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24.01.13

"Facebook Friends": Wieso Facebook eine App für beste Freunde veröffentlichen sollte

Auch wenn Path mit seinem Ansatz eines privaten sozialen Netzwerks bisher kein Durchbruch gelang: Facebook sollte eine eigene Applikation veröffentlichen, die nur auf die Interaktion mit einem nahestehenden Personen ausgerichtet ist.

Facebooks Newsfeed hat sich überlebt - so lautete mein Urteil Anfang Januar. Die Leserreaktionen in den Kommentaren und im Social Web beinhalteten sowohl Zustimmung als auch Widerspruch. Eine aktuelle Untersuchung von Forschern der Technischen Universität Darmstadt und der Humboldt-Universität Berlin förderte nun zu Tage, dass Status Updates von Facebook-Kontakten in nicht unwesentlichem Maße Neid und Unzufriedenheit bei Betrachtern auslösen. Ich sehe darin eine Bestätigung für meine These. Denn egal wie hoch das Suchtpotenzial des Newsfeeds sein mag - wenn er bei Anwendern dauerhaft negative Emotionen auslöst, dann muss ihm früher oder später die Existenzfrage gestellt werden.

Es ist nur eine Vermutung, aber ich glaube, das Hauptproblem stellen nicht positive und euphorische Facebook-Einträge der engsten Freunde und Verwandten dar, mit denen einen ein echtes emotionales Band verbindet, sondern die der Menschen im erweiterten Bekanntenkreis. Bedenkt man, dass die durchschnittliche Zahl der Facebook-Kontakte zumindest bei jungen Menschen mittlerweile bei 272 liegt, bedeutet dies, dass die Mehrzahl der Kontakte in diese Kategorie fällt. Hier sehe ich den Auslöser für die teilweise geringe Relevanz des Feeds sowie das in der Studie angesprochene Unzufriedenheits- und Neidproblem. Ihren wahren Freunden und engsten Familienmitgliedern gönnen Menschen in der Regel Erfolge und einzigartige Erlebnisse. Wenn jedoch lose Bekannte permanent über ihr scheinbar makelloses Leben berichten, während Betrachter sich selbst mit allerlei Problemen herumplagen, dann sind negative Gefühle fast programmiert. iPhone-App Kleek zeigt die Richtung auf

Zwar bietet Facebook mit den Freundes-Listen und der Kategorie "Enge Freunde" Möglichkeiten an, um den Newsfeed von unwichtigen Beiträgen und Einträgen loser Bekannter zu befreien. Dies erfordert jedoch einigen Aufwand, zumal sich die dafür bereitgestellten Werkzeuge meines Erachtens nach in keiner Weise effektiv bedienen lassen. Umso interessierter war ich, als ich bei allfacebook.de am Dienstag über die aus München stammende iPhone-App Kleek las. Dabei handelt es sich um ein alternatives Smartphone-Interface für Facebook, das einen einzig aus den Einträgen der wichtigsten Kontakte bestehenden Feed erstellt.

Kleeks Konzept erfüllt dabei in der Theorie genau meine Bedürfnisse: Ich öffne die App und sehe ausschließlich Einträge von Personen, die ich innerhalb von Kleek in die von Facebook angebotene Kategorie "Enge Freunde" befördert habe. Gezeigt werden dabei nicht nur Statusmitteilungen und geteilte Links, sondern auch neue Kontakte der Freunde, von ihnen vorgemerkte Veranstaltungen sowie gehörte Musik bei Open-Graph-Partnern. Und das alles mit vergleichsweise wenig Einrichtungsaufwand.

Da es sich bei Kleek um eine externe Anwendung handelt, muss man ihr weiträumige Rechte für den Zugriff auf das persönliche Facebook-Konto geben. Optimal ist das natürlich nicht, einige Nutzer dürfte es abschrecken. Auch von der Optik und Usability liefert Kleek, das für 0,89 Euro im App Store angeboten wird, maximal Standardkost. Auch wenn ich nicht ausschließen möchte, dass ich künftig ab und an einen Blick in meinen Kleek-Feed werfe, so sehe ich die Anwendung eigentlich primär als Blaupause für eine ähnliche App aus dem Hause Facebook.

