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13.03.11

Ereignisse in Japan: Die Unerträglichkeit von Twitter

Wer angesichts der Ereignisse in Japan am Wochenende einen Blick auf die eigene Twitter-Zeitleiste warf, bekam den Eindruck, der unmittelbare Weltuntergang stünde bevor. Der Microbloggingdienst präsentiert sich dieser Tage hierzulande vor allem als Hort von Desinformation und Panikmache.

 

Ich liebe Twitter. Es ist der Webdienst, den ich mit Abstand am meisten vermissen würde, verschwände er aus dem Netz. Seit ich vor einigen Jahren nach mehreren Anläufen endlich die Magie des Microbloggingservices erkannt hatte und damit zu einem täglicher Nutzer wurde, erinnere ich mich an keine Situation, in der mir ein kurzer oder längerer Blick auf den Stream an Tweets der von mir gefolgten User nicht Freude bereitete, lesenswerte Artikel bescherte oder einfach nur das Gefühl gab, Teil einer größeren, sich selbst organisierenden Bewegung zu sein.Aber irgendwann ist immer das erste Mal. Und irgendwann musste auch der Augenblick kommen, in dem ich es bewusst vorzöge, Twitter temporär den Rücken zu kehren - nicht, weil mich der kontinuierliche Strom an Kurznachrichten von der Arbeit abhält (was ihm selten gelingt), sondern aufgrund dessen, was bei dem Dienst publiziert wird.

An diesem Wochenende war es so weit. Nachdem Japan von einem verheerenden Erdbeben, einem dadurch ausgelösten Tsunami sowie einem in seinen Ausmaßen noch unklaren Unglück in mindestens einem Kernkraftwerk (Beinahe-)Atomkatastrophe (die genauen Ausmaße sind bisher nicht bekannt) heimgesucht wurde und sich jetzt mit der schwierigsten Krisensituation seit dem zweiten Weltkrieg konfrontiert sieht, standen die furchbaren Ereignisse aus Fernost auch bei Twitter im Zentrum.

Doch während ich meinem persönlichen Twitter-Stream bei anderen nachrichtenrelevanten Geschehnissen von weltweiter Bedeutung trotz der üblichen Mutmaßungen und kursierenden Gerüchte dennoch einen recht hohen Informationsgehalt und ein interessantes, konstruktives Diskusionspotenzial attestieren würde, war die Mischung an Tweets an diesem Wochenende eine völlig andere:

Seit Samstag bestand meine Timeline fast ausnahmslos aus Weltuntergangstheorien, undifferenzierter, teils in Häme übergehender Kritik an der Atompolitik und -wirtschaft (nach dem Motto "Ha, hab ich es doch gesagt dass es eines Tages so kommen wird!") und unverifizierten "Eil"-Meldungen (die mit viel Eifer von zahlreichen deutschen Nachrichtensites verbreitet wurden).

Es schien, als wollte jeder - sowohl Nachrichtenportale als auch am Ereignis interessierte User - der Erste sein, der offiziell die Kernschmelze verkünden konnte. Und während derjenige, der sich die Mühe machte und die Berichterstattung verschiedener, auch ausländischer Medien verfolgte, schnell erkannte, dass die Informationslage rund um das beschädigte Kernkraftwerk Fukushima relativ undurchsichtig und bei weitem nicht "entschieden" war, wurde in meiner Timeline schon am Samstag ein ums andere Male verkündet, dass der Super-GAU nun offiziell bestätigt sei. Manchmal war mir, als stünde da noch ein unsichtbares "endlich" zwischen den Zeilen.

Zumindest aus meiner Sicht präsentierte sich Twitter an diesem Wochenende einzig und allein als Kanal der Desinformation und wilden Panikmache - und damit genau als das Gegenteil dessen, was ich sonst von dem populären und mehr als 175 Millionen Nutzerkonten zählenden Dienst gewohnt bin (und schätze).

Nun ist bei Twitter jeder seines eigenen Nachrichtenstroms Schmied: In der persönlichen Zeitleiste tauchen nur die Tweets der Anwender auf, die man aktiv abonniert. Doch ich würde die Liste der 602 von mir auf diese Weise gefolgten Microblogger durchaus als qualitativ und mit viel Sorgfalt ausgewählt bezeichnen.

Das Problem ist in diesem Fall ein systemisches: Nukleare Katastrophen gehören zu den schlimmsten Albträumen der Menschen und besitzen - meiner Beobachtung nach gerade in Deutschland - ein erhebliches gesellschaftliches Konflikt- und Streitpotenzial. Dieses hat sich am Wochenende unter anderem bei Twitter in verschiedensten Formen entladen.

Es ist die Kombination aus dem Echtzeitcharakter des Internets, der Erster-sein-Mentalität bei den Onlinemedien (als Folge von Echtzeit-Tools und kurzfristigem Drang zur Reichweiten-Erhöhung) sowie der Möglichkeit der Nutzer zur Partizipation an der Verbreitung und Filterung von Meldungen, die dafür sorgt, dass wir heute häufig sehr viel schneller von Ereignissen auf der anderen Seite der Erde erfahren und ein bisher ungekanntes Gefühl der Nähe zu Geschehnissen verspüren.

Häufig hat dies positive Folgen und trägt zur Transparenzerhöhung bei. Zumindest an diesem Wochenende bekam ich den Eindruck, als habe sich das konstruktive, Transparenz steigernde Potenzial des Echtzeitwebs (primär vertreten von Twitter) für Menschen in 10.000 Kilometer Entfernung vom Ort des Unglücks in Grenzen gehalten. Was mich dazu bewegte, Twitter am Wochenende abgesehen von einem kurzen Abstecher am Samstag links liegen zu lassen.

Die gute Nachricht: In Japan wird Twitter zur Zeit vor allem dazu verwendet, sich untereinander zu helfen.

Wer dies tun und spenden will, hat dazu hier, hier oder hier die Möglichkeit.

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