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27.04.14

Erfolgreich, aber nicht für Google: Der Google+-Stream, das ideale Spin-Off

Das Netz streitet sich über den Zustand und die Zukunft von Google+. Trotz aller Uneinigkeit scheint relativ klar: Der Stream - für Anwender das Herzstück von Google+ - bringt dem Konzern wenig und entwickelt sich zum Klotz am Bein. Als Spin-Off mit neuem Namen aber hätte der Service ziemlich gute Karten.

Google+

Der Rückzug von Google+-Chef Vic Gundrota sowie von TechCrunch und Recode gestreute, eher substanzlose Gerüchte über bevorstehende Umstrukturierungen bei Google+ haben im Netz eine heftige Debatte über die Zukunft von Googles "sozialer Ebene" ausgelöst. Der Tenor in den Berichten, Meinungen und Kommentaren zum Thema reicht von "Google+ ist am Ende" bis zu "Alles Quatsch. Das Projekt boomt". Google+ ist damit der Onlinedienst, bei dem die Bewertungen und Prognosen von Usern, Beobachtern und Branchenanalysten am weitesten auseinandergehen. Warum die Meinungen über Google+ so auseinander gehen

Für die unglaublich unterschiedlichen Beurteilungen der Lage können verschiedene Faktoren verantwortlich gemacht werden: Schuld sind unter anderem die nicht einheitlichen Vorstellungen darüber, was überhaupt gemeint ist, wenn jemand über Google+ spricht: Ein feedbasiertes soziales Netzwerk, das mit Facebook und Twitter um die Sympathien und das Zeitbudget der kommunikationsfreudigen Nutzer buhlt? Eine Plattform? Die Modernisierung von Google auf Basis einer Vereinheitlichung von Nutzerkonten und -aktivitäten? Letztlich trifft alles zu. Je nach Perspektive der Betrachter fällt das Fazit ein wenig anders aus.

Eine weitere Ursache für die Kakofonie ist die Schwierigkeit der Feststellung verlässlicher Zahlen, verursacht durch die erzwungene Umwandlung von Google-Konten in Google+-Konten sowie die Verknüpfung aller wichtigen Google-Angebote mit Google+. Was aus Sicht des Internetunternehmens Sinn ergibt, führt dazu, dass die verkündeten Zahlen immer erheblichen Interpretationsspielraum bietet, zu irreführenden Äpfel-und-Birnen-Vergleichen animieren und sich leicht instrumentalisieren lassen. Im Herbst 2013 zählte Google 300 Millionen aktive Anwender des Google+-Streams. In dieser Messung wird aber jeder User berücksichtigt, der nur kurz im bei Google angemeldeten Zustand die stets auf ausstehende Mitteilungen hinweisenden Benachrichtigungen in der omnipräsenten Google-Leiste am oberen Bildschirmrand "leert". Auch wer über einen Link zu einem Google+-Beitrag gelangt, wie etwa zu diesem Abschiedspost von Vic Gundrota, zählt als Streamnutzer. Die Aussagekraft der Erfolgsmetriken von Google+ bleibt also begrenzt.

Ebenfalls verantwortlich für die breite Dissonanz in der Einschätzung des Angebots ist die ziemlich klare Trennung zwischen den meist technologie-affinen, überwiegend älteren männlichen Anwendern des Google+-Streams sowie dem Rest der Bevölkerung. Während diejenigen, die regelmäßig über den Google+-Feed mit ihren Kreisen interagieren, leicht ihrer persönlichen Filterblase erliegen, die suggeriert, die Mehrzahl der Netzmenschen mit ein wenig Anspruch sei bei Google+, kommen Nicht-Nutzer aufgrund der fehlenden popkulturellen und medialen Referenzierungen von Google+ sowie dem Desinteresse für den Service im Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis zu dem Trugschluss, Google+ sei die berühmt-berüchtigte Geisterstadt.

Stärke oder Schwäche?

Der Google+-Stream bringt Google strategisch nichts

Am Ende liegt die Wahrheit in der Mitte der zwei Extreme: Google+ - der Stream und damit das, worauf sich die meisten Personen beziehen, wenn sie ein Urteil über Erfolg oder Misserfolg abgeben - hat eine signifikante Zahl aktiver Anwender in vielen Ländern der Erde, erinnert aber in Zusammensetzung und in puncto gesellschaftlicher Relevanz eher an eine nischige Subkultur denn an eine Massenbewegung. Eine Subkultur, die ihren Mitgliedern den oft leidenschaftlichen Google+-Plädoyers nach zu urteilen viel Freude bereitet, die aber vom restlichen, größeren Teil der Öffentlichkeit nicht nur nicht ernst genommen wird, sondern im Prinzip seit dem Launch als Objekt zur Belustigung dient.

