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02.04.14

Facebook: Der größte schlechte Kompromiss der Internetgeschichte

Facebook hat ein unglaublich kompliziertes, kaum noch zu handhabendes Spannungsfeld aus Interessen der unterschiedlichen Plattformteilnehmer geschaffen. Das Resultat sind dauerhaft schlechte Kompromisse. Lange kann das nicht gut gehen.

FacebookWie so oft zuvor hat Facebook wieder einmal den Unmut eines Unternehmens hervorgerufen, das sich auf der Plattform benachteiligt fühlt. Der US-Speisenvermittler Eat24 echauffiert sich darüber, dass seit den jüngsten Änderungen am Algorithmus des Newsfeeds weniger Eat24-Fans die Beiträge des Unternehmens in ihren Streams zu sehen bekommen. Als ich die Berichte dazu laß, mich an zurückliegende Konflikte zwischen bei dem sozialen Netzwerk präsenten Firmen und Facebook erinnerte und dann auf die (treffende) Feststellung von Mathew Ingram stieß, dass Facebook sich permanent in einem Spannungsfeld aus Steuerung gemäß Instruktionen der Nutzer, Relevanzbestrebungen und der Berücksichtigung der Interessen von Werbekunden befinde, wirkte die gesamte Situation auf mich plötzlich unheimlich absurd: Facebook existiert einzig und allein deshalb, weil seine Mitglieder das Bedürfnis hatten, sich mit ihren Freunden und Angehörigen online zu vernetzen und auszutauschen. Aber was ist daraus geworden? Ein Ort, an dem individuelle Kommunikationsbedürfnisse der Nutzer; beliebige, oft kommerzielle Interessen von Seitenbetreibern, ROI-Vorstellungen von Werbekunden sowie Gewinnziele von Facebook und seinen Anteilseignern heftig kollidieren. Dass dabei nicht alle Parteien gleichermaßen bekommen, was sie erwarten, und anschließend auf die Barrikaden gehen, ist angesichts der komplizierten Abhängigkeitsverhältnisse und Interessenkonflikte programmiert. Facebook, so wie wir es heute sehen, ist der Versuch eines Kompromisses von monumentalen Ausmaßen. Doch die verschiedenen Positionen, die berücksichtigt werden wollen, sind nicht gleichberechtigt. Im Notfall muss das Social Network das eigene wirtschaftliche Fortbestehen über alle anderen Anforderungen und Prinzipien stellen. Ein Kompromiss auf einem derartig schiefen Fundament kann kaum funktionieren. Irgendwann bricht alles zusammen.

Der kometenhafte Aufstieg von WhatsApp ist ein Ergebnis dieses nicht ausbalancierten Kompromisses: User sehnten sich nach einer simplen Kommunikationsplattform, bei der nichts und niemand sich zwischen sie und ihre Freunde stellt. Der Smartphone-Messenger hat Millionen Nutzern einen großen Gefallen damit getan, sie gar nicht erst in die Versuchung zu bringen, sich mit Firmen, Marken und Prominenten zu vernetzen. Denn diese Elemente schaffen über kurz oder lang die Zwänge zu problembehafteten Kompromissen, die dann zu den von allen Parteien als unangenehm empfundenen Spannungen führen, mit denen sich Facebook herumplagen muss.

Mit der Übernahme von WhatsApp braucht sich Facebook zwar keine Sorgen mehr darüber machen, dass sich ein Wettbewerber den Messenger einverleiben könnte. Die vielleicht größte Herausforderung für das Unternehmen bleibt aber so aktuell wie zuvor: Das Geschäftsmodell so zu verändern, dass die eigentlich wichtigste aller Teilnehmergruppen - die Anwender von Facebook - nicht mehr den großen Verlierer dieses Spannungsfeldes darstellt. Insofern könnte eine Schlussfolgerung lauten: Je mehr und lauter sich Seitenbetreiber und Werbekunden beschweren, dass sie nicht gehört und gesehen werden, desto besser für die User. Natürlich ist es am Ende nicht so einfach. Genau darin liegt Facebooks Problem. /mw

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