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03.12.14

Erfolg in der Nische: Ello ist dabei, ein neues Google+ zu werden - und das ist keine Beleidigung

Der Erfolg von Google+ ist ausgeblieben - gemessen an den Maßstäben von Google. Für ein eigenständiges soziales Netzwerk wäre das Erreichte durchaus beachtlich. Ello scheint nun genau diesen Pfad einzuschlagen.

Die Debatte um das soziale Netzwerk Ello hat sich nach dem furiosen Aufstieg zum Medienstar des Monats September genau so entwickelt, wie man dies unzählige Male zuvor bei anderen Anbietern beobachten konnte: Sobald die initiale Aufmerksamkeit für ein neues Projekt abgeebt ist, spricht kaum noch jemand darüber. Im Gegensatz zu etablierten Diensten haben Anwender bei neuen, Engagement und Zeitinvestment erfordernden Social-Web-Services in der ersten Phase nach der Registrierung keine digitalen Routinen entwickeln können, die sie automatisch aktiv werden lassen. Ohne die ständige Erinnerung durch Presse und Gespräche gerät ein Service wie Ello deshalb leicht wieder in Vergessenheit.

Eine derartige Dynamik nach einem pötzlichen Aufmerksamkeitsboom lässt sich kaum vermeiden. Entscheidend ist für die Erfolgschancen, was danach passiert. Im Falle von Ello kristallisiert sich heraus, dass sich zumindest spezifische Usergruppen bei dem Service häuslich einrichten. Gestern berichtete NiemanLab von einer wachsenden Popularität des werbefreien Social Networks bei Vertretern des internationalen Finanzjournalismus. Die im Gegensatz zu Twitter fehlende Zeichenbegrenzung, die Diskussionsfunktion und das Gefühl einer gewissen "Intimität" scheinen es das Wirtschafts- und Börsengeschehen bewachenden Medienleuten angetan zu haben. Eine Tatsache, der angesichts der latent antikommerziellen Haltung der Ello-Macher durchaus eine gewisse Ironie innewohnt. Bereits kurz vor dem Mediensturm galt Ello auch als Anlaufstelle für die LGBT-Community. Inwieweit sich diese Präferenz verfestigt hat, dazu liegen uns keine Informationen vor.

Was sich jedoch abzeichnet, ist eine überraschend positive Traffic-Entwicklung. Alexa zeigt zwar einen Einbruch bei den Zugriffen nach der September-Euphorie, aber auch eine folgende Stabilisierung. Gemäß Compete nimmt die Zahl der eindeutigen Besucher sogar konstant zu und lag im Oktober bei rund 2,2 Millionen. SimilarWeb kommt zu einem ähnlichen Ergebnis . Auch wenn derartige Analyse-Anbieter Schätzungen anstelle exakter Werte liefern und die November-Daten noch ausstehen, darf man ob des übergreifenden Trends feststellen: Ello scheint die millionenfache Beachtung erfolgreich für eine generelle Steigerung der eigenen Bedeutung und Reichweite genutzt zu haben.

Ellos Besucherentwicklung laut compete.com

Ello weist dabei interessante Parallelen zu den frühen Tagen von Google+ auf. Als die “soziale Ebene” für Googles Webangebote im Sommer 2011 ihre Pforten öffnete, war der Andrang enorm. Doch die anfängliche Begeisterung verflog bei einem großen Teil der Nutzer schnell. Auch als Gesprächsthema in Kaffeeküchen und an Stammtischen mit technikaffinen Repräsentanten eignete sich Googles Dienst nicht lange. Unterdessen jedoch entwickelte sich Google+ für bestimmte Subkulturen und Interessengruppen zu einem beliebten virtuellen Treffpunkt. Neben überzeugten Google-Sympathisanten gehörten Personen mit artikulierter Abneigung gegen Facebook, technische Blogger sowie Fotografen zu den Gruppierungen, die sich bei Google+ schnell richtig wohl fühlten. Die aktive Anwenderschaft war dabei überwiegend männlich.

Während die stark auseinandergehenden Meinungen zu Googe+ in Kommentarspalten regelmäßig zu hitzigen Debatten führten (“Geisterstadt” vs “Viel besser als alle anderen sozialen Netzwerke”), entwickelte sich Google+ aus dem Gesichtspunkt, auf höchster Ebene im Social Web mitmischen zu wollen, für den Internetgiganten zu einem Flop. Das war früh absehbar, veränderte sich auch nach zwei Jahren nicht und wird mittlerweile selbst von einstigen Verantwortlichen nicht mehr bestritten.

Die vielen Millionen leidenschaftlichen Google+-Nutzer konnten die Beschreibung ihres geliebten Dienstes als gescheitertes Projekt nie nachvollziehen. Schuld daran waren unterschiedliche Maßstäbe. Aus Sicht von Anwendern der erwähnten Gruppen war Google+ zu einer pulsierenden Online-Community geworden. Für Google aber, ein Unternehmen mit über einer Milliarde täglichen Anwendern, erfüllt das Social Network nach der erfolgten Zusammenführung von Nutzerkonten und -daten keine strategische Rolle mehr.

Das Dilemma war und ist, dass Google+ als unabhängiges Startup als Erfolgsgeschichte im Special-Interest-Segment gelten würde. Nicht viele soziale Netzwerke schaffen es, sich eine bequeme Nische mit wahrscheinlich vielen Dutzend Millionen täglich aktiven Mitgliedern aufzubauen. Für einen ehrgeizigen, erfolgsverwöhnten Riesen aber, der seine Dominanz im Web gegenüber sozialen Netzwerken und Chat-Apps mit über einer Milliarde Usern verteidigen muss, sind die Resultate von Google+ nach drei Jahr ein ein Tropfen auf den heißen Stein. Deshalb schlug ich im April vor, Google+ als Spin-Off auszugliedern.

Wenn in einer Drei-Zimmer-Wohnung 100 Gäste zu einer Geburtstagsparty kommen, dann ist gute Stimmung, ein allgemeines Hochgefühl und nachträglicher Gesprächsstoff garantiert. Wenn die selben 100 Personen sich aber in einem enormen, tausende Plätze bietenden Saal einfinden, dann wirkt das eher unangenehm und etwas peinlich.

Sollte Ello seinen eigeschlagenen Weg als für spezifische Szenarien genutztes, von Subkulturen und Intressengruppierungen frequentiertes Social Network in der Nische fortführen - also die gleiche Richtung einschlagen wie Google+ - so wäre dies für den Neuling eine Triumph. Google gelang es nicht, den beschriebenen Saal auch nur annähernd zu füllen. Ello hingegen setzt von Anfang an auf eine Drei-Zimmer-Wohnung.

Ello könnte somit das neue Google+ werden. In diesem Fall wäre das ein Kompliment. /mw

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