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12.04.12Leser-Kommentare

Enttäuschend: Renommiertes Tech-Blog ReadWriteWeb kürzt RSS-Feed

Bei internationalen Blogs rund um Technologie- und Internetthemen ist das Bereitstellen von RSS-Feeds in voller Länge üblich. Ausgerechnet ReadWriteWeb schert jetzt aus.

 

Update 14. April: Mittlerweile liefert der Feed von ReadWriteWeb wieder Artikel in voller Länge aus. Eine offizielle Erklärung von ReadWriteWeb gibt es nicht, auf unsere Anfrage reagierte das Team überrascht - als hätte es den Sachverhalt gar nicht bemerkt.

Die Unterschiede zwischen Blogs und "herkömmlichen" Onlinepublikationen sind speziell bei kommerziellen Angeboten kaum noch wahrzunehmen. Doch selbst wenn sich das Layout von Blogs immer stärker von der typisch, chronologischen Ein-Spalten-Form entfernt und parallel die Angebote großer Verlage optisch stärker in Richtung minimalistischer Blogdesigns gehen, lässt sich in einem Punkt zumindest im Fachbereich Technologie/IT häufig leicht identifizieren, ob eine Site einst aus einem Blogverständnis heraus entstanden ist:

Denn während viele Blogs im RSS-Feed ihre Artikel in voller Länge ausliefern, beschneiden die meisten einer eher traditionellen Philosophie folgenden Medienangebote ihre Feeds. An einem bestimmten Beitrag interessierte Leser sollen so auf die Website gelockt werden, auf der sie Werbung präsentiert bekommen und sich dadurch einfacher monetarisieren lassen, so das Kalkül.

Wenn einer der international führenden Technologie-Blogs und ein leidenschaftlicher Verfechter eines möglichst offenen, von kommerziellen Zwängen wenig behinderten Internets sich dazu bewogen fühlt, seinen RSS-Feed abzuschneiden, dann ist dies also durchaus eine signifikante Veränderung mit erheblichem Symbolcharakter. So geschehen gerade bei ReadWriteWeb (RWW).

Das 2003 gestartete Blog, das sich im Gegensatz zu anderen englischsprachigen Fachmedien rund um Startup- und Internetthemen weniger auf die finanziellen und stärker auf die technischen Aspekte fokussiert, präsentiert seit gestern in seinem RSS-Feed nur noch die ersten zwei Absätze eines jeden Artikels. Wer den gesamten Text lesen möchte, muss den jeweiligen Artikel direkt auf der Website von RWW lesen.

Angesichts des RWW-Credos, Qualität und sachliche Zurückhaltung statt Quantität und Boulevard zu bieten - was die Site auf angenehme Weise von Konkurrenten wie TechCrunch, Mashable, The Next Web oder Silicon Alley Insider abhebt - ist dieser Schritt äußerst verwunderlich. Eine Stellungnahme von ReadWriteWeb, die ein versehentliches Beschneiden des Feeds ausschließen lässt, existiert bisher nicht. Eine Anfrage an RWW ist unterwegs.

Gekürzter ReadWriteWeb-Feed in iPad-App Reeder

Ein möglicher Grund für das plötzliche Abweichen von der bisherigen Linie könnte die im Dezember verkündete Übernahme von RWW durch das aus San Francisco stammende Medien- und Vermarktungsunternehmen SAY Media darstellen. Rund fünf Millionen Dollar legte SAY für das renommierte Blog auf den Tisch. Vorstellbar, dass SAY Monate nach der Akquisition nun seine eigenen Vorstellung darüber durchsetzt, wie eine Contentplattform ihre Inhalte werbewirksam verbreitet. Bei Remodelista, einem anderen von den Kaliforniern übernommenen Blog, funktoniert der vollständige RSS-Feed allerdings noch.

Enttäuschend ist der Wechsel zu einem beschnittenen RSS-Feed allemal. Wenn auch dank Reeder - dem weltbesten RSS-Reader für iOS - im Handumdrehen gekürzte RSS-Inhalte in vollständige Texte umgewandelt werden können.

Wenn Websites ihren RSS-Feed kürzen, glauben sie, dadurch am Ende mehr Page Impressions und Werbeinnahmen zu generieren. Doch speziell im Technologiesektor sind viele RSS-Abonnenten selbst Blogger, Twitter-Multiplikatoren oder anderweitig gut vernetzt. Diesen von heute auf morgen einen gekürzten Feed vorzusetzen, wird dazu führen, dass der RWW-Feed, der mit unzähligen "Full Feeds" anderer Tech- und IT-Blogs konkurrieren muss, weniger Beachtung und eine geringere Lesepriorität erhält. Die Folge: Eine sinkende Zahl an Verlinkungen sowie weniger Tweets, Likes und andere Shares, wodurch der Zugewinn von Seitenaufrufen in Frage gestellt wird.

