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01.10.07Leser-Kommentare

"Ethik 2.0" - Braucht Online-Journalismus neue Regeln?

Für gedruckte Presseerzeugnisse gilt der Pressekodex: Eine Zeitung oder Zeitschrift, die sich "danebenbenimmt" und bei der Berichterstattung unethisch arbeitet, kann vom Presserat eine Rüge erhalten. Doch wie ist es im WWW? Sind dort neue "Spielregeln" erforderlich?

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Paradox, wenn eine Online-Veranstaltung ausgerechnet in der "Print-Academy Heidelberg" stattfindet... (Bild: W.D.Roth)

Bei Online wird alles anders, so dachte man einst. In mancher Hinsicht stimmt dies. So kann man für journalistische Online-Angebote bislang nicht besonders erfolgreich Geld verlangen. Andererseits genießt Online längst höchste Aufmerksamkeit, was auch der Grund dafür ist, dass dieser Bericht über eine Online-Veranstaltung des Deutschen Journalistenverbands hier auf Medienlese.com erscheint und nicht etwa im gedruckten Verbandsorgan. Ungeachtet der Ansicht des 1. Landesvorsitzenden des DJV Baden-Württemberg Karl Geibel:

Journalisten sehen Blogs nicht als vertrauenswürdiges Medium an

Der dritte Kongress der Reihe Besser online ging unter dem Stichwort Ethik 2.0 primär der Frage nach, ob im Web andere, neue Regeln für Journalismus und Qualität gelten als auf totem Baum. Schließlich agieren die Online-Ableger etablierter Printmedien oft auf qualitativ niedrigerem Niveau, zeigen klickstark Boulevard und Busen, wo das Stammmedium eigentlich auf ernste Politik- und Wirtschafts-Themen setzt. Geht online also alles, oder herrscht Wildwest und es sind neue Regeln erforderlich?

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Hält Blogs für nicht vertrauenswürdig: Karl Geibel, Vorsitzender DJV Baden-Württemberg (Bild: W.D.Roth)

Professor Dr. Bernhard Debatin von der Scripps School of Journalism, Athens/Ohio, USA, stellte die Eröffnungsfrage "Brauchen wir eine neue Medienethik?". Schließlich bietet das "Web 2.0" viele neue Möglichkeiten, online unkontrollierten Unsinn zu veranstalten, von Hacken und heimlicher Datenmanipulation über Stalking, Verbreiten von Falschinformationen, Verleumdungen, anonymen Beschuldigungen bis zur ungewollten totalen Überwachbarkeit, beispielsweise durch unbedachtes Einstellen ausführlicher Profile in offen zugängliche Social-Network-Sites - wobei andererseits selbst Präsidentschaftskandidaten sich nicht mehr dem Web 2.0 verweigern dürfen.

Zeit ist der größte Feind der Ethik - bevor jemand anders die Story hat, wird voreilig publiziert und gegebenenfalls noch korrigiert, statt solide zu recherchieren.

Sabine Trepte von der Hamburg Media School der Universität Hamburg stellte anschließend drei in Studien gestellte Fragen und die Ergebnisse vor:

     

  1. Welchen Anspruch an Privatphäre haben Web 2.0-Nutzer?
  2. Wie sehen die medienethischen Standards der Nutzer aus?
  3. Diskutieren Bloggermedien ethische Themen?

Es ergibt sich dabei jeweils ein deutlicher Unterschied zwischen Theorie und Praxis. So ist das Interesse an Privatsphäre bei Web-2.0-Nutzern abgesehen von einem höheren Willen zur öffentlichen Selbstdarstellung keineswegs geringer als bei nicht webaffinen Personen.

Auch der höhere Anspruch des Lesers an ein klassisches gedrucktes Presseerzeugnis ist reine Theorie: In der Praxis wird auch einem einfachen Blog kein ethischer Schnitzer verziehen, ob nun Bestechlichkeit, Parteilichkeit oder schlechte Faktenrecherche. Dazu wurden vom Presserat bereits gerügte, unethische Texte 120 Versuchspersonen vorgelegt, und zwar teils mit dem Hinweis "ist aus einer Tageszeitung", teils mit dem Hinweis "ist aus einem Blog".

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Somit ist die Eingangsfrage eigentlich schon beantwortet: Auch im WWW gelten dieselben Ethikregeln wie auf Papier - und auch im WWW werden sie nicht immer eingehalten.

Irritation löste der Vizepräsident des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg Jörg Krauss aus, als er ankündigte, nun einen kleinen Bruch zu machen. Doch dabei war nichts Kriminelles, nur ein thematischer Bruch gemeint, da es in seinem Vortrag abweichend vom Kongressthema nicht um Journalismus, sondern um die dunklen Seiten des Web ging.

64% der im Internet verübten Delikte sind klassischer Betrug, doch Prügel-, Gewalt- und Pornovideos auf Handys sind ein steigendes Problem, ebenso wie Kinderpornografie in Tauschbörsen, so Krauss. Letztere habe man Politikern vorgeführt, von denen daraufhin einige den Raum verlassen und sich in psychische Behandlung begeben mussten. Ob alle Politiker inzwischen wieder vollständig hergestellt sind, verriet Krauss nicht.

