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06.10.14Kommentieren

Eskapaden der Technologiebranche: Warum es gut ist, mit Zynismus sparsam umzugehen

Die Technologiewirtschaft ist heutzutage so angreifbar wie lange nicht mehr. Doch so sehr abwegige Startup-Ideen und die Fixierung auf nur inkrementelle Verbesserungen zu zynischen Bemerkungen animieren - an vielen weniger beachteten Fronten arbeiten Entrepreneure und Ingenieure daran, die Lebensqualität und -umstände von Menschen aus aller Welt zu verbessern. Das wird gerne vergessen.

selfie220In Anbetracht der Fülle von Me-Too-Apps rund um Fotos, Social Networking und Selbstdarstellung sowie des anhaltenden “Lazy-Tech”-Booms, der gerade mit einem frisch gestarteten US-Lieferdienst für Bargeld seinen neuen tragischen Höhepunkt erreicht, ist die Verlockung groß, in Zynismus über die scheinbar stagnierende Entwicklung des Technologiesektors zu verfallen. Diese Stimmung verringert sich nicht gerade, wenn man bedenkt, wie in vielen Teilen der Welt Menschen durch Armut, politische Konflikte, gesundheitliche Missstände oder Naturkatastrophen nicht einmal ihre Grundbedürfnisse stillen können und kaum von den Möglichkeiten profitieren, die uns heute zur Verfügung stehen. Dabei sind das Internet und digitale Technologien prädestiniert dafür, als Gegenmittel zu lokalen und globalen Problemen zu fungieren und ultimativ allen Menschen dieses Planeten ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch der mediale Fokus auf reichweitenstarken, aber vergleichsweise flachen Online-Projekten, die von ihren Werten und Geschäftsmodellen her letztlich in die Fußstapfen des unterhaltungsorientierten Privatfernsehens treten, kann das enorme Potenzial des durch Informationstechnologie geebneten technischen Fortschritts allzu leicht aus der Wahrnehmung verbannen.

Selbst aus Sicht von Investoren ist die Ambitionslosigkeit einiger Teile der Tech-Branche ein Problem, wie einst Bruce Gibney von der angesehenen kalifornischen Venture-Capital-Gesellschaft Founders Fund in einem vielbeachteten Essay mit dem Titel “What happened to the Future?” beschrieb. Wagniskapital finanziere und ermögliche nicht mehr die Zukunft, sondern nur noch Features, Widgets und Irrelevanz. Die Lust und Bereitschaft, große Summen in transformative Technologien zu investieren, sei in letzter Zeit aufgrund des kurzsichtigen Exit-Strebens stark zurückgegangen, was negative Auswirkungen auch auf die Zukunft der VC-Branche habe, so Gibney.

Auch wenn zwischen den Bewertungen von Unternehmen, die Apps für den Versand sich selbst zerstörender Fotos oder für das Bestellen von persönlichen Chauffeuren entwickeln, und Firmen, die sich kniffligen Problemlösungen von elementarer Bedeutung widmen, sowohl nominal als auch in der öffentlichen Beachtung enorme Unterschiede liegen, gilt es, trotz oder gerade aufgrund der Konzentration von Medien und Öffentlichkeit auf die kleine Gruppe der Startup-Prominenten die massiven Fortschritte nicht zu vergessen, die parallel in anderen Bereichen der IT-Sphäre erfolgen.

TechCityNews stellte vor zwei Wochen Startups abseits des Medienrummels vor, welche die Welt um uns “radikal verändern könnten”: Dazu gehörte beispielsweise Peek, das eine um eine Smartphone-App zentrierte Lösung entwickelt, mit der jeder Mensch in die Lage versetzt wird, eine Augen- und Sehstärkenuntersuchung durchzuführen. Paveen möchte die Energie, die Fußgänger beim Auftreten auf den Erdboden erzeugen, durch “smarte” Bodenplatten einfangen und für verschiedene Zwecke weiterverwenden. Vibe feilt an tastaturartigen Eingabegeräten für Computer, die durch Vibrationen bedient werden und ein Produkt möglich machen, das nahezu 100-prozentig recycelt werden kann.

Auch wenn es manchmal einen anderen Anschein macht: Die Snapchats, Ubers, Ellos und WhatsApps - inkrementelle statt transformative Dienste mit die Presseberichterstattung dominierendem Charakter - sind eigentlich in der Minderheit, was die Forschungs-, Innovations und Gründungsaktivitäten des IT-Sektors angeht. Bei der Mehrzahl handelt es sich um Produkte und Lösungen, die zwar weniger Aufsehen erregen und meist nicht mit Milliarden überschüttet werden, aber hinsichtlich ihrer nachhaltigen Auswirkungen auf Lebensumstände von Menschen den sozialen Netzwerken in nichts nachstehen. Produkte wie Little Moe, ein Roboter, der Räumlichkeiten in Krankenhäusern innerhalb von fünf Minuten von Viren wie Ebola befreien kann . Oder Verfahren, um mit Augmented Reality Phobien, wie etwa Angst vor Kakerlaken oder Spinnen, zu behandeln. Oder Systeme wie der IBM-Supercomputer Watson, der sich als besserwissender Ratgeber in der Behandlung von Krebspatienten in den Dienst von Ärzten stellt. Und wer ganz ehrgeizig ist, wie Tesla-Gründer Elon Musik, will gar Menschen dauerhaft auf dem Mars ansiedeln.

2014 ist nicht 1995. Die einseitige, weitgehend unkritische Begeisterung für Informationstechnologie und das Internet ist, angetrieben durch Überwachungs-, Datenschutz-, Monopol-, Ungleichheits- und Automatisierungsdebatten, einer verbreiteten Skepsis gewichen. Selbst für dem digitalen Wandel gegenüber positiv gestimmte Beobachter ist es in Anbetracht der Kinkerlitzchen und Nebensächlichkeiten, die von Schlüsselpersonen und VCs in den Status milliardenschwerer Geschäftsideen erhoben werden (können), nicht immer leicht, den Optimismus beizubehalten.

Doch in Wirklichkeit ändern selbst die abwegigsten Startup-Einfälle und die befremdlichsten Handlungen der manchmal für die Realitäten und Bedürfnisse der Weltbevölkerung vollkommen blinden Valley-Protagonisten nichts an der Tatsache, dass dank der Evolution und Reifung von Informationstechnologie jeden Tag das Leben einiger Menschen besser wird. Das ist es, was am Ende wirklich zählt. /mw

Grafik: Smiling couple are taking individual selfshots using smartphones, Shutterstock

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