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22.12.08

Facebook-Applikationen und Facebook Connect ergänzen sich gegenseitig

Social Networks sind Datenbanken von Beziehungsgeflechten, auch Social Graph genannt. Der Erfolg von Social Networks wird in einer Verbindung der Öffnung dieser Daten für Drittanbieter gleichzeitig nach innen (Applikationen auf der Plattform) und nach außen (Programme wie Facebook Connect) liegen.

Beispielhafte Visualisierung eines Social Graphs: Beziehungsgeflecht einer Interessensgruppe auf einem Social Network

Die folgenden Überlegungen beziehen sich zwar auf Facebook, können aber auf alle sich zur Plattform entwickelnden Social Networks übertragen werden.

Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf die Facebook-Plattform und ihre Dynamiken zu werfen, denn nicht nur ist Facebook mit aktuell über 130 140 Millionen aktiven Mitgliedern und 600.000 neuen Usern pro Tag (!) die größte Plattform ihrer Art. Die Plattform von Facebook ist außerdem die heute technisch und konzeptionell ausgereifteste Social-Networking-Plattform.

 

Ist die Ära der Facebook-Applikationen vorbei? Jein.

Martin hat sich vor einigen Tagen die Situation der Facebook-Applikationen angeschaut und kam zu dem Schluss :

Als ich heute nach langer Zeit wieder einmal die Einladung zu einer Facebook-Applikation erhielt, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die Ära der Facebook-Plattform ist vorbei. In den letzten Monaten konnte kaum noch eine App meine Aufmerksamkeit erhaschen, dabei halte ich mich täglich bei Facebook auf.

[..]

Anderthalb Jahre [nach dem Start der Facebook-Plattform] übernimmt nun ein anderes Facebook-Projekt die Funktion als neuer Hoffnungsträger für das Unternehmen aus Kalifornien: Facebook Connect. Damit können beliebige externe Sites Facebook-Features integrieren und von der viralen Kraft des populären Netzwerkes profitieren.

Tatsächlich lohnt sich ein Schritt zurück, um zu begreifen, warum die Applikationen auf der Facebook-Plattform bis jetzt keine Killerapplikation hervorgebracht haben und wie genau die künftigen Dynamiken zwischen Applikationen und Facebook Connect aussehen werden.

Die neue Datenform Social Graph

Social Networks sind Datenbanken von Beziehungsgeflechten zwischen Personen. Sie basieren auf zwischenmenschlichen Beziehungen, die von den Nutzern auf den Plattformen abgebildet werden.

Diese Beziehungsgeflechte werden recht technisch und ein bisschen umständlich als Social Graph bezeichnet. Der Social Graph ist eine völlig neue Datenform, die es so vor ein paar Jahren noch nicht gegeben hat.

Was kann man mit diesen Social-Graph-Daten nun machen? Alle Social Networks bieten von haus aus die üblichen Grundfunktionen an: Fotos mit den Freunden tauschen, gegenseitig private und öffentliche Nachrichten schicken, die eigenen Freunde auf dem Profil anzeigen und weitere Grundfunktionen.

Das sind bereits Funktionen, die über den Social Graph funktionieren: Ich kann in fast jedem Netzwerk Einstellungen vornehmen, dass etwa nur meine Freunde meine Fotos sehen können.

Was Facebook vor anderthalb Jahren gemacht hat, ist, als erste diese Daten externen Entwicklern zur Verfügung zu stellen.

Man muss sich den Social Graph wie MP3s vorstellen und die Applikationen wie Musikplayer, die auf dem Betriebssystem "Social Network xy" laufen.

Wie ich oben schon erwähnte, ist die Datenform Social Graph völlig neu. Es überrascht zwar in "unserer schnelllebigen Zeit", dass es noch keine wirklich sinnvollen und damit erfolgreichen Applikationen dafür entwickelt wurden, aber wenn man darüber nachdenkt, ist es nicht verwunderlich. Es weiß noch niemand so recht, was man mit diesen Daten anstellen kann, um den Usern ein nützliches Angebot zu machen, das mehr bringt als die einzelnen Zusatzfunktionen, die die aktuellen Applikationen bieten.

Man kann hier zwar etwa erfolgreiche Spiele, wie Scrabulous, oder die Onlinepoker- und Schachapplikationen anführen, aber alle diese Beispiele bieten nur eine Zusatzfunktion. Eine wichtige Funktion sicherlich, aber eben keine, die die Bezeichnung Killerapplikation rechtfertigen würde. (Sie nutzen den Social Graph auch nicht über das simple "Man muss sich nicht erst extra dafür anmelden" hinaus.)

Der Denkfehler bei der ersten Iteration der Plattform

Auch Facebook saß, im Nachhinein betrachtet, einem Denkfehler auf: Man glaubte, dass das Angebot, den Social Graph anzapfen zu können, reicht, um darauf ein Ökosystem innerhalb des Netzwerkes aufzubauen.