Das Potenzial einer "Facebook Friends"-App

Mit Messenger und Camera bietet das soziale Netzwerk bereits auf einzelne Einsatzszenarien spezialisierte Applikationen unter der Facebook-Marke (mit Ausnahme von Instagram, das nach außen hin noch als separates Produkt geführt wird). Ich wünsche mir von Facebook, dass es genau nach diesem Muster eine weitere Anwendung für Smartphones und Tablets lanciert, die Nutzern mit höchstem Bedienkomfort und ohne die Notwendigkeit stundenlanger Optimierungen und Suchen in verschachtelten Einstellungsmenüs einen Echtzeit-Stream von einer kleinen, händisch selektierten Gruppe der Kontakte in einer modernen, schlanken und eleganten Oberfläche liefert. Sie könnte "Facebook Friends" heißen und für das soziale Netzwerk eine Rückkehr zu seinen Wurzeln bedeuten, als Mitglieder noch nicht hunderte oder gar tausende Kontakte in ihrem Facebook-Adressbuch angehäuft hatten, sondern nur ihre besten Freunde.

Path als Vorbild

Facebook Friends wäre eine Art Pendant zum ebenfalls aus Kalifornien stammenden mobilen Social Network Path, das seine Anwender dazu ermuntert, sich nur mit ihnen nahestehenden Personen zu vernetzen. Leider kommt Path nicht richtig aus dem Knick, was die Akquisition neuer Mitglieder betrifft. Sechs Millionen sollen es momentan sein. In Folge eines Auftritts von Path-Gründer Dave Morin bei der DLD-Konferenz in München vor wenigen Tagen berichteten einige führende deutsche Nachrichtenportale über das US-Startup, was dem Dienst im Idealfall in Deutschland etwas Antrieb verleihen könnte.

Grundsätzlich glaube ich an die Idee eines "persönlicheren" sozialen Netzwerks, sehe aber auch, dass der Durchschnittsnutzer einfach keine Lust mehr hat, bei einem weiteren Service mit der Vernetzung wieder von vorne zu beginnen. Facebook Friends könnte die Vorteile von Path bieten, ohne dass User mühsam ihre Kontakte einladen müssen. Auch wäre es eine Abwehrmaßnahme gegen die bommenden mobilen Messenger wie WhatsApp, Line oder das gerade in den USA initiierte Just.me. Denn derartige, für die mobile Nutzung ausgelegte Apps bieten immer eine Kombination aus Chatwerkzeugen und den wichtigsten Elementen klassischer sozialer Netzwerke.

Schon mehrfach haben wir erläutert, wieso nicht Facebook.com oder die primäre Facebook-App das Kernprodukt des Unternehmens darstellt. Stattdessen ist es die Vernetzung von einer Milliarde Menschen über die Facebook-Plattform, die als Herzstück des US-Konzerns gesehen werden muss. Ob Anwender sich die meiste Zeit auf Facebook.com aufhalten, Facebooks Standard-Mobil-App nutzen, bei Instagram Fotos anschauen, Open-Graph-Drittanbieter nutzen oder aber in der von mir vorgeschlagenen "Facebook Friends"-Anwendung mit ihren besten Freunden interagieren, spielt am Ende keine Rolle. Entscheidend ist aus Sicht von Facebook lediglich, dass von Nutzern Aktivitätsdaten generiert werden, und dass sie sich mit personalisierter Werbung erreichen lassen.

Die eingangs erwähnte Studie sollte Facebook wachrütteln: Die von den Studienteilnehmern beschriebenen Gefühle stellen keine gute Grundlage für ein nachhaltiges, profitables Wirtschaften dar. Auch wenn eine dezidierte Freunde-App zu einer verringerten Nutzung von Facebook.com und damit zu einer verminderten Interaktion zwischen losen Bekannten führen könnte, so würde der Dienst auf diese Weise sicherstellen, dass sich Neid, Missgunst und Irritation mancher Mitglieder beim Blick in ihren Newsfeed nicht in eine grundsätzlichen Ablehnung des sozialen Netzwerks wandeln. Denn völlig immun gegen eine Abkehr der Nutzer von der Plattform sind die Kalifornier trotz aller Lock-In-Effekte nicht.

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