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11.06.13Leser-Kommentare

FaceTime audio: Apples neue VoIP-Funktion für iOS bringt Netzbetreiber in Bedrängnis

iOS 7 wird eine eingebaute VoIP-Funktion beinhalten - also ein FaceTime ohne Video. Es könnte auf herkömmliche Telefongespräche den selben Effekt haben wie iMessage auf SMS.

FaceTime audioApple hat im Rahmen der Keynote zu seiner aktuellen Entwicklerkonferenz diverse Neuerungen vorgestellt . Eine Kleinigkeit jedoch fiel in den meisten Berichten unter den Tisch, könnte aber eine bedeutende Tragweite erhalten: FaceTime audio. Wie der Name erahnen lässt, handelt es sich bei dem neuen Feature von iOS 7 um eine direkt in das Apple-Betriebssystem eingebettete VoIP-Funktion. Anders als bei FaceTime, womit sich kostenfreie, datenbasierte Videotelefonate mit anderen iOS-Anwendern führen lassen, wird FaceTime audio lediglich den Gesprächston übertragen.

FaceTime audio ist eine solche Produktdifferenzierung, bei der eine minimale Veränderung an einem bestehenden Produkt eine signifikante Auswirkung haben kann. Denn wo FaceTime bisher eher als Ergänzung zur bestehenden nummernbasierenden Telefonie zu sehen war, also einen komplementären Charakter besitzt, ist FaceTime audio ein waschechter Konkurrent des klassischen Handytelefonats. Es ersetzt selbiges und bietet sich in zahlreichen Alltagssituationen an, in denen niemand auf die Idee käme, extra ein Videogespräch zu initiieren. Details zu FaceTime audio existieren bisher keine. Es ist aber davon auszugehen, dass die Funktionalität an die von FaceTime angelehnt wird: Kontakte aus dem Adressbuch lassen sich mit einem "Klick" per Datengespräch anklingeln. Sofern der Gesprächspartner FaceTime audio nicht nutzen kann - weil er kein iOS-Gerät mit der aktuellsten Version des Betriebssystems besitzt - erscheint ein entsprechender Hinweis. Ansonsten werden Anrufer und Angerufener per VoIP miteinander verbunden.

Vom Smartphone aus VoIP-Gespräche führen zu können, ist wahrlich keine Besonderheit mehr. Klassische VoIP-Anwendungen wie Skype, Viber und FriendCaller erlauben dies ebenso wie manche Messenger-Apps, etwa Facebooks eigener Messenger sowie Line. Doch sämtliche dieser Dienste müssen erst händisch heruntergeladen werden und erfordern eine separate Mitgliedschaft. Auch können User nur die Kontakte erreichen, welche die jeweilige Anwendung ebenfalls einsetzen. FaceTime audio besitzt den Vorteil, dass es direkt in das Betriebssystem integriert ist und damit relativ schnell nach der Veröffentlichung von iOS 7 zur Kommunikation zwischen den meisten iOS-Geräten eingesetzt werden kann. Denn Nutzer von iPhones und iPads sind traditionell flink, was Upgrades auf die neueste OS-Version angeht.

FaceTime audio wird der selben entscheidenden Limitierung unterliegen wie Apples SMS-Ersatz iMessage: Es kann nur zwischen iOS-Nutzern verwendet werden. Da der internationale Marktanteil von Android mitterweile bei rund 75 Prozent liegt, bedeutet dies, dass FaceTime audio in vielen Szenarien keine Alternative darstellt. Wer vom iPhone oder iPad kostenfrei Freunde auf anderen Plattformen erreichen möchte, muss dazu auf eine der im letzten Absatz genannten Apps zurückgreifen. Genauso wie iMessage aufgrund der fehlenden Cross-Plattform-Fähigkeit kein WhatsApp-Killer wurde, muss auch FaceTime audio zwangsläufig kleine Brötchen backen und wird Skype, Viber & Co nicht den Rang ablaufen können.

