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12.12.13Leser-Kommentare

Evernote: Das etwas andere Internetunternehmen

In vielen Punkten unterscheiden sich Evernote und dessen CEO Phil Libin von anderen Akteuren der Internetbranche. Da passt es, dass das US-Unternehmen mittlerweile fast ein Drittel seines Umsatzes mit physischen Produkten erwirtschaftet.

Es gibt die typische Internetfirma mit ihren häufig auf kurzfristiges Wachstum ausgelegten Strategien (auch wenn ihre Macher dies oft nicht zugeben). Und dann gibt es Evernote, das 2002 gegründete Unternehmen, das seit 2008 mit einem "digitalen Notizbuch" am Markt ist. In vielen Punkten unterscheidet sich der Dienst aus Mountain View von der Mehrzahl der Technologiefirmen und Startups. So lässt der seit 2007 amtierende CEO Phil Libin keine Gelegenheit aus, die Langfristigkeit des Unterfangens zu betonen. "Wir bauen eine Firma, die 100 Jahre Bestand haben wird", so Libins erklärtes Ziel. Töne, die man von den oft viel jüngeren Branchenkollegen des 41-Jährigen eher selten hört. Die meisten entscheiden sich lieber für einen zügigen Verkauf, wenn ein gutes Angebot vorliegt. Mit einem eventuellen Börsengang hat es Libin ebenfalls nicht eilig. Dieser solle frühestens in ein paar Jahren erfolgen.

Untypisch ist auch eine Anekdote aus den frühen Tagen des Dienstes, die mittlerweile sinnbildlich für die hohe Loyalität der rund 80 Millionen Evernote-Nutzer steht: Als der Service während des Höhepunktes der Finanzkrise kurz vor dem Konkurs stand, erklärte sich ein leidenschaftlicher Evernote-User aus Schweden bereit, 500.000 Dollar in das US-Unternehmen zu investieren. Es war die Rettung von Evernote.

Evernote Market

Dass das "externe Gehirn", wie das Unternehmen das Angebot gerne bezeichnet, lieber seinen eigenen Weg geht, als den eingetretenen Pfaden der Mitstreiter im Webzirkus zu folgen, bewies es zuletzt im September. Da lancierte es mit dem "Evernote Market" einen Onlineshop für physische, mit dem Evernote Logo versehene Produkte für einen produktiveren, strukturierteren Alltag. "Merchandising ist ja nicht gerade innovativ", mag sich mancher gedacht haben. Doch das wäre voreilig gewesen: Vor einigen Tagen verriert CEO Phil Libin, dass die Verkäufe der dort aufgeführten Produkte mittlerweile 30 Prozent des monatlichen Evernote-Umsatzes ausmachen.

Der hartgesottene Kern der Evernote-Anwenderschaft schien nur darauf gewartet zu haben, sich mit im Market angebotenen smarten Kugelschreibern und Scannern, Umhängetaschen sowie Geldbörsen einzudecken. Die Hälfte der Erlöse aus dem Shop stammen nach den Worten Libins von Nutzern der Gratis-Version von Evernote. Damit monetarisieren die Kalifornier auch die Nutzer, die bislang keine kostenpflichtige Premium-Mitgliedschaft in Erwägung gezogen haben.

Angesichts dieses Achtungserfolgs darf man damit rechnen, dass Evernote seine Produktlinie physischer, zum Teil durch intelligente Funktionen direkt mit dem Onlineservice verbundener Gadgets (wie den Kugelschreiber und den Scanner) weiter ausbauen wird. Die Bezeichnung "digitales Notizbuch" erscheint spätestens jetzt überholt. Angeblich tituliert Libin Evernote intern mittlerweile häufiger als "Nike für schlaue Menschen". Ein cleverer Vergleich, der allerlei positiven Assoziationen mit dem innovativen Sporthersteller nach sich zieht und gleichzeitig der bestehenden Nutzerschaft schmeichelt. Wer wird nicht gerne als "schlau" bezeichnet?!

Als Chef eines Unternehmens, welches das Leben seiner Kunden praktischer und effektiver gestalten möchte, verwundert es nicht, dass Libin selbst sehr pragmatisch denkt. Auf der derzeit in Paris stattfindenden LeWeb-Konferenz zeigte er sich optimistisch, dass sich das Problem der Internet-Überwachung binnen weniger Monaten politisch lösen ließe. Es sei gut, dass die Debatte jetzt, in den frühen Tagen der Cloud, geführt werden, und nicht in zehn Jahren, findet Libin. Eine Reform des Überwachungsapparates mit die Massenüberwachung einschränkenden gesetzlichen Regelungen befürwortet er.

Libin mag sich damit genauso irren wie mit seiner Annahme, dass Evernote die Chance auf ein hundertjähriges Bestehen hat. Zumindest im geschäftlichen Bereich bewies der gebürtige Russe bislang allerdings einen guten Riecher - ohne dabei die tiefsten Bedürfnisse seiner Nutzer aus den Augen zu verlieren. Solange Evernote eine Firma bleibt, deren User selbst vor einem riskanten finanziellen Investment nicht zurückschrecken, stünde ihr Lieblingsservice vor dem Aus, kann das Unternehmen nur gewinnen - nicht nur, wenn es eines Tages doch Börsenluft schnuppern möchte. /mw

Kommentare

  • Markus Spath

    12.12.13 (18:10:48)

    Das Gespräch mit Libin bei der LeWeb kann man sich auch zur Gänze anschauen: http://www.youtube.com/watch?v=N6IXQWGV9yk - auch die Gründe / von Evernote geschafften Voraussetzungen warum der Evernote Market so gut funktioniert sind recht interessant.

  • Martin Weigert

    12.12.13 (19:27:20)

    Thx

  • Paddy

    13.12.13 (09:39:40)

    Ich liebe Evernote! Ein Schwachpunkt ist in meinen Augen das doch seeeehr unterschiedliche Look & Feel von Windows-, Mac- und Online-Version. Ein bisschen annähern könnten sich da die offensichtlich unterschiedlichen Entwicklungsteams.

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