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24.02.09Leser-Kommentare

Falschmeldungen und Hysterie: Die Risiken des Echtzeitwebs

Vieles, was es im Web zu lesen gibt, hat Hand und Fuß. Aber nicht alles. Die Geschwindigkeit, mit der sich Gerüchte und Behauptungen im Netz verbreiten, nimmt immer weiter zu. An Methoden, um die Echtheit von Meldungen zu validieren, mangelt es bisher.

Man sollte nicht alles glauben, was so im Netz steht. Das weiß mittlerweile jedes Kind - oder zumindest sollte es dies tun. Je leichter und schneller Informationen online veröffentlicht werden können, desto größer ist die Gefahr, dass diese nicht stimmen. Weil schlecht recherchiert wurde, weil sich jemand für einen Experten hält, ohne dies zu sein, oder weil ein Spaßvogel einfach testen wollte, wer alles auf eine Ente hereinfällt.

Weit verbreitete Mechanismen wie die Moderation der von Usern hinzugefügten Inhalte (z.B. bei Wikipedia) oder Bewertungssysteme, die Rückschlüsse auf die Kompetenz partizipierender Nutzer zulassen (z.B. bei der Empfehlungsplattform Qype) sollen dabei helfen, die Qualität von Beiträgen zu sichern und nicht korrekte Angaben auszusortieren. Dies gelingt zwar nicht immer, aber hat sich für nicht zeitkritische Inhalte trotzdem als allgemein akzeptierter Standard etabliert.

Mit dem Aufkommen des Echtzeitwebs steht die Netzgemeinschaft jedoch vor einer völlig neuen Herausforderung, was die Prüfung der Korrektheit und Glaubwürdigkeit von online publizierten Informationen betrifft. Angeführt vom Microblogging-Krösus Twitter und verstärkt durch Lifestreaming-Services wie FriendFeed, Status-Funktionen sozialer Netzwerke, Miniblogs wie Tumblr und natürlich auch durch klassische Blogs, findet User Generated Content heute mit derartig geringer Verzögerung seinen Weg ins Netz, dass die bisherigen Validierungssysteme hier nicht mehr eingesetzt werden können.

Durch die intensive und globale Vernetzung von Millionen äußerst aktiver User über die genannten Dienste und Kanäle vergehen teilweise nur wenige Minuten, bis sich für wichtig befundene Meldungen und Informationen an eine Vielzahl von Personen verteilt haben, die diese ihrerseits sofort weiterverbreiten. Ein solcher Vorgang erreicht schnell eine Eigendynamik, die das Stoppen der sich im Web fortpflanzenden Nachricht unmöglich macht - selbst wenn sie sich im Nachhinein als völlig oder zumindest teilweise falsch erweist.

Aktuellstes Beispiel dafür ist die Ende vergangener Woche veröffentlichte Behauptung, das Social Music Network Last.fm hätte Angaben über den Konsum illegal heruntergeladener Musik seiner Nutzer an die Musikindustrie ausgehändigt. Last.fm reagierte mit einem Dementi, doch zu diesem Zeitpunkt war es schon zu spät: Einige Mitglieder der Site hatten bereits ihr Konto bei dem Dienst gelöscht. Ein (wenn vermutlich auch geringer) Imageschaden für Last.fm ließ sich nicht vermeiden.

Auch das jüngste, auf keinerlei Fakten basierende Gerücht, Google befände sich in Übernahmegesprächen mit Twitter, breitete sich vor zwei Tagen schnell im Social Web aus. Gerüchte gab es zwar schon immer, und auch eine Veröffentlichung selbiger ist aus Gesichtspunkten einer am Leser und an Aufmerksamkeit orientierten Berichterstattung nicht verwunderlich. Die Geschwindigkeit und Intensität, mit der sich Nachrichten dieser Art herumsprechen, gab es bisher aber nicht.

Waren dies eher harmlose Geschichten, die sich zumindest im Falle der angeblichen Twitterübernahme durch Google sogar noch bewahrheiten könnten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis eine über das Echtzeitweb verbreitete Falschmeldung ernsthaftere Konsequenzen nach sich zieht. Es wäre wohl nicht schwer, einem allgemein unbeliebten Großkonzern etwas Rufschädigendes anzuheften und dafür zu sorgen, dass diese Kunde im Nu mit viraler Kraft über Status Updates, Newsfeeds, Twitter Streams, Feedreader und sozialen Desktop-Applikationen in das Bewusstsein von Millionen Menschen gelangt.

Bedenkt man, dass wir uns erst in den Anfängen der Entstehung dieser neuartigen Kommunikations- und Publikationskanäle befinden, erscheinen in Zukunft selbst landes- oder gar weltweite Panikreaktionen nicht unmöglich. Was, wenn der Zugang eines angesehenen, mit zehntausenden Followern geschmückten Twitter-Vorzeigenutzers gehackt wird und statt purem Nonsens ernsthafte Lügen verbreitet werden, die Menschen unter Umständen sogar in Angst versetzen können?