Das Angebot, den Social Graph nur innerhalb von Facebook nutzen zu können, führte zu mehreren suboptimalen Aspekten:

1. Jeder, der etwas anbieten will, muss eine separate Applikation bauen und diese auf Facebook aktuell halten und vermarkten. Selbst wenn man eine voll funktionsfähige und bereits erfolgreich vermarktete Webpräsenz im Angebot hat. Nutzung des Social Graphs war daran gebunden, ihn in Facebook zu nutzen.

2. Alle Aktionen finden direkt auf Facebook statt, fast immer ausgeschlossen vom Rest der Web-Welt. Ein Senden der Aktionen nach draußen auf die den Apps zugrundeliegenden Sites ist für User weniger nachvollziehbar als umgedreht. Somit geschehen fast alle Aktionen auf Facebook unter Ausschluss des übrigen Webs. Nicht umsonst sprechen in den USA einige in Bezug auf Facebook vom schwarzen Loch des Internets.

3. Facebook und seinem enorm wichtigen Newsfeed, der alle Aktivitäten abbilden soll, geht ein gehöriger Teil der Web-Aktivitäten flöten. Nämlich alles, was außerhalb von Facebook stattfindet. Importfunktionen gab es nur über den Umweg der Applikationen.

4. Long Tail und Social Network stehen sich diametral gegenüber. Wer mit seiner Applikation auf viele Nutzer zielt, ist entweder ganz oben oder hat ein Problem:

Long Tail und Social Networks

Überall, wo der Netzwerkeffekt zum Tragen kommt, muss der Long Tail dünner ausfallen. Die weitverbreiteten Objekte werden immer noch besser dastehen.

Genau das ist der Netzwerkeffekt: Je mehr, desto mehr. Da die Mehrzahl der Applikationen vom Social Graph direkt leben, war es nur logisch, dass sehr wenige Applikationen sehr groß werden, während der große Rest ein Schattendasein fristet (Wobei nicht gesagt ist, dass dieses Schattendasein in jedem Fall unlukrativ sein muss. Eher das Gegenteil wird der Fall sein.).

Social Networks sind Webdienste, die nur aufgrund des Netzwerkeffekts existieren. Sie sind in vielerlei Hinsicht die Antidote zum Long Tail.

Deshalb überrascht nicht, was Martin über die Verbreitung der Applikationen schreibt:

Nur rund 400 Applikationen können sich über mehr als 100.000 monatliche Benutzer freuen - weniger als ein Prozent aller Apps. Rund zehn Prozent liegen über einer monatlichen Nutzerzahl von 2.500. Das bedeutet, dass 90 Prozent aller Anwendungen so gut wie überhaupt keinen Zuspruch finden.

Einmal abgesehen davon, dass der Long Tail immer flach ist, große Hits nicht ausschließt und sich 'nur' dadurch auszeichnet, dass er im Web eben länger, also longer, ist, weil dort die Distribution von Nischenangeboten effizienter als in der analogen Welt möglich ist:

Das ist die Schattenseite des Viraleffekts des Newsfeeds. Er verstärkt die Gewinner nicht nur, sondern lässt damit auch gleichzeitg jeden zurück, der nicht sofort ganz vorn dabei ist: Weil der Zweite( und der Dritte usw.) im Rattenrennen des gleichen Applikationenbereichs je stärker im Nachteil ist, desto mehr Vorsprung der Erste hat. Denn der Erste kann im Idealfall mit mehr Usern, jedem User mehr Nutzen bieten. Wo es Gewinner gibt, gibt es immer auch Verlierer.

Denn dazu kommt noch, dass der Tag nur 24 Stunden, jeder Monitor nur so und so viel Zoll Platz für das Anzeigen des Profils hat und generell nicht jeder Nutzer jede Applikation gebrauchen kann:

Des Weiteren möchte ich darauf hinweisen, daß niemand auch nur im Ansatz alle Applikationen nutzt, die es für Windows, OS X oder Linux gibt, das wird auch immer fröhlich so bleiben

Die Analogie zu Betriebssystemen und deren Programme habe ich auch schon oft gebracht. Die sollte man bei den Dynamiken rund um die Social-Network-Plattformen nie vergessen.

Es ist kein Zeichen von Plattformversagen, wenn nicht alle Applikationen einer Plattform genutzt werden. Nicht einmal wenn nur ein geringer Prozentsatz an Programmen von wirklich vielen Leuten genutzt wird. Denn sonst hätte jedes bisher existierende Betriebssystem versagt.

 

Facebook Connect und Applikationen: Draußen wie drinnen

Mit dem Start von Facebook Connect ändert sich nun einiges:

1. Der Netzwerkeffekt muss nicht mehr ausschließlich über den Social Graph von Facebook entstehen. Im Gegenteil, mit Facebook Connect sieht der künftige Regelfall so aus: Erstmal läuft die Site für sich allein, und kann zusätzlich vom Facebookschen Beziehungsgeflecht und seinem Newsfeed profitieren.

Eine an die eigene Site gekoppelte Applikation war für Facebooknutzer nur sinnvoll, wenn die anderen Facebookfreunde diese Applikation ebenfalls installierten. Unabhängig davon, ob sie alle bereits auf der ursprünglichen Site angemeldet waren oder nicht. Das ändert sich jetzt.

