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11.06.07

Es gibt noch Tabus

In einer Welt, in der alles offen und nichts mehr verdeckt ist, gibt es einige letzte Tabus. Was Leser der taz wissen dürfen, kann Lesern der Zeit nicht zugemutet werden.

Gleich zu Beginn die Warnung. Wer sich nicht für dunkle Orte und vermeintlich abseitige Themen begeistern kann, fährt wohl am Besten, wenn er nun einfach weiterscrollt. Für alle anderen: Es geht um einen am Samstag in der taz erschienenen Artikel von Baltazar Castor , der sich dem männlichen Anus widmet. Als Einführungstext dazu heisst es:

 

Ein Text, der in der Zeit nicht erscheinen durfte.

 

Es ist ein emanzipatorischer (und meines Erachtens durchaus lesenswerter) Text, der sich um das verbreitete Unbehagen von Hetero-Männern kümmert, wenn es um ihren eigenen und höchstpersönlichen Darmausgang geht. "Schwule haben kein Patent auf Analsex", schreibt Castor. Der Mann soll das Recht haben, "einfach nur er selbst zu sein, mit all seinen abgelegenen Winkeln und empfindlichen unbekannten Gefilden, in welchen der Mann ohne Gleichgültigkeiten wie schlechtes Gewissen, Schuld- oder Schamgefühle auf Entdeckungsreise gehen kann".

Ein begleitender Artikel klärt auf über die Entstehung des Texts. Wieso er in der taz steht und nicht in der Zeit (für die er vorgesehen war).

Der Fotograf Wolfgang Tillmanns wurde nämlich von der Zeit dazu eingeladen, eine Woche nach dem Launch des ZeitMagazin Leben "die komplette inhaltliche und optische Gestaltung der Kulturseiten zu übernehmen". Alle abgelieferten Bilder und Texte wurden angenommen, ausser dieser:

 

Kurz vor Redaktionsschluss, so Tillmans, habe die Chefredaktion der Zeit jedoch Bedenken bekommen und den für die letzte Seite der Kulturbeilage geplanten Beitrag gekippt. Der Text von Baltazar Castor, habe ihn Giovanni di Lorenzo wissen lassen, dürfe nicht erscheinen, denn er sei pornografisch.

Giovanni di Lorenzo, Chefredaktor der Zeit, widerspricht dieser Aussage von Tillmanns:

 

Ich habe Herrn Tillmans gegenüber keine Wertung geäußert, weder die von ihm behauptete noch irgendeine andere. Richtig aber ist, dass die Chefredaktion den Artikel aus dem Blatt genommen hat. Eine derart krude Beschreibung sexueller Praktiken - ganz gleich, welcher Art - entspricht nicht dem Stil und dem journalistischen Anspruch der Zeit.

Wolfgang Tillmanns bot dann den Text mit Bild der taz an, die ihn eben am Samstag abdruckte. Rückmeldungen dazu können an loch@taz.de gerichtet werden. Wäre ja spannend, wenn das jemand anal-

ysieren könnte.

Nachtrag am 12.06.2007, 14:55 Uhr: Die Zeitschrift Focus berichtet auch über den Fall, wenn auch mit den für mich nicht nachvollziehbaren Worten "Bibelkritik statt Männerblick", "ein ironischer Artikel" und "Fragliche Freiheit":

Focus Tillmanns

Ausschnitt Focus 24/2007, Seite 67

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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