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25.09.14Leser-Kommentare

Experimente von BBC und SRF: Medienanbieter verwandeln WhatsApp in einen Quasi-RSS-Reader

Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) und andere testen die Eignung von WhatsApp als Distributionskanal für Nachrichten. Damit greifen sie den Grundgedanken des von der Masse der User verschmähten RSS-Formats auf.

RSS ist ein unglaublich tolles Format, um Online-Inhalte in einer hocheffizienten Form zu abonnieren. Doch obwohl es mindestens ein paar Millionen Nutzer mit besonderen Informationsbedürfnissen gibt, die seit jeher die Vorteile des Konsums von RSS-Feeds schätzen, hat sich das Format bei Endanwendern nie auf breiter Front durchsetzen können. Diese Tatsache bewog im vergangenen Jahr schließlich Google dazu, seinen legendären RSS-Reader abzuschalten.

Die Möglichkeiten für User, die von nahezu sämtlichen Nachrichtenportalen und Blogs bereitgestellten RSS-Feeds zu abonnieren, waren damit zwar nicht verschwunden - im Gegenteil führte das Ende des Google Reader dazu, dass diverse andere ähnliche Tools ihre Chance sahen, eine Lücke zu füllen. Doch wirklich von der Stelle bewegt hat sich das Format auch nicht. Unterdessen gehen immer mehr Sites dazu über, ihre vormals in voller Länge ausgelieferten RSS-Feeds zu kürzen. Das Kuriose ist, dass die fehlende Begeisterung der Masse für RSS nicht aufgrund von Schwächen der Grundidee des feedbasierten Folgens von aktiv ausgewählten Informationsquellen gescheitert ist. Denn dieses Vorgehen hat sich bei zahlreichen erfolgreichen Social-Media- und Webdiensten etabliert, allen voran natürlich bei Facebook (wo allerdings algorithmisch nach Relevanz sortiert wird) und bei Twitter (wo der echtzeitbasierte Stream-Charakter dafür sorgt, dass abonnierte Inhalte schnell im Rauschen untergehen).

Während schon die Tatsache, dass der im Social Web allgegenwärtige Follow-Button so gut bei der Öffentlichkeit ankommt, das offene, nicht proprietäre RSS-Prinzip aber nie über einen kleinen Kreis an Anhängern hinauskam, eine bittere Pille für RSS-Sympathisanten darstellen kann, kommt es nun ganz dicke: Erste Nachrichtenorganisationen experimentieren nämlich mit der Auslieferung von Inhalten per WhatsApp - und machen damit genau das, wofür RSS immer gedacht war.

Nach der BBC, die den Messenger bei den im Sommer abgehaltenen Wahlen in Indien zur Newsverbreitung für interessierte Anwender nutzte, sowie dem britischen Nachrichtenkanal Channel 4, der per WhatsApp über das schottische Unabhängigkeitsreferendum informierteexperimentiert nun auch das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) mit der App als Distributionskanal für Nachrichten. WhatsApp-Anwender, welche die Mobil-Funk-Nummer von SRF News in ihren Kontakten speichern und eine Nachricht per WhatsApp schicken, erhalten am 28. September Updates zu den nationalen Abstimmungen. Wer sich im Laufe dieses Tages doch davon genervt fühlt, kann entweder den Kontakt löschen oder per Text «Stop SRF News» die Auslieferung unterbinden.

Auch wenn der beschriebene Aufwand für das Abo in einem hypothetischen Szenario, in dem immer mehr Portale und Nachrichtenangebote Meldungen per Chat-App verbreiten, für User ziemlich unerfreulich wäre, gibt es Grund zur der Annahme, dass die Aktionen von BBC und SRF nicht die letzten ihrer Art bleiben werden. Denn das ungebrochene Wachstum von WhatsApp mit seinen jetzt über 600 Millionen aktiven Anwendern sowie jüngste Ergebnisse einer Studie, die eine Verlagerung der öffentlichen Sharing-Aktivitäten bei Facebook hin zum privatem Teilen von Informationen über Messenger-Anwendungen erkannte, implizieren, dass User tatsächlich ein Interesse daran haben könnten, mehr als nur Chat-Nachrichten über WhatsApp, Messenger und Co zu erhalten.

