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08.09.10

Facebook Places: Warum Facebook zu einer Kontaktbörse werden könnte

Spätestens seit Facebook im Jahr 2006 seinen studentischen Fokus abgelegt hat, dreht sich bei dem Dienst alles um die Vernetzung mit Freunden, Bekannten und Familie. Mit dem neuen Location-Feature Places könnte Facebook aber ungewollt zu einer Kontakt- und Flirtbörse werden.

 

Facebook war niemals als Dienst ausgelegt, um neue Menschen kennenzulernen - zumindest nicht, seit es im Jahr 2006 seinen Fokus auf US-Studenten hinter sich gelassen hat. Ab diesem Zeitpunkt ging es Gründer und CEO Mark Zuckerberg darum, bestehende Kontakte aus dem realen Leben online zusammenzubringen. Wenn User Facebook als Kontaktbörse verwenden wollten, z.B. in Form des "Pokens" anderer Mitglieder, dann war das ihre Sache. Spezielle Tools, um das Kennenlernen von Fremden zu erleichtern, stellte der Service dafür jedoch nicht bereit.

An diesem Ansatz hat sich bis heute nicht viel geändert. Durch Facebooks Transformation von einer privaten zu einer offenen Plattform sowie in Folge zahlreicher funktioneller Neuerungen stößt man heute als Mitglied zwar häufiger auf andere, einem nicht bekannte Personen (z.B. in Kommentaren oder Likes auf den Pinnwänden von Freunden oder auf Facebook Pages), aber das ist lediglich das "Nebenprodukt" der Facebook-Strategie, den Social Graph online abzubilden und in zunehmend öffentlichem Rahmen miteinander kommunizieren zu lassen.

Doch mit Facebooks neuem Location-Feature Places könnte das US-Netzwerk ungeachtet der eigentlichen Intentionen nun doch eine größere Rolle als Kontakt- oder gar als Flirtbörse erhalten. Seit drei Wochen ist Places mittlerweile für US-Mitglieder des Social Networks verfügbar und erlaubt das "Einchecken" an aktuellen Aufenthaltsorten.

Das Blog Inside Facebook fasst das initiale Nutzerverhalten in Bezug auf das neue Lokalisierungsfeature zusammen und weist dabei auf ein neues Anwendungsszenario hin, das mit dem Launch von Places möglich wurde.

Über die "Here now"-Funktion auf der Profilseite eines Ortes listet Facebook sämtliche Nutzer auf, die in der jüngsten Zeit an diesem eingecheckt haben. Inside Facebook will bemerkt haben, dass einige Anwender des Dienstes diese Funktion dafür verwenden, um z.B. in Bars Kontakt mit Fremden aufzunehmen. Dazu werfen sie einen Blick auf die Liste gerade eingecheckter Facebook-Nutzer. Finden sie dort ein zu der ins Visier genommenen Person passendes Profilbild, senden sie dieser eine Facebook-Nachricht. Alles Weitere obliegt dann dem Empfänger der Botschaft.

Damit dieses Verfahren tatsächlich Verbreitung finden kann, ist eine möglichst große Zahl an Facebook Places einsetzenden Nutzern natürlich Voraussetzung. Selbst in einem Club oder einer Kneipe in den USA dürfte es derzeit noch einiges an Glück benötigen, um genau die Person in der "Here now"-Übersicht vorzufinden, die einem zuvor positiv ins Auge gefallen ist. Und natürlich könnte man auch gleich direkt "Hallo" sagen gehen, statt erst eine virtuelle Facebook-Mail zu senden.

Vielen Menschen ist der Gedanke des persönlichen Ansprechens jedoch äußerst unangenehm. Zuerst mit einer Nachricht über Facebook seine Fühler auszustrecken, erscheint da deutlich weniger anstregend. Und erhält man keine Antwort, kann man dies immer darauf schieben, dass die betreffende Person die Mail einfach noch nicht gesehen hat.

Mitte Juli beschrieb ich, welche Möglichkeiten Location Based Dating für flirtwillige Menschen sowie für an diesem bisher vernachlässigten Milliardenmarkt interessierte Startups bietet. Dass Facebook selbst versuchen würde, zum "Facebook der mobilen Flirtdienste" zu werden, schloss ich aufgrund der damit verbundenen Konflikte in Bezug auf die Positionierung sowie das Leistungsversprechen an die Nutzer aus. Aber dass muss nicht bedeuten, dass nicht einige Mitglieder des Netzwerks den Dienst trotzdem zur Initiierung zwischenmenschlicher Kontakte nutzen. Das Places-Feature bietet dafür bessere Voraussetzung als jede andere Facebook-Innovation zuvor.

Entscheiden wird sein, wie Facebook mit der sich anbahnenden Etablierung von Places als Flirt-Tool umgeht. Nicht jedes Mitglied wird sich wohl dabei fühlen, nach einem Check-In an beliebigen Orten von Fremden namentlich identifiziert werden zu können. Eine Alternative ist die Deaktivierung der "Here now"-Funktion. Allerdings wird man dann auch nicht mehr für die eigenen Freunde in der Übersicht aller an einer Location eingecheckten Personen angezeigt.

Unabhängig davon, welche Maßnahmen Facebook ergreifen wird, um ungewollte Kontaktaufnahmen über das Places-Feature zu verhindern, ist offensichtlich, dass das dominante Social Network mit dem Schritt die virtuelle und reale Welt auf eine Art kombiniert, die weit über die Ausmaße des bisherigen klassischen Social Networkings hinausgehen. Das dumme Klischee des sozial isolierten Stubenhockers, der sich den ganzen Tag im "Cyberspace" aufhält und bei sozialen Netzwerken herumsurft, ist spätestens jetzt ein Auslaufmodell.

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