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13.05.11

Facebook vs Google: Kräftemessen mit schmutzigen Bandagen

Facebooks Versuch, Google und dessen Datensammelpraxis anzuschwärzen, ist die Fortsetzung eines intensiven Kräftemessens zwischen den zwei dominierenden Internetunternehmen unserer Zeit.

 

Es ist natürlich eine sehr peinliche Geschichte für Facebook: Das soziale Netzwerk hat - wie bereits in Linkwertig berichtet - eine der führenden PR-Agenturen der USA damit beauftragt, Medienangebote über die angeblich unangemessene Datensammelpraxis von Google in Bezug auf dessen Feature "Social Circle" zu unterrichten. Eine Voraussetzung war, dass der Name des sozialen Netzwerks als Initiator nicht bekannt werden sollte.

Doch dieser Schuss ging nach hinten los: Die Geschichte flog auf und wurde mittlerweile sowohl von Facebook als auch von der betroffenen PR-Agentur Burson-Marsteller bestätigt. Letztere merkte in einem Statement an, dass sie den Auftrag des Social Networks eigentlich gar nicht hätte annehmen dürfen.

Das Anschwärzen von Konkurrenten mag auch in der Internetbranche Usus sein. Wer sich aber dabei erwischen lässt, muss den folgenden Imageschaden hinnehmen. Dumm gelaufen für Facebook und Burson-Marsteller.

Sehr viel interessanter als das sich derzeit entfaltende PR-Debakel für die beiden Firmen ist jedoch die Tatsache, dass Facebook eine derartige Taktik überhaupt für nötig halt. Immerhin dominiert man das Social Web mit mehr als 600 Millionen aktiven Anwendern und ungebrochenem Wachstum, während Google seit einer gefühlten Ewigkeit an seiner Social-Strategie feilt, aber bisher nur häppchenweise Einblick in selbige gibt.

Doch offenbar scheint man in Palo Alto den großen Konkurrenten aus Mountain View trotz gefloppter Social-Initiativen wie Orkut, Google Wave oder Google Buzz mehr zu fürchten, als dies von außen den Anschein macht. Nur so lässt sich erklären, dass Mark Zuckerberg (oder wer auch immer die Entscheidung getroffen hat) eine verdeckte PR-Kampagne autorisiert, die Journalisten und Blogger - die ja nun auch sonst nicht zaghaft sind, was Kritik an Google betrifft - auf das Treiben in Bezug auf Social Circle aufmerksam machen soll.

Social Circle ist eine Google-Funktion, die für alle eingeloggten User sämtliche Kontakte und sozialen Verbindungen listet, die dem Internetgiganten bekannt sind. Zu seinem zweifelhaften Vorgehen animiert wurde der blau-weißen Wettbewerber durch die "Secondary Connections"-Option, die "Kontakte der Kontakte" anzeigt und vom Nutzer nicht kontrolliert werden kann. Die hierfür genutzten Informationen sucht sich Google eigenhändig aus dem Web zusammen, unter anderem über öffentliche Profile einschlägiger Social-Web-Services - Facebook inbegriffen.

Stein des Anstoßes: &quot;Secondary Connections&quot;

Ich möchte jetzt gar nicht weiter auf die Frage eingehen, inwieweit diese Praxis Diskussionsstoff bietet oder nicht (vermutlich wird sich das Thema ohnehin noch einige Tage im Nachrichtenmainstream halten). Nur so viel: Facebook selbst hat alles dafür getan, dass Mitglieder ihre Profilangaben öffentlich im Netz verfügbar machen.

Entscheidend ist für mich die Tatsache, dass Facebook - das selbst nicht gerade für seine zurückhaltende, benutzerfreundliche Sicht auf das Thema Datenschutz bekannt ist - hier die Notwendigkeit verspürt, auf subtile Weise gegen Google vorzugehen.

Das Ereignis ist eine Manifestation des Kräftemessens zwischen dem führende Internetunternehmen der vergangenen Dekade und seinem - metaphorisch gesehen - potenziellen Nachfolger (natürlich könne beide Konzerne koexistieren - dafür dürfen sie sich aber nicht immer mehr in die Quere kommen).

Im August 2009 bezeichneten wir den Kampf Google gegen Facebook als die nächste Frontlinie im Netz. Zwei Jahre später stehen sich beide Unternehmen mit verbissener Miene gegenüber. Wir erinnern uns auch an den Konflikt um die Portabilität von Nutzerdaten, der im November 2010 seinen Höhepunkt erreichte und bei dem es um die Frage ging, inwiefern für Drittanbieter zugängliche Benutzerdaten für den jeweiligen Kontrahenten verfügbar sein sollen.

Der Fall Burson-Marsteller ist die Fortsetzung eines andauernden Streits zwischen DEN zwei führenden Internetfirmen unserer Zeit. Beide sind der Überzeugung, im neuen Jahrzehnt nur dann auf einer wirtschaftlich gesunden Basis agieren und sich weiterentwickeln zu können, wenn sie weitreichenden Zugriff auf den Social Graph der Internetnutzer besitzen - und das möglichst exklusiv. Doch gemäß den Naturgesetzen sozialer Netzwerke kann es unter dieser Prämisse nur einen geben. Momentan ist dies Facebook.

Ich habe mir am Dienstag und Mittwoch einige Stunden des Live-Streams von Googles Entwicklerkonferenz I/O angeschaut. Im Rahmen der verschiedenen Produktpräsentationen fielen unzählige Namen von Partnerfirmen, Onlinediensten und mobilen Applikationen. Selbst Windows und auch Amazon - der Onlinehändler ist im Hinblick auf seine Cloud- und Contentdienste gewisserweise ebenfalls ein Konkurrent von Google - wurden mindestens einmal erwähnt.

Facebook - von mehr als 600 Millionen Menschen aktiv verwendet - tauchte namentlich zu keinem Zeitpunkt auf (oder es ist mir entgangen).

Doch in einer Session am Mittwoch informierte Google-Mitarbeiter Eric Chu über Neuerungen im Android Market und scrollte dabei durch die überarbeiteten App-Charts. Für zwei Sekunden erschien tatsächlich und von Chu nicht weiter kommentiert Facebooks Android-Applikation auf dem Bildschirm. Es war ein außergewöhnlicher Moment.

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