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25.10.07Leser-Kommentare

Facebook/Microsoft: Ein unglücklicher Deal

Immer, wenn man glaubt, dass sich die Facebook-Hysterie kaum noch steigern lässt, wird nochmal eins draufgesetzt: Gestern kündigte Microsoft ein Investment in Facebook von $240 Mio. für 1.6% der Firma an. Ausserdem wird Microsoft Werbung für die Facebook-Plattform bis 2011 verkaufen dürfen.

Das wäre dann eine Firmenbewertung für Facebook von unglaublichen $15 Milliarden. Für eine Firma mit 300 Mitarbeitern und $150 Mio. Umsatz. Zum Vergleich: Damit wäre Facebook fast so viel wert wie das Werbeagenturen-Netzwerk WPP mit seinen $6 Mia. Umsatz und 98'000 Angestellten. Und fünf mal mehr als die New York Times.

Bei allem Respekt vor der unternehmerischen Leistung und dem Verhandlungsgeschick, das hinter diesem erstaunlichen Deal steckt: Ich glaube nicht, dass die Beteiligten damit sehr glücklich werden.

Dass Microsoft sich durch geschicktes Manövrieren der Facebook-Investoren in ein hoffnungslos überteuertes Investment hineindrängen lassen hat, ist ziemlich offensichtlich. Vor einigen Monaten äusserte Facebook-Geldgeber Peter Thiel an einer Konkurrenz dreist, dass Facebook wohl mindestens $10 Mia. wert sein müsste (der höchste zuvor diskutierte Betrag waren noch $1.5 Mia. gewesen). Das wurde damals von der Branche quittiert mit "Der ist wohl völlig übergeschnappt". Dann inszenierte Facebook gezielt einen Bieterwettstreit zwischen Microsoft (das bisher schon Werbung für Facebook verkaufte), Google und Yahoo. Das wahrscheinlichste Opfer war klar: Microsoft.

Microsofts Management hat mit dem Deal massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Vor ein paar Wochen bezeichnete CEO Steve Ballmer Facebook noch als "Fad" (Modeerscheinung). Kurz später investiert seine Firma zu so einer absurden Bewertung und lässt sich auf langfristige Verträge ein, deren Konditionen vermutlich sehr günstig für Facebook sind. Das sieht sehr nach einer Verzweiflungstat aus. Microsoft konnte und wollte es sich nicht leisten, auch diese Schlacht gegen Google zu verlieren. So kann man wenigstens behaupten, dass man an der derzeit heissesten Website beteiligt ist. Aber: Ist das eine sinnvolle Art, den grössten Softwarekonzern der Welt zu steuern? Dagegen sieht Medienmogul Rupert Murdoch wie ein Genie aus, denn der hat MySpace (das übrigens immer noch dreimal mehr User hat als Facebook) vor zwei Jahren für nur wenig mehr als den doppelten Betrag gleich voll übernommen.

Für Facebook könnte der Deal aus langfristiger geschäftlicher Perspektive verhängnisvoll sein. Neben dem Geld von Microsoft nahm Facebook gestern angeblich noch weitere $500 Mio. an Finanzierung rein. Was macht ein so junges Unternehmen mit einer Dreiviertel Milliarde an Kapital? Der Zwang zum Wachstum um jeden Preis wird erdrückend, denn die Investoren (Microsoft und zwei Hedgefunds) sind nicht gerade für ihre Geduld bekannt. Dieser Druck kann schon mal zu strategischen Fehlern führen.

Ausserdem: Microsoft ist nicht gerade der beste aller möglichen Partner, wenn es um Online-Werbeverkauf geht. Klar, seit der Akquisition der Werbefirma aQuantive verfügt man in Redmond durchaus über kompetente Werbeleute, aber die Reichweite ist nicht mal andeutungsweise mit der von Google oder selbst Yahoo vergleichbar. Fraglich ist ausserdem, was aus Facebooks eigener, hinter vorgehaltener Hand angekündigter Werbetechnologie wird. Und eine langfristige Bindung an Microsoft bis 2011 ist in einem sich so schnell entwickelnden Markt auch mehr eine Last als eine Versicherung. Partnerschaften mit anderen Playern (allen voran Google) werden so fast unmöglich.

Alles an diesem Deal riecht nach Manipulation durch die Venture Capitalists. Es ist typische VC-Denke, dass man mit dem Verkauf einer Minderheitsbeteiligung eine Bewertung etabliert, die bei jeder nachfolgenden Transaktion (egal ob Übernahme oder Börsengang) die Grundlage der Preissetzung bildet. Denn wenn Microsoft mal so viel gezahlt hat, muss die Firma ja wohl mindestens so viel wert sein, oder? Ob dieser Deal strategisch wirklich Sinn macht oder der Firma sogar langfristig schaden könnte, ist den VCs herzlich egal, denn ihr Ziel ist es, in spätestens drei Jahren aus Facebook draussen zu sein, und das bitteschön zu einer Bewertung über $15 Mia.

Bleibt zum Schluss nur zu hoffen, dass wenigstens die armen Facebook-Programmierer in Ruhe gelassen werden und die jetzt nicht die Website von PHP auf ASP.NET umstricken müssen...

Kommentare

  • Ruppert Bodmeier

    25.10.07 (18:08:19)

    Hey Andreas, ich finde man darf so nicht argumentieren. WPP könnte meinetwegen 60 Milliarden Umsatz machen, hilft alles nichts, wenn der Gewinn gleich null ist. Selbst bei weniger Umsatz kann ein Unternehmen locker mehr wert sein. Nicht der Umsatz alleine, sondern vor allem der zukünftige erwartete Gewinn ist für den Firmenwert entscheidend. Und anscheinend denkt Microsoft das sich mit Facebook einiges verdienen lässt. Ob Facebook aber tatsächlich 15 Milliarden wert ist? Darüber lässt sich natürlich streiten. Da haben sich wohl Google und Microsoft gegenseitig hoch gepusht. Also, ich finde 240 Mios für schlappe 1,6% Anteil viel zu viel. Aber vielleicht lässt sich ja mit Facebook tatsächlich soviel Geld vedienen. Mal schauen was die Zeit bringt...

  • Valentin

    25.10.07 (18:19:01)

    ich finde die letzte bemerkung der hammer LOL, wobei das nicht so unwahrscheinlich ist, wie man von myspace lesen konnte wurde die plattform da schon in 3 technologien neu gebaut (PHP, Java und nun .net). Microsoft steht ja auch ziemlich unter druck mit ihrem aktienkurs und der scheint den deal ja eher positiv aufgefasst zu haben siehe: http://finance.google.com/finance?q=microsoft

  • lasti

    26.04.08 (23:25:11)

    Woh! Kann da jemand den Taschenrechner nicht bedienen oder leben die Microsoftler doch in einer ganz anderen Welt?

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