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20.01.08Leser-Kommentare

Euro-Startup in Gefahr: Was wird aus Joost?

Joost, das Online-Video-Startup der Skype-Gründer Niklas Zennström and Janus Friis, geriet nach viel positivem Hype diese Woche plötzlich in negative Schlagzeilen. Der Grund: CTO Dirk-Willem van Gulik wurde gefeuert. Und plötzlich brach in der Blogosphäre ein Sturm negativer Meinungen los.

Nun wäre das nicht schlimm, wenn diese betreffenden Blogger nicht ziemlich prominent und sachkundig wären. Mathew Ingram beispielsweise fragte als erster: "Is Joost headed for the deadpool?". TechCrunch meint, dass Joost dieses Jahr wohl nicht überleben wird. Und Videoblog-Pionier Andrew Baron beschrieb, wie Joost zuerst die Aufnahme seines sehr populären Videopodcasts "Rocketboom" ablehnte, die beliebte Show dann aber plötzlich ohne Nachfrage doch noch integrierte. Das deutet doch auf das eine oder andere Managementproblem bei Joost hin.

Der Erfolgsdruck ist gross: In Joost stecken immerhin $45 Mio. Venture Capital, deutlich mehr als z.B. Facebook in den ersten Jahren erhalten hat. Die Gründer haben ihre Prominenz gezielt eingesetzt, um so manchen Jubelartikel in der Presse auszulösen. Die selbstbewusste Botschaft war: Erst haben wir mit Skype die Telcos disrupted, jetzt sind die Fernsehsender dran. Und mit der restriktiven Vergabe von Betatest-Zugängen machte die Videoplattform sich gezielt rar, um so mehr Interesse zu wecken.

Immerhin wurde Joost darum noch vor seinem offiziellen Start in breiten Kreisen wahrgenommen, aber das hat bisher kaum zu nennenswerten Benutzerzahlen geführt. Ein Trafficvergleich mit Marktführer Youtube und selbst Ferner-liefen-Videoplatform Veoh.com spricht eine deutliche Sprache:

 

Die Kurve von Joost zeigt durchaus nach oben, aber die Grössenordnung an Usern bewegt sich in den Hunderttausenden, nicht in den Millionen. Zwar gab Joost selbst eine Zahl von über einer Million Beta-Usern an, aber laut einigen Quellen handelt es sich dabei um die Zahl von Downloads, nicht von regelmässigen Benutzern.

Woran liegt das schleppende Wachstum dieses mit viel Vorschusslorbeeren bedachten Startups? Keine Frage, die bei Joost eingesetzte Peer-to-Peer-Technologie ist hochinnovativ, das Benutzerinterface ist erfrischend und die Content-Deals, die Joost abschliessen konnte (MTV, Paramount, Endemol, Warner), können sich zumindest auf dem Papier für eine so junge Firma durchaus sehen lassen.

Aber wenn man sich die diversen Blogs so durchliest, scheint meine eigene Erfahrung mit Joost nicht untypisch zu sein: Vor Monaten habe ich mir den Joost-Client mal installiert (Jawohl, man braucht eine eigene lokale Software dafür) und hin und wieder kurz ausprobiert. Leider fand ich aber nie irgendwelchen Content, den ich wirklich ansehen wollte. Für die ewig gleichen MTV-Reality-Shows bleibt man nun wirklich nicht gebannt vor dem PC sitzen. Nicht selten stockte das Bild, weil die P2P-Methode für die Verteilung von Video wohl doch gelegentlich etwas überfordert ist. Und es war frustrierend, den Content nur auf dem PC-Bildschirm und weder auf dem Fernseher noch auf einem mobilen Gerät anschauen zu können. Das ist OK für kurze Youtube-Clips, aber etwas albern für ganze TV-Shows. Vor ein paar Wochen habe ich den Joost-Client darum von der Festplatte geschmissen und nie vermisst.

Das Content-Angebot scheint die Krux zu sein bei Joost: Der verfügbare Inhalt besteht grösstenteils aus der Art von TV-Show, bei der man an einem faulen Sonntagnachmittag beim Durchzappen der Kanäle mal hängenbleibt, aber die man kaum aktiv suchen würde. Hitserien gibt es bei Joost keine. Sich für diesen drittklassigen Content vor den Rechner zu setzen, ist nun wirklich nicht attraktiv. Ein Blick auf die Liste von Joosts populärsten Shows sagt auch schon alles: Ein paar Musikvideos, ein Wet-T-Shirt-Wettbewerb, ein paar schnell im Kreis herumfahrende Autos. Auch nicht anspruchsloser als Youtube, aber weit entfernt vom Angebot etwa auf iTunes.

