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30.10.14Kommentieren

Facebooks Rezept für gelungene Akquisitionen: Den Gründern weiter das geben, was Gründer wollen

Facebook könnte ein Kunststück vollbringen: die Übernahme erfolgreicher Startups wie Instagram, WhatsApp und Oculus VR, ohne dass diese und ihre Gründer anschließend von der Mutterorganisation komplett vereinnahmt, dominiert und “erdrückt” werden.

Instagram-Gründer Syström (links) im Gespräch it Kara Swisher

Im Kampf um die Vorherrschaft in der globalen Internetwirtschaft sind Zukäufe eines der wichtigsten Mittel für die Giganten des Onlinegeschäfts. Was Akquisitionen vielversprechender Startups angeht, bewies vor allem Facebook in jüngster Zeit ein sehr gutes Händchen. Mit Instagram, WhatsApp und Oculus VR hat das soziale Netzwerk in den vergangen zwei Jahren drei Firmen übernommen, die als große Hoffnungsträger in ihren Segmenten gelten. Firmen, die zum Zeitpunkt der Deals jeweils über gute Voraussetzungen verfügten, um als unabhängige Unternehmen eigenständig zu wachsen. Sowohl Jan Koum, Gründer von WhatsApp, als auch Palmer Luckey, Gründer von Oculus VR, sprachen sich kurz vor ihren jeweiligen Einigungen mit Facebook explizit gegen Exits aus. Und doch gelang es Facebook-Chef Mark Zuckerberg, die enorme Chancen vor sich sehenden Entrepreneure zur Aufgabe ihrer Unabhängigkeit zu bewegen. Die Geldsorgen gehen, die Autonomie bleibt

Facebooks “Geheimnis” ist dabei abgesehen davon, beachtliche Summen auf den Tisch zu legen, eine in der Branche unübliche Kombination aus zwei kritischen Faktoren: Der Konzern nimmt den Machern von hochkarätigen Webfirmen einerseits alle Sorgen, die mit der Skalierung von schnell wachsenden Netzwerken und teure Investitionen erfordernden High-Tech-Firmen verbunden sind. Anders ausgedrückt: Geld spielt keine große Rolle mehr, ist man unter das Dach von Facebook gezogen. Schweißtreibende Verhandlungen mit Geldgebern sowie der zwanghafte Druck, schnell Erlösquellen zu erschließen, erübrigen sich (WhatsApp verbrannte im Jahr 2013 rund 40 Millionen Dollar). Andererseits gelingt es Facebook aber auch, die Motivation übernommener Schlüsselpersonen durch eine weitgehende Beibehaltung ihrer Autonomie und eine dadurch ausgedrückte Wertschätzung ihrer Arbeit aufrecht zu halten.

Während einige Netzriesen, wie etwa Yahoo oder Google, dazu tendieren, übernommene Dienste formell und organisatorisch rasch in das eigene Angebot und Unternehmen zu integrieren, ist Mark Zuckerberg bei den drei eingekauften Firmen zumindest dem äußeren Eindruck nach sehr darauf bedacht, die akquirierten Firmen weiterhin genau das machen zu lassen, was sie ohnehin auf der Agenda hatten. Lehrerhafte Einmischung oder das Diktat von potenziell die gute Stimmung und Vertrauen beschädigenden Regelungen, wie man sie hinter der neuen Richtlinie des jetzt zu Amazon gehörenden Spiele-Streaming-Dienstes Twitch vermuten könnte, scheinen bei den frischgebackenen Facebook-Töchtern weniger vorzukommen. Sicherlich erhöhen auch Vesting-Regelungen, gemäß denen die Gründer der übernommenen Services nur dann zu ihrem maximalen Auszahlungsbetrag berechtigt sind, wenn sie eine festgelegte Anzahl von Jahren in der Firma bleiben, die Bereitschaft zur gespielten Loyalität. Allerdings genügt diese nicht, um auf Dauer die Leidenschaft aufzubringen, die notwendig ist, um ein Produkt nachhaltig zu einer Erfolgsgeschichte zu machen. Insofern besteht wenig Zweifel daran, dass Facebook ein besonderes Talent dabei hat, seine eingekauften Unternehmen zu hegen und zu pflegen - ohne sie zu erdrücken und ohne von ihnen schnelle Wunder zu erwarten.

