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05.06.12Leser-Kommentar

Facebook-Aktie im Sinkflug: Willkommene Abkühlung

Der Sinkflug der Facebook-Aktie beschädigt das ohnehin stark angeschlagene Vertrauen der Anleger in Internetfirmen. Startups müssen sich in Folge dessen auf niedrigere Bewertungen und kleinere Investments einstellen.

Seit dem Börsengang vom 18. Mai hat Facebooks Aktie über 35 Prozent ihres Wertes verloren. Gestartet bei 42 Dollar, schloss der Titel am Montag wie an den meisten Handelstagen zuvor abermals mit einem neuen Niedrigstkurs. 26,90 Dollar werden nun für Aktie des sozialen Netzwerks fällig. Während die negative Entwicklung der letzten Wochen signalisiert, dass Facebooks Investoren und Anteilseigner für sich das Maximale aus dem Gang auf das NASDAQ-Parkett herausgeholt haben, zerstört die kontinuierlich nachlassende Nachfrage die Hoffnungen auf einen sich weiter verstärkenden Boom der Onlinewirtschaft. Weil Anleger die Facebook-Aktie links liegen lassen, haben mit dem Reiseportal Kayak und dem russischen Social Network Vkontakte bereits zwei Onlinefirmen ihren geplanten Börsengang vorerst auf Eis gelegt. Zu groß sind die Befürchtungen, die miserable Performance von Facebook am New Yorker Aktienmarkt könnte eine neue grundsätzliche Skepsis gegenüber IPOs von Firmen aus dem Internetsektor verursachen. Etwa ein Jahr, nachdem das Business Network LinkedIn mit seinem Börsengang der von der Finanzkrise und alten Dotcom-Zeiten verunsicherten Branche signalisierte, dass sich ein Exit am Aktienmarkt wieder lohnen könnte, scheint sich das IPO-Fenster schon wieder halb zu schließen - zumindest so lange, wie sich der Kurs von Facebook nicht wieder in erträglichere Gefilde bewegt. Zumal mit Groupon auch ein anderer prominenter Börsenneuling aus dem Netz neue Tiefststände ertragen muss.

Und was bedeuten diese Geschehnisse für Startups? Nun, einerseits macht Facebooks Börsengang viele Mitarbeiter des sozialen Netzwerks zu potenziellen Millionären (abhängig davon, wo sich der Kurs nach dem Ende der üblicherweise halbjährlichen Sperrfrist befindet), und dieses Kapital wird mittelfristig in Form von Angel- und Seed-Kapital in junge Startups und damit zurück in die Internetindustrie fließen. Doch gleichzeitig verunsichert die Talfahrt der Facebook-Aktie einschlägige Venture-Kapital-Unternehmen und Startup-Investoren. Denn neben Akquisitionen gehören für sie Börsengänge zu den wichtigsten Wegen, um ihr in aufstrebende Onlinefirmen gepumptes Geld zusammen mit einer schönen Rendite wieder einzuspielen. Verdüstern sich für Startups die Aussichten auf einen Exit am Aktienmarkt in Folge einer ablehnenden Haltung der Anleger, verringert sich die Bereitschaft der VCs zu größeren Finanzierungsrunden. Genau solche gab es in den letzten zwei Jahren in den USA oft zu bewundern. In der Erwartung eines gelungenen Facebook-IPO mit entsprechend hervorragenden Folgeerscheinungen für weitere Börsendebüts saß das Kapital bei VCs, Business Angels und Inkubatoren im Silicon Valley locker.

Y Combinator warnt Startups vor schlechteren Zeiten

Doch diese Zeiten könnten erst einmal vorbei sein. So muss eine E-Mail des wichtigsten kalifornischen Inkubators Y Combinator (YC) an sämtliche partizipierenden Startups gedeutet werden. Darin bereitet YC-Chef Paul Graham die jungen Web- und Mobile-Firmen unter dem Dach von YC auf deutlich zurückhaltendere Kapitalspritzen durch VCs vor. Startups, die noch kein Kapital eingesammelt haben, müssen ihre Ansprüche an die Menge deutlich senken. Solche Unternehmen, die bereits eine Finanzierung erhalten haben, könnten in der nächsten Runde gezwungen sein, eine erheblich niedrigere Bewertung zu akzeptieren, so Graham. "Die beste Lösung ist es, kein Geld zu benötigen. Je weniger ihr auf Investorengeld angewiesen seid, desto mehr werden Investoren euch mögen und desto weniger anfällig seid ihr für die Konsequenzen negativer Entwicklungen am Aktienmarkt", so der Ratschlag des Experten an die Gründer.