Das mag absolut nicht fair sein - doch nach bald drei Jahren wird der Google+-Stream - anders als Hangouts oder das populäre Google+-Authentifizierungsmodul für externe Websites - damit für Google immer mehr zu einem Klotz am Bein. Es beschert dem Unternehmen keine Umsätze, liefert aufgrund der relativen Homogenität der Anwenderschaft nur Daten zu einem bestimmten Nutzertyp, und stärkt auch nicht das Bild von Google als Firma, die Social endlich begriffen hat und einem immer massiver auftretenden, alle relevanten Player im mobilen Bereich aufkaufenden Wettbewerber Facebook etwas entgegensetzen kann. Zusätzlich bringt das Produkt Google zwar nicht immer gerechtfertigten, aber augenscheinlich an Unterhaltungswert nicht einbüßenden Spott.

I hear that Vic Gundotra spent his last hour on the job personally calling all of Google+'s users to thank them for their support.

— Sean Garrett (@SG) April 24, 2014

 

Man könnte den Stream und das darum von Google gesponnene soziale Netzwerk sogar als von Beginn an nebensächliches Projekt sehen, das nur als Vorwand für Google diente, um unter dem Dach von Google+ Nutzerkonten aller Google-Dienste zusammenzuführen und dadurch die Datenanalyse und Vermarktung zu optimieren. Nach dieser Theorie, die John Battelle für plausibel hält, spielt die Entwicklung des Streams für Google überhaupt keine Rolle. Sein Ziel hätte Google dann nämlich erreicht.

Den Stream ausgliedern und als Startup weiterführen

Ich bin in Anbetracht dieser Situation der Ansicht, dass Google+ seinen Stream aus der bisherigen Google-Struktur ausgliedern und als eigenständiges Unternehmen mit neuem Namen aber ähnlicher Funktionsweise fortführen sollte. Denn während - und das ist wirklich nur eine Schätzung - vielleicht 50 Millionen passionierte, überzeugte und sehr aktive Nutzer des Google-Streams nach fast drei Jahren für einen Riesen wie Google kein Ergebnis darstellen, auf das das Unternehmen sonderlich stolz sein kann, so wären sie für ein separates, in Eigenregie geführtes soziales Netzwerk eine ganz hervorragende Ausgangsbasis für künftiges Wachstum. Gleichzeitig würde die verbrannte Erde beseitigt werden, die Google+ hinterlassen hat, und viele Kritiker hätten keinen Grund mehr für ihre skeptischen Sicht auf Google+. Denn diese speist sich oft daraus, dass Google+ ihnen von dem Konzern permanent aufgedrängt wird, und dass das Unterfangen von Beginn an primär darauf abzielte, Google Vorteile zu bringen, anstelle den Usern.

Der Google+-Stream als schlankes, experimentierfreudiges Startup unter neuem Namen, mit Integrationspunkten zu Google (aber auch zu anderen Plattformen) sowie mit Funding durch Google, wäre der ideale Weg, um sich elegant von dem strategisch in der jetzigen Form für Google eher hinderlichen Angebot zu entledigen, ohne die existierenden Anhänger des Dienstes um ihren virtuellen Treffpunkt zu berauben. Anders als bei der Vielzahl der Services, die Google in der Vergangenheit schloss, gibt es zu viele Nutzer des Google+-Kernangebots, um dieses einfach dicht zu machen.

Ein Spin-Off würde einen Ausweg aus diesem Dilemma darstellen und gleichzeitig neue Hoffnungen darauf wecken, dass Google über einen Umweg doch noch eine echte Größe im Social-Web-Geschäft wird. Auch wenn es natürlich das Risiko gäbe, dass ein Rückkauf später schwierig wird. Dennoch bekäme Google hier eine ganz neue Chance und würde endlich beweisen, dass es verstanden hat, wie auf breiter Front erfolgreiche soziale Netzwerke entstehen. Nämlich nicht mit dem Vorschlaghammer und durch Zwangsmaßnahmen, sondern organisch und mit einer gewissen Luft zum Atmen. /mw

Illustration: Business Insider

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