In den meisten Artikeln bei netzwertig.com heben wir die nahezu unbegrenzte Zahl von Vorzügen und Stärken des Social Webs hervor. Zwar überwiegen diese deutlich, aber natürlich hat jede Medaille auch ihre Schattenseiten. Die Schwierigkeit, im Internet Wahres von Unwahrem unterscheiden zu können, in Kombination mit der Eigendynamik und Unkontrollierbarkeit des sozialen Webs, gehört dazu.

Lösungsansätze für dieses Problem fehlen bisher. Doch sie werden kommen. Je stärker die Nutzung von Microblogging, Lifestreaming, Blogs und Status-Funktionen sozialer Netzwerke den Alltag der Massen bestimmen, desto größer wird der Bedarf an funktionierenden Mechanismen sein, um online gestreute Behauptungen zu verifizieren. Vielleicht liegt hier die Zukunft der Zeitungen. Oder die von Presseagenturen. Selbst Wikipedia könnte eine Rolle spielen.

Bis es soweit ist, kann man jedoch nur eines machen: Auf das verantwortungsvolle Handeln der Meinungsführer - User mit starkem Einfluss und einer großen Zahl von Kontakten im Web - sowie auf ihre Fähigkeit zur Bewertung von Meldungen vertrauen. Außerdem muss man darauf hoffen, dass dieser Teil der neuen und bei uns nicht zum ersten Mal angemahnten Medienkompetenz von jedem verinnerlicht wird.

Foto: altemark/Flickr (CC-Lizenz)

Kommentare

  • Alexander Becker

    24.02.09 (11:31:11)

    Lieber Martin, "Auch das jüngste, auf keinerlei Fakten basierende Gerücht, Google befände sich in Übernahmegesprächen mit Twitter, breitete sich vor zwei Tagen schnell im Social Web aus." Hinter dem Wort " breitete " liegt ein Link zum Ethority-Blog. So entsteht der Eindruck, dass der Text das Gerücht als News aufgreifen würde. Das ist falsch. Ich schreibe viel mehr: "Obwohl es also keinerlei Hinweise gibt, dass beide Unternehmen sich tatsächlich unterhalten, fasziniert alleine der Gedanke, dass sich Google und das aktuell wohl angesagteste Start-up vereinigen könnten, viele Nutzer. Hier ist eindeutig der Wunsch Vater des Gedanken." Danke & Gruß Alexander Becker

  • Martin Weigert

    24.02.09 (11:44:36)

    Der Artikel auf Ethority startet folgendermaßen "Auch so funktioniert Social Media: Es gibt ein Gerücht, für dessen Wahrheitsgehalt nicht ein einziger Hinweis existiert. Trotzdem steigt der Blog- und Twitter-Buzz immer stärker an." Ich kann nicht nachvollziehen, wieso du die Verlinkung unpassend findest. Und schick mir sowas bitte das nächste mal per Mail, da ist es besser aufgehoben.

  • Patrick Schnabel

    24.02.09 (13:33:23)

    Guten Tag Herr Weigert, als technisch gebildeter Mensch muss ich die Vermutung äußern, dass Sie den Begriff "Echtzeit" falsch verwenden. Ich bitte Sie, die Definition von "Echtzeit" in Wikipedia nachzuschlagen. Dort gibt es neben einer kaum verständlichen Definition auch einige gute Erläuterungen und Beispiele, die auch Sie verstehen werden. Echtzeitweb mag sich toll anhören, allerdings schließt sich Echtzeit und Web aus.

  • Martin Weigert

    24.02.09 (13:40:26)

    Genau, Echtzeitweb hört sich toll an, außerdem bin ich heute mal nicht so kleinkarriert, um den Begriff bis ins kleinste Detail zu verfeinern. Wenn im Hudson River ein Flugzeug abstürzt und ein paar Sekunden oder Minuten später das erste Foto bei Twitter auftaucht und sich diese Kunde sowie das Foto blitzschnell rund um den Globus verbreitet, dann ist das im Vergleich zum bisherigen Prozess der Verbreitung solcher Meldungen quasi Echtzeit.

  • Helge

    24.02.09 (15:00:17)

    Ein schönes Beispiel eines Twitter/Weblog-Gerüchts war diese Google-Datencenter-Story. (Siehe weiterführende Links!) Interessant fand ich hier den Umgang traditioneller Medien mit dem Online-Gerücht, der von sauber recherchiert (Handelsblatt) über topexklusive Halbwahrheiten (Oberösterreichische Nachrichten) bis zu schlichtweg falsch (Austria Presse Agentur) reichte.

