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03.05.08Leser-Kommentare

Fall Amstetten: Ohne Gewissen, ohne Moral

Der Inzest-Fall im niederösterreichischen Amstetten ist ein gefundenes Fressen für Medien aus der ganzen Welt. Gewissenlose Journalisten und eine sensationsgeile Öffentlichkeit stehen kurz davor, das zweite Leben der Opfer zu vernichten.

Titelseiten am 28. April
Bildstrecke: Presserummel in Amstetten (Bild Keystone)

Was für eine Story! Ein gefundenes Fressen für die Medien. Journalisten und Fernsehteams aus Australien, Japan und Amerika reisen nach Niederösterreich und machen das bis dato unbekannte Amstetten zum Nabel der Welt.

Ganze 24 Jahre sperrt ein Vater seine eigene Tochter in ein Kellerverlies ein und zeugt sieben Kinder mit ihr. Drei davon nehmen er und seine Frau in Pflege. Ein Säugling stirbt kurz nach der Geburt und die anderen drei Kinder sperrt der Niederösterreicher zu seiner Tochter in das Gefängnis. Aufgedeckt haben dieses abscheuliche Verbrechen nicht etwa eine misstrauische Behörde oder aufgeweckte Polizisten, sondern der Zufall: als eines der drei eingesperrten Kinder, die neunzehnjährige Tochter, lebensbedrohlich erkrankte, fliegt die Geschichte auf.

Kein Tag vergeht ohne einen neuen Scoop: zuerst die Bilder vom Verlies, dann Urlaubsvideos vom Täter und schließlich die schrecklichen Drohungen des Peinigers, der seine Gefangenen damit einschüchterte, dass er sie bei einem Fluchtversuch vergasen würde. Keine Frage, dieser Fall ist beispiellos. Die Brutalität des Täters seinen Opfern gegenüber und gleichzeitig seine freundliche Maske in der Öffentlichkeit - das macht den Fall nur noch spektakulärer.

So hat die Weltgemeinschaft vor den Fernsehgeräten, Computerbildschirmen und Zeitungsseiten jede Menge Stoff zum Fantasieren und Diskutieren. Warum hat niemand etwas gemerkt? Gab es weitere Täter? Wie konnten Behörden und Polizei das Martyrium der Opfer übersehen?

Und weil es dazu die Bilder gibt, bleibt die Inzest-Story der Aufhänger in den Nachrichten, sowohl im Boulevard als auch in den so genannten Qualitätsmedien. Jetzt fehlen nur noch aktuelle Fotos von den Opfern. Eine Million Dollar bietet angeblich ein Medium für einen der wertvollsten Schnappschüsse aller Zeiten. Die Paparazzi belagern schon das Spital, in dem die Opfer untergebracht sind. Die Polizei musste einige Fotographen sogar von nahe gelegenen Bäumen scheuchen.

Den gepeinigten Kindern ist zu wünschen, dass der Meute kein Foto gelingt. Denn ohne Zweifel gibt es genug Medien, welche die Finanzmittel und den Willen haben, das weitere Leben der Opfer zu zerstören um die Auflage zu steigern. Bis jetzt haben sich die wenigsten Medien an die Grundregel in der journalistischen Ethik gehalten.

Leitmedien wie BBC oder CNN haben sowohl den Nachnamen der betroffenen Familie, als auch die Vornamen der Opfer ganz ausgeschrieben. Alte Fotos der Tochter haben die Zeitungen und Bildschirme gefüllt. Und auch die Polizei hat den Opfern nicht die Peinlichkeit erspart, dass die ganze Welt nun weiß, wie die intimsten Ecken ihres Kerkers ausgeschaut haben.

Selbst wenn die Opfer nun eine neue Identität bekommen, können Sie unmöglich ein neues Leben beginnen, wenn ihre Gesichter bekannt sind. An keinem Ort der Welt wären sie vor der Medienmeute sicher. Das ist die zweite Tragödie, die diesen Menschen widerfahren könnte. Und das ist eine Schande für das Mediensystem und die Öffentlichkeit. Wenn sie in ihrer Sensationsgier auf am Boden liegende Menschen noch einmal eintreten - ohne Gewissen, ohne Moral.