Hoffen wir, dass ReadWriteWeb ein Einzelfall bleibt. Oder dass es sich um ein Experiment handelt, das bei genügend Beschwerden rückgängig gemacht wird.

Kommentare

  • sprain

    12.04.12 (09:05:13)

    Sind es nicht ohnehin nur die Tech-Journis, die gegenseitig noch die RSS-Feeds lesen? ;)

  • Martin Weigert

    12.04.12 (09:06:26)

    Dann hätten wir 19639 Tech-Journalisten, die netzwertig.com lesen. Gibt's so viele? ;)

  • Jürgen Vielmeier

    12.04.12 (09:21:11)

    Gibt meines Erachtens Schlimmeres als gekürzte RSS-Feeds (und das sage ich nicht nur, weil unser Blog eine Zeitlang die Feeds gekürzt hatte). Ich fühle mich am Wohlsten im Browser-Tab, öffne für eine Recherche ohnehin meist mehrere Tabs. Solange da ein Textanriss im Reader steht, ist für mich alles gut.

  • Michael H. Gerloff

    12.04.12 (10:06:22)

    Gekürzte RSS-Feeds führen auch bei mir zum Vernachlässigen dieser Blogs. Bis eben habe ich noch regelmäßig meinen NetNewsWire (NNW) angeworfen, denn das Lesen im RSS-Reader ist deutlich komfortabler und (für mich) konzentrierter als im Browser. Es könnte aber gut sein, daß ich NNW einmotte. Und auf Caffeinated umsteige. Der hat zwar nicht die praktische Seitenleiste mit offenen Webseiten; aber die Einbindung von Evernote ist ein deutliches Plus. Den Reader gibt es seit kurzem (mit 15 Tagen zum Testen); und so eine Neuentwicklung läßt mich hoffen, daß RSS noch lange nicht tot ist :-)

  • Stefan Happer

    12.04.12 (11:18:35)

    Wirklich relevant ist der gekürzte RSS feed vor allem bei mobiler Nutzung. Ich selbst komme zum RSS lesen fast nur mehr wenn ich mit Bus oder Metro unterwegs bin. Denn Reeder z.B. speichert die RSS-Inhalte lokal, für den Volltext zu warten bis die Internetseite geladen ist, ist mir oft zu langsam. Selbst der Readability-Button ist mir da schon ein Schritt zu viel. Flipboard hat das ganze ja sehr nett gelöst, indem es die volle HTML-Seite zwischenspeichert - damit kommt es zu keiner Verzögerung beim "durchklicken" zur Webseite.

  • olafkolbrueck

    12.04.12 (11:23:48)

    Hm, bei etailment.de haben wir Full-Feed und werden das auch wohl weiter so halten. Warum? Es ist Jacke wie Hose. Bei meinen anderen Blog Off-the-Record.de ist er gegenwärtig in voller Länge, er war dort aber auch mal kurz und davor lang. Auswirkungen auf Zugriffszahlen und die Zahl der RSS-Nutzer, etc hatte das eine wie das andere (selbst in der Phase der Umstellung)gerade einmal im homöopathischen Bereich. Und wenn die Auswirkungen gegen null tendieren, kann man auch ein wenig convenience bieten.

  • Martin

    12.04.12 (14:12:43)

    Gekürzte Feeds sind schon super. Nur darf man das Kürzen nicht der Standardfunktion von Wordpress überlassen, welche zb Bilder weglässt.

  • Martin Weigert

    12.04.12 (15:48:08)

    @ Olaf Das ist sehr interessant, diese Beobachtung. @ Jürgen Kannst du das von BT bestätigen? Wie hat sich Teaser/Fullfeed auf eure Metriken ausgewirkt?

  • Jürgen Vielmeier

    13.04.12 (11:13:40)

    @Martin @Olaf: Die Kürzung des Feeds fiel in die Zeit meiner Vorgänger, in der das Blog leider noch nicht mit Analytics "vermessen" wurde. Seit wir wieder den Fullfeed haben, sind kaum Veränderungen in der Besucherzahl zu erkennen. Sehe das deswegen wie Olaf: Es gibt kaum Auswirkungen. Vergleicht man das mal mit dem Bohei, das damals darum gemacht wurde, als meine Vorgänger den Feed kürzten, und André Vatter sich zu diesem Beitrag hinreißen ließ, der einer seiner letzten bei BT sein sollte, schüttelt man heute den Kopf. http://www.basicthinking.de/blog/2010/03/07/basic-flashback-danke-fuer-das-arschloch-lieber-leser/

  • gxg

    25.04.12 (10:49:21)

    Bei mir ist der Feed von ReadWriteWeb nach wie vor full...

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