2. Wer bereits eine Site betreibt, bei der Vermarktung und Usability stimmt, musste beides zum Teil aufgeben, um über eine Applikation an den Social Graph auf Facebook zu gelangen. Das ist mit Facebook Connect nicht mehr der Fall.

Die auf der Facebook-Plattform laufenden Applikationen selbst werden deswegen aber nicht obsolet:

Sie können zum Beispiel die über FB Connect getätigten Aktivitäten unterstützen. Wer eine Site über Facebook Connect besonders oft benutzt, kann vielleicht einen Zusatznutzen daraus ziehen, auch die zusätzlich angebotene Applikation zu installieren.

Applikationen können dann zum Organisieren der über Facebook entstandenen Metaebene dienen.

Ein primitives Beispiel:

  • Das Techblog TechCrunch bietet die Möglichkeit an, Kommentare über Facebook Connect mit dem Facebook-Profil zu verbinden.
  • Eine Techcrunch-Applikation könnte jetzt alle Techcrunch-Posts aggregieren, auf denen die Facebook-Freunde kommentiert haben. Man könnte sich die unter den Freunden populärsten Artikel anzeigen lassen und mehr.
  • Möglich wäre es auch für einen App-Entwickler, hier eine Whitelabel-Lösung für alle Publisher anzubieten, die wie TechCrunch Facebook Connect für ihre Kommentare einsetzen.

In dieser Verzahnung von Aktivitäten außerhalb wie innerhalb der Netzwerk-Plattform selbst liegt die Zukunft der Social Networks. Hier liegt auch das künftige Geschäftsmodell.

Was wir hier sehen, predige ich seit geraumer Zeit. Social Networks werden:

Infrastrukturanbieter für alles, was auf der Grundlage des Social Graphs möglich ist.

Das Ziel muss dabei sein, das Anzapfen der Freundesbeziehungen sowohl innerhalb wie außerhalb der eigentlichen sozialen Plattform zu ermöglichen. Nur so kann der Drittanbieter die für sich selbst optimale Lösung finden.

Fazit

Social Networks wie Facebook sind Datenbanken einer neuen Datenform: dem Social Graph. Auf diesen bauen die für diese Plattformen geschriebenen Applikationen auf. Die Applikationen stehen zum Social Graph etwa wie Musikplayer zu MP3-Dateien.

Dass nur wenige für die Facebook-Plattform geschriebenen Applikationen zu Hits wurden, liegt in der Natur der Sache. Wer auf den Social Graph setzt, ist dem Netzwerkeffekt ausgeliefert. Im Guten, wie im Bösen.

Dass die nur nach innen gerichtete Plattform bis heute nicht richtig funktioniert hat, hat mehrere Gründe:

  • Die Social-Graph-Datenbasis ist neu, der Umgang mit ihr noch weitgehend unklar.

  • Applikationen, die nur auf der Plattform stattfinden und den dortigen Social Graph nutzen, konkurrieren untereinander. Das selbst dann, wenn in der Regel bereits bestehende Beziehungen auf den mit den Applikationen gekoppelten externen Sites bestehen. Diese werden nicht mit genutzt, da die dortigen Aktivitäten in der Regel ausgeklammert werden oder zumindest in keiner Wechselbeziehung stehen konnten.

  • Aktivitäten auf den Applikationen blieben in der Regel innerhalb der Facebook-Plattform hängen.

  • Der Aufwand der Erstellung und Instandhaltung einer eigenständigen Applikation ist nicht unbedingt gerechtfertigt, um ab und an einen begehrten Eintrag im Newsfeed zu ergattern. Wer die Applikation selbst vermarkten will, muss das zusätzlich zur Vermarktung der eigenen Webpräsenz machen.

  • Die Nutzung der Applikationen hat auch nicht unbedingt die gleiche Usability-Qualität wie die ausgewachsenen Sites. Wer bereits eine Site betreibt, bei der Vermarktung und Usability stimmt, musste beide für die Applikation aufgeben, um über diese an den Social Graph auf Facebook zu gelangen.

Das alles bedeutet nicht, dass eine Nur-Applikation-Strategie sowohl für Social-Network-Anbieter wie auch für Drittanbieter ohne Erfolg bleiben muss.

Es zeigt nur die Unzulänglichkeiten, die diese Strategie zumindest für den Netzwerkanbieter mitbringt, der ein starkes Ökosystem rund um sein Angebot aufbauen will. Erfolgversprechender weil attraktiver scheint der nun eingeschlagene Weg von Facebook. Zumindest aber wird er schneller zum Erfolg führen, da die Anreizsysteme für die Drittanbieter jetzt bedeutend besser aussehen.

Facebook Connect verbindet die Netzwerk-Plattform jetzt mit der Welt außerhalb von Facebook. Facebook Connect ersetzt dabei nicht die Applikationen, sondern ergänzt sich mit diesen. Macht diese vielleicht sogar erst als Ergänzungen zum Connect-Erlebnis wirklich sinnvoll.

Die Applikationen sind tot, lang leben die Applikationen.

(Bild: Matmorrison)

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