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06.03.13

Fairer Online-Marktplatz: Fairnopoly will besser sein als Amazon und Zalando

Das Berliner Startup Fairnopoly möchte mit einem fairen Online-Marktplatz und einer Genossenschaftsstruktur eine nachhaltige Alternative zu Amazon und Zalando etablieren. Über 200.000 Euro Crowdfunding zeugen von regem Interesse.

In der Geschichte der Menschheit wird es noch nie einen besseren Zeitpunkt für die Lancierung eines nachhaltigen Online-Marktplatzes gegeben haben als momentan: Zum einen hat es das gemeinsame, bewusste Nutzen von Ressourcen in diesem Jahr sogar zum Leitthema der CeBIT geschafft, zum anderen werden rund um den größten E-Commerce-Anbieter Amazon derzeit zahlreiche fragwürdige Details bekannt. Erstmals sind die durch Schnäppchen und schnelle Lieferzeiten verwöhnten Kunden dazu gezwungen, darüber zu reflektieren, wer den Preis für ihre ungezügelten Shoppingbedürfnisse zahlt.

Das Timing für das Berliner Startup Fairnopoly und dessen "fairen Online-Marktplatz in Hand von Nutzer*innen" könnte somit gar nicht besser sein. Die Hauptstädter streben an, auf all das kritisierte Geschäftsgebaren zu verzichten, was Branchengiganten wie Amazon, aber auch der deutsche Konkurrent Zalando, an den Tag legen, und wollen darüber hinaus mit einer als Genossenschaft strukturierten Organisation neue Akzente setzen. Anfang Februar stellten sich die Fairnopoly-Macher per Mail bei uns vor. Damals existierte jedoch weder eine Testversion, noch war die angestrebte Crowdfundingkampagne in trockenen Tüchern. Insofern verzichteten wir zu diesem Zeitpunkt auf einen Bericht. Zu häufig versprechen Startups das Blaue vom Himmel, nur um einige Monate später ohne sichtbare Aktivitäten wieder in der Versenkung zu verschwinden.

Ein Beitrag beim Berlinvalley-Blog rief uns Fairnopoly nun erneut in Erinnerung. Und während die in dem Artikel untergebrachten Vorschusslorbeeren und Lobeshymnen ("Schon jetzt das Startup des Jahres?") noch etwas verfrüht erscheinen, gelang es dem Startup aus der Hauptstadt mittlerweile, einen wichtigen Meilenstein zu erreichen: Im Rahmen einer Crowdfundingkampagne statteten 861 Personen das Berliner Unternehmen mit insgesamt 213.413 Euro aus - deutlich mehr als das Minimalziel von 50.000 Euro. Wenn fast 1.000 Menschen privates Vermögen für ein Onlineprojekt bereitstellen, dann ist dies ein deutliches Indiz für eine vorhandene Nachfrage und somit auch eine gute Gelegenheit für einen ersten Bericht bei netzwertig.com.

"Alternative zu den etablierten Marktriesen"

Fairnopoly richtet sich zu Beginn an alle Konsumenten und Anbieter von Gütern, die eine bewusste soziale Haltung haben und gerne im Internet kaufen oder verkaufen - sowohl neue als auch gebrauchte Gegenstände. Mittelfristig wollen die Berliner alle Teile der Gesellschaft erreichen und eine "wirkliche Alternative zu den etablierten Marktriesen schaffen". Maßnahmen zum Erreichen dieses selbstbewussten Ziels erstrecken sich über drei Kernbereiche: die Förderung von verantwortungsvollem Konsum - etwa durch Vorteile für Fairtrade-Anbieter sowie Anreize für den Verkauf gebrauchter Artikel -, die Unterstützung gemeinnütziger Organisationen und die Schaffung eines fairen Unternehmensmodells: Als juristisches Konstrukt wurde eine eingetragene Genossenschaft gewählt, die jedem den Kauf von Genossenschaftsanteilen und damit eine Miteigentümerschaft erlaubt.

Auf "große Investoren" möchten die Fairnopoly-Macher grundsätzlich verzichten, um nicht von den "Profitinteressen einzelner" abhängig zu sein. Angestrebt werden zudem eine konsequente Transparenz sowie Fairness nach innen und außen, wozu auch der Verzicht auf die Umgehung von Steuern gehört.

Beteiligung vieler Menschen ist Schlüssel um Erfolg

Das Fairnopoly-Team ist sich der Herausforderungen bewusst, die mit dem anvisierten Knacken des "Quasi-Monopols der beiden großen Online-Marktplätze" - womit Amazon und Zalando gemeint sein dürften - verbunden sind. Den Schlüssel zum Erfolg sehen die Hauptstädter in der Beteiligung einer größtmöglichen Zahl von Menschen - weshalb ihnen der jüngste Skandal um die Arbeitsbedingungen bei Amazon sehr gelegen kommen dürfte. Auf Unterstützung hofft Fairnopoly von Seiten gemeinnütziger Organisationen, die den Dienst auch zum Sammeln von Spenden nutzen sollen. Geplant ist zudem eine Expansion in "neue internationale Märkte".

Was Fairnopoly vor hat, passt gut zur aktuellen Stimmungslage und zur allgemeinen Salongfähigkeit von Kritik am existierenden, zunehmende Schwächen zeigenden Wirtschafts- und Handelssystems. Gleichzeitig reicht der Wille allein bei weitem nicht aus, um mehr als ein paar überzeugte Nachhaltigkeits-Apologeten und Kapitalismuskritiker mit einem derartigen Projekt anzusprechen. So groß das Empörungspotenzial der ARD-Dokumentation über Amazon auch sein mag - sobald der nächste Gadget- oder Schuhkauf zu möglichst guten Konditionen und mit kostenfreier Lieferung und Rücksendung ansteht, werden viele Verbraucher schnell sehr vergesslich. Zumal offen ist, inwieweit derartige Mainstreamprodukte überhaupt bei Fairnopoly erhältlich sein werden.

Das erfolgreiche Crowdfunding, das den Geldgebern gleichzeitig einen Anteil an der Genossenschaft garantiert, schafft dem 20-köpfigen Fairnopoly-Team nicht nur finanziellen Spielraum, sondern dient gleichzeitig als Attest für die Ernsthaftigkeit des Projekts und das Vorhandensein loyaler Unterstützer. Deutsche Medien werden sich kaum lange bitten lassen müssen, um etwas über Fairnopoly zu schreiben.

Ähnlich wie Foodsharing handelt es sich bei Fairnopoly um eine Idee, der man als bewusst lebender und ethisch korrekt handelnder Menschen einen Erfolg wünschen muss; deren Überlebensfähigkeit jedoch von zahlreichen anderen Faktoren abhängt - und bei der man im Vorfeld nicht weiß, ob sie überhaupt auf großer Bühne funktionieren kann. In wenigen Wochen will Fairnopoly den Vorhang lüften und seine Plattform in Betrieb nehmen. /mw

Link: Fairnopoly

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