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Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • david

    03.05.08 (16:18:33)

    Das ist der erste Artikel den ich gelesen habe, der nicht in einem Absatz die Vorgehensweise der Medien verurteilt nur um im nächsten Absatz dann wieder mit neuen Details aufzuwarten. Danke.

  • arbiter

    03.05.08 (18:20:19)

    Lob und Dank einer zurückhaltenden Berichterstattung! Dank auch für den deutlichen Medientadel. In einer Gewinnmaximierungsgesellschaft hebelt einerseits die Aussicht auf Gewinn jede Ethik aus, wird andererseits das erkennbar, was mit dem Freitod des anderen Österreichers und der deutschen Niederlage für beendet erklärt wurde: Faschismus! War das 20. Jahrhundert das des Wirtschaftfaschismus weltweit, ist das 21. das des Finanzfaschismus global. Nicht Österreich, das Land, in dem eine Familie ungeheures Leid durch einen Familiendespoten erfahren hat, ist die bestaunenswerte und abstruse Besonderheit, sondern der globale, mit Geldmitteln zur Generierung von Umsatz und Gewinn inszenierte Berichterstattung. Die Leitmedien fallen nicht Rechtschreibreformen zum Opfer, sondern scheitern aus sich, werden Leidmedien. Sie verdienen sich den Rückgang von Zuschauerquoten und Auflagenzahlen aus ihrer Verblendung, Meinungsführer sein zu müssen, verkommen zum Propagandainstrument. Öffentlichkeit quittiert dies mit Abwendung. Schön wäre es, könnte der aus solcher Sensationsberichterstattung generierte Gewinn abgeschöpft, den Opfern zur Verfügung gestellt werden. Statt dessen werden die Repräsentanten des Medienzirkus irgendwann Spendenaktionen initiieren, andere um Geld für die Opfer anbetteln, selbst daraus noch Auflagensteigerung verzeichnen. Es gibt Momente, in denen sehnt man sich geradezu nach Zensur.

  • weltherrscher

    04.05.08 (11:16:28)

    die medien anklagen und dann alles schön verlinken? sowas nenn ich mal echte heuchelei! mir waren weder die bilder, noch das video bisher bekannt, dank ihnen, jetzt schon.# was für'ne heuchelei hier! man man man..

  • arbiter

    04.05.08 (13:19:56)

    @WELTHERRSCHER: Die Heuchelei fängt natürlich nicht beim herrschaftlichen Nickname an, oder? Ist scheinbar weniger link. Dennoch, wie beweist man eine Behauptung unter Zurückhaltung der Beweise? Und behauptet wird von Kirchsteiner ja so einiges. Bedeutet das gleich Zwang, die LINKS anzunehmen, oder heuchelt vielleicht der nur besser, der ihnen folgt? Herrschaftszeiten, warum muß neben der Heuchelei immer gleich die Arroganz parken?!

  • weltherrscher

    04.05.08 (15:16:25)

    ja ja..

  • arbiter

    04.05.08 (17:35:38)

    Yes, Sir, ein großer Parkplatz ... .

  • robert holzwart

    05.05.08 (07:54:11)

    @ARBITER: Und Sie werden dann Leitartikler der neuen besseren Medien, die aus den Trümmern wachsen. (ich hätte einen Namensvorschlag: Ethik & Ausgegelichen & Allwissend oder einfach Koran/Bibel). Selten so einen selbstgerechten Quark wie ihren Eintrag gelesen. Wohl zu lange am MAZ herumgefaulenzt. AUFWACHEN...

  • abgeschmackt

    05.05.08 (09:56:20)

    2008-04-30 Ig-Nobelpreis - Abgeschmackts Gesetz: Amstetten: Es geschah, es wird geschehen - am hellichten Tag http://abgeschmackt.blog.volksfreund.de/p2022.html Amstetten: Erst der Papa, dann die Paparazzi! - Chefarzt appelliert an Medien: Lasst Inzest-Opfer in Ruhe! http://abgeschmackt.blog.volksfreund.de/p2037.html

  • jean-claude

    05.05.08 (10:00:21)

