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24.08.11Leser-Kommentare

Facebooks große Stärke: Die stetige Veränderung

Facebook verabschiedet sich von der Idee, Nutzer zum öffentlichen Publizieren von Inhalten zu drängen, und wickelt seine Check-In-Funktion ab. Die stetige Veränderung erhöht Facebooks zukünftige Erfolgschancen.

 

Eine der großen Stärken von Facebook ist es, sich nicht vor radikalen Änderungen zu scheuen - selbst wenn diese anfänglich zu lautstarken Proteststürmen von Nutzern führen. Gleichzeitig zögert das soziale Netzwerk auch nicht damit, relativ junge Funktionen wieder abzuschaffen, sofern sich eine bessere Lösung abzeichnet oder Anwender diese nicht annehmen wie erhofft.

Dieses von Facebook-Chef Mark Zuckerberg gelebte Credo zeigt sich einmal mehr an den am Dienstagabend bekannt gegebenen Modifikationen (wie in Linkwertig berichtet): Facebook wird in den nächsten Tagen zahlreiche kleinere Änderungen lancieren, um Nutzern mehr Kontrolle über die Veröffentlichung von Status-Updates, Fotos und anderen Inhalten zu geben - eine Auflistung findet ihr hier.

Inspiriert von Google+

Eine der Veränderungen betrifft das Publizieren von Content auf der eigenen Pinnwand: Facebooks neue Kontrollmechanismen erleichtern es Nutzern, bei jedem Update genau und spontan zu definieren, wer dieses sehen soll. Dies war zwar auch bisher schon möglich, aber wurde von Facebook nicht sonderlich in den Vordergrund gestellt. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen sich laut Ankündigung im Facebook Blog Inhalte auch mit kleineren Personengruppen und verschiedenen Listen teilen lassen - was schon sehr verdächtig nach dem Circles-Prinzip von Google+ klingt.

Facebook vollzieht Richtungswechsel

Diese und einige der anderen Neuheiten rund um die Kontrolle der eigenen Privatsphäre-Einstellungen markieren einen Richtungswechsel für das blau-weiße Social Network: War es in den vergangen zwei Jahren bestrebt, Anwender dazu zu animieren, so viel Privatleben wie möglich vollständig öffentlich zu machen und sich nicht in kleinteiligem Ausdifferenzieren ihres Sharing-Verhaltens zu verlieren, gibt es seinen Anwendern nun Werkzeuge an die Hand, um genauer und bequemer bestimmen zu können, wer wann was zu Gesicht bekommt. Facebook zieht damit die Konsequenzen aus der anhaltenden Kritik an den mangelhaften Mechanismen zum Schutz der Privatsphäre sowie der durch Google+ entstandenen, veränderten Konkurrenzsituation.

US-Blogger Robert Scoble vermutet , dass die neuen Kontrollinstrumente und die Fähigkeiten zum granulareren Sharing letztlich dazu führen könnten, dass Mitglieder mehr Inhalte mit einer größeren Personengruppe teilen als heute. Bei Google+ lässt sich dieser Effekt immerhin auch beobachten . Möglich, dass Facebook darauf hofft. Vorerst jedoch fügt es sich dem äußeren Druck und akzeptiert die Tatsache, dass der einfachste Weg (alles ist für jeden öffentlich einsehbar) zumindest zum jetzigen Zeitpunkt noch auf zu viel Skepsis und Ablehnung stößt.

Kehrtwende bei Facebook Places

Dass Facebook-CEO Zuckerberg kein Mensch ist, der sich lange gegen Kehrtwenden sträubt, zeigt auch eine zweite Ankündigung des gestrigen Abends: Denn rund ein Jahr nach dem Launch von Facebook Places wird der Check-In-Dienst so gut wie abgewickelt. Zukünftig erhalten Facebook-Nutzer die Option, zu jedem veröffentlichten Objekt eine Standortangabe hinzuzufügen (egal ob man gerade dort ist). Positionen treten damit als eigenständiges Content-Element in den Hintergrund und fungieren zukünftig als ergänzende, dafür aber allgegenwärtige Information zu beliebigen Posts.

Im Rahmen dieser neuen Sichtweise auf Location wird Facebook den Check-In-Feed von seiner mobilen Website und aus den Smartphone-Apps entfernen. Dieser Feed zeigt an, wo die eigenen Freunde gerade eingecheckt sind, und sollte eigentlich das spontane Zusammentreffen erleichtern. Da das Check-In-Feature jedoch in den Hintergrund tritt (inwieweit es überhaupt dauerhaft bestehen bleibt, ist unklar), scheint Facebook auch den Feed als obsolet zu betrachten.

Check-In-Deals - von lokalen Händlern und Gastronomen angebotene Rabatte und Belohnungen für Check-Ins - bleiben bestehen. Wer per Status Update an einem Ort eincheckt, der ein entsprechendes Angebot macht, kann dieses anschließend einlösen.