Das ist wohl auch das Problem an Joosts Positionierung: Am unteren Ende tritt man gegen Youtube & Co. an, die dank bequemem Flashplayer und kurzen Formaten ideal sind für den unterhaltsamen Kurzclip zwischendurch. Am oberen Ende sitzen Apples iTunes/iPod/Apple-TV-Universum und vergleichbare Lösungen im Microsoft-Umfeld, die deutlich attraktivere Inhalte und vielfältigere Nutzungsmöglichkeiten (z.B. Mobilgeräte) bieten.

Ist dazwischen noch Platz für Joost? Im Moment sieht es leider nicht danach aus. Schade ist das vor allem für die europäische Startups-Szene, denn andere Firmen mit globalem Anspruch gibt es nicht viele.

Kommentare

  • Andrew Baron

    20.01.08 (06:32:06)

    Nice Übersicht (Google-Übersetzungen wird immer viel besser zum Lesen, bin ich nicht sicher, wie es aussieht mit wriiten in Englisch). Was erwarten Sie für Schade? Wird es irgendwann leiden unter den gleichen Problemen wie Joost? Oder ist es besonders?

  • Andrew Baron

    20.01.08 (06:38:48)

    Ok, vielleicht nicht so gut, seine für Englisch auf Deutsch. Ich meinte zu fragen: Gibt es einen Service in Deutschland oder in Europa, ist gut? Und wenn ja, was ist der Dienst "und warum ist es so gut?

  • ben_

    20.01.08 (12:07:13)

    Joost ist das Quad des Internets. Ein Quad verbindet alle Nachteile eines Autos mit allen Nachteilen eines Motorrades. Joost verbindet alle Nachteile des Fernsehens mit allen Nachteilen des Internets.

  • mds

    20.01.08 (15:44:03)

    Zattoo ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert – Joost funktioniert eigentlich besser als Zattoo, gerade auch im Bezug auf die Bildqualität, aber bei Joost fehlen tatsächlich die Inhalte.

  • mds

    20.01.08 (15:46:23)

    Nice Übersicht (Google-Übersetzungen wird immer viel besser zum Lesen, bin ich nicht sicher, wie es aussieht mit wriiten in Englisch). … nicht so toll – noch nicht. Da Andreas seine Blogeinträge aber meistens aus englischsprachigen Blogquellen kompiliert, kann man direkt diese lesen, wenn die eigenen Deutschkenntnisse nicht besonders gut sind.

  • Andrew Baron

    20.01.08 (19:29:37)

    Vielen Dank für die Informationen, ich werde meine Augen offen halten für Zattoo

  • Andreas Göldi

    21.01.08 (00:24:35)

    @Andrew: Zattoo is a very interesting product, technically somewhat similar to Joost (P2P). However, they're focusing on traditional TV channels that they make available over the Internet. Unfortunately, there are many restrictions in terms of how they are allowed to use this content. For example, they can only distribute certain channels to users in a certain country, not globally. But one of the founders told me a while ago that they have plans to extend the product beyond the current state and provide more and "smaller" channels. Other than that and with the exception of Babelgum, there's not that much going on in the video space in Europe, just some me-too companies. It's probably not a coincidence that people like the founders of Kyte.tv and Seesmic are Europeans, but have moved to Silicon Valley to start their companies.

  • mds

    21.01.08 (09:40:26)

    Unfortunately, there are many restrictions in terms of how they are allowed to use this content. For example, they can only distribute certain channels to users in a certain country, not globally. … das ist bedauerlich, aber nicht Zattoo-spezifisch. Es dürfte noch eine halbe Ewigkeit dauern, bis die ganzen Verwertungsverträge an die digitale Realität angepasst werden können. It’s probably not a coincidence that people like the founders of Kyte.tv and Seesmic are Europeans, but have moved to Silicon Valley to start their companies. Wie geht's eigentlich denen?

  • Andreas Göldi

    21.01.08 (15:10:05)

    @MDS: Ja, das mit den nationalen Grenzen beim Copyright ist tatsaechlich aergerlich. Da sollten sich die Juristen doch mal einsetzen fuer, oder? :-) Wg. Kyte und Seesmic: Weiss nicht. Ich hab den Eindruck, das ist beides im Moment noch so ziemlich eine Insiderveranstaltung, wenn auch auf gutem Niveau. Relativ hohes Profil bei der ueblichen Techcrunch-Crowd, aber von da ist bis zum Massenmarkt noch ein weiter Weg.

  • mds

    23.01.08 (00:07:00)

    @Andreas: Da sollten sich die Juristen doch mal einsetzen fuer, oder? :-) … falls Du damit ein paar Juristen zum Lachen bringen wolltest, ist es Dir gelungen – heute lachte jeder rechtliche Vorbelastete, dem ich Deine Aussage zeigt, herzhaft! ;)

  • FLOG

    24.01.08 (11:58:09)

    mir ging es genau so: die client software installiert (als Beta Tester), aber sehr selten aufgerufen und schon ist das Tool nicht mehr auf dem Rechner. p.s. was mich auch etwas nervt, sind die html newsletter von joost, solche mails sind ja schon fast SPAM...

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