    Man muss hier nun auch nicht päpstlicher tun als der Papst. Es ist ein selten bizarrer Fall und natürlich gibt es hier ein Anrecht der Oeffentlichkeit auf breite Information und auch auf Details. Ein Verbrechen dieser Art wird nicht ungeschehen gemacht, indem man nicht oder vordergründig "korrekt" darüber berichtet. Ganz praktisch: Wie reagiert man als Journalist und als Medium darauf? Das ist hier eine erntshafte Debatte wert. Wo liegt die Grenze? Markus Kirchsteiger konnte seinen Artikel ohne die Links nicht schreiben; es hätte keinen Sinn ergeben. Hat er deswegen die Grenze überschritten? Sicher nicht. Er hat eine Debatte angestossen. Ist doch gut so. Was auffällt: Die Opfer werden von den Behörden gegenüber den Medien nahezu optimal abgeschirmt. Das ist doch immerhin positiv und wird auch von den meisten Medien respektiert. Der Faktor Zeit wirkt hier ebenfalls positiv: Irgendwann flaut das Interesse wie im Fall Kampusch ab. Dass das Foto des Täters von der Polizei veröffentlicht wurde, ist naheliegend, weil Zeugen gesucht werden. Dass sich der Name des Täters nicht vereheimlichen liess, lag auf Grund der Umstände auf der Hand. Heute vom "Ingenieur F." zu schreiben, ist albern. Ueberigens: Nicht nur Journalisten neigen in solchen Fällen zur Scheinheiligkeit. Auch viele Leser.

  • arbiter

    05.05.08 (11:15:21)

    @ ROBERT HOLZWART: Immerhin, Leitartikel scheinen Sie mir zuzutrauen? Oder ist das doch nur Objektivitätsverlust eines Möchtegerne? Muten Sie einem "Leser" da nicht ein bißchen viel zu? Willkommen also im Kreis der Parkplatzwächter. Ja und herzlichen Dank auch. Das mit den Leitartikeln ist längst durchgewunken. Die Karawane zieht weiter.

  • Martin Rath

    05.05.08 (11:40:21)

    @ Meine Lieben: Wem es wie mir geht ("ist ja schön, dass die Inzestgeschädigten optimal vor den Medien abgeschirmt werden, warum stehen aber blöde Journalisten vor irgendwelchen Gebäuden und sprechen blöde Texte in die Kameras?"), empfehle ich folgendes Buch: Reinhard Merkel Strafrecht und Satire im Werk von Karl Kraus Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1998 Lesenswert ist das Büchlein mit seinen schlanken 596 Seiten in diesem Zusammenhang aus folgenden Gründen: - Man kommt auf den Gedanken, dass es eine spezifisch österreichische pathologische Kriminal(rechts)geschichte gibt. Nichts habe ich in diesen Tagen lieber, als eine solche k.u.k.phobe Arbeitshypothese. (Von Staats wegen wurde z.B. der "Kerker" dort erst 1974 abgeschafft. Privatmann F. baute seine privat-pathologische Version davon). - Man darf mit Freude zur Kenntnis nehmen, dass der Urgroßvater des Watchblogwesens, der 'Medienjournalist' Karl Kraus, den Gegenständen seiner Medien-/Gesellschaftskritik mitunter so richtig auf den Grund gegangen ist. - Wie erwähnt: Bücher lenken auch den härtesten Medienjunkie von unsäglichen Hypes ab.

  • abgeschmackt

    05.05.08 (11:45:42)

    @Martin Rath Dankenswerter Hinweis. Hängt aber auf der anderen Seite auch hiermit zusammen: (auch Karl Kraus) http://abgeschmackt.blog.volksfreund.de/p1155.html Die Kollegen wären gut beraten gegen diese Typen permanent anzuschreiben.

  • arbiter

    05.05.08 (12:08:03)

    Na, das ist doch mal was, Karl Kraus, Reinhard Merkel! Abseits vom Verdacht Bibel/Koran und generalethischem Gesäusel. Ob sie zu lesen abhält von diesem bedrückenden Gefühl, das meschliche Abgründe nun mal erzeugen? Zumindest informiert solche Literatur sachlich. Genau das ist der Trick der speziellen Polemik eines Karl Kraus: jemanden beunruhigen, nicht ihn verletzen.

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