Dass Facebook sich zum Quasi-Aus von Places als eigenes Feature entscheidet, überrascht und macht einen voreiligen Eindruck. Denn der Check-In-Feed hatte durchaus einen Nutzen, und trotz des Fortbestehens von Check-In-Deals wirkt es, als torpediert Facebook hier das Potenzial von ortsbasierten Deals (foursquare & Co wird es freuen).

Andererseits ist es gerade ein typisches Merkmal für sich nicht vor Veränderung fürchtenden Visionären wie Mark Zuckerberg, drastische Einschnitte vorzunehmen, die für Außenstehende nicht sofort nachvollziehbar erscheinen. Nur Zuckerberg und sein Team wissen, was für die nächsten Monate in der Schublade liegt.

Der Check-In ist nur ein Übergangsphänomen

Ich habe den Location-Check-In immer als Übergangslösung betrachtet. Mittelfristig wird er durch ein optimal kontrollierbares, optionales, dauerhaftes Standort-Monitoring im Hintergrund abgelöst. Voraussetzung dafür sind intelligente, aber simple Privatsphäre-Einstellungen. Die Grundlage hierfür schafft Facebook gerade. Es würde mich nicht wundern, wenn demnächst sicheres, konstantes Location-Sharing à la Glympse, Geoloqi und TrackRoom als Funktion seinen Weg in das Social Network findet.

Wer oft weitreichende Entscheidungen trifft, kann Fehler begehen. Existiert jedoch die Bereitschaft, rechtzeitig gegenzusteuern, halten sich deren negative Auswirkungen in der Regel in Grenzen. Nach dieser Prämisse agiert Facebook seit langem - bisher sehr erfolgreich. Das alte Sprichwort "Wer rastet, der rostet" gilt auch im Social Web. Facebook trägt dieser Tatsache Rechnung.

Kommentare

  • Ingo Bultschnieder

    24.08.11 (09:34:02)

    Dass da am Horizont eine ernst zu nehmende Konkurrenz aufgetaucht ist hat das "Credo" jetzt natürlich noch schwer forciert: Facebook ist jetzt dazu gezwungen, einiges zu tun. Unter all dem "x ist jetzt Freund von y" und "z hat ein Ei bei Farmville gefunden" findet man bei Facebook ja kaum noch die Meldungen, die einen interessieren. Google+ ist ein Segen, selbst wenn es sich nicht durchsetzen können sollte. Es zwingt den Platzhirschen, sich zu hinterfragen und zu verbessern. Davon profitieren auch alle eingeschworenen Facebook-Nutzer.

  • René

    24.08.11 (09:44:38)

    "was schon sehr verdächtig nach dem Circles-Prinzip von Google+ klingt."... Und ich dachte, Circles würden auf den Friend Lists von Facebook basieren ;-)

  • Martin Weigert

    24.08.11 (09:58:03)

    Nee, Circles basiert auf Diasporas Aspects ;)

  • Philipp

    24.08.11 (10:04:57)

    Mit der Sträke hast du recht, aber ich glaub das die stetige Veränderung mit steigendem Nutzerwachstum auch zum großen Problem werden kann. Wenn man zurückblickt dann nimmt der Protest auch mit jeder kleinen Änderungen stetig zu. Facebook ist bereits jetzt Mainstream und der Mainstream reagiert leider nur sehr träge und unwissend auf Änderungen. Wo die netzaffine Nutzer sich binnen Sekunden zurechtfinden sind manche älteren Generationen am verzweifeln weil der Knopf jetzt plötzlich einen anderen Namen trägt. Die unzufrieden wächst und wächst mit jeder kleinen Änderung auf Facebook weil jeder "den alten Chat", "die alte Seitenleiste", "das alte Profil", "den alten Publisher", "den alten Stream", "das alte Nachrichtensystem" usw. wieder haben will. Google+ User sind bis jetzt andere Menschen denen ein solches Innovationstempo wohl überhaupt nichts ausmacht und die es quasi auch einfordern. Mich freut es ja wenn Facebook das Tempo hält, aber ich gespannt ob sie nicht bald auch mal langsamer machen müssen ;)

  • Martin Weigert

    24.08.11 (12:07:54)

    Ja das ist ohne Frage eine schwierige Situation für Facebook. Ohne Bewegung und rasantes, stetiges Neuerfinden werden sie durch Konkurrenten angreifbar - geht es aber zu schnell, beklagen sich die User. Andererseits bin ich nicht überzeugt davon, dass die Unzufriedenheit prozentual wirklich wächst. Aber für je mehr Menschen Facebook zum Alltagsgegenstand wird, den sie stetig nutzen, desto stärker engagieren sie sich und desto sensibler reagieren sie auf Eingriffe.

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