  • tmos

    24.02.09 (16:08:54)

    Ist doch eigentlich wie in der Realität. Da gehe ich durch den Hyde Park und höre so dies und das, aber glauben will ich das nicht. Es liegt doch wohl am Rezipienten, wenn der sich auf Twitter-Blog-News verlässt, dann ist das schade. Gerade solche Medienformen sind neben den Wahrheitsgehalt durch absolute Subjektivität geprägt. Es bleibt dabei, die Bezahlmedien versuchen wenigstens ihre geheuchelte* (und auch nicht objektive) Wahrheit unter Volk zu mischen. Dort aber eben och gewisser weise zuverlässig. Heißt, Blogs usw. werden nie seriöse Medien. Eben so wenig, wie Leserbriefe oder Promi-Fotos in der Bild es waren. * schlägt sich i.d.R. in der politischen Charakteristik des Verlags nieder.

  • Patrick Schnabel

    24.02.09 (16:44:04)

    Herr Weigert, Echtzeit ist, wenn Daten in einer kontinuierlichen und vorher zeitlich festgelegten Abfolge übertragen werden. Wenn, wie in Ihrem Beispiel, ein Flugzeug abstürzt, dann kommen die vielen Twitter-Meldungen nicht in Echtzeit, sondern in einer zufälligen Anhäufung. Und wenn das kein Schwein mehr interessiert, dann gibts auch keine Twitter-Meldungen mehr.

  • Oliver Springer

    24.02.09 (17:37:06)

    Typisch für Diskussionen in Blogs und Foren ist jedenfalls, dass oft mit größter Leidenschaft über Details diskutiert wird, die eher am Rande interessieren... ;-) @Martin: Echtzeitweb klingt tatsächlich sehr gut und einleuchtend. @Patrick Schnabel: Was wäre denn in Ihren Augen korrekt? Zum Thema: Solide journalistische Arbeit hilft dagegen, Medienkompetenz ebenfalls. Allerdings sehe ich da gerade keinen Anlass, in diesen Richtungen allzu optimistisch zu sein... Die Problematik an sich ist nicht neu, denken wir nur an das Radiohörspiel "Krieg der Welten" aus den 30er Jahren! Unkritisch Medieninformationen zu glauben und in Panik zu verfallen, ist keine Internetspezialität. Das Internet bietet gerade auch Möglichkeiten, sich auf breiterer Basis als bisher zu informieren, die Meldungen in unterschiedlichen Medien in nie gekanntem Umfang zu vergleichen. @tmos: Blogs werden nie seriöse Medien? Wie kommst Du bloß auf so etwas? Was ist denn mit diesem Blog hier?

  • Marcus Krüger

    24.02.09 (19:28:39)

    Blogs, die einfach nur Stories, die irgendwie in ihr Netz gegangen sind, unreflektiert und ohne Eigenrecherche wiederveröffentlichen, betreiben keinen Journalismus. Das hilft auch keine eigene Meinung, da diese auf nicht nachrecherchierten Annahmen beruht. Wenn ich eine Story über lastfm mache und die ist von einer solchen Brisanz, dann kontaktiere ich jemanden von lastfm, bevor ich die Sache bringe. Auch müssen meine Quellen bestimmte Kriterien erfüllen, damit ich mir selber sicher bin, dass an der Sache was dran ist. TC hat durch diese Aktion sehr sehr stark verloren. Dies gilt für alle anderen Fälle auch. Wenn 100 Menschen ein und den selben Sachverhalt über Terroranschläge in Mumbai verbreiten, ist dies immer noch nicht per se glaubwürdig oder wahr. Die Schnelligkeit bei der Veröffentlichung zieht ein hohes Maß an Nachrecherche auf Seiten der Rezipienten nach sich. Insgesamt komme ich nicht immer schneller zu den Fakten.

  • Caspar

    24.02.09 (21:47:58)

    Siehe Fehler in Google News über United Airways (veraltete News wurde als Up-2-date ausgewiesen und verursachte so einen massiven Kursturz der Aktie). -> Stichwörter: Börsen/Marktmanipulationen

  • Martin

    25.02.09 (13:06:08)

    Ich find die Tatsache interessant, daß mittlerweile wenigstens der Gedanke aufkommt Informationen solide validieren zu lassen und nicht einfach alles zu glauben, nur weil man von den Twitter-Info-Tsunami überfahren wurde. Das wäre an sich ein phantastischer Dienst, auch wen sich das irgendwie jetzt schon nach Zenzur anfühlt. Frage mich, ob man solche Validierungsprozesse überhaupt irgendwie beschleunigen, oder aber zwischenschalten kann. Quasi eine Validierungsstelle für Re-Tweets, wo man freiwillig Tweets prüfen lassen und ggf. als Spam markieren kann. Weiß jemand ob es so was schon gibt?

  • Martin

    25.02.09 (22:46:14)

    Das könnte ein nützlicher Internetdienst werden. Ein Dienst der im Internet verbreitete Nachrichten validiert. Im Grunde könnte das ein zweiköpfiges Team stemmen. In den meißten Fällen muss man nur zum Hörer greifen.

  • Martin

    26.02.09 (08:44:14)

    Hmm .. Sollte man doch glatt mal ausprobieren. Ich mach´mir mal ein paar warme Gedanken dazu.

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