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20.11.12

Social Web: Wir brauchen eine echte Facebook-Alternative

Facebook ist erfolgreich, aber es ist zugleich alles andere als frei und offen. Gegenentwürfe zu diesem Modell haben sich bislang nie durchsetzen können, weil ihnen die Unterstützung gefehlt hat. Hier wäre vor allem ein Unternehmen prädestiniert: Google.

Mark Zuckerberg und seine Mission in Berlin 2008.Mit 1 Milliarde Nutzern, die wenigstens einmal im Monat in irgendeiner Form mit Facebook interagieren, ist das Social Network unbestritten eine Macht. Und die soll logischerweise auch Geld einbringen. Deshalb sollen nach Facebooks Vorstellungen Unternehmen im Zweifel bezahlen, um die eigenen Facebook-Fans zu erreichen. Zugleich muss man auf der Startseite die Inhalte der Freunde so manches Mal mit der Lupe suchen – verdrängt von jeder Menge Werbung. Darüber hinaus gibt es auf Facebook kaum Freiheiten, sondern hauptsächlich Regeln. Was ich wie veröffentlichen kann und darf, bestimmt Facebook. Wer stattdessen einmal die Freiheit des offenen Web geschmeckt hat, kann sich da nur eingesperrt fühlen. Und nicht nur die Nutzer, auch die Inhalte sind bei Facebook weitgehend eingesperrt. Entschließe ich mich, meinen Account zu löschen, verliere ich viel von dem, was bis dahin entstanden ist. Zwar gibt es Exportfunktionen, aber es gibt keinen Standard, aufgrund dessen ich die so exportierten Daten andernorts importieren könnte. So kann ich zwar meine Bilder von Facebook retten, aber ich verliere alle Kommentare – und die sind es letztlich, die den Nutzern oft besonders wertvoll sind.

Diverse Anläufe für einen Social-Standard

Dieses Problem ist nicht neu und deshalb gab es auch schon diverse Ansätze und Anläufe, den Nutzern neben den Standards für Web und E-Mail auch welche für Social zu schenken. Offene Standards haben schließlich erst das Web ermöglicht, auf dessen Grundlage Facebook arbeitet. Sie sorgen dafür, dass ich mit einem Browser im Prinzip alle Websites abrufen kann, unabhängig vom Hoster oder meinem Internetanbieter. Und auch dass man jedem E-Mail-Nutzer Nachrichten schicken kann, egal welche Dienstleister auf beiden Seiten genutzt werden, ist nicht so selbstverständlich, wie es uns heute scheint. Im Social Web hingegen akzeptieren die Menschen noch, dass Social Networks wie Facebook Inseln sind, die mit nichts anderem zusammenarbeiten.

Versuche für Alternativen wie Diaspora haben sich bislang nie durchsetzen können. Denn bei aller Begeisterung für die wichtige Grundidee, das Social Web aus den Klauen von Facebook & Co. zu befreien, braucht es doch ein Schwungrad, um die Entwicklung voranzutreiben. Und nicht zuletzt braucht es Geld.

Für dieses Schwungrad gäbe es einen Kandidaten, der geradezu auf der Hand liegt: Google. Dieses Unternehmen hat die Marktmacht, die Ingenieure und auch das passende Interesse an einer solchen Lösung. Zudem hat Google mit Android bereits erreicht, was die Linux-Community vorher allein nie erreicht hat: ein offenes Betriebssystem für Smartphones am Markt zu etablieren. Und Android ist nicht nur etabliert, es hat den Markt komplett umgekrempelt und erobert.

Google macht es derzeit nicht viel anders als Facebook

Google wäre das Unternehmen, das einen offenen und freien Standard für dezentrales Social Networking etablieren und vorantreiben könnte. Stattdessen hat es sich beim hauseigenen Google+ aber anders entschieden. Zwar verfolgt Google dabei in Teilen einen anderen Ansatz als Facebook und kann Google+ vor allem noch lange Zeit werbefrei halten. Aber an sich ist Google+ ähnlich abgeschlossen wie Facebook. Es gibt die Data Liberation Front innerhalb des Internetriesen, nur ist der Export von Daten zwar ein löbliches Feature, aber wie schon erwähnt kein Ersatz für einen freien und offenen Standard.

Mit Android hat sich Google seinen Platz im Mobile Web gesichert. Das Unternehmen sah hier die Gefahr, in diesem wichtigen Zukunftsfeld von den diversen Playern der Mobilfunkindustrie abhängig zu werden. Zugleich ist dabei ein leistungsfähiges Mobilbetriebssystem entstanden, das quelloffenen ist und somit jedem zur Verfügung steht.

Bei Google+ hingegen ist das Unternehmen nicht diesen Weg gegangen, was nicht nur dem eigenen Marketing widerspricht, sondern vor allem eine wichtige Chance auslässt: Den Menschen ein freies und offenen Social Web zu schenken – und ganz nebenbei geschlossenen Angeboten wie Facebook in die Parade zu fahren.

Wo die Vorteile lägen

Ein offener Standard würde zahllose Social Networks ermöglichen, die alle untereinander kommunizieren könnten und daher an sich ein großes Netz darstellen. Es ließe sich für den Anfang eine Allianz schmieden, wie sie Google auch für Android mit den Handyherstellern aufgebaut hat.

Und auch wenn sich ebenso wie bei Android die Frage nach der Refinanzierung stellt: Wichtig wäre für Google, Facebooks Wachstum etwas entgegenzustellen. Zugleich würden die eigenen Position und die von Google+ gestärkt.

Natürlich ist auch Google kein Wohlfahrtsverband und man kann mit Recht skeptisch sein, ob man diesem mächtigen Unternehmen noch mehr Macht wünschen möchte . Ein offener Standard aber wäre etwas, von dem wir alle profitieren könnten.

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