins Wanken. Plötzlich erklären Gymnasiasten ihren Lehrern, wie soziale Netzwerke funktionieren, was man mit virtuellen Währungen in Communities kaufen kann und wie ein man einen Flashmob mit wildfremden Leuten organisiert. Plötzlich erklären Studenten ihren Professoren, wie sie mit Hilfe von RSS ihre ganz individuelle, von überall abrufbare Zeitung zusammenstellen. Plötzlich erläutern Praktikanten ihren Vorgesetzten, warum sich das Einrichten eines Corporate Blogs oder eines Twitter-Kontos lohnen könnte. Und plötzlich leiten 25-Jährige wie Mark Zuckerberg ein milliardenschweres Unternehmen, dass das Leben und die Kommunikation von hunderten Millionen Menschen in einer Form verändert, wie es (neben Google) schon lange keiner Firma mehr gelungen ist.

Betrachtet man, welche Schwierigkeiten die Schirrmachers, Beckmanns und Jauchs dieser Welt mit der Art haben, wie die Digitalisierung in jeden Aspekt unseres Lebens eingreift, wird deutlich, wie tiefgehend der Einschnitt in bisher als selbstverständlich geltende Muster und Hierarchien ist.

Man ahnt, dass nicht nur das Fehlen von neuer Medienkompetenz und Know-how rund um die Dynamiken des Internets Ursache für die Probleme der vielen noch in analogen Bahnen denken und handelnden Menschen ist, sondern dass ihre bisher gesammelte Lebenserfahrung sie gar am unvoreingenommenen Ausprobieren und Akzeptieren hindert.

Wer sich in der bequemen Welt klassischer Massenmedien eingerichtet hat, in der die Informationshoheit in der Hand weniger lag, hält dies für den Normalzustand und alles andere für ein Abweichen von der Norm. Wer gelernt hat, dass Reaktionen auf einen journalistischen Beitrag maximal als Leser- oder Zuschauerbriefe eintreffen, über deren eventuelle Veröffentlichung man die volle Kontrolle hat, hält jeden Kontrollverlust für eine Bedrohung. Und wer über viele Jahre hinweg die Privilegien genossen hat, die eine mediale Meinungsführerrolle einbrachte, kann sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass nun jede Person im Internet diese Rolle einnehmen kann.

Nicht alle, aber viele Lehrer, Professoren, politische und gesellschaftliche Entscheider sowie Meinungsführer haben keine Möglichkeit, der jungen Generation wichtige Erfahrungen im Umgang mit der digitalen Welt mit auf den Weg zu geben. Denn sie haben keine.

Im Gegensatz zu Millionen von jungen und junggebliebenen Menschen, für die der Umgang mit den digitalen Medien eine Selbstverständlichkeit geworden ist. Aus Schülern werden Lehrer, und aus Lehrern werden Schüler. Bleibt die Frage, wie lange sich diese ehemaligen Lehrer dagegen versperren werden, nun selbst auf der Lehrbank zu sitzen.

(Foto: stock.xchng)

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