Den Netzbetreibern dürfte FaceTime audio nicht gefallen. Denn weil der Aufwand zur Durchführung eines FaceTime audio-Gesprächs minimal sein wird, ist davon auszugehen, dass iPhone-Besitzer zumindest versuchen werden, Handynummern über das eingebaute VoIP-Feature anzurufen, bevor sie auf ein klassisches Gespräch ausweichen. So wie jede verschickte iMessage eine SMS weniger darstellt, werden Telefonate via FaceTime audio für Provider zu Einnahmeausfällen führen. Zumal Handygespräche stärker als die mittlerweile häufig in Form einer Flatrate angebotene SMS umsatzgenerierend sind. In welchem Maße FaceTime audio den Mobilfunkern Umsatzeinbußen beschert, hängt maßgeblich davon ab, ob es nur WLAN oder auch mobile Datenverbindungen (3G, LTE) unterstützt. TheVerge interpretiert Apples Formulierung "high quality calls over a data network" als Zeichen, dass FaceTime audio über sämtliche Datenverbindungen genutzt werden kann.

Die Einführung eines direkt ins OS integrierten VoIP-Features kommt spät. Eine Mutmaßung wäre, dass Apple so lange zögerte, um es sich nicht mit denn Mobilfunkern zu verscherzen, von deren Distributionsstärke das Unternehmen profitierte. Hinzu kommt, dass die Qualität von VoIP-Gesprächen stark von der Leistung des mobilen Datennetzes abhängt. Womöglich sah der kalifornische Konzern zu lange das Risiko, dass eine mäßige Tonqualität von Anwendern auf die Geräte zurückgeführt werden würde. Doch mittlerweile funktionieren sogar FaceTime-Videogespräche per mobiler Datenverbindung. Und die Zeiten, in denen Apple trotz seines Hangs zum Diktieren von Regeln an guten Beziehungen zu den Providern interessiert war, scheinen vorbei zu sein. Für Nutzer stellt FaceTime audio eine äußerst willkommene Ergänzung dar. Eine, die besonders Vieltelefonierern Geld sparen kann. /mw

Kommentare

  • Martin

    11.06.13 (14:42:44)

    Noch eine Kleinigkeit fiel unter den Tisch: Gemäss Screenshots wird der Name des Netzbetreibers oben rechts auf dem Bildschirm nicht mehr angezeigt …

  • Markus

    11.06.13 (15:55:24)

    Der Netzbetreiber wird nach wie vor angezeigt. Schade ist, dass Apple FaceTime aus der Telefonapplikation komplett herausgenommen hat. Nun hat man keine einheitliche Anruferliste mehr und sowohl die Telefonapp, als auch die FaceTime app haben ihre eigenen Favoriten etc. Vielleicht ist das aber auch einfach noch "beta1" bedingt.

  • Martin

    11.06.13 (15:59:49)

    @Markus: Der Netzbetreiber wird nach wie vor angezeigt. […] OK, gut zu wissen. Auf dem Screenshot von iOS 7 direkt auf der Apple-Website ist der Netzbetreiber nämlich nicht sichtbar.

  • Matthias

    11.06.13 (16:13:28)

    Wie unsinnig ist denn bitte der Name FaceTime audio? Nach der Logik mit der Video müsste das ja eher EarTime heißen...

  • web

    11.06.13 (17:35:19)

    Na ein Glück haben sie es nicht in Facetime Video und Facetime Audio unterteilt. Und womöglich noch Facetime Message. Oder iMessage Audio. Oder iMessage Video. Oder ...

  • Max

    11.06.13 (22:31:53)

    Ich sehe noch nicht das das ein großer Vorteil ist wenn ich einen Tarif mit mind. 1 GB mobilen Traffic habe dann sind da doch meistens schon Flatrates in alle Netze inklusive. Und bei kleineren Tarifen mit nur 300 MB Traffic wird man bei häufigen VoIP sicher schnell an die Grenze kommen.

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