Das Gegenteil von Yahoos Forderung an Tumblr

Yahoo-CEO Marissa Mayer und ihr Finanzchef verkündeten kurz nach der Übernahme von Tumblr im Mai 2013, dass der bis dahin nicht ernsthaft monetarisierte Mini-Blogging-Dienst bereits ein Jahr später signifikante Umsätze erwirtschaften würde. Ein wenig klang das wie eine Drohung. Es signalisierte intern wie extern: Bei Tumblr weht künftig ein anderer Wind. Seitdem jedoch stagniert Tumblr. Mark Zuckerberg dagegen betont, dass WhatsApp wahrscheinlich noch auf Jahre hin keine nennenswerte Erlösquelle darstellen werde. WhatsApp-Erfinder Jan Koum kann sich so ganz auf den Ausbau seines Produkts konzentrieren.

An den seit 2012 zu Facebook gehörenden Foto- und Video-Sharing-Dienst Instagram, der seit einiger Zeit Anzeigen serviert, stellt der Facebook-Oberste zwar etwas andere Anforderungen. Aber auch hier sieht es so aus, als erhält das Gründer-Duo Kevin Systrom und Mike Krieger genug Freiheit, um nicht die Lust an der Arbeit zu verlieren. Entsprechend äußerten sie sich auch die Tage in einem Gespräch auf der Konferenz Code/Mobile. Die Tatsache, dass Instagram weiterhin in hohem Tempo wächst und nunmehr 70 Angestellte und über 200 Millionen aktive User vorzuweisen hat, hilft sicher dabei, weiterhin Spaß an der Sache zu empfinden. Dass sich Instagram aber unter Facebook weiter positiv entwickelt, ist gleichzeitig ein Zeichen dafür, dass Mutter- und Tochtergesellschaft gut und konstruktiv miteinander umgehen.

Bislang herrschte in der Technologiewelt eine gewisse Schwarz-Weiß-Sicht, was die Motive von Gründern angeht: Gemäß dieser folgen Startup-Entrepreneure entweder ihrer Passion und Bestimmung und versuchen, so lange wie möglich unabhängig zu bleiben, um ihre Idee in Eigenregie ganz groß rauszubringen (Facebook, Google, Amazon etc.), oder sie erliegen der Verlockung des schnellen Geldes, verkaufen und werden anschließend von der neuen Mutter-Gesellschaft “verdaut”. Facebook ergänzt das Farbspektrum mit seiner Akquisitionsstrategie um eine neue Nuance. Es könnte beweisen, dass sich quirlige, ehrgeizige Startups unter ein Konzerndach holen lassen, ohne dass dies den Köpfen der übernommenen Firmen, die fortan ihre Schäfchen im Trockenen haben, jeglichen Antrieb nimmt. Es wäre die ultimative Verbindung der Vorteile der für Startups typischen Unabhängig und Beweglichkeit mit den Vorteilen der Konzernzugehörigkeit. Gründer, die im Büro weiter wie Gründer agieren - obwohl sie mittlerweile Ferrari fahren.

Für ein endgültiges Fazit ist es freilich noch zu früh. Vielleicht lobe ich den Tag vor dem Abend. Oculus VR befindet sich noch immer in einem sehr frühen Stadium - viel kann schiefgehen -, der Kauf von WhatsApp wurde gerade erst offiziell abgeschlossen, und Instagrams Gründer-Zweigespann könnte öffentlich auch einfach nur das sagen, was Zuckerberg von ihnen erwartet - und in zwei Wochen dann plötzlich den Ausstieg bekanntgeben.

Die Geschichte, die Facebook mit seinen Akquisitionen zu schreiben begonnen hat, ist also noch lange nicht abgeschlossen. Je länger es dem Social-Networking-Giganten aber gelingt, gegenüber den übernommenen Firmen den Balance-Akt zwischen konstruktiver Unterstützung und bewusst praktizierter Zurückhaltung zu meistern, desto attraktiver wird Facebook als Käufer für andere anspruchsvolle und selbstbewusste Jungfirmen. Nicht nur einen außerordentlichen Preis zahlen, sondern auch bewiesenermaßen eine Garantie für maximale Autonomie bei gleichzeitiger Bereitstellung aller benötigten Ressourcen liefern zu können, würde Facebooks Position im Bieterwettkampf um die Filetstücke des Technologie-Sektors extrem attraktiv machen.

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