Wer sich ein wenig mit dem Konsum von RSS-Feeds auskennt, dem werden die Parallelen nicht entgangen sein. Im Prinzip funktionieren die Schweizer WhatsApp in einen RSS-Reader um - nur dass dieser nicht so benannt wird, und dass verbreitete Informationen nicht an eine Web-URL gekoppelt sind.

Man benötigt nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wie WhatsApp oder ähnliche Chat-Apps ihre Funktionalität dahingehend erweitern könnten, eine separate Sektion einzurichten, in der sauber sortiert abonnierte Nachrichtenquellen untereinander auftauchen und kleine Informationshäppchen verteilen - gern auch mit einem Web- oder App-Link zum jeweiligen Artikel oder Video in voller Länge.

Aktuell sind die simplen Strukturen der bei uns verbreiteten Messenger-Apps (im Gegensatz zu einigen asiatischen Diensten wie WeChat und Line) noch nicht dafür ausgelegt, ernsthaft als systematische Distributionskanäle für Nachrichten und andere Inhaltetypen in Frage zu kommen. Sollten jedoch die improvisierten Versuche erfolgreich verlaufen und sollte seitens Publishern und Usern eine verstärkte Nachfrage zu vernehmen sein, so wird Facebook als Betreiberin von WhatsApp und Messenger garantiert darüber nachdenken, entsprechende Features einzuführen. Sofern es nicht schon längst geplant ist. Eine laut Gerüchten in der Entwicklung befindliche Facebook-App namens Moments soll ebenfalls die nicht-öffentlichen Sharing-Bedürfnisse von Anwendern befriedigen.

Am Ende also könnte der Gedanke von RSS doch noch zu großem Ruhm kommen - selbst wenn kein RSS draufsteht und der offene Charakter des Formats aufgrund der proprietären Eigenschaften der Chat-Apps nicht fortlebt. Mittel- bis langfristige positive Auswirkungen auf das RSS-Ökosystem, die als Folge der Heranführung von weiteren Nutzern an das zielgerichte, nicht gefilterte und nicht Timeline-basierte Abo-System auftreten, sind dann sicherlich nicht auszuschließen. 

Nachtrag: Per Tweet erklärt SRF-Journalist Konrad Weber, dass man WhatsApp als "Zwei-Wege-Kommunikationskanal" und nicht als "Linkschleuder" sehe. In diesem Punkt besitzt eine Messenger-App natürlich Vorteile gegenüber dem Ein-Weg-System RSS.

Kommentare

  • Herbert

    25.09.14 (09:25:21)

    Sorry, WhatsApp ist Chat. Chat vermischen mit News... Das passt nicht. Das nette an RSS ist gerade ein dedizierte Format für den effizienten Konsum von Nachrichten. Gruppierung verschiedener Quellen ist "Ordner" / Kanäle oder wie es im einzelnen Tool auch immer genannt wird. RSS wird entweder nicht mehr genutzt (FB/G+ only) oder intensiv. Bei mir sind es grob 90 Feeds mit 400 bis 600 Einträgen an Tag. Mit einem Web-Service und APP ist das gut zu überblicken. Das will ich in keinen Chat tool haben. Dann finde ich die chats meiner Freude darunter nicht mehr. In letzter Zeit findet eine Entbündelung/Spezialisierung von Services und Apps statt. Darüber habt ihr hier auch schon geschrieben. Das hat seinen Grund und ist wohl zweckmäßig. Feeds über WA zu verbreiten scheint mit da der völlig falsche Ansatz.

  • Jan Firsching

    25.09.14 (11:31:08)

    Auf Line ist solch eine Entwicklung schon etwas länger zu beobachten. BBC News verbreitet über Line auch News. Links, Fotos und Videos. Der Vorteil von Line ist ein eigener Feed. Hier können Nutzer die Nachrichten von BBC News Kommentieren und mit anderen Kontakten Teilen. Funktioniert ziemlich gut! Da geht einiges.

  • Martin Weigert

    25.09.14 (11:41:09)

    Stimmt ich hatte nur WeChat erwähnt, aber auf Line trifft das natürlich auch zu. Ergänze ich noch.

  • André

    17.11.14 (07:13:43)

    Der Rückkanal, natürlich. Besser: Vernetzung. Gabs auch eine Info über die Akzeptanz des Angebots?

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