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Vier Workshops - leider alle parallel, sodass der Besucher des Kongresses nur an jeweils einem teilnehmen konnten - schlossen den DJV-Kongress Besser Online 3.0ab:

     

  1. Google-Voodoo: Mit öffentlichen Quellen Informationen suchen, die versteckt oder gelöscht sind
  2. Online-Durchsuchung: Diese wird keine Massenspionage werden, zumal das technische Konzept noch nicht steht. Wichtig ist, festzulegen, was erlaubt ist und was nicht. Insgesamt wird das Thema von der Politik aufgeblasen - so sei beispielsweise entgegen der Äußerungen einiger Politiker nicht an Online-Spionage ohne vorherigen richterlichen Beschluss gedacht
  3. Im Internet Geld verdienen: Professor Klaus Meier sagte, dass er schon von Verträgen gehört habe, in denen Redakteure nach Klicks bezahlt werden und sich Qualität somit gar nicht leisten können. Andererseits bestehe Online mitunter eine höhere Nachfrage nach Inhalten guter Qualität als bei Print, berichtete Alexander von Streit von Focus online.
  4. Webentwicklungen: Im Gegensatz zur Situation vor zwei Jahren beim ersten "Besser Online"-Kogress haben kommerzielle Webredaktionen inzwischen 50 Redakteure (Focus online), während öffentlich-rechtliche (SWR3) mit 2,5 Redakteuren auskommen müssen

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Konnte mit dem Kongressverlauf zufrieden sein: Organisator Dr. Andreas K. Bittner, Vorsitzender des Bundesfachausschusses Online des Deutschen Journalistenverbands (Bild: W.D.Roth)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Markus Lenk

    01.10.07 (12:50:51)

    Persönlich, finde ich ist auch die große Vielfalt ein Problem. Wie soll sich der Leser da zurecht finden. Daher wird viel auf die großen, bereits durch Printmedien bekannt gewordene Online-Nachrichten-Dienste zurückgegriffen, so dass neue reine Online-nachrichtendienste kaum Chancen haben, ernstgenommen zu werden.

  • marcel weiß

    01.10.07 (16:00:26)

    Ach, der Herr Geibel: Wer Blogs _grundsätzlich_ als nicht vertrauenswürdig einstuft, ist ein Vollpfosten. End of story. - Wenn es um eine Ethik für Onlinejournalismus geht, wäre es doch interessant, sich mal anzuschauen, was es denn bedeutet wenn die Berichterstatter selbst in ihren eigenen Nischen zu Quasi-Popstars werden (Arrington im Techbereich etwa) und damit eine sehr viel größere Macht jetzt schon und im Ausmaß nicht vorstellbar in ein paar Jahren ausüben werden, die analog veröffentlichende, nicht bloggende Journalisten nie hatten, weil sie eben _selbst_ nie die Marke sondern nur Teil davon waren. Was das für Auswirkungen -auch auf eine etwaige Ethik für den Journalismus- hat, ist noch gar nicht abzuschätzen. Auch weil man in so eine Position nur kommt, wenn man nicht von außen auf die Nische schaut, sondern mittendrin steckt (siehe wieder Arrington). Aber solche Diskurse, nee, dazu müsste man dieses ganze Interdingens ja ernst nehmen. Dabei fehlt dem doch die Haptik des Prints und ist deswegen ja auf immer unterlegen, jaja..

  • Peter Sennhauser

    02.10.07 (19:36:08)

    Hihi, Marcel: Volltreffer. Arrington ist ein sehr gutes Beispiel für den Popstar-Effekt: Der Mann nimmt sich inzwischen so wichtig, dass ihn keiner mehr ausstehen kann. Aber alle rennen zu seinem "Konzert", weil dort die Musik spielt...

  • newreads

    03.10.07 (21:12:41)

    Ich halte es mir Prof. Debatin, der auf dem Kongress sagte, man müsse hier zwischen Ethik und Recht unterscheiden. Außerdem gäbe es zwei Publika: die Web-Produzenten bzw. starken Web-Konsumenten und die Kriminellen im Internet. Drittens stellt sich jetzt immer die Frage, wessen Wertekodex hier zugrunde gelegt wird bzw. dass der westliche und vermeintlich bessere nicht im Netz allgemeingueltig ist, wie man ja beim Karikaturenstreit gesehen hat. Das Fazit ging daher in die Richtung, dass nicht ein neues Regelwerk à la "Webkodex" noetig ist, sondern Kodizes allgemein mehr Beachtung benoetigen. Heavy Web 2.0-User und -Produzenten sind sowieso offener und kritischer gegenueber Menschenrechten und Medienoeffentlichkeit, so dass sie freiwillig gerne Regelwerke im Sinne von Regeln des allgemeinen menschlichen Zusammenlebens einhalten wollen. So richtig was Neues war das jetzt nicht.

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