Durch Mega-Finanzierungen verwöhnte Webbranche

Den Webfirmen von der US-Westküste wird diese Prophezeiung von Startup-Guru Graham nicht schmecken. Immerhin haben sie sich in den letzten Jahren an rasant steigende Bewertungen und Mammut-Finanzierungsrunden gewöhnt. Erst kürzlich konnte sich Pinterest über 100 Millionen Dollar frisches Kapital freuen. Der visuelle Bookmarkingdienst wird damit mit 1,5 Milliarden Dollar bewertet. Evernote, das beliebte Onlinenotizbuch mit rund 27 Millionen Nutzern, sammelte kurz zuvor 70 Millionen Dollar ein - bei einer Bewertung von einer Milliarde Dollar. In Erinnerung sind auch noch die Kapitalspritzen für Dropbox (satte 250 Millionen Dollar), Spotify (100 Millionen Dollar) oder Airbnb (112 Millionen Dollar).

Sofern das ohnehin angeschlagene Vertrauen der Anleger in Technologietitel durch einen dauerhaft schwachen Facebook-Kurs nachhaltig beschädigt wird, verschlechtern sich damit die Exit-Optionen der meisten Onlinefirmen. VC-Runden im dreistelligen Millionenbereich könnten damit in nächster Zeit eine Seltenheit werden, genauso wie manche bisher an der US-Westküste üblichen, leichtfertigen, kaum hinterfragten Investments in frisch gegründete Internetunternehmen.

Auf Beobachter ohne direkte finanzielle Interessen am Branchengeschehen mag das großzügige Verteilen von Venturekapital der letzten Zeit ohnehin befremdlich gewirkt haben. Künftig werden sie vielleicht weniger Gelegenheit bekommen, das berüchtigte B-Wort ("Blase") in den Mund zu nehmen. Die Ernüchterung über Facebooks Debüt an der Börse sorgt für eine Abkühlung in der bisweilen euphorisierten Webwirtschaft . Wie lange dies anhält, wie einschneidend sie ausfällt und wie gerechtfertigt sie in der Rückblende wirken wird, ist momentan unklar. Dass sie eines Tages kommen würde, war dagegen offensichtlich. Besser jetzt und im Idealfall sanft, als in zwei Jahren auf schmerzhaftere Weise.

Kommentare

  • synonymik

    06.06.12 (14:15:14)

    Das Problem liegt nicht am Internetbereich (Internetfirmen) an sich, sondern lediglich an die übertriebenen Wunschvorstellungen vieler Finanzierungsfirmen, etc... Das da immer schon Millionen zum Fenster rausgeworfen wurde, ist doch klar und das wird sich auch nie ändern, da die Gier möglichst schnell viel Geld zu machen, einfach enorm gross ist. Drum heisst es auch Risikokapital. Ich sehe die derartige Haltung einiger Internetfirmen, nur als klare bestätigung was sich bei Facebook derzeit abspielt, man hat Facebook seit Jahren künstlich hochgepusht (von wegen 900 Millionen Nutzer) und nun nach dem Börsegang ordentlich abkassiert. Da es auch hier wieder sehr viele dumme Anleger gibt, die der Meinung sind das dies ein grossartiges Geschäft sei. Ich denke das seriöse Internetfirmen sich von dieser Facebook Pleite nicht anstecken sollten und trotzdem ihr IPO machen. Aber da sich nun wieder einige zurückziehen, sieht man klar, die Angst die hinter dem eigenen aufgepushten Geschäft steckt, insofern nur eben eine Bestätigung das viele dieser und in Zukunft stattfindenen Börsegänge eher ein abkassieren im legalen und grossen Stil ist, als das es Fundamentale Daten dazu gibt, die einen derartigen Preis rechtfertigen. Facebook hätte am besten mit 5 Dollar an die Börse gehen sollen, denn mehr sind sie aktuell nicht Wert. http://experimentiert.com/internet/finger-weg-von-facebook-aktien.html

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